Sehnerventzündung trotz unauffälligem MRT: Ursachen, Diagnose und Behandlung

Eine Sehnerventzündung (Optikusneuritis) ist eine Entzündung des Sehnervs, die zu einer Beeinträchtigung des Sehvermögens führen kann. Die typischen Symptome sind einseitige Sehverschlechterung, Schmerzen hinter dem Auge, die sich bei Augenbewegungen verstärken, sowie ein reduziertes Farb- und Kontrastsehen. In vielen Fällen wird die Diagnose durch eine Kombination aus Anamnese, klinischer Untersuchung und apparativen Tests gestellt.

Einführung

Die Diagnose einer Sehnerventzündung kann komplex sein, insbesondere wenn die Magnetresonanztomographie (MRT) unauffällig ist. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte der Sehnerventzündung, insbesondere im Zusammenhang mit unauffälligen MRT-Befunden, und bietet einen umfassenden Überblick über Ursachen, Diagnoseverfahren und Behandlungsoptionen. Dabei werden sowohl typische als auch atypische Verläufe berücksichtigt und auf die Bedeutung einer differenzierten Diagnostik eingegangen.

Ursachen und Risikofaktoren

Die Ursachen einer Sehnerventzündung sind vielfältig. In den meisten Fällen handelt es sich um eine Autoimmunreaktion, bei der das körpereigene Immunsystem die Myelinscheiden der Nervenfasern angreift. Häufige Ursachen und Risikofaktoren sind:

  • Multiple Sklerose (MS): Eine Sehnerventzündung kann das erste Symptom einer MS sein. Studien zeigen, dass bis zu 60 % der Betroffenen mit einer Sehnerventzündung innerhalb von 40 Jahren eine MS entwickeln.
  • Autoimmunerkrankungen: Erkrankungen wie Lupus erythematodes, Sarkoidose oder Borreliose können ebenfalls eine Sehnerventzündung auslösen.
  • Infektionen: Insbesondere bei Kindern kann eine Sehnerventzündung in zeitlichem Zusammenhang mit einer Virusinfektion auftreten.
  • Medikamente und Toxine: In seltenen Fällen können Medikamente oder Giftstoffe wie Blei eine Sehnerventzündung verursachen.
  • Idiopathisch: Viele Fälle von Sehnerventzündung bleiben idiopathisch, d.h. die Ursache ist unbekannt.

Symptome einer Sehnerventzündung

Die Symptome einer Sehnerventzündung können variieren, aber typischerweise umfassen sie:

  • Verminderte Sehschärfe: Oft einseitig, kann sich über Stunden oder Tage entwickeln.
  • Schmerzen hinter dem Auge: Verstärken sich häufig bei Augenbewegungen.
  • Reduziertes Farbsehen: Insbesondere die Wahrnehmung von Rot kann beeinträchtigt sein (Rotentsättigung).
  • Vermindertes Kontrastsehen: Schwierigkeiten, Unterschiede zwischen hellen und dunklen Bereichen zu erkennen.
  • Gesichtsfeldausfälle: Häufig im zentralen Bereich (Zentralskotom) oder ein vergrößerter blinder Fleck.
  • Lichtblitze (Photopsie): Können als frühes Symptom auftreten.
  • Doppelbilder: Können bei einer MS-assoziierten internukleären Ophthalmoplegie auftreten.
  • Uhthoff-Phänomen: Neurologische Verschlechterung bzw. Sehminderung bei Anstrengung oder Wärme.

Diagnostische Verfahren

Die Diagnose einer Sehnerventzündung basiert auf einer umfassenden Untersuchung, die folgende Elemente umfasst:

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Anamnese

Der Arzt erfragt die Krankengeschichte, um Informationen über den Beginn und die Art der Symptome, mögliche Risikofaktoren und Vorerkrankungen zu erhalten. Wichtige Fragen sind:

  • Seit wann besteht die Sehverschlechterung?
  • Treten Schmerzen bei Augenbewegungen auf?
  • Gibt es Vorerkrankungen wie MS oder andere Autoimmunerkrankungen?
  • Gibt es Fälle von MS in der Familie?
  • Bestehen weitere neurologische Symptome wie Schwindel oder Muskelschwäche?

