Smartwatches für Epileptiker: Funktionen und Möglichkeiten zur Anfallserkennung

Epilepsie ist eine neurologische Erkrankung, von der weltweit mehr als 50 Millionen Menschen betroffen sind. Charakteristisch sind schwere Anfälle, die oft mit Bewusstlosigkeit und Verletzungen einhergehen können. Die Unvorhersehbarkeit der Anfälle stellt eine große Herausforderung für Betroffene und ihre Betreuer dar. Smartwatches und andere tragbare Geräte (Wearables) bieten neue Möglichkeiten, das Leben von Menschen mit Epilepsie zu verbessern. Sie können Körperfunktionen kontinuierlich messen, Anfälle erkennen und im Notfall Hilfe rufen.

Die Herausforderungen bei Epilepsie

Die Ungewissheit, wann der nächste Anfall kommt, ist einer der belastendsten Aspekte der Erkrankung. Viele Patienten können sich aufgrund von Amnesie nicht an ihre Anfälle erinnern, was die Therapie und Therapiekontrolle erschwert. Bisher führen Patienten handschriftliche Anfalls-Tagebücher, in die sie Dauer, Stärke und mögliche Auslöser eines Anfalls eintragen. Tragbare Systeme, die Anfälle automatisiert und zuverlässig erkennen und dokumentieren, sind daher von großem Wert.

Wie Smartwatches bei Epilepsie helfen können

Moderne Wearables können eine Vielzahl von Sensoren integrieren, die sich zur Anfallserkennung nutzen lassen. Sie liefern medizinisch verwertbare Daten zur Häufigkeit von Anfällen und können durch eine Alarmfunktion dazu beitragen, dass Betroffene schneller Hilfe erhalten. Wearables haben das Potenzial, mehrere kritische Lücken in der Epilepsieversorgung zu schließen.

Funktionen von Smartwatches für Epileptiker

  • Anfallserkennung: Smartwatches messen biologische Parameter wie Körperbeschleunigung, Herzfrequenz und Hautleitfähigkeit, die sich bei epileptischen Anfällen charakteristisch verändern.
  • Alarmfunktion: Im Falle eines erkannten Anfalls kann die Smartwatch automatisch einen Notruf an vorher festgelegte Kontakte (z.B. Angehörige, Betreuer) absetzen und den aktuellen GPS-Standort übermitteln.
  • Dokumentation von Anfällen: Die Geräte können Daten über die Anfallshäufigkeit aufzeichnen, die dazu dienen, Behandlungsfehler zu erkennen und die Therapie bei Bedarf anzupassen.
  • Medikamentenerinnerung: Smartwatches können die Träger per Signalton an ihre Medikamenteneinnahme erinnern.
  • Sturzerkennung: Eine automatische Sturzerkennung sorgt dafür, dass im Falle eines Sturzes, zuvor definierte Notfallkontakte informiert werden.

Beispiele für Smartwatches für Epileptiker

  • Embrace-Uhr: Die Embrace-Uhr ist mit Sensoren ausgestattet, die über die Haut einen epileptischen Anfall registrieren. Die Alert-App bekommt das Signal, um vorab ausgewählte Personen im Ernstfall per SMS oder Anruf zu informieren. Die Embrace-Uhr ist innerhalb der EU ein Medizinprodukt der Klasse IIa.
  • Epi-Care mobile: Epi-Care mobile erkennt tonisch-klonische Anfälle und sendet den Alarmanruf an das Mobiltelefon der Bezugsperson. Zusätzlich können GPS-Koordinaten per SMS mitgeteilt werden. Die App kann bei einem Anfall verschiedene Nummern wählen, abhängig davon, wo man sich befindet.
  • TCL Safety Watch: Die TCL Safety Watch mit Gesundheitsfunktion erkennt, dass Epileptiker gestürzt ist und sendet einen Notruf aus, sofern der Träger der Uhr nicht innerhalb von 60 Sekunden reagiert und durch einen Knopfdruck bestätigt, dass es ihm gut geht. Sie verfügt über eine automatische Sturzerkennung und kann bis zu drei Notrufnummern einspeichern.

Forschung und Entwicklung

Wissenschaftler arbeiten an der Entwicklung von Systemen, die epileptische Anfälle und Phasen hohen Anfallsrisikos vorhersagen können. Die selbstlernenden Systeme untersuchen Hautfeuchtigkeit, Körperbewegung und weitere Eigenschaften auf typische Veränderungen. Die Verwendung von Smartphones und anderen bestehenden Technologien soll das Warnsystem möglichst schnell vielen Menschen zugänglich machen.

An der Universität Paderborn wird beispielsweise an einem neuartigen System für ein am Handgelenk getragenes Wearable gearbeitet, das Prognosen in Echtzeit abgibt. Die Wissenschaftler entwickeln einen Algorithmus und einen Plattform-Prototyp, der Live-Daten vom Wearable erfasst, verarbeitet und im Falle einer erhöhten Anfallswahrscheinlichkeit einen Alarm auslöst.

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Das Universitätsklinikum Freiburg beteiligt sich maßgeblich an der Entwicklung mobiler Geräte, die epileptische Anfälle vorhersagen können. Im Rahmen des Forschungsprogramms RADAR-CNS wird der Standort Freiburg mit 800.000 Euro gefördert.

Herausforderungen und Einschränkungen

Theoretisch können tragbare Systeme mittels peripherer Sensoren bereits physiologische Signale wie die elektrische Hirnaktivität, die Herzfrequenz, Muskelspannung, Bewegungen oder die elektrische Leitfähigkeit der Haut messen. Doch der Funktionsumfang der Geräte, die derzeit auf dem Markt sind, ist deutlich geringer. Nur wenige Geräte können Anfälle mit ausgeprägten Bewegungen wie tonische, hypermotorische oder myoklonische Anfälle erkennen, da diese in der Regel kürzer andauern als generalisierte konvulsive Anfälle.

Neben der Sensitivität ist die Rate an Fehlalarmen ein wichtiges Qualitätskriterium. Bei den auf dem Markt befindlichen Geräten, für die veröffentlichte Daten vorliegen, zeigten sich Häufigkeiten zwischen 0,1 und 2,5 fälschlich registrierter Anfälle pro Tag.

Ein häufig übersehener Aspekt ist die Akkulaufzeit. Aktuell müssen alle Epilepsie-Wearables zum Aufladen abgenommen werden. Dabei besteht aber jedes Mal das Risiko, dass die Patienten vergessen, die Geräte wieder anzulegen.

Alltag mit Epilepsie meistern

Menschen mit Epilepsie müssen ihre Lebensführung entsprechend anpassen. Durch das Vermeiden von Gefahrenzonen und Reizfaktoren, die Anfälle begünstigen können, lässt sich das Risiko von Verletzungen bereits deutlich verringern. Schlafmangel, Reizüberflutung oder ständiger Stress können bei vielen Betroffenen Anfälle triggern. Es ist also wichtig, vor allem auch auf die seelische Verfassung und auf das allgemeine Wohnbefinden zu achten. Auch eine ausgewogene Ernährung kann dabei helfen, die Epilepsie im Alltag besser in den Griff zu bekommen.

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