Nerven sind essenziell für die Steuerung unseres Körpers und die Wahrnehmung unserer Umwelt. Sie sind wie "Telefonleitungen", die Informationen zwischen Gehirn und Organen vermitteln. Von bewussten Muskelbewegungen bis hin zu unbewussten Reflexen und Stoffwechselprozessen - Nerven regulieren eine Vielzahl von Funktionen.
Nerven: Mehr als nur "Drahtseile"
Der Wunsch nach "Nerven wie Drahtseile" ist weit verbreitet, um auch in stressigen Situationen gelassen zu bleiben. Doch Nerven sind weit mehr als nur für Gefühle oder geistige Leistungsfähigkeit zuständig. Sie steuern die Abläufe im gesamten Körper.
Die Funktion der Nerven
Vereinfacht ausgedrückt, sind Nerven die "Telefonleitungen" unseres Körpers. Sie vermitteln Informationen vom Gehirn zu den Organen und umgekehrt. Mithilfe unserer Nerven können wir Muskelbewegungen ausüben und Sinnesreize wie Berührungen, Temperatur und Schmerz wahrnehmen. Aber auch unbewusste Reflexe, wie das Zurückziehen der Hand von einer heißen Herdplatte, und sämtliche Stoffwechselprozesse werden von den Nerven reguliert.
Aufbau der Nerven
Häufig wird der Begriff "Nerv" mit Nervenzelle (Neuron) gleichgesetzt. Dies ist jedoch nicht korrekt. Die Nervenzelle ist die kleinste Baueinheit unserer Nerven. Sie ist eine hochspezialisierte Zelle, die motorische oder sensorische Informationen als elektrische Impulse weiterleitet.
Die kürzeren Fortsätze der Nervenzellen, die Dendriten, empfangen wie Antennen Signale von anderen Zellen und leiten sie an den Zellkörper weiter. Von dort aus werden die Signale über eine längere Faser, das Axon, an die synaptischen Endknöpfchen geleitet. Diese bilden das Ende des Neurons und übertragen mittels Synapsen das elektrische Signal zur nächsten Nervenzelle oder an eine andere Zelle (z. B. Muskelzelle).
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Gemeinsam mit seiner Umhüllung aus Gliazellen bildet ein Axon eine Nervenfaser. Gliazellen haben unterschiedliche Aufgaben. Als Myelinschicht isolieren sie beispielsweise das Axon und sorgen so dafür, dass das elektrische Signal schnell und ohne Störung an seinem Zielort ankommen kann.
Ein Nerv besteht als nächstgrößte Funktionseinheit des Nervensystems aus vielen einzelnen Nervenfasern, die gebündelt und von Bindegewebe umgeben sind. Das Bindegewebe wird in drei Zonen unterteilt: Endoneurium, Perineurium und Epineurium. Das Endoneurium ist ein lockeres Bindegewebe, das einzelne Nervenfasern umhüllt und zahlreiche kleine Blutgefäße enthält, die der Ernährung der Nervenfasern dienen. Das Perineurium hingegen fasst als festes Bindegewebe die Nervenfasern zu Bündeln zusammen, den Faszikeln, und übt neben einer stützenden auch eine teilende Funktion aus.
Das Nervensystem: Eine komplexe Kommunikationsplattform
Das menschliche Nervensystem ist eine Kommunikationsplattform, auf der viele Milliarden Nervenzellen mit unserer Umwelt und den Organen in ständigem Austausch stehen. Das zentrale Nervensystem (ZNS) umfasst das Gehirn und das Rückenmark, die sicher im Schädel und Wirbelkanal liegen. Die Teile, die nicht zum ZNS gehören, bilden das periphere Nervensystem (PNS), das sich aus verschiedenen Nerven zusammensetzt.
Die Innervation, also die Versorgung von Geweben und Organen durch einen Nerv, erfolgt nach zwei Prinzipien: der peripheren Innervation und der segmentalen Innervation. Bei der peripheren Innervation werden Körperbereiche oder Muskeln von einem peripheren Nerv versorgt, dessen Fasern aus unterschiedlichen Rückenmarkssegmenten stammen.
Afferente und efferente Nervenfasern
Die Neurobiologie unterscheidet zwischen efferenten und afferenten Fasern sowie somatischen und vegetativen Fasern. Efferente Nerven senden Signale vom ZNS an das PNS bzw. zu den Organen, Muskeln und Drüsen. Afferente Nerven hingegen leiten Informationen aus der Peripherie, also von Organen wie der Haut, Sinnesorgane und Eingeweide, an das ZNS weiter. Afferente Fasern teilen dem Gehirn mit, was wir hören, fühlen oder sehen.
