Eine Schienbeinkopffraktur, auch Tibiakopffraktur genannt, ist ein Bruch des oberen Endes des Schienbeins (Tibia), der oft das Kniegelenk betrifft. Das Schienbein bildet zusammen mit dem Wadenbein die knöcherne Basis des Unterschenkels. Am oberen Ende verbreitert sich das Schienbein zum Schienbeinkopf (Tibiakopf), der mit dem unteren Teil des Oberschenkelknochens das Kniegelenk bildet. Es ist das größte Gewicht tragende Gelenk des menschlichen Körpers und ein Leben lang großen Belastungen ausgesetzt. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Symptome, Diagnose, Behandlungsmöglichkeiten und mögliche Komplikationen, einschließlich des Taubheitsgefühls, das nach einer Operation auftreten kann.
Anatomie des Kniegelenks
Das Kniegelenk ist ein komplexes Gebilde, das aus dem Schienbein (Tibia), dem Oberschenkelknochen (Femur) und der Kniescheibe (Patella) besteht. Der Schienbeinkopf, der obere Teil des Schienbeins, bildet dabei einen wichtigen Teil der Gelenkfläche. Die Gelenkflächen des Schienbeinkopfes sind mit Knorpel überzogen, um eine reibungslose Bewegung zu ermöglichen. Zusätzlich stabilisieren Bänder (Kreuz- und Seitenbänder) und Menisken das Kniegelenk. Eine Tibiakopffraktur kann diese Strukturen ebenfalls beeinträchtigen.
Ursachen einer Schienbeinkopffraktur
Eine Tibiakopffraktur entsteht meist durch direkte oder indirekte Gewalteinwirkung auf das Kniegelenk. Häufige Ursachen sind:
- Stürze: Ein direkter Sturz auf das gestreckte Bein, auch aus geringer Höhe (z.B. beim Herunterspringen von einer Stufe), kann eine Tibiakopffraktur verursachen.
- Sportunfälle: Stürze aus größerer Höhe beim Sport, insbesondere bei Sportarten mit hoher Aufprallgeschwindigkeit, können zu einem Schienbeinkopfbruch führen. Hoch- Rasanz Traumata, wie zum Beispiel bei einem Autounfall oder Stürzen aus großer Höhe, oder aber Sportunfälle, wie Fußballfouls, sind hier als häufigste Ursache zu nennen.
- Verkehrsunfälle: Beim Anprall der Kniescheibe am Armaturenbrett im Rahmen eines Verkehrsunfalls kann ein Schienbeinkopfbruch auftreten.
- Osteoporose: Bei älteren Menschen mit Osteoporose (Knochenschwund) kann bereits ein banaler Sturz zu einem Schienbeinkopfbruch führen, typischerweise am kniegelenksnahen Teil des Schienbeins, dem Schienbeinkopf.
Bei jüngeren Patienten entstehen Tibiakopffrakturen häufig als Folge von Aufprallverletzungen. Typischer Hergang: Verkehrsunfälle, bei denen ein Aufprall am Armaturenbrett stattfindet oder Stürze aus großer Höhe mit Auftreffen der gestreckten Beine. Ein Hochrasanztrauma ist meist gekoppelt mit einer Vielzahl an Begleitverletzungen an Sehnen und Weichteilen. Liegt zusätzlich zur Fraktur eine Hautverletzung vor, muss man mit einem offenen Bruch mit freiliegenden Knochen rechnen. Bakterien aus der Umwelt können an diesen Stellen ungehindert in den Körper gelangen und eine Entzündung verursachen. Dies wirkt sich auf die Akutbehandlung und die langfristige Prognose aus.