Augenärztliche Untersuchung

Eine gründliche augenärztliche Untersuchung ist entscheidend, um andere Ursachen für die Sehstörung auszuschließen. Die Untersuchung umfasst:

  • Bestimmung der Sehschärfe: Messung der Sehschärfe mit einer standardisierten Tafel.
  • Pupillenreaktionstest: Beurteilung der Pupillenreaktion auf Licht, um einen relativen afferenten Pupillendefekt (RAPD) festzustellen.
  • Prüfung der Augenbeweglichkeit: Untersuchung auf Schmerzen oder Doppelbilder bei Augenbewegungen.
  • Bestimmung des Gesichtsfeldes: Untersuchung des Gesichtsfeldes, um Ausfälle zu identifizieren.
  • Funduskopie: Spiegelung des Augenhintergrundes, um Veränderungen an der Papille (Sehnervenkopf) und der Netzhaut zu beurteilen.
  • Prüfung der Farbwahrnehmung: Test der Farbwahrnehmung, insbesondere der Rotwahrnehmung.

Visuell evozierte Potentiale (VEP)

VEP messen die elektrische Aktivität des Gehirns als Reaktion auf visuelle Reize. Bei einer Sehnerventzündung zeigen sich häufig eine verlängerte Latenz und/oder eine reduzierte Amplitude der VEP.

Magnetresonanztomographie (MRT)

Die MRT des Gehirns und der Wirbelsäule ist ein wichtiges diagnostisches Instrument, um MS-typische Läsionen zu identifizieren und andere Ursachen für die Sehnerventzündung auszuschließen. Eine Kontrastmittelaufnahme des Sehnervs kann auf eine Entzündung hinweisen.

Liquorpunktion

Eine Liquorpunktion, bei der eine Probe der Gehirn-Rückenmarksflüssigkeit entnommen wird, kannEntzündungszeichen aufzeigen, die für MS sprechen.

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Blutuntersuchungen

Blutuntersuchungen können durchgeführt werden, um andere Ursachen für die Sehnerventzündung zu identifizieren, wie z.B. Autoimmunerkrankungen oder Infektionen.

Sehnerventzündung und unauffälliges MRT

Ein unauffälliges MRT erschwert die Diagnose einer Sehnerventzündung, insbesondere wenn keine anderen eindeutigen Hinweise auf eine MS vorliegen. Es ist wichtig zu beachten, dass eine Sehnerventzündung auch ohne sichtbare Läsionen im MRT auftreten kann.

Mögliche Gründe für ein unauffälliges MRT

  • Frühes Stadium: Im frühen Stadium einer Sehnerventzündung sind die Entzündungsherde möglicherweise noch nicht groß genug, um im MRT sichtbar zu sein.
  • Retrobulbärneuritis: Bei einer Retrobulbärneuritis, bei der der hintere Teil des Sehnervs betroffen ist, kann das MRT unauffällig sein, da dieser Bereich nicht immer gut dargestellt wird.
  • Atypische Verläufe: Bei atypischen Verläufen der Sehnerventzündung, die z.B. durch andere Autoimmunerkrankungen oder Infektionen verursacht werden, können die MRT-Befunde von den typischen MS-assoziierten Läsionen abweichen.
  • Fehlinterpretation: In manchen Fällen kann es zu einer Fehlinterpretation der MRT-Befunde kommen.

Weitere diagnostische Schritte bei unauffälligem MRT

Wenn das MRT unauffällig ist, sind weitere diagnostische Schritte erforderlich, um die Ursache der Sehnerventzündung zu klären:

  • Wiederholung des MRT: Eine Wiederholung des MRT nach einigen Wochen kann sinnvoll sein, um zu sehen, ob sich Veränderungen entwickelt haben.
  • VEP: Die VEP-Untersuchung kann auch bei unauffälligem MRT Hinweise auf eine Sehnerventzündung liefern.
  • OCT: Die optische Kohärenztomographie (OCT) kann Veränderungen der retinalen Nervenfaserschicht aufzeigen, die auf eine Sehnerventzündung hindeuten.
  • Erweiterte Blutuntersuchungen: Um andere Ursachen wie Autoimmunerkrankungen oder Infektionen auszuschließen.
  • Neurologische Konsultation: Eine neurologische Untersuchung ist wichtig, um andere neurologische Symptome zu erfassen und das Risiko für MS abzuschätzen.

