Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die sich auf verschiedene Aspekte des Lebens der Betroffenen auswirken kann. Dieser Artikel beleuchtet verschiedene Aspekte von MS, von den neurologischen Grundlagen und den Auswirkungen auf kognitive Fähigkeiten bis hin zu Trainingsmethoden, Bewältigungsstrategien und schulischen Aufgaben.
Einführung in Multiple Sklerose
Multiple Sklerose (MS) ist eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem fälschlicherweise die Myelinscheiden der Nervenzellen im Gehirn und Rückenmark angreift. Diese Schädigung der Myelinscheiden beeinträchtigt die Erregungsleitung der Nervenzellen, was zu vielfältigen neurologischen Symptomen führen kann. Schätzungen zufolge leiden allein in Deutschland über 120.000 Menschen an MS. Die Erkrankung beginnt meist im frühen Erwachsenenalter.
Neurologische Grundlagen
Die Nervenzelle (Neuron) ist die grundlegende Einheit des Nervensystems. Sie besteht aus Zellkörper (Soma), Dendriten und Axon. Das Axon ist ein langer,Fortsatz der Nervenzelle, der die Erregung weiterleitet. Bei myelinisierten Axonen ist das Axon von einer Myelinscheide umgeben, die von Gliazellen gebildet wird. Die Myelinscheide wirkt isolierend und ermöglicht eine schnellere Erregungsleitung. Bei MS werden diese Myelinscheiden zerstört, was die Erregungsleitung verlangsamt oder blockiert.
Die Erregungsleitung in einem marklosen Axon erfolgt kontinuierlich. Dabei kommt es zu einer Depolarisation der Membran, die sich entlang des Axons fortsetzt. Bei myelinisierten Axonen erfolgt die Erregungsleitung saltatorisch, d.h. die Erregung springt von Ranvierschen Schnürring zu Ranvierschen Schnürring. Dies ermöglicht eine deutlich schnellere Erregungsleitung.
Die Geschwindigkeit der Erregungsleitung hängt von verschiedenen Faktoren ab, wie dem Durchmesser der Nervenfaser und dem Vorhandensein einer Myelinscheide. In Tabelle 1 sind die Geschwindigkeiten der Erregungsleitung bei verschiedenen Tieren dargestellt.
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| Tier | Nervenfasertyp | Durchmesser der Nervenfaser (µm) | Geschwindigkeit (m/s) bei 10° Celsius Umgebungstemperatur |
|---|---|---|---|
| Qualle | nicht myelinisiert | 9 | 0,5 |
| Küchenschabe | nicht myelinisiert | 50 | 7 |
| Tintenfisch | nicht myelinisiert | 650 | 25 |
| Frosch | myelinisiert | 19 | 4 |
| Katze | myelinisiert | 21 | 120 |
Die Unterschiede in der Leitungsgeschwindigkeit zwischen Neuronen von Qualle und Küchenschabe lassen sich durch den unterschiedlichen Durchmesser der Nervenfaser erklären. Je größer der Durchmesser, desto schneller die Erregungsleitung. Die Unterschiede zwischen Neuronen von Frosch und Katze sind auf das Vorhandensein einer Myelinscheide zurückzuführen. Myeliniserte Nervenfasern leiten die Erregung deutlich schneller als nicht myelinisierte.
Auswirkungen auf kognitive Fähigkeiten
Neben den körperlichen Beschwerden kann sich Multiple Sklerose auch auf kognitive Fähigkeiten wie Konzentration, Aufmerksamkeit, Orientierung und Gedächtnis auswirken. Diese Beeinträchtigungen können den Alltag der Betroffenen erheblich erschweren.
Die Art der Netzwerkstörung, die durch MS verursacht wird, führt dazu, dass komplexere kognitive Fähigkeiten etwas langsamer ablaufen. Dies kann sich beispielsweise darin äußern, dass es schwierig ist, parallelen Gesprächen zu folgen oder verschiedene Tätigkeiten gleichzeitig auszuführen. Auch Veränderungen der Stimmungslage, affektive Störungen oder depressive Zustandsbilder können die Kognition beeinträchtigen. Schlafstörungen, die bei MS häufig vorkommen, können ebenfalls zu kognitiven Beeinträchtigungen führen.
Es ist wichtig, kognitive Störungen oder subjektive Probleme gegenüber dem Arzt anzusprechen, da diese häufig nicht von selbst erkannt werden. Durch kognitive Tests können Teilleistungsstörungen in den einzelnen Bereichen abgegrenzt werden. Es ist wichtig zu wissen, dass es sich bei MS in der Regel um Teilleistungsstörungen und nicht um Demenz handelt.
Kognitives Training bei MS
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die kognitiven Fähigkeiten bei MS zu stärken. Eine Möglichkeit ist das gezielte Training des Gehirns. Dies kann beispielsweise durch spezielle Übungen zur Verbesserung von Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Exekutivfunktionen erfolgen.
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Ein Beispiel für ein solches Trainingsprogramm ist "MS Kognition", das von AMSEL und DSMG-Bundesverband entwickelt wurde. "MS Kognition" bietet verschiedene Übungen, die spielerisch die kognitiven Fähigkeiten trainieren. Die App "MS Kognition" wird laufend um neue Übungen erweitert.
Die Übungen in "MS Kognition" zielen darauf ab, verschiedene kognitive Bereiche zu trainieren, wie z.B.:
- Aufmerksamkeit: Die generelle Reaktionsbereitschaft (Alertness) ist eine elementare Funktion, die für eine angepasste Reaktion auf Umweltreize verantwortlich ist. Die Fähigkeit, schnell und zügig auf Reize zu reagieren, ist für viele Alltagssituationen von Bedeutung. Die Fähigkeit, die Aufmerksamkeit über längere Zeit aufrechtzuerhalten und eine Tätigkeit mit hoher Reizfrequenz auszuüben, ist ebenfalls wichtig.