Symptome einer Schienbeinkopffraktur
Klassische Symptome eines Schienbeinkopfbruchs sind:
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- Starke Schmerzen: Plötzlich auftretende, stechende Schmerzen im Kniegelenk. Das häufigste Symptom eines Schienbeinbruches ist sicherlich der plötzlich auftretende Schmerzen im Schienbein. Er ist im Bereich des Schienbeins lokalisiert, kann sich aber auch in umliegende Gewebe ausbreiten. Er tritt plötzlich und massiv direkt nach der Fraktur auf.
- Schwellungen: Deutliche Schwellung im Bereich des Kniegelenks.
- Blutergüsse: Prellungen und Blutergüsse um das Kniegelenk herum. Erste Hinweise auf einen Schienbeinkopfbruch sind Prellungen, Schwellungen und Wunden im Bereich des Kniegelenkes.
- Bewegungseinschränkungen: Das Knie kann nur noch eingeschränkt oder gar nicht mehr bewegt werden. Weiterhin kommt es zu starken Bewegungsbeeinträchtigungen und Schwellungen im Bereich der Fraktur, das Bein kann nur gegen einen sehr starken Schmerz bewegt werden. Auch das Auftreten ist ohne Schmerzen nicht mehr möglich.
- Belastungsunfähigkeit: Das Bein kann nicht mehr belastet werden. Ein Schienbeinkopfbruch führt zum sofortigen Funktionsverlust des Kniegelenkes. Gehen oder auch nur Stehen ist dann nicht mehr möglich.
- Bänder-, Muskelfaser- und Sehnenrisse: Begleitverletzungen können auftreten.
- Nervenschädigungen: In seltenen Fällen können Nerven geschädigt werden, was zu Taubheitsgefühl oder Kribbeln führen kann. Bei schweren Brüchen des Schienbeins können auch umliegende Nerven gereiztoder verletzt werden.
- Offener Bruch: In seltenen Fällen ist der Bruch offen, d.h. Knochenteile ragen aus der Wunde. Ist die Fraktur instabil, d.h. kommt es zu Verschiebungen im Bereich des Schienbeins, kann es auch zu einer offenen Fraktur kommen. Unter einer offenen Fraktur versteht man, dass Knochenteile von innen die Haut durchspießen und es so zu einer Wunde kommt.
Diagnose einer Schienbeinkopffraktur
Die Diagnose einer Tibiakopffraktur umfasst mehrere Schritte:
- Körperliche Untersuchung: Der Arzt untersucht das Kniegelenk auf Schwellungen, Blutergüsse, Bewegungseinschränkungen und Stabilität. Hinzu kommt eine genaue Untersuchung der Stabilität des Kniegelenkes, da Bänderrisse schwerwiegende Komplikationen darstellen und mit erfasst werden müssen. Die Patientin wird zum Unfallhergang, den Schmerzen und den Bewegungseinschränkungen befragt. Bei der klinischen Untersuchung achtet die Ärztin auf Fehlstellungen, Druckschmerzen und Knirschgeräusche am Bein sowie auf Begleitverletzungen.
- Röntgenaufnahmen: Röntgenbilder in zwei Ebenen (von vorne und von der Seite) werden angefertigt, um den Bruch zu bestätigen und das Ausmaß der Fraktur zu beurteilen. Bei Verdacht auf einen Bruch des Schienbeinkopfes werden nach der körperlichen Untersuchung Röntgenbilder in zwei Ebenen angefertigt. Im Röntgenbild von vorn und von der Seite zeigt sich der knöcherne Schaden meist gut. Normalerweise werden Knie- und Sprunggelenk immer mitgeröntgt, um eine eventuelle Beteiligung nicht zu übersehen.
- Computertomographie (CT): Eine CT-Untersuchung kann zusätzliche Informationen liefern, insbesondere bei komplexen Brüchen oder zur Operationsplanung. Je nach Lokalisation des Bruchs veranlassen die Ärzt*innen auch CT-Aufnahmen. So z. B. Differenzialdiagnose.
