Morbus Parkinson ist eine fortschreitende neurodegenerative Erkrankung, von der allein in Deutschland etwa 400.000 Menschen betroffen sind. Die Symptome können sehr unterschiedlich sein und entwickeln sich schleichend. Neben den primär bekannten motorischen Symptomen wie Zittern (Tremor), Muskelsteifheit (Rigor), verlangsamten Bewegungen (Bradykinese) und Gleichgewichtsstörungen, leiden viele Patienten auch unter Sehstörungen. Diese visuellen Beeinträchtigungen können die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen und die Bewältigung des Alltags zusätzlich erschweren.
Ursachen von Sehstörungen bei Parkinson
Die Ursachen für Sehstörungen bei Parkinson sind vielfältig und oft multifaktoriell bedingt. Es gibt verschiedene Faktoren, die zu visuellen Problemen bei Parkinson-Patienten beitragen können:
Dopaminmangel
Das primäre oder idiopathische Parkinson-Syndrom (IPS) geht von einer bestimmten Hirnregion aus, der sogenannten schwarzen Substanz (Substantia nigra) im Mittelhirn. Hier befinden sich spezielle Nervenzellen (Neurone), die den Nervenbotenstoff (Neurotransmitter) Dopamin produzieren und mit ihm mit anderen Nervenzellen kommunizieren. Dopamin ist unter anderem wichtig für die Bewegungssteuerung, aber auch für die Signalübertragung in der Netzhaut (Retina) und den visuellen Verarbeitungszentren im Gehirn. Bei Parkinson kommt es zu einem Dopaminmangel, der nicht nur die motorischen Bahnen betrifft, sondern auch die Retina, die dopaminerge Zellen enthält, die für die Verarbeitung von Lichtreizen und Farben wichtig sind. Dieser Mangel kann die Funktion der Netzhaut beeinträchtigen und zu Farbsehstörungen führen.
Neurodegeneration
Parkinson führt allgemein zu einem Abbau von dopaminergen Nervenzellen im Gehirn, insbesondere in der Substantia nigra. In den betroffenen Nervenzellen bilden sich Ablagerungen (Lewy-Körperchen), die hauptsächlich aus Verklumpungen des Eiweißmoleküls Alpha-Synuklein bestehen und als Ursache für den neurodegenerativen Prozess diskutiert werden. Diese Neurodegeneration kann auch visuelle Verarbeitungszentren im Gehirn beeinträchtigen und somit Sehstörungen verursachen.
Altersbedingte Augenerkrankungen
Viele Parkinson-Patienten sind älter und leiden daher häufig auch unter altersbedingten Augenerkrankungen wie Katarakt (Grauer Star), Glaukom (Grüner Star) und Makuladegeneration. Diese Erkrankungen können das Sehvermögen zusätzlich beeinträchtigen und die Symptome verstärken.
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Medikamentöse Einflüsse
Einige Parkinson-Medikamente können selbst Sehstörungen verursachen. So kann beispielsweise die verminderte Lidschlagfrequenz, die durch Medikamente beeinflusst wird, zu trockenen Augen führen.
Weitere Ursachen
Weitere mögliche Ursachen für Sehstörungen bei Parkinson sind:
- Trockene Augen: Eine der häufigsten Manifestationen ist die verminderte Lidschlagfrequenz. Während ein gesunder Mensch 5-10 Mal pro Minute blinzelt, kann die Rate bei Parkinson-Patienten auf 1-2 Mal reduziert sein. Dies führt zu trockenen Augen, die ein brennendes Gefühl verursachen und das Sehvermögen beeinträchtigen können.
- Doppelbilder: Treten bei 10-30% der Patienten auf und resultieren aus Störungen der Augenmuskeln und ihrer Koordination.
- Kontrastsehstörungen: Äußern sich im zeitweisen Verblassen von Buchstaben beim Lesen.
- Okulomotorische Anomalien: Augenbewegungsstörungen können in Form von selektiver Diplopie (Diplopie einzelner Objekte) und vollständiger Diplopie (Diplopie des gesamten Gesichtsfeldes) auftreten.
Arten von Sehstörungen bei Parkinson
Die Sehstörungen bei Parkinson können sich auf unterschiedliche Weise äußern. Zu den häufigsten visuellen Problemen gehören:
- Verschwommensehen: Schwierigkeiten, Gegenstände scharf zu sehen.
