Somatisches Nervensystem Störung: Ursachen, Symptome und Therapie

Das somatische Nervensystem, ein willkürlich steuerbarer Teil des Nervensystems, ermöglicht bewusste Bewegungen und die Wahrnehmung von Sinnesreizen. Störungen in diesem System können sich vielfältig äußern und die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Symptome und Therapieansätze von somatischen Nervensystem Störungen, wobei ein besonderer Fokus auf somatoformen Störungen liegt.

Was sind somatoforme Störungen?

Somatoforme Störungen sind psychische Erkrankungen, bei denen Betroffene körperliche Beschwerden erleben, die nicht vollständig durch organische Ursachen erklärt werden können. Die Symptome ähneln echten Erkrankungen, es liegen jedoch keine ausreichenden organischen Befunde vor.

Hippokrates hatte zum Beispiel die Vorstellung, die Gebärmutter würde bei Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch Bewegungen machen, die verschiedene körperliche Beschwerden hervorrufen würden. Deshalb nahm man lange Zeit an, dass „Hysterie“ nur bei Frauen auftreten würde.

Es ist normal, im Laufe des Lebens immer wieder körperliche Missempfindungen zu erleben: 80 Prozent der Bevölkerung berichten über vorübergehende körperliche Beschwerden ohne klare organische Ursache. Diese gehen aber meist von selbst wieder zurück und werden von den meisten Menschen nur wenig beachtet.

Es ist auch nicht selten, dass jemand mit Beschwerden einen Arzt aufsucht, ohne dass sich eine organische Ursache finden lässt - Untersuchungen zeigen, dass das bei etwa zwanzig Prozent der Patienten der Fall ist.

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Es gibt jedoch auch Menschen, die immer wieder unterschiedliche körperliche Beschwerden haben, ohne dass sich eine körperliche Ursache finden lässt. Diese Beschwerden werden in vielen Fällen chronisch und können die Lebensqualität deutlich beeinträchtigen. Dann spricht man auch von einer somatoformen Störung - das bedeutet, dass den Symptomen sehr wahrscheinlich psychische Ursachen zugrunde liegen.

Die Ursachen für diese Störungen sind vielfältig und umfassen psychologische, soziale und genetische Faktoren. Häufig gehen sie mit erheblichen Beeinträchtigungen im Alltag und großem Leidensdruck einher.

Ursachen und Risikofaktoren

Die Ursachen für somatoforme Störungen sind vielfältig und individuell. Es gibt nicht die eine bestimmte Ursache, sondern ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Faktoren, die eine Rolle spielen können.

  • Psychische Faktoren: Stress, Trauer, ungelöste Konflikte und traumatische Erfahrungen können sich körperlich äußern und zu Symptomen wie Schwindel, Schmerzen, Herzrasen oder Verdauungsstörungen führen. Seelisches Befinden und körperliche Vorgänge sind eng verbunden, unter anderem über Stresshormone und das vegetative Nervensystem.
  • Soziale Faktoren: Belastende Lebenssituationen, soziale Konflikte und mangelnde soziale Unterstützung können ebenfalls zur Entstehung einer somatoformen Störung beitragen.
  • Genetische Faktoren: Es gibt Hinweise darauf, dass eine genetische Veranlagung die Anfälligkeit für somatoforme Störungen erhöhen kann.
  • Weitere Risikofaktoren: Stress, Überforderung, emotionale Belastung und traumatische Erlebnisse in der Kindheit können das Risiko für die Entwicklung einer somatoformen Störung erhöhen.

Symptome

Die Symptome einer somatoformen Störung können sehr vielfältig sein und sich auf verschiedene Organsysteme beziehen. Typisch ist das zeitgleiche Auftreten von Beschwerden in unterschiedlichen Organbereichen, wie zum Beispiel Schmerzen in mehreren Körperteilen, Magen-Darm-Beschwerden, Menstruationsbeschwerden, sexuelle Lustlosigkeit, Potenzprobleme, Schwindel, Kloßgefühl im Hals oder Muskelschwäche.

