Ein Schlaganfall ist ein einschneidendes Ereignis, das das Leben der Betroffenen und ihrer Angehörigen grundlegend verändern kann. Neben den medizinischen Aspekten spielt die soziale Rehabilitation eine entscheidende Rolle, um den Betroffenen eine möglichst selbstständige und erfüllte Rückkehr in ihr gewohntes Lebensumfeld zu ermöglichen. Ziel ist es, verlorengegangene Funktionen wiederherzustellen, Kompensationsstrategien zu erlernen und eine Umstellung des Lebensstils zu unterstützen, um einen erneuten Schlaganfall zu vermeiden.
Schlaganfall in Deutschland: Eine wachsende Herausforderung
Mit jährlich etwa 270.000 Betroffenen stellt der Schlaganfall eine der großen Volkskrankheiten in Deutschland dar. Eine Auswertung der Landesarbeitsgemeinschaft zur datengestützten, einrichtungsübergreifenden Qualitätssicherung in Bayern beziffert die Zahl der Neuerkrankungen an Schlaganfällen im Jahr 2021 auf 53.590 Fälle allein in Bayern. Fast zwei Drittel der Überlebenden sind dauerhaft auf Unterstützung, Therapie, Hilfsmittel oder Pflege angewiesen. Dies unterstreicht die Notwendigkeit einer umfassenden und langfristigen Nachsorge.
Der Bedarf an strukturierter Nachsorge
In der Anschlussversorgung werden 66,5% der Patienten nach Hause entlassen. Alternative Versorgungspfade sind Verlegung in ein anderes Akutkrankenhaus, Vermittlung in eine spezielle Reha-Einrichtung (Langzeit) sowie direkte Entlassung in ein Pflegeheim. Außer Frage steht aber ein dringender Bedarf nach einem strukturierten, langfristigen Nachsorgekonzept. Neben medizinischen Domänen gewinnen zunehmend auch soziale Aspekte einer regionalen Schlaganfallnachsorge mit teilhabeorientierten Kriterien individueller Lebensqualität an Bedeutung. Ziel ist ein differenziertes Core Set in der Schlaganfallbehandlung zur optimierten Versorgung an den sequenziellen Schnittstellen sowie einer professionalisierten Reha-Planung.
Die Phasen der Rehabilitation
Die Rehabilitation nach einem Schlaganfall ist ein komplexer Prozess, der sich in verschiedene Phasen unterteilt:
- Akutrehabilitation: Sie beginnt idealerweise so schnell wie möglich nach dem Schlaganfall, entweder noch im Krankenhaus oder in einer spezialisierten Rehaklinik.
- Stationäre Rehabilitation: Hier verbringen die Patienten in der Regel mehrere Wochen in einer Rehaklinik, um intensiv an der Wiederherstellung ihrer Fähigkeiten zu arbeiten.
- Teilstationäre/ambulante Rehabilitation: Diese Form der Rehabilitation ermöglicht es den Patienten, tagsüber an Therapien teilzunehmen und abends sowie am Wochenende zu Hause zu sein.
- Frührehabilitation: Findet möglichst schnell nach der Akutbehandlung statt. Neurologische Frührehabilitations-maßnahmen der Phase B kommen infrage für Patienten mit schwersten neurologischen Krankheitsbildern, die überwiegend bettlägerig sind. In der neurologischen Früh-Rehabilitation der Phase C werden Patienten mit neurologischen Krankheitsbildern behandelt, die zumindest sitzen können und keiner intensivmedizinischen Überwachung mehr bedürfen. Ziel ist hier insbesondere die Selbständigkeit bei den grundlegenden Aktivitäten des täglichen Lebens.
- Neurologische Rehabilitation der Phase D (Anschlussrehabilitation/Anschlussheilbehandlung): Ist für Patienten vorgesehen, die zumindest bei Benutzung von Hilfsmitteln bereits wieder bei den Verrichtungen des täglichen Lebens selbständig geworden sind.
Die Dauer einer Schlaganfall-Rehabilitation ist abhängig von vielerlei Faktoren wie Ort der Schädigung, Schweregrad der Symptome, dem Auftreten von Neglect (Aufmerksamkeitsstörung), von Begleiterkrankungen und Risikofaktoren wie Hypertonus, starkes Übergewicht, zerebrale Mikroangiopathie, Parkinson, Normaldruckhydrozephalus, besonders aber auch von dem sozialen Netzwerk des Patienten, d.h. der Unterstützung durch sein Umfeld und der Vorbildung. Viele Patienten und auch ein Teil der Angehörigen entwickeln im Verlauf der Rehabilitation eine Depression, die behandelt werden muss.