- Gedächtnis: Das Langzeitgedächtnis kann durch Übungen wie "Wer war’s?" trainiert werden. Bei dieser Übung werden dem Benutzer auf einer Party mehrere Personen namentlich vorgestellt und ihre Getränkebestellung genannt. Im zweiten Schritt muss man aus einer größeren Gruppe von Personen die Namen der Vorgestellten und ihren Getränkewunsch erinnern.
- Exekutivfunktionen: Planerische Fähigkeiten können mit der Übung "Dienstplan" trainiert werden. Hierbei muss der Benutzer vorausdenken und eine Reihe von Besonderheiten beachten, um Mitarbeiter ihren zeitlichen Möglichkeiten nach einzusetzen und Doppelschichten zu vermeiden.
Es ist wichtig zu beachten, dass "MS Kognition" keine neuropsychologische Testung ersetzt. Wer wissen möchte, welche Übungen für einen selber besonders hilfreich sind, kann dies mit Hilfe einer neuropsychologischen Testung herausfinden und dann gezielt üben.
Weitere Strategien zur Stärkung der Kognition
Neben dem gezielten kognitiven Training gibt es weitere Strategien, die zur Stärkung der Kognition bei MS beitragen können:
- Kompensationsstrategien: Wenn Sie Probleme haben, sich viele Gegenstände zu merken, können Sie Kompensationsstrategien entwickeln.
- Psychologische Betreuung: Psychologische Betreuung kann helfen, Resilienzfaktoren, also die Anpassungsfähigkeit, zu stärken.
- Physiotherapie: Durch Physiotherapie und das Aufrechterhalten von Bewegung können Gehirnareale trainiert werden.
- Sport und Bewegung: Jede Art von Gedächtnistraining wirkt umso besser, wenn Sie diese mit Sport, Bewegung oder moderatem Ausdauersport kombinieren.
- Ernährung: Eine gesunde Ernährung ist wichtig für die Gehirnfunktion. Vermeiden Sie ungesunde Ernährung, im Sinne einer „Western Diet“, also Fast Food.
- Vermeidung von Noxen: Vermeiden Sie Noxen (schädliche Stoffe) für das Gehirn, wie Alkohol und Cannabis.
- Anpassung des Tagesablaufs: Die Gliederung des Tagesablaufs und die Vorhersehbarkeit können helfen, auch kurze Pausen einzuhalten.
- Anpassung der Umgebung: Sorgen Sie für eine Umgebung, in der Sie sich wohl fühlen und nicht zu viele Ablenkungsfaktoren haben.
- Achtsamkeitsübungen: Achtsamkeitsübungen oder Zustände, die Sie über Yoga erreichen können, können helfen, Aufmerksamkeit und Konzentration zu verbessern.
Multiple Sklerose im Schulalltag
Multiple Sklerose kann sich auch auf den Schulalltag von Betroffenen auswirken. Konzentrationsschwierigkeiten, Gedächtnisprobleme und Müdigkeit können das Lernen erschweren. Es ist wichtig, dass Lehrer und Mitschüler Verständnis für die Situation des Betroffenen zeigen und ihn unterstützen.
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Im Unterricht können folgende Maßnahmen helfen:
- Individuelle Anpassung des Lernmaterials: Das Lernmaterial sollte an die individuellen Bedürfnisse des Schülers angepasst werden.
- Verlängerung der Bearbeitungszeit: Der Schüler sollte ausreichend Zeit für die Bearbeitung von Aufgaben und Klausuren erhalten.
- Pausen: Regelmäßige Pausen können helfen, die Konzentration aufrechtzuerhalten.
- Unterstützung durch Mitschüler: Mitschüler können den Betroffenen unterstützen, indem sie ihm beispielsweise Notizen geben oder ihm bei der Organisation des Lernmaterials helfen.
Es ist wichtig, dass der Schüler mit MS selbst aktiv wird und seine Bedürfnisse äußert. Er sollte sich nicht scheuen, um Hilfe zu bitten und seine Lehrer und Mitschüler über seine Erkrankung zu informieren.
Fallbeispiele und Unterrichtsmaterialien
Es gibt verschiedene Unterrichtsmaterialien, die sich mit dem Thema Multiple Sklerose auseinandersetzen. Diese Materialien können im Biologieunterricht oder im Rahmen von Projekttagen eingesetzt werden.
Ein Beispiel für ein solches Unterrichtsmaterial ist der Beitrag "Multiple Sklerose (MS) und Parkinson" von lehreronline.de. Dieser Beitrag enthält Materialien für verschiedene Unterrichtsmethoden, wie Fishbowl-Methode, Think-Pair-Share-Methode, Partner- und Gruppenarbeit. Die Schüler analysieren Symptome von MS und Parkinson, formulieren Hypothesen zu den Ursachen von MS und erarbeiten sich Grundwissen zur Entstehung von Aktionspotenzialen.
Forschung und Ausblick
Die Ursachen für den Angriff auf die Myelinscheiden im Zentralnervensystem sind noch nicht vollständig geklärt. Einige Wissenschaftler vermuten, dass eine Virusinfektion zu einer Autoimmunreaktion führt, in deren Verlauf das Immunsystem die Zellen der Myelinscheide angreift.
Die Forschung im Bereich der Multiplen Sklerose ist sehr aktiv. Es werden ständig neue Medikamente und Therapien entwickelt, die den Verlauf der Erkrankung positiv beeinflussen können. Auch im Bereich der kognitiven Rehabilitation gibt es vielversprechende Ansätze.
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