Zu den häufigsten Beschwerden gehören:

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  • Schmerzsymptome: Kopfschmerzen, Brustschmerzen, Rückenschmerzen, Gelenkschmerzen, Muskelschmerzen
  • Müdigkeit und Erschöpfung
  • Magen-Darm-Beschwerden: Bauchschmerzen, Übelkeit, Durchfall, Verstopfung, Blähungen
  • Herz-Kreislauf-Symptome: Herzrasen, Herzstolpern, Brustschmerzen, Schwindel
  • Sexuelle Störungen: Verlust der Libido, Erektionsstörungen, Menstruationsbeschwerden
  • Neurologische Symptome: Schwindelgefühle, Kribbeln, Taubheitsgefühle

Charakteristisch sind Beschwerden in verschiedenen, wechselnden Organsystemen, wie Magen-Darm-Trakt, Urogenitaltrakt, Muskulatur, Herz-Kreislauf-System und Sinnesorgane. Auch kann es zu sexuellen Funktionsstörungen kommen. Manchmal ist über lange Zeit ein bestimmtes Organ oder -system betroffen, wie der Darm beim Reizdarmsyndrom oder das Innenohr bei Schwindelerkrankungen.

Formen von somatoformen Störungen

Es gibt verschiedene Unterformen von somatoformen Störungen, die sich in ihren Symptomen und ihrem Verlauf unterscheiden. Nach ICD-10 lassen sich folgende Unterformen unterscheiden:

  • Somatisierungsstörung: Hierbei treten immer wieder unterschiedliche, häufig wechselnde körperliche Symptome auf, die unterschiedlich stark ausgeprägt sein können. Sie bestehen über mindestens zwei Jahre und können sich auf jeden Teil des Körpers beziehen.
  • Undifferenzierte Somatisierungsstörung: Dieses Erkrankungsbild ähnelt der Somatisierungsstörung, ist aber weniger schwer ausgeprägt. Es treten ebenfalls zahlreiche, unterschiedliche körperliche Beschwerden auf, die über mindestens sechs Monate anhalten. Sie erfüllen jedoch nicht das vollständige Bild einer Somatisierungsstörung.
  • Hypochondrische Störung: Von einer hypochondrischen Störung spricht man, wenn jemand sich seit mindestens sechs Monaten ständig mit dem Gedanken beschäftigt, an einer oder mehreren schweren oder fortschreitenden körperlichen Erkrankungen zu leiden. Dabei halten die Betroffenen auch an dieser Überzeugung fest, wenn ärztliche Befunde das Gegenteil gezeigt haben.
  • Somatoforme autonome Funktionsstörung: Hierbei berichten die Betroffenen über Symptome, die scheinbar auf eine körperliche Erkrankung eines bestimmten Organsystems bzw. des vegetativen Nervensystems hindeuten. Dies können zum Beispiel Symptome des Herz-Kreislauf-Systems, des oberen oder unteren Verdauungstrakts, des Atmungssystems oder der Harn- oder Geschlechtsorgane sein.
  • Anhaltende Schmerzstörung: Hierbei treten mindestens sechs Monate lang schwere und anhaltende Schmerzen auf, die vermutlich ganz oder teilweise psychische Ursachen haben. Sie führen zu bedeutsamem Leiden und Beeinträchtigungen im persönlichen, sozialen oder beruflichen Bereich.

Diagnose

Die Diagnose von somatoformen Störungen erfordert ein systematisches und sorgfältiges Vorgehen. Zunächst erfolgt eine ausführliche Erhebung der Krankengeschichte des Patienten. Dabei werden die aktuellen Beschwerden hinsichtlich Art, Dauer, Intensität und Verlauf genau dokumentiert. Zusätzlich wird die frühere Krankheitsgeschichte einschließlich medizinischer Behandlungen und familiärer Gesundheitsprobleme berücksichtigt.

Eine umfassende körperliche Untersuchung ist entscheidend, um mögliche organische Ursachen der Symptome auszuschließen. Parallel zur körperlichen Untersuchung erfolgt eine psychologische Bewertung des Patienten. Hierbei kommen neben einem ausführlichen klinischen Interview auch standardisierte Fragebögen und Skalen zum Einsatz, die psychische Beschwerden erfassen und die Symptomschwere bewerten.

