Singen: Wie Gesang das Gehirn stärkt und die Gesundheit fördert

Jeder, der jemals in einem Chor gesungen hat, weiß, dass Singen eine Reihe positiver Auswirkungen auf Körper und Geist hat. Die Forschung bestätigt diese Erfahrung und zeigt, dass Singen weit mehr ist als nur ein angenehmer Zeitvertreib. Es ist ein umfassendes Training für das Gehirn und ein wirksames Mittel zur Förderung der psychischen und physischen Gesundheit.

Singen als kognitives Training

Normalerweise denken wir beim Singen an eine Sache und beim Sprechen an eine andere. Das Singen in der Gruppe hat also etwas, das dem Gehirn hilft, schnell Wörter zu finden. Einer der Hauptgründe, warum Forschende glauben, dass das Spielen eines Instruments dem Gehirn helfen kann, ist, dass es die Menge an Informationen, die in einem bestimmten Moment verarbeitet werden, erhöht. Wer im Chor singt und diesen Artikel liest, weiß, dass man auf der Bühne eine Menge Informationen verarbeiten muss, vor allem, wenn man gerade die intensiven Tage eines Chorfestivals erlebt. Wenn man anfängt, alles aufzulisten, was man gleichzeitig beachten muss, ist man wirklich überrascht, dass das alles zusammen überhaupt möglich ist. Unsere geistigen Fähigkeiten bleiben umso schärfer, je mehr wir unser Gehirn in diesen Phasen der intensiven Informationsverarbeitung beanspruchen.

Singen als Stimmungsaufheller und Stressabbau

Das Singen in einem Chor kann sich auch sehr positiv auf die psychische Gesundheit auswirken. Das liegt vor allem daran, dass das Singen Dopamin, Endorphine und Oxytocin freisetzt. Diese Hormone sind bekannt für ihre stimmungsaufhellenden, schmerzlindernden und entspannenden Eigenschaften.

Durch den Chorgesang kommt man mit vielen Menschen in Kontakt und bildet eine Gemeinschaft. Diese beiden Effekte heben die allgemeine Stimmung, was auf lange Sicht bedeutet, dass es bei vielen Menschen zu einer Verringerung von Bewusstseinstrübungen, des so genannten „Brain Fog“, führen kann. Bei Brain Fog oder auch „Hirnnebel“ handelt es sich im Wesentlichen um Schwierigkeiten, bei der Konzentration und beim Erinnerungsvermögen. Es gibt eine Vielzahl von Ursachen für den Hirnnebel, aber stimmungsaufhellende Chemikalien, wie sie im Gehirn durch das Singen entstehen, und soziale Interaktion sind eine gute Möglichkeit, ihn zu reduzieren.

Singen und die Vernetzung des Gehirns

Jüngste Forschungen haben gezeigt, dass trainierte Sängerinnen und Sänger mehr Verbindungen zwischen vielen Teilen des Gehirns haben. Es könnte bedeuten, dass das Gehirn seine jugendliche Vitalität wiedererlangt und beibehält, wenn Ihr aktiv einem Chor beitretet. Die Tatsache, dass das Singen dazu führt, dass das Gehirn seine Verbindungen auffrischt, ist in diesem Zusammenhang sehr wichtig.

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Wissenschaftliche Erkenntnisse und Studien

Eine britische Studie, veröffentlicht im Fachblatt "Geriatric Psychiatry", nutzte Daten von mehr als 1000 Erwachsenen über 40 Jahren aus der "PROTECT"-Studie, um zu ergründen, wie Gehirne altern und warum Menschen an Demenz erkranken. Die Ergebnisse zeigten, dass Menschen, die sich ein Leben lang mit Musik beschäftigen, im Alter ein leistungsfähigeres Gehirn haben. Insbesondere das Spielen eines Instruments, vor allem des Klaviers oder Keyboards, war mit einer Verbesserung des Gedächtnisses und der Fähigkeit, komplexe Aufgaben zu lösen, verbunden. Auch das Musizieren mit Holz- oder Blechblasinstrumenten wirkte sich positiv aus. Die Studie ergab auch Hinweise darauf, dass Singen mit einer verbesserten Hirngesundheit verbunden ist, insbesondere im Hinblick auf sprachliche Fähigkeiten.

Forschende der Universität von Exeter haben einen Zusammenhang zwischen der Beschäftigung mit Musik während des gesamten Lebens und der Gesundheit des Gehirns im Alter festgestellt. Die Ergebnisse deuteten darauf hin, dass die Förderung der musikalischen Bildung einen wertvollen Beitrag im Bereich der öffentlichen Gesundheit leisten könnte. Gleiches gelte für die Ermutigung älterer Erwachsener, im späteren Leben zur Musik zurückzukehren. Das Team weist darauf hin, dass es beachtliche Belege für den Nutzen von Musikgruppenaktivitäten für Demenzkranke gebe.

