Sensibilitätsstraining nach Apoplex: Ergotherapie-Übungen zur Rehabilitation

Ein Schlaganfall kann das Leben der Betroffenen grundlegend verändern. Neben motorischen Einschränkungen treten häufig auch Sensibilitätsstörungen auf, die den Alltag erheblich beeinträchtigen können. Die Ergotherapie spielt eine entscheidende Rolle bei der Rehabilitation nach einem Schlaganfall, insbesondere im Bereich des Sensibilitätsstrainings. Dieser Artikel beleuchtet die Bedeutung des Sensibilitätsstrainings, stellt verschiedene Übungen vor und gibt Einblicke in die ganzheitliche ergotherapeutische Betreuung von Schlaganfallpatienten.

Schlaganfall: Schnelles Handeln und Rehabilitation

Bei einem Schlaganfall ist schnelles Handeln gefragt, sowohl bei der Erstversorgung als auch bei der Rehabilitation. In Deutschland ist jede 40. erwachsene Person von einem Schlaganfall betroffen. Jährlich treten hierzulande rund 200.000 erstmalige sowie 70.000 wiederholte Schlaganfälle (Rezidive) auf, in der Schweiz und Österreich sind es etwa 21.000 bzw. 25.000 erstmalige Schlaganfälle.

Ist ein Hirnareal von der Blutversorgung abgeschnitten, sterben jede Minute Millionen von Nervenzellen ab. Nur eine rasche Wiederherstellung der Durchblutung kann dauerhafte neurologische Ausfälle verhindern oder zumindest reduzieren. Nach einem Schlaganfall können gespeicherte Informationen und selbst die einfachsten Bewegungsabläufe durch die Verletzung der entsprechenden Gehirnareale ausgelöscht werden, sodass man sie wieder neu erlernen muss. Rehabilitative Maßnahmen sind für die betroffenen Personen für eine erfolgreiche Erholung entscheidend, denn in den ersten Stunden und Tagen ist das Gehirn am besten in der Lage, die Funktionen des betroffenen Gewebes wiederzuerlangen.

Wird ein Schlaganfall schnell behandelt, bestehen große Chancen auf Ausgleich der Symptome. Daher beginnt die Rehabilitation meist schon sofort nach der Diagnose. Durch motorische Rehabilitationsmaßnahmen können die Symptome oft ausgeglichen werden. Jedoch sollte man möglichst schnell damit beginnen.

Die Rolle der Ergotherapie nach einem Schlaganfall

Nach einem Schlaganfall sind es die alltäglichen Tätigkeiten, die Betroffene von Grund auf und mit oft großer Mühe und einer guten Portion Durchhaltevermögen wieder erlernen müssen. Oft bereitet der Ablauf bestimmter Tätigkeiten große Probleme, da die Betroffenen die Kombination mehrerer Bewegungen hintereinander nicht mehr ausführen können und nicht wissen, wo sie anfangen sollen. Um reibungslose Bewegungen zu trainieren, die dazu befähigen, sich die Zähne zu putzen, sich die Kleidung an- und auszuziehen, den Körper zu pflegen oder eine Tasse Kaffee zuzubereiten, ist eine intensive Ergotherapie vonnöten.

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Ergotherapeuten begleiten ihre Patienten im Alltag, führen und lenken Patienten bei bestimmten Handlungen und unterstützen sie durch engen Körperkontakt, eine Bewegung bewusst zu spüren und richtig auszuführen. Auch wenn nach einem Schlaganfall gewisse technische Hilfsmittel benötigt werden, um sich in Ihrem Zuhause frei bewegen zu können, kann deren Bedienung durch die körperlichen Einschränkungen eine große Herausforderung darstellen. Der Ergotherapeut sollte die Mobilitätshilfen auf die individuellen Bedürfnisse seines Patienten und die Beschaffenheit des Wohnraumes abstimmen. Damit Rollator und andere Gehhilfen, Treppenlifte, elektrische Schiebehilfen und Griffverdickungen an unterschiedlichen Gegenständen wie Toilettengriffe oder Badewannenlifter und -sitze keine zusätzlichen Gefahrenquellen darstellen und problemlos in den Alltag integriert werden können, wird der Ergotherapeut den Patienten und dessen Angehörige damit vertraut machen und Ihnen helfen, sie richtig anzuwenden.