- Magnetresonanztomographie (MRT): Eine MRT kann eingesetzt werden, um Begleitverletzungen der Bänder, Menisken oder des Knorpels zu beurteilen. Ein MRT ist immer dann vonnöten, wenn die vorangegangene Diagnostik keine Ursache der Beschwerden erbracht hat und wenn die Schmerzen sowie Bewegungsbeeinträchtigungen trotz Behandlung nicht besser oder sogar schlechter werden. Auch wenn man trotz eines unauffälligem Röntgenbildes einen Haarriss im Schienbein vermutet, sollte ein MRT angefertigt werden.
Klassifikation von Schienbeinkopffrakturen
Bei einer Tibiakopffraktur unterscheidet man verschiedene Bruchformen. Die möglichen Frakturtypen sind vielfältig und werden durch zusätzliche Bänderrisse im Kniegelenk noch weiter eingeteilt. Die genaue Klassifizierung des Schienbeinkopfbruchs ist für die weitere Versorgung äußerst wichtig. Die Klassifikation der Arbeitsgemeinschaft für Osteosynthesefragen (AO) ist gebräuchlich:
- Typ A: Frakturen, die das Gelenk nicht betreffen (knöcherner Bandausriss).
- Typ B: Frakturen mit teilweiser Gelenkbeteiligung, wie Spaltbrüche, Eindrückungsfrakturen (Impressionsfrakturen) und Impressionspaltbrüche.
- Typ C: Vollständige Gelenkfrakturen.
Der Schweregrad der Fraktur steigt von 1 bis 3. Bei B1 liegt beispielsweise ein Spaltbruch vor, bei B2 ein Eindrückungsbruch, bei B3 ein Spalt-Impressionsbruch. Alle Bruchformen können mit Schädigungen von Bändern, Menisken und - seltener - von Nerven und Gefäßen einhergehen.
Die häufigsten Bruchformen sind:
- Spaltbruch (Depressionsfraktur): Die Bruchlinie bildet einen Spalt an der Gelenkfläche. Der Schienbeinkopfbruch liegt meist an der Knie-Außenseite vor und kennzeichnet sich durch einen einfachen Spalt an der Gelenkfläche aus.
- Eindrückungsbruch (Impressionsfraktur): Teile der lasttragenden Gelenkfläche des Tibiakopfes sind eingebrochen. Knochenteile werden von den walzenförmigen Enden des Oberschenkelknochens (Femurkondylen) nach unten gedrückt.
- Spalt-Impressionsfraktur: Diese Bruchform ist häufig anzutreffen und ist eine kombinierte Spalt-Impressionsfraktur.
- Bikondyläre Tibiakopffraktur: Die bikondyläre Tibiakopffraktur stellt den schwersten Frakturtyp dar, da beide Gelenkköpfe einen Bruch aufweisen.
Behandlung einer Schienbeinkopffraktur
Die Therapie des Schienbeinkopfbruchs hängt entscheidend von der Bruchform ab. Mögliche Begleitverletzungen an Bändern und Knorpel müssen ebenfalls berücksichtigt werden. Des Weiteren wird bei der Therapiefindung natürlich der aktuelle Gesundheitszustand des Patienten, das Alter und dessen berufliche und sportliche Aktivität in die Entscheidungsfindung mit einbezogen. Prinzipiell kann der Unterschenkelbruch konservativ oder operativ behandelt werden. Aufgrund der langen Ruhigstellung im Gips entscheiden sich viele Patient*innen freiwillig für die Operation.
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Konservative Behandlung
Eine konservative Therapie ist bei unverschobenen Brüchen möglich. Nicht verschobene oder nur minimal verschobene Spalt- und Eindrückungsfrakturen (Impressionsfrakturen) lassen sich konservativ behandel. Die konservative Therapie bei einem Bruch des Schienbeinkopfes ist sehr langwierig. Zunächst wird das Bein für ca. vier Wochen eingegipst, damit die Knochenfragmente in ihrer angestammten Position zusammenwachsen. Im Anschluss ist eine Schienenanlage und Entlastung an Unterarmgehstützen von ca. acht Wochen notwendig. Die in der Nähe des Kniegelenks ansetzenden Muskeln ziehen jedoch oft die Knochenbruchstücke auseinander, wodurch sich später der Bruch doch noch verschiebt.
