Kopfschmerzen zählen zu den häufigsten gesundheitlichen Beschwerden in Deutschland und können in verschiedenen Formen auftreten. Mehr als die Hälfte der Deutschen leiden unter Kopfschmerzen, wobei Migräne und Spannungskopfschmerzen am häufigsten verbreitet sind. Die meisten Betroffenen setzen auf frei verkäufliche Schmerzmittel aus der Apotheke. Dieser Artikel beleuchtet die Möglichkeiten und Grenzen der Selbstmedikation bei Migräne und Spannungskopfschmerzen, um Betroffenen eine fundierte Entscheidungsgrundlage zu bieten.
Kopfschmerzarten und ihre Unterscheidung
Es ist wichtig, die verschiedenen Kopfschmerzarten zu unterscheiden, um das richtige Präparat für die Selbstmedikation auszuwählen. Etwa 90% aller Kopfschmerzerkrankungen sind der Migräne, dem Spannungskopfschmerz (Kopfschmerz vom Spannungstyp) oder einer Kombination aus beiden zuzuordnen. Beide Formen gehören zu den primären Kopfschmerzen. Bei primären Kopfschmerzen handelt es sich um eigenständige Erkrankungen, die kein Symptom anderer Erkrankungen sind. Sekundäre Kopfschmerzen hingegen stellen, nach der Definition der International Headache Society, eine symptomatische Folge anderer Erkrankungen dar, welche als Kopfschmerzursachen bekannt sind (z.B. Medikamentenübergebrauch).
Spannungskopfschmerz
Die häufigste Kopfschmerzform, unter der über ein Drittel der Bevölkerung leidet, ist der sogenannte Spannungskopfschmerz. Der Spannungskopfschmerz stellt den typischen Kopfschmerz für eine Therapie in der Selbstmedikation dar. Beim episodischen Spannungskopfschmerz handelt es sich um einen dumpf drückenden Schmerz, der (meist) beidseitig auftritt. Der Schmerz tritt mit einer Dauer von 30 Minuten bis sieben Tage auf und kann bis in den Nacken ausstrahlen, wird jedoch bei körperlicher Aktivität nicht verstärkt. Viele Betroffene klagen über ein starkes Druckgefühl um die Augen oder hinter den Augen. Auch ein „Schraubstockgefühl“ um den Kopf wird häufig beschrieben und ein dumpfes Gefühl sowie ein starker Druck im Kopf. Unbehandelt dauern Spannungskopfschmerzen von einer halben Stunde bis zu einer Woche an. Treten Spannungskopfschmerzen seit mindestens sechs Monaten an mehr als 15 Tagen pro Monat auf, spricht man von chronischen Kopfschmerzen vom Spannungstyp. Letztere beeinträchtigen die Lebensqualität der Betroffenen teilweise erheblich und sollten in jedem Fall ärztlich abgeklärt werden.
Migräne
Im Vergleich zu Spannungskopfschmerzen, die zwar schmerzhaft und störend sind, sind Migräneattacken oft unerträglich und sehr belastend. Der Schmerz pulsiert meist einseitig. Wenn die Kopfschmerzen einseitig sind, können sie innerhalb einer Attacke oder von Attacke zu Attacke die Seite wechseln. Die Intensität der Attacken kann von Attacke zu Attacke stark variieren. Die Dauer der Attacken beträgt nach der Definition der Internationalen Kopfschmerzgesellschaft zwischen 4 und 72 Stunden. Bei einigen Betroffenen treten vor der Schmerzattacke sogenannte Aurasymptome auf. Von einer typischen Migräne ohne Aura spricht man, wenn ein Patient über mindestens fünf Kopfschmerzattacken berichtet, die mindestens zwei der folgenden Kriterien erfüllen: einseitiges Auftreten der mittelstarken oder starken Kopfschmerzen, die Schmerzen haben einen pulsierenden Charakter, die Schmerzen verstärken sich durch körperliche Routinetätigkeiten wie Treppensteigen, die Kopfschmerzen werden begleitet durch Übelkeit, eventuell mit Erbrechen und / oder Lichtscheu und Geräuschempfindlichkeit. Leidet ein Patient über mehr als drei Monate an mehr als 14 Tagen pro Monat unter Migräneattacken, handelt es sich um eine chronische Migräne.