Zur Identifikation und Klassifikation der somatoformen Störung werden die Diagnosekriterien der aktuellen Internationalen Klassifikation der Krankheiten (International Classification of Diseases, ICD) herangezogen. Die Diagnostik somatoformer Störungen erfordert in der Regel, dass Fachärzte aus verschiedenen Disziplinen, darunter Neurologie oder Gastroenterologie, einbezogen werden, um eine umfassende Abklärung zu gewährleisten.

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Therapie

Die Therapie somatoformer Störungen erfordert einen umfassenden und multidisziplinären Ansatz, da die Beschwerden sowohl körperliche als auch psychische Aspekte umfassen. Die Behandlung zielt darauf ab, die Symptome zu lindern, die Lebensqualität zu verbessern und die zugrunde liegenden psychischen Faktoren zu besprechen.

  • Psychotherapie: Verschiedene psychotherapeutische Ansätze können bei somatoformen Störungen zum Einsatz kommen. Die kognitive Verhaltenstherapie hat sich als besonders wirksam erwiesen. Sie hilft den Betroffenen, dysfunktionale Gedanken und Verhaltensweisen zu erkennen und zu verändern. Auch achtsamkeitsbasierte Therapien, also Techniken wie Achtsamkeitstraining und Meditation, können helfen, den Umgang mit Stress und körperlichen Beschwerden zu verbessern.
  • Pharmakotherapie: Antidepressiva, insbesondere selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, können bei der Behandlung somatoformer Störungen hilfreich sein, vor allem wenn depressive Symptome vorliegen. Bei einer Schmerzsymptomatik können auch trizyklische Antidepressiva vorteilhaft sein. In einigen Fällen können auch angstlösende Medikamente sinnvoll sein, um die Furcht vor körperlichen Symptomen zu reduzieren. Die Medikation mit Psychopharmaka wird durch Therapeutisches Drug-Monitoring individuell angepasst.
  • Körperliche Aktivität und Physiotherapie: Regelmäßige körperliche Aktivität und gezielte physiotherapeutische Maßnahmen können helfen, körperliche Beschwerden zu lindern und das allgemeine Wohlbefinden zu steigern.
  • Selbsthilfegruppen: Der Austausch mit anderen Betroffenen in Selbsthilfegruppen kann Unterstützung und Verständnis bieten und das Gefühl der Isolation verringern.
  • Multidisziplinäre Zusammenarbeit: Eine enge Zusammenarbeit zwischen Hausärzten, Fachärzten, Psychotherapeuten und Physiotherapeuten ist entscheidend, um eine umfassende und koordinierte Behandlung sicherzustellen.

Umgang mit der Erkrankung

Viele Betroffene haben auf der Suche nach einer Erklärung für ihr Leiden eine Odyssee an Arztbesuchen hinter sich. Oft fühlen sie sich unverstanden, weil ihnen gesagt wurde, dass sie gesund seien. Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, dass die Beschwerden real sind, auch wenn keine organische Ursache gefunden wurde.

Folgende Tipps können helfen, den Alltag mit einer somatoformen Störung besser zu bewältigen:

  • Körperlich aktiv bleiben: Bleiben Sie trotz und mit Ihren Beschwerden körperlich aktiv. Wechseln Sie ab zwischen Phasen der Aktivität und Phasen der Entspannung.
  • Entspannungstechniken erlernen: Das regelmäßige Üben einer Entspannungstechnik (z.B. Progressive Muskelentspannung, Autogenes Training) kann helfen, Stress abzubauen und die Beschwerden zu lindern.
  • Soziale Kontakte pflegen: Nehmen Sie am gesellschaftlichen Leben teil! Pflegen Sie ganz bewusst Ihre Kraftquellen und Ressourcen, z.B. durch Hobbies: Was tut Ihnen gut? Wo fühlen Sie sich wohl?
  • Eigene Strategien entwickeln: Finden Sie heraus, welche Gedanken, Verhaltensweisen und Strategien Ihre Beschwerden linden!
  • Austausch suchen: Tauschen Sie sich aus! Menschen mit unklaren körperlichen Beschwerden wird oft mit einer gewissen Skepsis begegnet. Sie sehen sich oft mit dem Vorwurf konfrontiert, sich ihre Beschwerden nur einzubilden. Es ist deshalb wichtig, dass Angehörige und Freunde die Erkrankung anerkennen und für die betreffende Person da sind.

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