Die konservative Behandlung umfasst:
- Ruhigstellung: Das Bein wird für mehrere Wochen in einem Gips oder einer Schiene ruhiggestellt. Die ersten 4-6 Wochen ist meistens ein Oberschenkelgips erforderlich, für die folgenden 2-4 Wochen genügt dann ein Unterschenkelgips oder eine Orthese.
- Entlastung: Das Bein darf nicht belastet werden.
- Schmerzmittel: Zur Schmerzlinderung werden Schmerzmittel eingesetzt.
- Physiotherapie: Nach der Ruhigstellung beginnt die Physiotherapie, um die Beweglichkeit und Kraft wiederherzustellen. Nachdem die erste Phase überwunden ist, wird das Kniegelenk in der Regel mit einer Motorschiene passiv durchbewegt. Das Bein kann mit einem Gewicht von 10 bis 15 Kilogramm mit Gehstöcken und einer Klettverschlussschiene für etwa sechs bis acht Wochen belastet werden. Nach weiteren sechs bis acht Wochen kann die Belastung langsam auf das halbe Körpergewicht gesteigert werden.
- Thromboseprophylaxe: Während der Ruhigstellung besteht die Gefahr, dass sich Blutgerinnsel in den Beingefäßen bilden. Deshalb ist in dieser Phase eine Thromboseprophylaxe mit gerinnungshemmenden Medikamenten unabdingbar. Steckt das Bein im Gips oder in einer Orthese, muss sich die Betroffene in der Regel jeden Tag eine gerinnungshemmende Spritze geben.
Operative Behandlung
Alle anderen Fälle einer Tibiakopffraktur werden operativ therapiert. Alle anderen Fälle von Tibiakopffraktur werden in der Regel chirurgisch behandelt. Das Ziel der Behandlung ist es, die Gelenkfläche wieder herzustellen und möglichst früh mit Übungen zu beginnen. Für die operative Versorgung stehen dem Chirurgen verschiedene Stabilisationsverfahren mit Platten und Schrauben zur Verfügung.
Die operative Behandlung umfasst:
- Reposition: Die Bruchstücke werden in ihre ursprüngliche Position gebracht.
- Fixierung: Die Bruchstücke werden mit Schrauben, Platten oder Drähten fixiert. Bei einfachen Brüchen reicht es oft, die Bruchfragmente mit Schrauben oder Drähten zu fixieren. Vor allem in Gelenknähe verwenden die Ärzt*innen auch gerade oder gewinkelte Platten zum Stabilisieren der Knochen. Spaltbrüche werden verschraubt.
- Knochenaufbau: Bei Eindrückungsbrüchen wird der abgesunkene Teil des Tibiaplateaus angehoben und mit Knochensubstanz aus dem Beckenkamm unterfüttert. Die verletzte Gelenkfläche füllt er auf - entweder mit körpereigenem Knochenmaterial (aus dem Beckenkamm) oder synthetisch hergestelltem Knochenersatzmaterial wie Kalziumphosphat oder Hydroxylapatit.
- Arthroskopie: Bei Begleitverletzungen der Menisken oder Bänder kann eine Arthroskopie (Gelenkspiegelung) durchgeführt werden. Zusätzlich können bei Vorliegen von begleitenden Band- und/oder Meniskusverletzungen weiterführende operative Massnahmen in der selben operativen Sitzung (z.B. Arthroskopie, Meniskusnaht etc.) notwendig werden.