Medikamentöse Selbstbehandlung
Für die Selbstmedikation bei Migräne werden als Substanzen der ersten Wahl Acetylsalicylsäure, Ibuprofen, Paracetamol und eine Kombination aus Acetylsalicylsäure, Paracetamol und Coffein empfohlen. Paracetamol ist hier Mittel der zweiten Wahl.
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Acetylsalicylsäure (ASS)
Unter den rezeptfreien Medikamenten besitzt die Acetylsalicylsäure (z.B. Aspirin, ASS) den stärksten schmerzlindernden Effekt bei Kopfschmerzen. Acetylsalicylsäure sollte möglichst als Brauselösung eingenommen werden, da dadurch eine besonders schnelle und sichere Aufnahme im Magen-Darmtrakt erfolgt. Ähnlich schnell ist auch die Aufnahme bei Verwendung einer Kautablette. Bei Jugendlichen beträgt die Dosierung von Acetylsalicylsäure 500 mg, bei Erwachsenen 1000 bis 1500 mg zur Erzielung ausreichender Wirksamkeit! Die Einnahme einer Tablette zu 500 mg bei Erwachsenen reicht bei Migräne definitiv nicht aus, vielmehr sind 2 Tabletten erforderlich. Acetylsalicylsäure sollte als Brauselösung in 250 ml Wasser gelöst eingenommen werden. Das Medikament wird erst im Dünndarm in den Körper aufgenommen. Durch die Brauselösung passiert es schnell den Magen und kann so am besten seine Wirksamkeit erlangen. Die Beifügung von Vitamin C in Brausetabletten dient zur Bildung der sprudelnden Kohlensäure und einer erhöhten Magenverträglichkeit; sie ist keine Beimengung einer Substanz im Sinne von Kombinationspräparaten, ist also nicht nachteilig. Vorteilhaft ist insbesondere auch die Einnahme einer so genannten gepufferten Zubereitung, die sich positiv auf Magensymtome der Migräne auswirkt (z.B. Selten treten Magenbeschwerden auf. Bei Kindern beträgt die Dosis 500 mg, bei Erwachsenen 1000 mg. Die Wirkung tritt in der Regel nach 30 bis 60 Minuten ein.
Paracetamol
Paracetamol ist normalerweise gut verträglich. Bei Leber- und Nierenerkrankungen muss vorsichtig dosiert werden (Arzt befragen). Paracetamol sollte in der Schwangerschaft nicht verwendet werden. In einigen Studien ist der Verdacht aufgekommen, dass die Einnahme von Paracetamol während der Schwangerschaft das Risiko für einen Hodenhochstand (Kryptorchismus) erhöhen kann. Ebenso gibt es Hinweise darauf, dass das Asthmarisiko in der Kindheit erhöht ist, wenn die Mutter in der Schwangerschaft Paracetamol eingenommen hat. Belege für die ursächlichen Zusammenhänge sind strittig. Besser untersuchte Alternativen zu Paracetamol und alternativ Ibuprofen gibt es nicht. Bei Kindern beträgt die Dosis 500 mg, bei Erwachsenen 1000 mg. Die Wirkung tritt in der Regel nach 30 bis 60 Minuten ein.
Ibuprofen
Die Wirksamkeit von Ibuprofen in der Behandlung der Migräneattacke ist nicht so gut untersucht wie die der Acetylsalicylsäure. Die Substanz ist als Tablette, Brausegranulat, Zäpfchen und Kapsel erhältlich. Es wird angenommen, dass Ibuprofen der Acetylsalicylsäure und dem Paracetamol in seinem schmerzlindernden Effekt ähnlich ist. Die Einzeldosierung beträgt bei Kindern 200 mg, bei Erwachsenen bis 600 mg.
Phenazon
In einer neueren Studie wurde bestätigt, dass das seit vielen Jahrzehnten eingesetzte Medikament Phenazon ebenfalls eine gute Wirkung in der Anfallsbehandlung der Migräne haben kann. Bei Kindern beträgt die Dosis 500 mg, bei Erwachsenen 1000 mg. Die Wirkung tritt in der Regel nach 30 bis 60 Minuten ein. Phenazon ist normalerweise gut verträglich.