- Doppelbilder (Diplopie): Das Sehen von zwei Bildern eines Objekts.
- Trockene Augen: Ein Gefühl von Trockenheit, Brennen oder Fremdkörpergefühl im Auge.
- Erhöhte Lichtempfindlichkeit (Photophobie): Unbehagen oder Schmerzen bei hellem Licht.
- Kontrastsehstörungen: Schwierigkeiten, Unterschiede zwischen hellen und dunklen Bereichen zu erkennen.
- Farbsehstörungen (Farbenblindheit, Farbwahrnehmung, Farbdiskriminierung): Schwierigkeiten, Farben richtig zu erkennen oder zu unterscheiden.
- Visuelle Halluzinationen: Das Sehen von Dingen, die nicht wirklich da sind.
- Verminderte Lidschlagfrequenz: Führt zu trockenen Augen.
- Lidkrampf (Blepharospasmus): Unwillkürliches Zusammenkneifen der Augenlider.
- Lidheber-Apraxie: Schwierigkeiten, die Augenlider willentlich zu öffnen.
- Eingeschränktes Gesichtsfeld: Verlust des peripheren Sehens.
- Probleme mit der räumlichen Wahrnehmung: Schwierigkeiten, Entfernungen und Tiefen richtig einzuschätzen.
Diagnose von Sehstörungen bei Parkinson
Die Diagnose von Sehstörungen bei Parkinson erfordert eine umfassende Untersuchung durch einen Augenarzt und einen Neurologen. Zunächst wird der Arzt eine ausführliche Anamnese erheben, um die Art und den Verlauf der Sehstörungen zu erfassen. Anschließend erfolgen verschiedene Sehtests, um die Sehschärfe, das Gesichtsfeld, die Farbwahrnehmung und die Augenbewegungen zu überprüfen.
Wichtige diagnostische Maßnahmen
- Sehtest beim Augenarzt mit Farbsinnprüfung: Zum Beispiel mit dem Farnsworth-Munsell-100-Hue-Test (FMT) zur Bestimmung der Farbsehtauglichkeit oder Farbfehlsichtigkeit. Für klinische Zwecke wäre auch der FMT-15 ausreichend oder für bestimmte Farbschwächen die o.g.
- Orthoptische und ophthalmologische Untersuchung: Bei Verdacht auf Diplopie oder Augenbewegungsstörungen.
- Untersuchung der Augenoberfläche: Zur Feststellung von trockenen Augen.
- Neurologische Untersuchung: Zur Beurteilung der motorischen und nicht-motorischen Symptome von Parkinson.
- Bildgebende Verfahren (MRT): In bestimmten Fällen, um andere Ursachen für die Sehstörungen auszuschließen.
- Fragebogen-Screening: Um Sehstörungen frühzeitig zu erkennen, da viele Patienten nicht von selbst über ihre visuellen Probleme sprechen.
Auswirkungen von Sehstörungen auf den Alltag
Sehstörungen können den Alltag von Parkinson-Patienten erheblich beeinträchtigen. Sie können die folgenden Aktivitäten erschweren:
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- Lesen: Verschwommenes Sehen oder Kontrastsehstörungen können das Lesen erschweren.
- Autofahren: Doppelbilder, Gesichtsfeldeinschränkungen und Kontrastsehstörungen können das Autofahren gefährlich machen.
- Arbeiten am Bildschirm: Trockene Augen, verschwommenes Sehen und Lichtempfindlichkeit können die Arbeit am Bildschirm unangenehm machen.
- Gehen und Gleichgewicht halten: Sehstörungen können die Gangunsicherheit verstärken und das Sturzrisiko erhöhen.
- Körperpflege: Schwierigkeiten beim Sehen können die Körperpflege erschweren.
- Teilnahme an sozialen Aktivitäten: Sehstörungen können die Teilnahme an sozialen Aktivitäten einschränken.
Eine Studie ergab, dass 82 % der Parkinson-Patienten über ein oder mehrere Augenprobleme berichteten, wovon 68 % angaben, in ihrem täglichen Leben beeinträchtigt zu sein. Unter den Menschen ohne die Krankheit berichteten lediglich 48 % von Symptomen, hier fühlten sich 35 % in ihrem Alltag eingeschränkt.