- Fixateur externe: Bei schweren Trümmerbrüchen kann ein Fixateur externe eingesetzt werden, um die Bruchstücke zu stabilisieren. Bei schweren Trümmerbrüchen, sichtbarer Fehlstellung oder einem instabilen Bein wird der Schienbeinknochen in Narkose wieder ausgerichtet und mit einem Fixateur externe stabilisiert. Das ist ein Haltesystem zum Fixieren von Knochenbruchstücken.
Oberstes Ziel einer Schienbeinkopfbruch OP ist die Korrektur von Achs- und Rotationsverschiebungen und die Rekonstruktion brüchiger Knochensegmente. Eine stufenfreie Wiederherstellung der knorpeligen Gelenkfläche zur Vermeidung einer Arthrose muss so exakt wie möglich gewährleistet sein. Dies macht mitunter ein offenes Verfahren bei Trümmerbrüchen notwendig.
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Nach der Operation wird das Kniegelenk regelmäßig mit einer Motorschiene passiv bewegt. Das Bein sollte dann für etwa sechs bis zwölf Wochen entlastet werden.
Je nach Komplexität des Bruches kann dieser Eingriff zwischen ein und vier Stunden dauern. Auch wenn man in der Hessing Klinik für Unfallchirurgie in dieser Art von operativen Eingriffen sehr geübt ist, werden sie ausschließlich vom Chefarzt oder einem Oberarzt durchgeführt. Mit der Operation ist in der Regel ein stationärer Aufenthalt zwischen 5 und 14 Tagen verbunden.
Mögliche Komplikationen nach einer Schienbeinkopffraktur
Wie bei jeder Operation und Verletzung können auch nach einer Schienbeinkopffraktur Komplikationen auftreten.
- Infektionen: Wundinfektionen können auftreten, insbesondere bei offenen Brüchen. Eine Infektion kann auch die Ursache sein, wenn die Tibiakopffraktur nicht ausheilt (Pseudoarthrose).
- Wundheilungsstörungen: Diese treten oft bei zu früher Operation auf, da das Schienbein nur von einem dünnen Weichteilmantel umgeben ist.
- Thrombose: Durch die Ruhigstellung kann es zu einer Thrombose (Blutgerinnselbildung) in den Beinvenen kommen. Vor allem im Rahmen der konservativen Behandlung kann es durch die lange Ruhigstellung zu einer tiefen Beinvenenthrombose kommen. Wie bei jeder großen Knochenverletzung muss auch bei der Tibiakopffraktur im Hinterkopf behalten werden, dass es zu einem Blutgerinnsel in den Venen (Thrombose) kommen kann. Dies wird dadurch verursacht, dass der Körper die Verletzung des Knochens mit einer örtlichen Verdickung des Blutes und mehreren blutstillenden Botenstoffen selbst behandeln möchte. Löst sich hier ein solches Gerinnsel und gerät in den großen Blutkreislauf, kann es zu einer Lungenarterienembolie kommen, indem sich dieses in den Lungengefäßen festsetzt. Ein weiterer Risikofaktor für das Entstehen einer Thrombose oder Lungenarterienembolie ist die notwendige Immobilisation (Bewegungseinschränkung und Ruhigstellung)nach einer Fraktur. Hierdurch wird der Blutfluss verlangsamt, was das Bilden von Gerinnseln erneut begünstigt. Eine Thrombose im Bein macht sich bemerkbar durch rötlich-lilafarbene Schwellung und Schmerzen des Beines. Eine Lungenembolie äußert sich durch akute Luftnot. Beide Krankheiten sind Notfälle und sollten noch in der Notaufnahme behandelt werden.