Antiemetika
Appetitlosigkeit, Übelkeit und Erbrechen können Begleitsymptome von Migräneattacken sein. Zusätzlich ist oft die Muskulatur des Magens in ihrer Beweglichkeit gestört und damit die Fortbewegung des Speisebreis. Sogenannte Antiemetika (Mittel gegen Übelkeit und Erbrechen) sollen diese Funktionsstörungen bei Migräne beheben. Die eingeschränkte Magenaktivität während der Migräneattacke führt dazu, dass die Schmerzmittel kaum in den Darm weitertransportiert werden. Aus diesem Grunde sollten Sie 15 Minuten vor der Einnahme des Migränemittels ein Antiemetikum (Metoclopramid oder Domperidon) einnehmen. Ein vorsichtiger Einsatz sollte bei Nierenerkrankungen und bei Kindern unter 14 Jahren erfolgen. Selten treten Müdigkeit, Schwindel oder Durchfall auf. Sehr selten können kurz nach der Einnahme Bewegungsstörungen in Form von unwillkürlichen Mundbewegungen, Schlund- und Zungenkrämpfen, Kopfdrehungen, Schluckstörungen oder Augendrehungen auftreten. In diesem Fall liegt eine Überdosierung vor und Sie sollten einen Arzt rufen.
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Triptane
Triptane sind Mittel der 1. Wahl bei Migräne, da sie ganz effektiv und spezifisch Attacken kupieren. Für die Behandlung von Kopfschmerzen ist es wichtig, dass die Kopfschmerzmittel - bei Migräne in erster Linie Triptane - möglichst frühzeitig eingenommen werden. Gerade bei der Migräne kommt es sehr häufig im Laufe der Attacke zu einer Störung der Aufnahmefähigkeit von Magen und Darm. Die Wirkstoffe können dann nicht mehr an ihren Wirkort gelangen und ihre Wirkung entsprechend nicht entfalten. Aus diesem Grunde empfehle ich - insbesondere bei Migräne - das Medikament sehr frühzeitig einzunehmen. Eine späte Einnahme kann dazu führen, dass ansonsten sehr wirkungsvolle Medikamente ihre Wirkung nicht ausüben können und die Schmerzen dadurch lange anhalten. Bei Migräneattacken mit Übelkeit und Erbrechen haben sich Nasenspray und Zäpfchen als besonders vorteilhaft erwiesen. Eine weitere Möglichkeit ist, mit einer Fertigspritze sich das Medikament selbst unter die Haut zu spritzen. Grund: Der Magen wird umgangen, der Wirkstoff kann direkt aufgenommen werden.
Nichtmedikamentöse Maßnahmen
Neben der medikamentösen Behandlung können auch nichtmedikamentöse Maßnahmen zur Linderung von Kopfschmerzen beitragen.
Allgemeine Hinweise
Kopfschmerzen sollten Sie auf keinen Fall einfach hinnehmen, denn eine effektive Behandlung der Schmerzen kann dazu beitragen, dass die Häufigkeit und Schwere von Anfällen vermindert werden. Aus diesem Grunde sollten bei behandlungsbedürftigen Schmerzen stets Substanzen eingesetzt werden, die in der Lage sind, den Schmerz effektiv zu reduzieren oder zu beseitigen. Man nutzt sich und seinem Körper nicht, wenn man Schmerzen aushält.
Es gehört zu einer der ersten Maßnahmen in der Behandlung des Migräneanfalles, eine Reizabschirmung einzuleiten. Da die Lärm- und Lichtempfindlichkeit vielen Betroffenen gut bekannt ist, aber aufgrund der Alltagsbedingungen eine Reizabschirmung nicht immer möglich ist, versuchen sich viele Menschen durch schnelle und übermäßige Einnahme von Medikamenten arbeitsfähig zu erhalten. Diese Situation ist ein wesentlicher Grund für einen medikamentösen Fehlgebrauch mit der Gefahr eines Dauerkopfschmerzes durch Medikamentenübergebrauch.
Pfefferminzöl
Eine weitere Therapiemöglichkeit ist das Auftragen von Pfefferminzöl auf die Schläfen und den Nacken, dabei besteht keine Gefahr für Nebenwirkungen durch zu häufige Schmerzmitteleinnahme.