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Somatisches und vegetatives Nervensystem
Nerven des somatischen Nervensystems steuern unsere bewusste Wahrnehmung und willkürliche Bewegungen durch die Skelettmuskulatur. Sie helfen uns also, Sinneseindrücke zu verarbeiten und zielgerichtet in Bewegungsabläufe umzusetzen. Sehen unsere Augen beispielsweise ein Hindernis, wird diese Information an das Gehirn geleitet, dort verarbeitet und anschließend über efferente Nerven an unsere Beinmuskulatur mit dem Befehl "Fuß anheben" weitergegeben.
Über die Arbeit der Nerven im vegetativen Nervensystem haben wir keinerlei willentliche Kontrolle. Sie kontrollieren unbewusst lebenswichtige Funktionen wie Atmung, Verdauung und Stoffwechsel. Durch die Nerven des Sympathikus (sympathisches Nervensystem) werden vorwiegend Funktionen ausgelöst, die den Körper infolge eines Stressauslösers von außen in erhöhte Leistungsbereitschaft versetzen (sogenannter "Fight or flight"-Modus). Der Parasympathikus (parasympathisches Nervensystem) wiederum dämpft diese Reaktionen und reguliert die Organfunktionen in Ruhe- und Erholungsphasen ("rest and digest"). Dabei stimulieren parasympathische Fasern u. a. die Verdauung.
Das enterische Nervensystem
Das enterische Nervensystem (ENS) ist ein komplexes Geflecht aus Nervenzellen, das den Magen-Darm-Trakt durchzieht. Es steuert nicht nur die Darmbewegung und sekretorische Prozesse während der Verdauung, sondern vermittelt auch Befindlichkeiten wie Völlegefühl oder Schmerzen. Da es sich u. a. über den Vagusnerv (X. Hirnnerv) mit dem Gehirn austauscht, wird es auch als "Bauchhirn" bezeichnet.
Hirnnerven: Boten der Sinne
Ein angenehmer Duft, leuchtende Farben oder ein leckeres Essen - um diese Erfahrungen wahrnehmen zu können, benötigen wir unsere Hirnnerven. Sie leiten die von den Sinnesorganen gewonnenen Eindrücke an das Gehirn weiter. Darüber hinaus sind die Hirnnerven aber auch in der Lage, Befehle aus dem Hirn an die Muskeln zu übertragen.
Die zwölf Hirnnerven sind:
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- I. Nervus olfactorius (Riechnerv)
- II. Nervus opticus (Sehnerv)
- III. Nervus oculomotorius (Augenbewegungsnerv)
- IV. Nervus trochlearis (Augenbewegungsnerv)
- V. Nervus trigeminus (bestehend aus N. ophthalmicus, N. maxillaris und N. mandibularis) (Drillingsnerv)
- VI. Nervus abducens (Augenbewegungsnerv)
- VII. Nervus facialis (Gesichtsnerv)
- VIII. Nervus vestibulocochlearis (Hörnerv, Gleichgewichtsnerv)
- IX. Nervus glossopharyngeus (Zungen-Rachen-Nerv)
- X. Nervus vagus (umherschweifender Nerv)
- XI. Nervus accessorius (Beinerv)
- XII. Nervus hypoglossus (Unterzungennerv)
Spinalnerven
Spinalnerven treten jeweils paarig auf verschiedenen Höhen des Rückenmarks aus und verlassen den Wirbelkanal der Wirbelsäule durch Zwischenwirbellöcher (Foramina intervertebralia). Im Hals-, Lenden- und Kreuzbeinbereich vereinigen sich die vorderen Äste der verschiedenen Spinalnerven miteinander und bilden Nervengeflechte (Plexus).
Periphere Neuropathie
Die periphere Neuropathie ist eine Erkrankung, bei der die Reizweiterleitung der peripheren Nerven gestört ist. Dadurch werden Sinnesreize z. B. von Händen oder Füßen vermindert, verstärkt oder gar nicht an das Gehirn weitergeleitet. Betroffene verspüren häufig ein Missempfinden wie Kribbeln ("Ameisenlaufen"), Nadelstechen oder Brennen in den Füßen. Risikofaktoren, die zu einer Entstehung der peripheren Neuropathie beitragen können, gibt es viele. Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes können Nervenschäden verursachen.