Ergotherapie nach einem Schlaganfall zielt in erster Linie darauf ab, die motorisch-funktionellen Tätigkeiten wieder zu erlernen und durch eine geschulte Wahrnehmung Bewegungen richtig auszuführen. Zusätzliche Übungen für zu Hause sind extrem wichtig und können in Real-Life-Szenarios eingebaut werden um ein optimales Training zur Wiedergewinnung der motorischen Fähigkeiten sowie die Reintegration in die alltägliche Gemeinschaft mit Anderen zu gewährleisten. Durch die Regelmäßigkeit der durchgeführten Übungen können alltägliche Anforderungen an die körperlichen Bewegungsabläufe angepasst und wieder erlernt werden.

Individuelle Unterstützung durch Ergotherapie

Jeder Mensch, der einen Schlaganfall erlitten hat, ist für den Ergotherapeuten ein individuell zu beurteilender Fall. Ergotherapie zielt darauf ab jedem Betroffenen mit einem sorgfältig zusammen- gestellten Übungsprogramm zu helfen körperliche Defizite nach und nach zu reduzieren. Viele Patienten weisen nach dem Unfall nicht nur kognitive oder neurologische Einschränkungen auf, sondern leiden an Antriebslosigkeit sowie Begleiterkrankungen oder Depressionen. Durch medikamentöse Behandlung kann man dem Patienten von Nebeneffekten Abhilfe verschaffen. Auch die tatkräftige familiäre Unterstützung ist nicht in jedem Fall gegeben, was die Rehabilitation zusätzlich erschwert. Abhängig von diesen individuellen Faktoren und Defiziten wird der Ergotherapeut Therapieansätze finden die jedem Betroffenen eine optimale Betreuung ermöglichen. Diese Ansätze sollen dazu anleiten, Schritt für Schritt wieder zu erlernen, was in einem normalen Lebensalltag als unabhängiger Mensch zu meistern ist.

Zentrale Bestandteile der Ergotherapie nach einem Schlaganfall stellen das Setzen von für den Patienten relevanten Zielen sowie die Anpassung der unmittelbaren Umwelt, also des Wohn- und gegebenenfalls des Arbeitsbereiches, dar. Um dies zu ermöglichen arbeitet der Ergotherapeut eng mit dem Betroffenen zusammen um die Auswirkungen der körperlichen Defizite auf dessen Lebensalltag genau beurteilen zu können und gemäß der Erkenntnisse die richtigen Übungen auszuwählen. Dabei werden Motorik, Koordinationsfähigkeiten und Sinnesempfindungen ebenso analysiert wie die optische und körperliche Wahrnehmung.

Um den Patienten in dieser Ausnahmesituation zu begleiten und in Ihnen einen neuen Antrieb zur Bewegung zu wecken, wird der Ergotherapeut im Zuge von wöchentlichen Therapiestunden und Hausbesuchen intensiv daran arbeiten, dass Schlaganfallpatienten sich zu Hause zurechtfinden und gewisse Tätigkeiten allmählich wieder selbst ausführen können. Im Zuge der Therapie werden grundsätzliche, alltagsrelevante Bewegungen neu einstudiert und das Körperempfinden verbessert. Die richtige Koordination zwischen Augen und Händen ist eine Grundvoraussetzung dafür, dass der Patient eine Tasse halten, ein Brötchen schneiden und mit Butter bestreichen, sich selbst waschen oder Gegenstände nehmen und abstellen kann. Der Ergotherapeut motiviert den Patienten, die von der Behinderung betroffene Seite bewusst in die Bewegungsabläufe zu integrieren. Der nächste Schritt sind gemeinsame Unternehmungen wie Fahrten in öffentlichen Verkehrsmitteln oder ein Einkauf im Supermarkt. Die Vorbereitung und Planung für solche Ausflüge werden vom Ergotherapeuten überwacht. Oft erfordern diese das Schreiben einer Einkaufsliste und das Einstecken der Geldbörse oder des Schlüsselbundes welche ein hohes Maß an Konzentration fordern.