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Weitere Maßnahmen
Linderung verschafft Bewegung an der frischen Luft und eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr. Bei häufigem Auftreten des episodischen Spannungskopfschmerzes können auch nichtmedikamentöse Maßnahmen wie Biofeedbackverfahren und Entspannungsverfahren in Betracht gezogen werden.
Grenzen der Selbstmedikation
Die Einnahme in der Selbstmedikation bei Kopfschmerzen sollte an nicht mehr als 10 Tagen pro Monat erfolgen. Generell gilt: Kopfschmerzmittel sollten in der Selbstmedikation nicht länger als drei Tage hintereinander und an maximal zehn Tagen im Monat eingenommen werden, um einen Medikamentenübergebrauch-Kopfschmerz zu vermeiden. Bei NSAR, die gegen Kopfschmerzen eingesetzt werden, droht ab 15 Einnahmetagen pro Monat ein Medikamentenübergebrauch-Kopfschmerz (MOH, Medication Overuse Headache), bei Kombinationsanalgetika bereits ab zehn Tagen. In Deutschland ist etwa ein Prozent der Bevölkerung von einem MOH betroffen. NSAR, die langfristig aufgrund einer anderen Indikation eingenommen werden, lösen keinen MOH aus. Die Ursachen für den Analgetika-induzierten Kopfschmerz sind im Detail nicht bekannt. Bei Verdacht auf einen MOH ist ein Arztbesuch indiziert.
Nachfolgend genannte Szenarien stellen Grenzen der Selbstmedikation dar:
- Seltene Kopfschmerzformen (z.B. Clusterkopfschmerz, Trigeminusneuralgie, atypische Gesichtsschmerzen)
- (fast) tägliche Kopfschmerzen bzw. an mehr als zehn Tagen pro Monat
- Kopfschmerzen, die aufgrund ihrer Intensität, Dauer, Lokalisation ungewöhnlich sind oder sich trotz Behandlung verstärken, verlängern und/oder häufiger auftreten
- Begleitsymptome wie hohes Fieber, Lähmungen, Gefühls-, Seh-, Gleichgewichtsstörungen, Augentränen, starker Schwindel
- Psychische Veränderungen wie Störungen des Kurzzeitgedächtnisses oder der Orientierung zu Zeit, Ort und Person
- Erstmaliges Auftreten von Kopfschmerzen im Alter von über 40 Jahren
- Erstmaliges Auftreten von Kopfschmerzen während oder nach körperlicher Anstrengung, mit sehr starker Intensität und Ausstrahlung in den Nacken
- Kopfschmerzen mit zeitlichem Zusammenhang einer Kopfverletzung (z.B. durch Sturz), eines epileptischen Anfalls und/oder Bewusstlosigkeit
- Kopfschmerzen, die kein Ansprechen mehr auf die zuvor wirksamen Medikamente zeigen
Wann ist ein Arztbesuch ratsam?
Wenn die Beschwerden regelmäßig auftreten, die Betroffenen nicht gut auf Analgetika ansprechen oder die Schmerzattacken immer häufiger auftreten, sollten sie einen Arzt konsultieren. Das gilt auch dann, wenn Schmerzmittel aufgrund von Kopfschmerzen häufiger als acht- bis zehnmal im Monat eingenommen werden und auch, wenn Begleiterscheinungen wie Fieber oder neurologische Ausfallsymptome (z. B. Lähmungserscheinungen, Gefühlsstörungen, Wesensänderungen) auftreten. Bei extrem starken Kopfschmerzen, die schlagartig innerhalb von Sekunden ihr Maximum erreichen, bei begleitender Nackensteife, hohem Fieber, epileptischen Anfällen oder akuten neurologischen Ausfallsymptomen (z. B.
Kopfschmerzen in der Schwangerschaft
Schwangere dürfen NSAR laut Embryotox, dem Pharmakovigilanz - und Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie der der Berliner Charité, nur bei strenger Indikationsstellung maximal bis zum Ende der 27. Schwangerschaftswoche verwenden, Paracetamol über die gesamte Schwangerschaft hinweg.
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