Nervenschädigungen und neuropathische Schmerzen
Werden Nerven bei akuten Verletzungen geschädigt, kann das nicht nur Schmerzen bereiten, sondern auch zu Missempfindungen führen. Neuropathische Schmerzen können etwa durch Druckschäden (Kompression) entstehen, wenn ein Nerv eingeklemmt ist. Dies ist z. B. häufig bei Schwellungen im Karpaltunnel am Handgelenk der Fall (Karpaltunnelsyndrom). Nervenverletzungen können nicht nur als Folge von äußeren Einwirkungen auftreten.
Was bedeutet "nerven"?
Im alltäglichen Sprachgebrauch bedeutet "nerven", jemandem auf die Nerven gehen, lästig werden oder jemanden ärgern. Man stört sich so sehr an etwas oder jemandem, dass man sich nervlich beeinträchtigt fühlt.
Umgang mit "eingeklemmten Nerven"
Eine unglückliche Bewegung und schon ist es passiert: Ein eingeklemmter Nerv kann stechende Schmerzen, Taubheitsgefühle oder Kribbeln verursachen. Ein "eingeklemmter Nerv" ist ein umgangssprachlicher Ausdruck für eine Nervenkompression. Dabei üben umliegende Strukturen wie Muskeln, Sehnen oder Gewebe Druck auf einen Nerv aus. Dieser Druck stört die Signalübertragung und führt zu den genannten Symptomen.
Häufige Ursachen sind Verspannungen durch Fehlhaltungen, degenerative Erkrankungen wie Bandscheibenvorfälle oder Arthrose sowie Verletzungen durch Stürze oder Überlastung. Auch systemische Erkrankungen wie Diabetes oder Engpasssyndrome wie das Karpaltunnelsyndrom können Nervenkompressionen auslösen.
Behandlung und Vorbeugung
Wärmeanwendungen, sanfte Dehnübungen und gezielte Bewegungen lockern verspannte Muskeln und entlasten den Nerv. Physiotherapie oder Massagen können den Heilungsprozess unterstützen. Wenn die Beschwerden länger anhalten, können entzündungshemmende Medikamente helfen. Bei starken Beschwerden sollte ein Arzt aufgesucht werden.
Um einem eingeklemmten Nerv vorzubeugen, ist es wichtig, auf eine ergonomische Gestaltung des Arbeitsplatzes zu achten, regelmäßige Bewegung in den Alltag zu integrieren, Stress zu reduzieren und Übergewicht zu vermeiden.
Unser Nervensystem im Alltag: Ein Beispiel
Unser Nervensystem besteht aus Abermilliarden Nervenzellen. Das komplexe Netz steuert bewusste und unbewusste Prozesse. Nehmen wir als Beispiel eine alltägliche Szene an der Kaffeemaschine:
- Sensorisches Nervensystem: Wie sieht der Kaffee aus? Riecht er gut? Wie schwer ist die Tasse? Habe ich Durst? Ist der Kaffee zu heiß? Und schmeckt er? Antworten schicken Augen, Ohren, Nase, Zunge und Sensoren in der Haut über die Nervenbahnen ans Gehirn. Und das Gehirn befiehlt: Ja, Kaffee! Aber er ist heiß und bitter. Milch & Zucker rein, vorsichtig trinken & genießen.
- Vegetatives Nervensystem: Nicht bewusst steuern können wir, was in unserem Magen und Darm mit dem Kaffee geschieht - wie auch alle anderen Prozesse, die vom vegetativen Nervensystem kontrolliert werden: Dieses regelt neben der Verdauung auch die Herztätigkeit, die Atmung, den Kreislauf, die Schweißbildung, die Körpertemperatur und viele weitere Abläufe in unserem Körper autonom.
- Motorisches Nervensystem: Wenn wir eine Tasse greifen wollen, laufen unzählige Prozesse im motorischen Nervensystem ab. Aus den Infos der Sinneswahrnehmung berechnet das Gehirn, wohin wir greifen müssen. Über das Rückenmark und die an Muskeln andockenden Nervenzellen gibt es den Befehl zum Ausstrecken der Hand. Die Bewegung wird fortlaufend mit den Reizen abgeglichen, die das sensorische Nervensystem ans Hirn zurücksendet: damit wir nicht danebengreifen, nicht kleckern oder uns am heißen Kaffee verbrennen. Auch wenn wir dabei nicht nachdenken, ist das ein bewusster Prozess.