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Therapieansätze in der Rehabilitation
Die neurologische Rehabilitation passiert nicht von allein, sie ist in der Regel harte Arbeit für den Patienten. Die körperliche Rehabilitation erfordert viel Fleiß, Willen und ständige Wiederholung, damit das Gehirn lernt. Die Therapie-Einheiten allein sind in der Regel nicht ausreichend. Ziel der Rehabilitationsbehandlung ist es, den Betroffenen wieder die Rückkehr in sein bisheriges soziales und ggf. auch berufliches Umfeld zu ermöglichen. Durch geeignete Trainingsverfahren und zum Teil auch durch medikamentöse Unterstützung soll einerseits eine Rückbildung der körperlichen Funktionseinschränkungen (Schädigungen) erzielt werden. Andererseits geht es darum, die Alltagskompetenz des Schlaganfallbetroffenen wieder zu fördern. Das heißt seine Fähigkeit, sich alleine zu waschen, anzuziehen, sich Mahlzeiten zubereiten etc. soll wieder erlangt werden. Dies kann durch eine Verbesserung der körperlichen Funktionen (Schädigungen) erreicht werden. Möglich ist das aber auch durch das Erlernen von Strategien, wie man mit den körperlichen Einschränkungen besser zurechtkommen kann. Durch die Verordnung und das Erlernen des Umganges entsprechend geeigneter Hilfsmittel.
Inhalte der Schlaganfall-Rehabilitation Die verschiedenen Rehabilitationsmöglichkeiten beinhalten unterschiedliche Angebote im Therapiebereich. Im Bereich der Rehabilitation für noch hilfebedürftige Patienten ist z. B. auch die aktivierende Pflege durch das Pflegepersonal Bestandteil der Therapie. Der behandelnde Arzt legt den individuellen Behandlungsplan für den einzelnen Patienten fest. Im Verlauf der Rehabilitationsbehandlung wird dieser den Möglichkeiten des Patienten immer wieder neu angepasst.
Es gibt eine Vielzahl von Therapieansätzen, die in der Rehabilitation eingesetzt werden, um die verschiedenen Beeinträchtigungen nach einem Schlaganfall zu behandeln:
- Physiotherapie: Verbesserung von Motorik, Gleichgewicht, Beweglichkeit, Koordination und Kraft.
- Ergotherapie: Hinführung zu einem selbstständigen Alltag, Erlernen von Bewegungsmustern, Verbesserung der Konzentration und Selbstversorgung.
- Logopädie: Behandlung von Sprach-, Sprech- und Schluckstörungen.
- Neuropsychologie: Reduzierung kognitiver Defizite und Verbesserung von Gedächtnis, Aufmerksamkeit und Alltagsbewältigung.
- Ernährungsberatung: Unterstützung bei der Umstellung auf eine gesunde Ernährung zur Vermeidung eines erneuten Schlaganfalls.
Neben diesen etablierten Therapieformen gibt es auch spezielle Konzepte wie das Bobath-Konzept, PNF (Propriozeptive Neuromuskuläre Facilitation), Kognitiv Therapeutische Übungen nach Perfetti, Arm-Fähigkeits-Training nach von Platz, Spiegeltherapie und Aufgaben-spezifisches Training.
Spezielle Therapieansätze im Detail
- Bobath-Konzept: Ein 24-Stunden-Konzept, das alle beteiligten Personen (Betroffene, Therapeuten, Angehörige) einbezieht und die Therapie in den Alltag integriert.
- PNF (Propriozeptive Neuromuskuläre Facilitation): Eine funktionelle Behandlung zur Verbesserung der Koordination und Wirtschaftlichkeit von Bewegungsabläufen.
- Kognitiv Therapeutische Übungen nach Perfetti: Ein Ansatz, der dem zentralen Nervensystem bestimmte Grundfähigkeiten wieder vermitteln soll, anstatt spezifische Bewegungsabläufe zu trainieren.
- Arm-Fähigkeits-Training nach von Platz: Eine Therapie für Patienten mit leichten Armlähmungen, die spezifische Bewegungen wie schnelle Wechselbewegungen der Finger trainiert.