- Kompartmentsyndrom: Durch Schwellungen kann der Druck im Unterschenkel steigen und zu einem Kompartmentsyndrom führen. Bei ausgedehnten Frakturen mit Verletzung der umliegenden Weichteilstrukturen besteht die Gefahr eines Kompartmentsyndroms des Unterschenkels: Durch Anschwellen des Gewebes erhöht sich der Innendruck in den mit bindegewebigen Faszien abgegrenzten Muskelgruppen. Auf diese Weise kommt es zu einer gestörten Durchblutung der kleinen Blutgefäße (Mikrozirkulation). Das gestaute Gewebe wird dadurch nur noch unzureichend mit Sauerstoff versorgt und droht abzusterben. Bleibende, irreversible Schädigungen der Muskulatur und der Nerven sind die Folge des Kompartmentsyndroms. Ein Kompartmentsyndrom ist daher ein absoluter medizinischer Notfall und bedarf sofortiger ärztlicher Behandlung.
- Verzögerte Knochenheilung: In manchen Fällen heilt der Knochen nicht richtig aus, was zu einer Pseudarthrose (Falschgelenk) führen kann. Heilt der Knochen nicht richtig aus, entwickelt sich manchmal eine Pseudarthrose (Falsch-Gelenk).
- Arthrose: Eine der häufigsten Spätfolgen einer Tibiakopffraktur ist die Entwicklung einer Gelenkentzündung im Kniegelenk. Durch die Verletzung können Unebenheiten oder Abweichungen in der Gelenkfläche entstehen, die zu einer ungleichmäßigen Belastung führen. Dies begünstigt den Knorpelabrieb, was langfristig zu einer Arthrose im Knie führen kann. Ungünstig sind Schienbeinkopfbrüche, die das Tibiaplateau einbeziehen: Da dieses die Gelenkfläche des Kniegelenks bildet, führen bleibende Unebenheiten oder Stufen unvermeidlich zur vorzeitigen Kniegelenksarthrose. Als größtes Gelenk des menschlichen Körpers mit Gewicht tragender Funktion ist das Knie ein Leben lang großen Belastungen ausgesetzt. Nur wenige Verletzungen können die Lebensqualität der Patienten so stark beeinträchtigen wie der Bruch des Tibiakopfes.
- Nervenschäden: Verletzungen der Kniekehlen-Arterie (Arteria poplitea) und des Wadenbeinnervs (Nervus peroneus communis) treten selten auf. Sie müssen aber dringend vom untersuchenden Arzt ausgeschlossen werden. Des weiteren kann durch die Fraktur eine lang anhaltende Reizung oder Irritation der Nerven auftreten, was dann ein Kribbeln oder Taubheitsgefühl zur Folge haben kann.
Taubheitsgefühl als Folge von Nervenschädigung
Eine Nervenschädigung kann während des Unfalls, bei der Operation oder durch Druck aufgrund von Schwellungen entstehen. Werden dort verlaufende Nerven geschädigt, drohen Lähmungserscheinungen und Störungen der Sensibilität, also der Empfindungen der Haut. Parästhesien in den Beinen sind sehr unangenehm und können den nächtlichen Schlaf stören. Eine Parästhesie (altgriech. par "neben", aisthesis "Wahrnehmung") ist eine krankhafte Empfindung. Sie hat keine erkennbare Ursache. Beispielsweise treten bei Patienten mit Schädigung des Schienbeinnervs (Nervus tibialis) folgende Parästhesien auf: Kribbeln, Taubheit und "Ameisenlaufen" am Unterschenkel. Auch Störungen der Kälte- und Wärmeempfindungen zählen zu den Parästhesien. Parästhesien treten fast immer an mehreren Stellen auf.
Dieses Taubheitsgefühl kann verschiedene Ursachen haben:
- Direkte Nervenverletzung: Bei der Fraktur selbst können Nerven verletzt werden.
- Druck auf Nerven: Schwellungen oder Blutergüsse können Druck auf die Nerven ausüben.
- Operation: Bei der Operation können Nerven gereizt oder beschädigt werden.
Das Taubheitsgefühl kann vorübergehend oder dauerhaft sein. In den meisten Fällen verbessert es sich mit der Zeit, insbesondere durch Physiotherapie und gegebenenfalls medikamentöse Behandlung.