Singen stärkt das Immunsystem

Der Körper produziert nach rund 60 Minuten Singen deutlich mehr Immun-Botenstoffe als zuvor und kann sich so beispielsweise besser gegen Viren und Co. wehren. Zu diesem Schluss kam ein Forscherteam um die britische Biopsychologin Daisy Fancourt. In ihrer Studie untersuchten die Wissenschaftler des Imperial College London mehr als 190 Speichelproben von Chormitgliedern, die sie vor und nach der Chorstunde entnahmen. Sie fanden unter anderem heraus, dass die Probanden nach der Singstunde deutlich entspannter waren, weil der Spiegel des Stresshormons Cortisol im Vorher-Nachher-Vergleich gesunken war. Zudem fand man eine erhöhte Zytokin-Aktivität im Speichel. Zytokine sind körpereigene Eiweiß-Moleküle, die Informationen zwischen den am Immunsystem beteiligten Zellen austauschen. Singen könnte nach Fancourt dabei helfen, die Krebstherapie besser zu durchstehen.

Singen ist gut fürs Herz-Kreislauf-System

Um den Kreislauf in Schwung zu bringen, reichen schon 15 Minuten Singen. Nebenbei verstärkt sich die Atmung und der Körper erhält mehr Sauerstoff. Forscher der schwedischen Universität Göteburg fanden zudem heraus, dass das Herz bei Menschen, die zum Beispiel im Chor zusammen singen, nach einer gewissen Zeit im gleichen Takt schlägt und sich der Herzrhythmus stabilisiert - und das hat wiederum einen positiven Effekt auf das Herz-Kreislauf-System.

Singen für mehr Lebensfreude

Singen kann als natürliches Antidepressivum bezeichnet werden. Studien mit professionellen Sängern lassen darauf schließen, dass Menschen, die oft und viel singen, entspannter sind und sich insgesamt besser fühlen. Zum Beispiel haben schwedische Forscher herausgefunden, dass das „Kuschelhormon“ Oxytocin während des Singens vermehrt ausgeschüttet wird. Auch andere Glückshormone werden beim Singen vermehrt ausgesetzt: Adrenalin, Dopamin, Serotonin und Endorphin steigern unser Wohlbefinden und stimmen uns fröhlich.

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Singen in der Therapie

In der Therapie hat sich Singen bei verschiedenen Krankheiten bewährt. Menschen mit Lungenerkrankungen (COPD) und neurologischen Erkrankungen wie der Alzheimer-Demenz, Parkinson und Aphasien profitieren von den körperlich-funktionalen Aspekten des Singens. In der Psychiatrie werden besonders positive Effekte bei Menschen mit affektiven Störungen wie Depressionen oder psychosomatischen Erkrankungen beobachtet.

Tipps für ein gesünderes Leben durch Singen

  • Atemübungen: Sänger bereiten sich vor ihrer Probe oder ihrem Auftritt mit Atemübungen vor - die können Sie auch wunderbar zuhause vor dem Spiegel ausführen. Sie wirken befreiend und entspannend. Zum Beispiel das Lippenflattern: Legen Sie Ihre Hände auf den Bauch. Dann versuchen Sie, wie ein Pferd zu schnauben: Einmal tief Luft holen und die Lippen in Schwingung bringen. Wenn es nicht sofort klappt, probieren Sie einmal, die Mundwinkel weiter nach unten zu ziehen.
  • Gemeinsam singen: Suchen Sie sich einen Chor in Ihrer Nähe. Ob Gospel, Pop oder Volkslieder - das Liederrepertoire sollte Ihnen zusagen. Am besten sind Gruppen, bei denen es nicht in erster Linie um Leistung geht, sondern der Spaß im Vordergrund steht. Tipp: In vielen Städten wird auch ein „Offenes Singen“ angeboten, bei dem Sie einfach dazukommen können.
  • Singen zu besonderen Anlässen: „Happy Birthday to you“ singen Sie vielleicht häufig zu Geburtstagen. Aber wie sieht es zu Weihnachten, zu Hochzeiten oder anderen besonderen Anlässen aus? Stimmen Sie ein Lied an. In der Regel steigen andere mit ein.
  • Musik laut aufdrehen: Ob beim Staubsaugen, Abwaschen oder wenn Sie auf dem Sofa liegen - wählen Sie Ihren Lieblingssong aus, drehen Sie die Lautstärke hoch und singen Sie nach Lust und Laune mit. Schiefe Töne sind hier egal, denn keiner hört Ihnen dabei zu. Wenn Sie mögen, tanzen Sie dazu - das wirkt einfach befreiend.
  • Singen mit Kindern: Kinder singen für ihr Leben gerne. Warum also nicht mal mit den Kleinen zusammen ein Lied anstimmen? Das muss nicht immer „Alle meine Entchen“ sein - viele Kinder lassen sich auch von modernen Songs begeistern. Lassen Sie sich vom kindlichen Enthusiasmus anstecken!

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