Sensomotorische Diabetische Polyneuropathie: Ursachen und Behandlung

Die sensomotorische diabetische Polyneuropathie (DSP) ist eine häufige und schwerwiegende Komplikation des Diabetes mellitus. Charakterisiert durch Nervenschäden, die sowohl sensorische als auch motorische Funktionen beeinträchtigen, betrifft sie schätzungsweise jeden dritten Diabetiker. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Symptome, Diagnose und Behandlungsoptionen der sensomotorischen diabetischen Polyneuropathie, um ein umfassendes Verständnis dieser Erkrankung zu ermöglichen.

Einführung

Die diabetische Polyneuropathie, eine der wichtigsten Folgeerkrankungen des Diabetes, entsteht durch chronisch erhöhte Blutzuckerwerte, die die Nerven schädigen. Die häufigste Form ist die distal-symmetrische Polyneuropathie (DSP), die sich durch neuropathische Schmerzen und schmerzlose Fußgeschwüre äußert und die Lebensqualität erheblich einschränkt. Es ist wichtig, die Risikofaktoren und Komplikationen zu vermeiden, um das Fortschreiten dieser Erkrankung zu verhindern.

Ursachen der Diabetischen Polyneuropathie

Die Entstehung der diabetischen Polyneuropathie ist komplex und multifaktoriell. Im Vordergrund steht die Hyperglykämie, die oxidativen Stress verursacht und pathogene Prozesse wie die Bildung von Advanced Glycation Endproducts (AGEs) aktiviert. Diese Prozesse führen zu Durchblutungsstörungen und morphologischen Veränderungen der Nerven.

Weitere Risikofaktoren, die die Entstehung einer Neuropathie begünstigen können, sind:

  • Adipositas
  • Bluthochdruck
  • Hyperlipidämie
  • Periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK)
  • Alkohol- und Nikotinabusus
  • Mangelnde körperliche Aktivität
  • Übergewicht
  • Androide Körperfettverteilung (zentrales Körperfett)

Ein Vitamin B1-Mangel kann ebenfalls Neuropathien verursachen oder verstärken, da er komplexe metabolische Störungen nach sich zieht, die die toxischen Auswirkungen der Hyperglykämie verstärken. Diabetiker haben oft eine gesteigerte renale Exkretion von Vitamin B1, was das Risiko für einen Mangel erhöht. Auch ein Vitamin B12-Mangel ist mit einem erhöhten Risiko für Neuropathien assoziiert.

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Formen der Diabetischen Neuropathie

Die diabetische Neuropathie kann verschiedene Formen annehmen, wobei die häufigste die distal-symmetrische sensible oder sensomotorische Polyneuropathie (DSP) ist. Diese Form betrifft etwa 30 % aller Patienten mit Diabetes und verursacht Schmerzen, Sensibilitätsstörungen und funktionelle Einbußen.

Weitere Formen umfassen:

  • Fokale Neuropathien: Asymmetrische Ausfälle einzelner oder mehrerer Nerven.
  • Autonome Neuropathie (ADN): Betrifft das autonome Nervensystem und kann verschiedene Organsysteme beeinträchtigen, wie das Herz-Kreislauf-System, den Magen-Darm-Trakt und den Urogenitaltrakt.

Symptome der Sensomotorischen Diabetischen Polyneuropathie

Die Symptome der sensomotorischen diabetischen Polyneuropathie entwickeln sich oft schleichend und werden von den Betroffenen anfangs nicht immer wahrgenommen. Typische Anzeichen sind:

  • Kribbeln oder "Ameisenlaufen" an Händen und Füßen
  • Brennende oder stechende Schmerzen an den Füßen oder Waden
  • Krämpfe
  • Taubheitsgefühle, fehlendes Schmerzempfinden oder Unempfindlichkeit gegenüber Temperaturunterschieden
  • Überempfindlichkeit bei Berührungen (Allodynie, Hyperalgesie)
  • Muskelschwäche an Füßen, Händen oder Unterschenkeln
  • Gangunsicherheit, insbesondere im Dunkeln
  • Fehlende Muskeleigenreflexe

Die Schmerzen werden häufig als brennend, bohrend, einschießend, krampfartig oder stechend beschrieben und verstärken sich oft nachts.

Diagnose der Diabetischen Polyneuropathie

Eine frühzeitige Diagnose der diabetischen Polyneuropathie ist entscheidend, um das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen und Komplikationen zu vermeiden. Die Diagnose umfasst in der Regel:

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  • Anamnese: Erhebung der Krankengeschichte, einschließlich Diabetesdauer, Blutzuckereinstellung, Begleiterkrankungen und Risikofaktoren.
  • Klinisch-neurologische Untersuchung: Prüfung der Sensibilität (Berührung, Schmerz, Temperatur, Vibration), Muskelkraft, Reflexe und Koordination.
  • Elektrophysiologische Untersuchung: Messung der Nervenleitgeschwindigkeit (NLG) und Elektromyographie (EMG) zur Beurteilung der Nervenfunktion.
  • Quantitative sensorische Testung (QST): Untersuchung der Wahrnehmungsschwellen für verschiedene Reize (z.B. Vibration, Temperatur).
  • Laboruntersuchungen: Blutuntersuchungen zum Ausschluss anderer Ursachen von Polyneuropathie, wie Vitaminmangel, Nieren- oder Lebererkrankungen.

Therapie der Sensomotorischen Diabetischen Polyneuropathie

Die Therapie der diabetischen Polyneuropathie zielt darauf ab, die Ursachen zu behandeln, die Symptome zu lindern und Komplikationen zu vermeiden.