Differenzialdiagnosen

Es ist wichtig, andere Erkrankungen auszuschließen, die ähnliche Symptome wie eine Sehnerventzündung verursachen können. Zu den wichtigsten Differenzialdiagnosen gehören:

  • Stauungspapille: Erhöhter Hirndruck, der zu einer Schwellung der Papille führt.
  • Ischämische Optikusneuropathie (AION): Durchblutungsstörung des Sehnervs.
  • Leber hereditäre Optikusneuropathie (LHON): Seltene genetische Erkrankung, die zu einem raschen Sehverlust führt.
  • Optikusscheidenmeningeom: Tumor, der auf den Sehnerv drückt.
  • Migräne mit Aura: Kann vorübergehende Sehstörungen verursachen.
  • Funktioneller Sehverlust: Psychogene Sehstörung.
  • Akkommodationsspasmus: Verkrampfung der Augenmuskulatur, die zu verschwommenem Sehen führt.

Therapie der Sehnerventzündung

Die Therapie der Sehnerventzündung zielt darauf ab, die Entzündung zu reduzieren, das Sehvermögen wiederherzustellen und das Risiko für weitere Schübe zu minimieren.

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Kortikosteroide

Hochdosierte intravenöse Kortikosteroide (z.B. Methylprednisolon) sind dieStandardtherapie bei akuter Sehnerventzündung. Sie können die Erholung des Sehvermögens beschleunigen, haben aber keinen Einfluss auf das Langzeitergebnis oder das Risiko für die Entwicklung einer MS.

Plasmapherese

In schweren Fällen, in denen Kortikosteroide nicht ausreichend wirken, kann eine Plasmapherese in Betracht gezogen werden. Bei der Plasmapherese wird das Blutplasma ausgetauscht, umAutoantikörper undEntzündungsmediatoren zu entfernen.

Immunmodulatorische Therapie

Bei Patienten mit MS-assoziierter Sehnerventzündung oder einem hohen Risiko für die Entwicklung einer MS kann eine immunmodulatorische Therapie mit Medikamenten wie Interferon-beta oder Glatirameracetat in Betracht gezogen werden, um das Risiko für weitere Schübe zu reduzieren.

Symptomatische Therapie

Zusätzlich zur spezifischen Therapie können symptomatische Maßnahmen eingesetzt werden, um die Beschwerden zu lindern:

  • Schmerzmittel: Bei Schmerzen hinter dem Auge.
  • Physiotherapie: Zur Verbesserung der Augenbeweglichkeit und Koordination.
  • Sehhilfen: Zur Unterstützung des Sehvermögens.
  • Ruhe: Vermeidung von Stress undAnstrengung, um die Heilung zu fördern.

Prognose

Die Prognose einer Sehnerventzündung ist in der Regel gut. Die meisten Patienten erlangen innerhalb von Wochen oder Monaten ein fast normales Sehvermögen zurück. In einigen Fällen können jedoch dauerhafteSehbeeinträchtigungen zurückbleiben.

Faktoren, die die Prognose beeinflussen

  • Ursache der Sehnerventzündung: MS-assoziierte Sehnerventzündungen haben tendenziell eine schlechtere Prognose als idiopathische Formen.
  • Schweregrad der Entzündung: Schwere Entzündungen können zu größerenSehbeeinträchtigungen führen.
  • Alter des Patienten: Kinder haben in der Regel eine bessere Prognose als Erwachsene.
  • Begleitende Erkrankungen: Das Vorliegen anderer Erkrankungen kann die Prognose beeinflussen.
  • Schnelligkeit der Behandlung: Eine frühzeitige Behandlung mit Kortikosteroiden kann die Erholung beschleunigen.

Langzeitrisiken

Patienten mit einer Sehnerventzündung haben ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung einer MS. Das Risiko ist höher, wenn im MRT des Gehirns MS-typische Läsionen vorhanden sind. Regelmäßige neurologische Kontrollen sind wichtig, um eine MS frühzeitig zu erkennen und zu behandeln.

Leben mit Sehnerventzündung

Eine Sehnerventzündung kann das tägliche Leben erheblich beeinträchtigen. Es ist wichtig, sich ausreichend Zeit für die Erholung zu nehmen undStress zu vermeiden. Hilfreiche Maßnahmen sind:

  • Anpassung des Arbeitsplatzes: Optimierung der Beleuchtung und Ergonomie.
  • Verwendung von Hilfsmitteln: Vergrößerungsgläser, spezielleSoftware für Computer.
  • Unterstützung durch Familie und Freunde: Gespräche undEntlastung im Alltag.
  • Psychologische Unterstützung: Bei Bedarf, um mit den emotionalen Belastungen umzugehen.
  • Selbsthilfegruppen: Austausch mit anderen Betroffenen.

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