- Spiegeltherapie: Durch die Spiegelung der Bewegung der gesunden Hand wird dem Gehirn die Illusion einer Bewegung der gelähmten Hand vermittelt, um die Aktivierung der betroffenen Hirnregionen zu fördern.
- Aufgaben-spezifisches Training: Übung der Funktionen, die die Patienten wiedererlernen sollen, direkt durch entsprechende Aktivitäten.
Therapie von Schluckstörungen (Dysphagie)
Schluckstörungen sind eine häufige Folge eines Schlaganfalls und können zu Mangelernährung, Dehydrierung und Lungenentzündung führen. Die Therapie von Schluckstörungen gehört in die Hände von Fachleuten (Hals-Nasen-Ohren-Ärzte, Logopäden). Die Therapie umfasst unter anderem:
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- Anpassung der Nahrungskonsistenz: Um das Verschlucken zu vermeiden, kann die Nahrung in pürierter oder angedickter Form angeboten werden.
- Schlucktraining: Spezielle Übungen zur Stärkung der Schluckmuskulatur und Verbesserung der Koordination der Schluckphasen.
- Haltungskorrektur: Eine aufrechte Körper- und Kopfhaltung erleichtert die Nahrungsaufnahme.
- In schweren Fällen: Kann eine Ernährungssonde erforderlich sein, um eine ausreichende Nährstoffversorgung sicherzustellen.
Behandlung von Sprach- und Sprechstörungen
Sprech- und Sprachstörungen treten oft im Zusammenhang mit einem Schlaganfall auf. Von Bedeutung sind dabei vor allem die Dysarthrien, Sprechapraxien und Aphasien. Dysarthrien sind Störungen in der Ausführung von Sprechbewegung aufgrund von Verletzung im Gehirn. Leitsymptome sind z.B. Sprechapraxien sind Störungen in der Planung der Sprechmotorik, die nicht auf eine Funktionseinschränkung der am Sprechakt beteiligten Organe zu erklären sind. Es handelt sich vielmehr um eine Störung in der Planung der Sprechmotorik. Es besteht fast immer eine Kombination mit einer Aphasie (Sprachstörung). Sprechapraxien zeigen sich z.B. Im deutschsprachigen Raum bezeichnet man mit Aphasien Störungen, die nach Abschluss des Spracherwerbs auftreten, wobei die Sinnesorgane und die ausführenden Organe intakt sind. Aphasien sind zentrale Sprachstörungen; sie erstrecken sich auf das Sprechen, Verstehen, Lesen und Schreiben (wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß), so dass der Betroffene Handlungsaufforderungen teilweise nicht verstehen kann und seinen Sprachverlust nicht durch schriftliche Mitteilungen ausgleichen kann. Es gibt verschiedene Formen der Aphasien, die sich zum Teil grundlegend unterscheiden. Bei der sensorischen Aphasie ist zum Beispiel das Sprechen möglich, jedoch das Sprachverständnis gestört. Das allgemeine Behandlungsziel ist es dem Betroffenen sprachliche Kommunikation im Alltag wieder zu ermöglichen, bzw.
Die Therapie von Sprach- und Sprechstörungen wird von Logopäden durchgeführt und umfasst:
- Sprachübungen: Verbesserung des Sprachverständnisses, des Wortschatzes und der Grammatik.
- Sprechübungen: Verbesserung der Artikulation, der Sprechgeschwindigkeit und der Stimmgebung.
- Kommunikationstraining: Erlernen von Strategien zur Verbesserung der Kommunikation im Alltag.
Neuropsychologische Rehabilitation
Die Ausfälle und Einschränkungen nach einem Schlaganfall sind vielfältig. Während eine Lähmung der Arme oder der Beine für den Patienten selbst und für die Umwelt sichtbar ist, werden viele kognitive Defizite nur durch veränderte Verhaltensweisen deutlich. Ziel der neuropsychologischen Rehabilitation ist die Reduzierung dieser durch die Hirnschädigung eingetretenen Behinderung, die ohne Intervention chronisch werden würde. Alle diese Leistungen sind wichtig für die Alltagsbewältigung. Ein Ausfall einzelner oder mehrerer Funktionen kann die Einschränkung bzw. Ziel der neuropsychologischen Diagnostik sind Aussagen über Art, Ausmaß und Entwicklung von Störungen im Leistungs- und Persönlichkeitsbereich sowie die emotionale Reaktion des Patienten auf diese Störung.
Die neuropsychologische Rehabilitation umfasst:
- Diagnostik: Erfassung der kognitiven Defizite und emotionalen Beeinträchtigungen.
