Für Menschen mit neurologischen Erkrankungen wie Morbus Parkinson kann der Alltag durch Gangunsicherheiten erheblich beeinträchtigt werden. Sensomotorische Einlagen bieten hier einen vielversprechenden Therapieansatz. Dieser Artikel beleuchtet die Wirkungsweise sensomotorischer Einlagen, ihre Anwendungsbereiche bei Parkinson und gibt Hinweise zur optimalen Nutzung.
Grundlagen sensomotorischer Einlagen
Sensomotorische Einlagen, auch propriozeptive Einlagen genannt, unterscheiden sich grundlegend von herkömmlichen orthopädischen Einlagen. Während herkömmliche Einlagen primär eine passive Unterstützung des Fußes bieten, zielen sensomotorische Einlagen darauf ab, aktiv auf die Muskulatur und das Nervensystem einzuwirken.
Wirkungsweise
Das Prinzip der Sensomotorik basiert auf der engen Verbindung zwischen Bewegung und Körperwahrnehmung. Sensomotorische Einlagen stimulieren gezielt Rezeptoren in den Sehnen der Fußmuskulatur, wodurch Rezeptorsignale der Propriozeptoren im Muskelbauch und im Muskel-Sehnen-Übergangsbereich verändert werden. Diese Stimulation beeinflusst das Zusammenspiel zwischen Nerven und Muskeln. Das zentrale Nervensystem reagiert auf diese Reize mit An- oder Entspannung der Muskulatur, was wiederum die Stellung der Gelenke und die Statik des Körpers beeinflusst. Biomechanische Drehmomente können so dynamische Prozesse wie Fuß- und Beinrotationen beeinflussen.
Trainingseffekt
Durch den Ausgleich muskulärer Dysbalancen wirken sensomotorische Einlagen ursächlich auf damit zusammenhängende Beschwerden ein. Es entsteht ein Trainingseffekt für die Muskulatur, der dazu führen kann, dass Fehlstellungen und funktionelle Defizite korrigiert werden. Diese Wirkung wurde in einer Studie der Universität Saarbrücken nachgewiesen. EMG-Messungen zeigten, dass sensomotorische Einlagen das Aktivitätsmuster von Muskeln wie M. peroneus longus, M. tibialis anterior und M. gastrocnemius differenziert und reversibel verändern können.
Anwendungsbereiche bei Parkinson
Bei Parkinson-Patienten können sensomotorische Einlagen dazu beitragen, Gangunsicherheiten zu reduzieren und die Stabilität zu verbessern. Neurologische Erkrankungen wie Parkinson beeinträchtigen das neuromuskuläre Zusammenspiel, was zu Störungen in der Signalübertragung zwischen Gehirn und Muskulatur führen kann. Dies kann unsichere und unkoordinierte Bewegungen zur Folge haben.
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Gezielte Stimulation
Sensomotorische Einlagen setzen hier an, indem sie durch gezielte Impulse die Sensorik der Fußsohle stimulieren und so das Zusammenspiel zwischen Nerven und Muskeln fördern. Die Einlagen sind so konzipiert, dass sie die Muskelaktivität gezielt anregen, wodurch die Fußmuskulatur gestärkt, das Gleichgewicht verbessert und die Gefahr von Fehltritten reduziert wird.
Verbesserung des Gangbildes
Durch die Stimulation bestimmter Punkte an der Fußsohle verbessern sensomotorische Einlagen die motorische Antwort und fördern eine aktivere Muskelarbeit. Dies führt zu einer verbesserten Gelenkführung und einer natürlicheren, effizienteren Gangart. Das Abrollverhalten der Füße wird verbessert und die Rotation im Kniegelenk sowie die Belastung der Achillessehne nachhaltig reduziert.
Vorteile sensomotorischer Einlagen
- Aktive Korrektur von Gangbild, Gleichgewicht und Haltung: Stärkung und Entspannung der Fußmuskulatur zur aktiven Korrektur von Fußfehlstellungen und Entlastung der Gelenke.