Kausale Therapie

Der primäre Ansatz ist die Ausschaltung des krankheitsauslösenden Faktors Hyperglykämie durch eine möglichst normnahe Stoffwechseleinstellung. Studien haben gezeigt, dass eine langfristige Nahe-Normoglykämie bei Typ-1-Diabetikern das Risiko der Ausbildung einer peripheren Neuropathie reduzieren kann.

Weitere Maßnahmen umfassen:

  • Optimierung der Diabeteseinstellung: Durch Ernährungsumstellung, Bewegung und Medikamente (Antidiabetika oder Insulin).
  • Behandlung von Risikofaktoren: Kontrolle von Bluthochdruck, Hyperlipidämie und Übergewicht.
  • Vermeidung von Noxen: Verzicht auf Rauchen und übermäßigen Alkoholkonsum.
  • Nahrungsergänzung: Bei nachgewiesenem Mangel an Vitamin B1 oder B12 kann eine Supplementierung sinnvoll sein.

Medikamentöse Therapie

Zur Linderung neuropathischer Schmerzen stehen verschiedene Medikamente zur Verfügung:

  • Antidepressiva: Trizyklische Antidepressiva (z.B. Amitriptylin) und selektive Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SSNRI) wie Duloxetin. Duloxetin ist ein selektiver SSNRI, der zur Therapie der schmerzhaften diabetischen Neuropathie zugelassen ist. Die Substanz wirkt, indem sie bestimmte hemmende absteigende Nervenbahnen aktiviert.
  • Antikonvulsiva: Gabapentin und Pregabalin, spezifische Blocker der Kalziumkanäle. Pregabalin sollte aufgrund der soliden Datenlage und der einfachen Dosisanpassung Gabapentin vorgezogen werden.
  • Opioide: Schwache Opioide wie Tramadol und starke Opioide wie Oxycodon (als Ultima Ratio bei stärksten Schmerzen).
  • Alpha-Liponsäure: Eine Meta-Analyse von Studien zeigt, dass die Infusionstherapie mit Alpha-Liponsäure zu einem signifikanten Rückgang der neuropathischen Symptome führt. Die SYDNEY 2-Studie zeigt, dass eine orale Therapie ebenfalls effektiv ist.

Die Wirkungslosigkeit eines Medikamentes sollte erst nach mindestens 2 - 4 Wochen Therapie bei ausreichender Dosierung beurteilt werden. Häufig sind Kombinationen verschiedener Substanzklassen bei therapieresistenten Schmerzen unumgänglich.

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Nicht-pharmakologische Therapieoptionen

Ergänzend zur medikamentösen Therapie können nicht-pharmakologische Maßnahmen zur Schmerzlinderung und Verbesserung der Lebensqualität beitragen:

  • Transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS): Eine schmerzarme, nebenwirkungsfreie Methode, bei der elektrische Impulse über die Haut an die Nerven abgegeben werden.
  • Physiotherapie: Übungen zur Verbesserung der Muskelkraft, Koordination und Balance.
  • Fußpflege: Regelmäßige Kontrolle und Pflege der Füße, um Verletzungen und Infektionen vorzubeugen.
  • Spezielle Schuhe: Diabetikerschutzschuhe mit Weichpolstersohle zur Druckentlastung.
  • Hochfrequente Muskelstimulation: Kann einen günstigen Effekt auf neuropathische Symptome haben.
  • Frequenz-modulierte elektromagnetische Nervenstimulation (FREMS): Kann neuropathische Schmerzen reduzieren.

Selbstmanagement

Patienten können selbst aktiv zur Verbesserung ihrer Situation beitragen:

  • Regelmäßige Blutzuckerkontrollen und ärztliche Check-ups
  • Strikte Einhaltung der Diabetestherapie
  • Gesunde Ernährung und ausreichend Bewegung
  • Rauchstopp und Verzicht auf Alkohol
  • Tägliche Kontrolle der Füße auf Verletzungen
  • Tragen von gut sitzendem, bequemem Schuhwerk

Verlauf und Mögliche Folgen

Der Verlauf einer diabetischen Polyneuropathie ist individuell unterschiedlich und hängt stark von der Blutzuckereinstellung, Begleiterkrankungen und dem Lebensstil ab. Unbehandelt kann die Erkrankung zu schweren Komplikationen führen:

  • Diabetisches Fußsyndrom (DFS): Durch Sensibilitätsstörungen und Durchblutungsstörungen entstehen leicht Verletzungen und Geschwüre an den Füßen, die sich infizieren und schlecht abheilen können. In schweren Fällen kann eine Amputation erforderlich sein.
  • Erhöhte Sturzgefahr: Durch Muskelschwäche und Gangunsicherheit.
  • Eingeschränkte Lebensqualität: Durch Schmerzen, Schlafstörungen und funktionelle Einschränkungen.
  • Depressionen und Gewichtsverlust: Als indirekte Folge der Beschwerden und der eingeschränkten Lebensqualität.
  • Erhöhte Sterblichkeit: Objektive Marker der diabetischen Polyneuropathie wie herabgesetzte Nervenleitgeschwindigkeit und Vibrationswahrnehmung wurden als unabhängige Vorhersagefaktoren für eine erhöhte Sterblichkeit bei Diabetikern erkannt.

Prävention

Die beste Prävention der diabetischen Polyneuropathie ist eine gute Diabeteseinstellung und die Vermeidung von Risikofaktoren. Dazu gehören:

  • Früherkennung und Behandlung von Diabetes mellitus
  • Optimale Blutzuckerkontrolle
  • Gesunder Lebensstil mit ausgewogener Ernährung und regelmäßiger Bewegung
  • Vermeidung von Rauchen und übermäßigem Alkoholkonsum
  • Regelmäßige Kontrolluntersuchungen beim Arzt

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