Behandlung von Sehstörungen bei Parkinson
Die Behandlung von Sehstörungen bei Parkinson erfordert einen multidisziplinären Ansatz, der sowohl neurologische als auch augenärztliche Aspekte berücksichtigt. Ziel der Behandlung ist es, die Symptome zu lindern, die Lebensqualität zu verbessern und die Selbstständigkeit der Patienten zu erhalten.
Medikamentöse Therapie
- Dopaminerge Medikamente: Levodopa (L-Dopa) und andere dopaminerge Medikamente können in manchen Fällen auch die Netzhautfunktion und damit das Farbsehen verbessern.
- Künstliche Tränen: Bei trockenen Augen helfen konservierungsmittelfreie künstliche Tränen.
Optische Hilfsmittel
- Brillen mit Prismengläsern: Für Patienten mit Doppelbildern können Prismengläser angepasst werden.
- Kontrastverstärkende Brillen oder Filtergläser: Können helfen, Farben und Kontraste besser wahrzunehmen. Diese Brillen verstärken Kontraste und machen Details besser sichtbar - besonders hilfreich bei Lichtempfindlichkeit oder schlechtem Farbsehen. Gelbe, orange oder braune Filtergläser werden oft eingesetzt, um den Blauanteil im Licht zu filtern und Kontraste zu erhöhen. Vorteil: Kann auch die Blendempfindlichkeit reduzieren, die bei Parkinson häufig ist. Für Blau-Gelb-Sehschwäche, die bei Parkinson häufig ist, gibt es spezielle Filter, die den betroffenen Farbbereich verstärken. Diese Filter sind individuell anpassbar.
- Vergrößerungshilfen: Für Patienten mit Sehschwäche.
Weitere Behandlungsmöglichkeiten
- Botulinumtoxin-Injektionen: Bei Lidkrampf und Lidheber-Apraxie können Botulinumtoxin-Injektionen eingesetzt werden.
- Operation: Bei Katarakt oder Glaukom kann eine Operation erforderlich sein.
- Sehtraining: 2021 konnte erstmals mit Hilfe des Teams von Professor Alexander Mertens, Lehrstuhl und Institut für Arbeitswissenschaft an der RWTH Aachen, eine Augentrainings-Software für tägliches Beüben der Augen im häuslichen Umfeld entwickeln. Die finanzielle Unterstützung verdanken wir der Deutschen Parkinson-Vereinigung e.V. (DPV). Das Training kann in drei verschiedenen Schwierigkeitsstufen (Geschwindigkeit) durchgeführt werden. Es ist mit Maus oder Touchscreen bedienbar.
- Anpassung der häuslichen Umgebung: Die Optimierung der Beleuchtung ist entscheidend. Kaltlichtlampen sorgen für kontrastreiche Beleuchtung und erleichtern das Lesen.
- Ergotherapie: Um den Alltag besser bewältigen zu können, z.B. durch Alltagshilfen, bei denen Farben durch Formen, Symbole oder Text unterstützt werden.
Ergänzende Maßnahmen
- Antioxidative Nahrungsergänzungsmittel: Manche Patienten profitieren von antioxidativen Nahrungsergänzungsmitteln (z. B. Lutein, Zeaxanthin), die die Netzhaut unterstützen - hier ist die Studienlage aber noch uneinheitlich.
- Gute Beleuchtung: Ist extrem wichtig. Erstellen maßgeschneiderte Lösungen - z. B. Vergrößerungshilfen, spezielle Beleuchtung.
Bedeutung der interdisziplinären Zusammenarbeit
Die Behandlung von Sehstörungen bei Parkinson erfordert eine enge Zusammenarbeit zwischen Neurologen, Augenärzten, Orthoptisten und Ergotherapeuten. Nur so kann eine umfassende Diagnose gestellt und ein individueller Behandlungsplan erstellt werden.
Forschung und zukünftige Entwicklungen
Die Forschung auf dem Gebiet der Sehstörungen bei Parkinson ist aktiv. Ziel ist es, die Ursachen der visuellen Probleme besser zu verstehen und neue Therapieansätze zu entwickeln. Ein vielversprechender Ansatz ist die Entwicklung von Parkinson-spezifischen Trainingsprogrammen zur Therapie von Sehstörungen.
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