- Effektive Linderung von Beschwerden: Direkte Adressierung und Korrektur dysfunktionaler Bewegungsmuster, die Schmerzen in Füßen, Knien, Hüften und Rücken verursachen können.
- Steigerung der Leistungsfähigkeit: Optimierung von Kraftübertragung und Bewegungsabläufen für bessere sportliche Leistungen.
- Langfristige Gesundheitsförderung: Förderung gesunder Bewegungsmuster für anhaltende körperliche Fitness und Wohlbefinden.
- Mehr Sicherheit: Sensomotorische Einlagen können dazu beitragen, Gangunsicherheiten zu reduzieren und die Stabilität zu verbessern.
- Mehr Kontrolle: Durch die gezielte Stimulation der Fußmuskulatur können Patienten mehr Kontrolle über ihre Bewegungen erlangen.
- Mehr Selbstständigkeit: Die verbesserte Gangsicherheit und Stabilität können Patienten helfen, ihren Alltag selbstständiger zu gestalten.
Individuelle Anpassung und Anwendung
Sensomotorische Einlagen werden auf Grundlage einer umfassenden Analyse der Füße individuell angepasst. Diese Analyse umfasst sowohl die Betrachtung des Fußes im Stand als auch in Bewegung.
Ganganalyse
Eine computergestützte Ganganalyse kann die Ursachen einer Gangstörung aufdecken. Die podometrische Ganganalyse gibt Aufschluss über Druckbeschwerden und Überlastung an der Fußsohle. Mittels videogestützter Ganganalyse wird ein Überblick über die Achsen von Fuß, Knie, Hüfte und Oberkörper gewonnen. Die unterschiedlichen Fehlbelastungen werden sichtbar und verkürzte oder zu schwache Muskulatur wird erkannt.
Individuelle Fertigung
Auf Basis der Ganganalyse werden die sensomotorischen Einlagen individuell gefertigt. Dabei werden gezielte Reizpunkte auf der Einlage platziert, die Muskelgruppen beeinflussen, die für Haltung, Gangbild und Belastungsverteilung entscheidend sind.
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Tragedauer
Die Einlagen sollten zunächst stundenweise getragen und die Tragezeit langsam gesteigert werden. In den ersten zwei Wochen kann es zu einer Veränderung, manchmal auch kurzzeitig zur Verstärkung der Schmerzen kommen, da sich das ganze Bewegungssystem neu organisiert. Auch Muskelkater in den ersten Tagen ist normal. Sportler müssen mit kleineren Trainingseinheiten beginnen.
Varianten
Es gibt sehr dünne Varianten, die sich für elegantes und modisches Schuhwerk eignen, sowie weichgepolsterte Einlagen für Sportschuhe. Für Ballsportarten werden dünne Einlagen in einer anderen Shorehärte verwendet. Selbst in Fußballschuhen, die wenig Platz bieten, können diese Einlagen eingepasst werden. Diese Einlagen sind extrem leicht mit einem Gewicht je nach Schuhgröße von 30-38 Gramm.
Wichtige Hinweise
- Ärztliche Aufsicht: Jede Einlage stellt einen Eingriff in das sensomotorische System dar. Daher gehört die Einlagentherapie unbedingt unter ärztliche Aufsicht.
- Kontrolltermine: Regelmäßige Kontrolltermine sind wichtig, um den Therapieverlauf zu überwachen und die Einlagen gegebenenfalls anzupassen. Ein Kontrolltermin nach 8 bis 12 Wochen ist empfehlenswert.
- Kostenübernahme: Die Kostenübernahme durch die Krankenkasse ist immer eine Einzelfallentscheidung.
Ergänzende Therapien
Die sensomotorische Einlagentherapie kann problemlos in ein bestehendes Therapiekonzept integriert werden. Sie ist optimal mit manuellen und osteopathischen Techniken, Praktiken der Traditionellen Chinesischen Medizin oder z. B. auch mit der Stoßwellentherapie kombinierbar. Zur Diagnostik kann vorhandene Technik wie z.B. Ganganalyse, Pedobarographie und EMG, sinnvoll eingesetzt werden.
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