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Festigung erlernter Fähigkeiten

Nachdem die körperliche Beweglichkeit und die Aktivierung der motorischen und sensorischen Gehirnareale während des stationären Aufenthalts in der Klinik, unter anderen auch durch ergotherapeutische Methoden wie die Forced-use-Therapie oder Übungen auf speziellen Laufbändern, behandelt wurde, werden die erlernten Fähigkeiten zu Hause durch intensive Übungen gefestigt und weiter ausgebaut. Die seit einigen Jahren angewandte Spiegeltherapie hat sich als ergänzende Form der ergotherapeutischen Behandlung erfolgreich bewährt Schlaganfall-Patienten zu helfen ihre beeinträchtige Körperhälfte wieder zu aktivieren. Durch einen in der Körpermitte platzierten Spiegel, vor dem mit der gesunden Extremität leichte Übungen ausgeführt werden, gewinnt das Gehirn die Illusion, die kranke Körperhälfte sei in Bewegung, wodurch die betroffenen Gliedmaßen wieder vermehrt eingesetzt werden. Diese Übungen für Schlaganfallpatienten lassen sich durch speziell angefertigte Spiegel auch leicht zu Hause durchführen und steigern den Erfolg einer Ergotherapie erheblich.

Erinnerungs- und Konzentrationsdefiziten, die möglicherweise zu einem Vergessen auf das Übungsprogramm vonseiten des Patienten führen, kann der Ergotherapeut bei Bedarf durch das Arbeiten mit Tagebüchern sowie Wecker- und visuellen Anzeigefunktionen erfolgreich entgegenwirken.

Sensibilitätsstörungen nach Schlaganfall

Als Folge eines Schlaganfalls treten hauptsächlich schlaffe oder spastische Lähmungen einer Extremitätenseite auf. Diese können sehr unterschiedlich ausgeprägt sein. Neben den motorischen Einschränkungen leiden viele Patienten auch unter Sensibilitätsstörungen. Das bedeutet, dass die Wahrnehmung von Berührungen, Temperatur, Schmerz oder Vibrationen beeinträchtigt ist. Dies kann sich in Form von Taubheitsgefühlen, Kribbeln oder einer veränderten Wahrnehmung von Reizen äußern.

Bedeutung des Sensibilitätsstrainings

Das Sensibilitätsstraining ist ein wichtiger Bestandteil der ergotherapeutischen Behandlung nach einem Schlaganfall. Ziel ist es, die Wahrnehmung der betroffenen Körperregionen zu verbessern und die Integration der betroffenen Seite in den Alltag zu fördern. Durch gezielte Übungen und Stimulationen soll die Sensibilität verbessert und die Fähigkeit, verschiedene Reize zu unterscheiden, wiederhergestellt werden.

Mögliche Übungen zum Sensibilitätsstraining

  • Differenzierung von Materialien: Unterschiedliche Materialien (z.B. rau, weich, glatt, warm, kalt) werden auf die Haut aufgetragen. Der Patient soll die Materialien erkennen und beschreiben.
  • Vibrationsreize: Durch den Einsatz von Vibrationsgeräten können gezielte Reize gesetzt werden, um die Wahrnehmung zu verbessern.
  • Taktile Stimulation: Der Patient ertastet Gegenstände mit unterschiedlichen Formen und Oberflächen und soll diese erkennen.
  • Thermisches Training: Unterschiedliche Temperaturen (warm, kalt) werden auf die Haut aufgetragen. Der Patient soll die Temperaturen unterscheiden.
  • Spiegeltherapie: Durch die Spiegelung der gesunden Körperseite wird dem Gehirn eine normale Bewegung vorgegaukelt, was die Wahrnehmung der betroffenen Seite verbessern kann.

5 Übungen zum Training der Feinmotorik nach einem Schlaganfall

Jede Übung sollte 1 Minute lang ausgeführt werden oder bis die Übung beendet ist (Labyrinth). Messen Sie also jedes Mal die Zeit oder zählen Sie die Punkte und notieren Sie sie. Beim nächsten Mal sollte die Punktzahl übertroffen bzw. die Zeit unterboten werden.