- Training: Verbesserung von Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Konzentration, Problemlösungsfähigkeit und anderen kognitiven Funktionen.
- Beratung: Unterstützung bei der Krankheitsverarbeitung und der Anpassung an die veränderte Lebenssituation.
Psychosoziale Aspekte und Unterstützung
Neben den körperlichen und kognitiven Beeinträchtigungen können nach einem Schlaganfall auch psychische Probleme wie Depressionen, Angstzustände und Antriebslosigkeit auftreten. Psychologische und pädagogische Angebote in der Reha-Klinik können helfen, die verfolgten Behandlungsziele zu sichern und Krankheitsfolgen zu vermeiden, zu überwinden, zu mindern oder ihre Verschlimmerung zu verhüten. Bei Bedarf kommen zum Einsatz:Hilfen zur seelischen Stabilisierung und zur Förderung der sozialen Kompetenz, u.a. durch Training sozialer und kommunikativer Fähigkeiten und Umgang mit KrisensituationenTraining lebenspraktischer FähigkeitenHilfen zur Unterstützung bei der Krankheits- und Behinderungsverarbeitung (z.B. durch professionelle psychologische Hilfe oder in einer Schlaganfall-Selbsthilfegruppe)Hilfen zur Aktivierung von SelbsthilfepotenzialenInformation und Beratung von Partnern und Angehörigen sowie von Vorgesetzten und KollegenVermittlung von Kontakten zu örtlichen Selbsthilfe- und Beratungsmöglichkeiten
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Es ist wichtig, dass Betroffene und ihre Angehörigen professionelle Hilfe in Anspruch nehmen, um diese Probleme zu bewältigen. Auch der Austausch mit anderen Betroffenen in Selbsthilfegruppen kann sehr hilfreich sein.
Vorbereitung auf die Entlassung und die weitere Versorgung
Jede Rehabilitation ist nur ein Zwischenschritt auf dem Weg zu dem endgültigen Ziel: der Entlassung in den Alltag. Nicht bei allen Patienten ist eine Rückkehr in das bisherige Umfeld möglich, bei manchen müssen neue Wohnformen gefunden werden. Bei anderen Patienten muss möglicherweise eine berufliche Umorientierung erfolgen. Für alle diese Fragen werden Patienten und ihre Angehörigen intensiv vor allem durch die Sozialdienstmitarbeiter der MEDIAN Kliniken beraten, die sich eng mit den Ärzten, den Pflegern und den Therapeuten abstimmen.
Die Vorbereitung der weiteren Versorgung ist ein wichtiger Bestandteil der Rehabilitation. Dazu gehören:
- Beratung: Informationen über ambulante Therapieangebote, Hilfsmittel, Pflegeleistungen und finanzielle Unterstützung.
- Vermittlung: Kontakte zu Selbsthilfegruppen, Beratungsstellen und anderen Unterstützungseinrichtungen.
- Anpassung des Wohnumfelds: Beratung und Unterstützung bei der barrierefreien Gestaltung des Wohnraums.
Die Rolle der Angehörigen
Angehörige spielen eine entscheidende Rolle im Rehabilitationsprozess. Sie können den Betroffenen морально unterstützen, bei den Therapien helfen und das Wohnumfeld an die neuen Bedürfnisse anpassen. Es ist wichtig, dass auch Angehörige психологічна Unterstützung in Anspruch nehmen, um die Belastungen der Pflege zu bewältigen. Um Sie bestmöglich auf die vielfältigen Aufgaben im Pflegealltag vorzubereiten, bieten wir in Kooperation mit der Deutschen Schlaganfallbegleitung (DSB) einen kostenlosen Schlaganfall-Kurs für pflegende Angehörige an.
Prävention: Das Risiko minimieren
Da rund 80 Prozent aller Schlaganfälle vermieden werden könnten, ist die Prävention ein wichtiger Baustein für die Gesundheit. Risikofaktoren wie Rauchen, Alkohol, Übergewicht, ungesunde Ernährung, mangelnde Bewegung, Bluthochdruck und Diabetes sollten vermieden oder frühzeitig behandelt werden. Die Deutsche Schlaganfallbegleitung bietet einen zertifizierten Schlaganfall-Präventionskurs Ernährung an, der Sie dabei unterstützt, Ihr persönliches Risiko zu senken. Der Online Kurs steht auf Deutsch, Englisch und Türkisch zur Verfügung.
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