Rehabilitation nach einer Schienbeinkopffraktur
Die Dauer des anschließenden Heilungsprozesses hängt von vielen Faktoren ab. Dazu zählen einerseits die Komplexität des Bruches und andererseits die persönliche Grundkonstitution. Je nach Alter und Gesundheitszustand kann die Nachbehandlungszeit zwischen sechs Wochen und einem halben Jahr dauern.
Die Rehabilitation spielt eine entscheidende Rolle bei der Wiederherstellung der Funktion des Kniegelenks. Sie umfasst:
- Physiotherapie: Gezielte Übungen zur Verbesserung der Beweglichkeit, Kraft und Stabilität des Knies. Nach einer anfänglichen Ruhigstellung des Beines sollte dann Stück für Stück mit der physiotherapeutischen Beübung begonnen werden. Die frühzeitige und regelmäßige Bewegung des verletzten Kniegelenks mittels gut durchgeführter Physiotherapie ist wichtig, um eine Einsteifung nach ausgeheilter Fraktur zu verhindern.
- Belastungssteigerung: Schrittweise Erhöhung der Belastung des Beins unter Anleitung eines Physiotherapeuten.
- Gangschulung: Erlernen eines korrekten Gangbildes, um das Kniegelenk optimal zu belasten. Eine Ganganalyse kann zusätzlich helfen, um Faktoren wie Schrittlänge, Fußstellung und Gelenkbewegung zu untersuchen. Dadurch können Fehlstellungen, ungesunde Bewegungsmuster und Asymmetrien der Beine detektiert und gezielt behandelt werden. Die Informationen aus einer Ganganalyse können entscheidend für den optimalen Heilungsprozess sein.
- Muskelaufbau: Kräftigung der Muskulatur um das Kniegelenk, insbesondere des Quadrizeps. Die Muskeln des Schienbeins und der Wade werden hierdurch auftrainiert. Nach einigen Sekunden Haltezeit sollte ein Seitenwechsel erfolgen.
Langzeitprognose nach einer Schienbeinkopffraktur
Einfache Brüche heilen meist nach etwa sechs Wochen wieder aus. Bei offenen Brüchen dauert die Heilung deutlich länger. Auch bei optimaler Operationstechnik gelingt nicht immer eine befriedigende Heilung.
Die Langzeitprognose hängt von verschiedenen Faktoren ab, darunter die Schwere der Fraktur, Begleitverletzungen, die Qualität der Behandlung und die Mitarbeit des Patienten bei der Rehabilitation. In vielen Fällen kann eine gute Funktion des Kniegelenks wiederhergestellt werden. Allerdings besteht ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung einer Arthrose im Kniegelenk, insbesondere wenn die Gelenkfläche betroffen war.
Prävention von Schienbeinkopffrakturen
Einige Maßnahmen können helfen, das Risiko einer Schienbeinkopffraktur zu reduzieren:
- Sturzprophylaxe: Maßnahmen zur Vermeidung von Stürzen, insbesondere im Alter (z.B. Stolperfallen beseitigen, gute Beleuchtung).
- Osteoporosebehandlung: Behandlung von Osteoporose, um die Knochendichte zu erhöhen. Da es bei einer Osteoporose häufiger zu Knochenbrüchen ohne ein entsprechendes Trauma kommt, kann man mit Hilfe einer Knochendichtemessung eine Erkrankung frühzeitig erkannt und somit auch behandelt werden. Vor allem Frauen wird es empfohlen, einmal in ihrem Leben sowie bei dem Verdacht auf eine Osteoporose diese Untersuchung durchführen zu lassen. Somit können auch weitere Knochenbrüche mit einer Osteoporosebehandlung in den meisten Fällen verhindert werden.
- Sichere Sportausübung: Tragen von Schutzausrüstung beim Sport, Aufwärmen vor dem Training und Vermeidung von Überlastung.
- Verkehrssicherheit: Beachtung der Verkehrsregeln und sicheres Fahren.