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  • Zielbewegungen: Mit einem Kugelschreiber vorgegebene Punkte unterschiedlicher Größe der Reihe nach von links nach rechts antippen. Dabei werden nur die getroffenen Punkte gewertet (1 Minute / Anzahl getroffene Punkte). Wenn die Übung mühelos gelingt, die schwierigere Variante durchführen.
  • Tippen: Nacheinander mit den Fingern auf den Tisch tippen, dabei mit dem Daumen beginnen. Jeder fehlerfreie Durchgang wird mit einem Punkt bewertet (1 Minute / Anzahl fehlerfreier Durchgänge).
  • Münzen umdrehen: Eine Münze (je kleiner, desto schwieriger) zwischen Daumen und Fingern der betroffenen Hand halten und drehen (1 Durchgang / Anzahl der Halbumdrehungen). Wenn die Münze hinunterfällt, darf die andere Hand helfen, sie wieder in die betroffene Hand zu geben.
  • Labyrinth: Mit einem Kugelschreiber zügig ein vorgedrucktes Labyrinth nachzeichnen, ohne dabei die Labyrinthlinie zu überqueren. Bei jedem Fehler wird zur erforderlichen Zeit eine Strafsekunde addiert (1 Durchgang / Sekunden inkl. Strafsekunden). Wenn die Übung mühelos gelingt, die schwierigere Variante durchführen.
  • Schrauben: Bei dieser Übung sollen Muttern auf Schrauben gedreht und wieder abgedreht werden, wobei nur mit der betroffenen Hand gedreht werden darf. Die weniger betroffene Hand hält dabei die Schraube (1 Minute / Anzahl aufgedrehter Muttern).

Neuroplastizität

Die Gehirnstrukturen sind plastisch, also lernfähig, sodass durch intensives Training die Repräsentation der geübten Funktion im Gehirn gestärkt wird (z. B. die Handregion durch Fingerübungen). Diese Fähigkeit des Gehirns nennt man »Neuroplastizität«.

Weitere ergotherapeutische Interventionen

Neben dem Sensibilitäts- und Feinmotoriktraining gibt es weitere wichtige ergotherapeutische Interventionen, die bei der Rehabilitation nach einem Schlaganfall zum Einsatz kommen:

  • Alltagstraining: Üben von alltäglichen Tätigkeiten wie Anziehen, Essen, Körperpflege, Kochen usw.
  • Hilfsmittelberatung: Anpassung und Erprobung von Hilfsmitteln, um die Selbstständigkeit im Alltag zu erhöhen.
  • Wohnraumanpassung: Beratung zur Anpassung des Wohnraums, um Barrieren zu reduzieren und die Sicherheit zu erhöhen.
  • Kognitives Training: Verbesserung von Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Konzentration und Problemlösungsfähigkeiten.
  • Psychosoziale Unterstützung: Beratung und Unterstützung bei der Bewältigung von emotionalen und sozialen Folgen des Schlaganfalls.

Ergotherapeutische Übungen für die Feinmotorik

Die Fähigkeit, mit gezielten Greifbewegungen Dinge erfassen zu können, ist eine Grundvoraussetzung dafür, alltägliche Tätigkeiten wieder zu erlernen und problemlos auszuführen. Um diese zu erlangen, eignen sich feinmotorische Übungen, die mehrmals täglich wiederholt werden sollten. Um wieder mehr Sicherheit in der Koordination der Finger zu erlangen, hat sich das regelmäßige Bewegen eines oder mehrerer Würfel zwischen Daumen sowie Zeige- und Mittelfinger erfolgreich bewährt. Fingerfertigkeit kann auch leicht trainiert werden, indem Sie auf der Tischplatte mit den Händen wiederholt die Bewegung des Klavierspielens ausführen. Das mehrmalige rasche Hin- und Herwerfen eines Tennis- oder Jonglierballes zwischen beiden Händen trainiert die Geschicklichkeit sowie das schnelle Reaktionsvermögen und stimuliert die Bewegungen von Finger- und Handgelenken. Einfaches Bauen von Türmchen aus kleinen Holzklötzen ist eine ebenso einfache ergotherapeutische Maßnahme zur Verbesserung der Feinmotorik. Nicht nur das zielsichere Zugreifen wird dabei trainiert, auch das Gefühl für die Koordination zwischen Händen und Augen sowie für den Arm, der als Stütze gegen die Schwerkraft fungiert, verbessert sich dadurch signifikant.

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