Fibromyalgie: Neurologische Symptome und Ursachen

Fibromyalgie ist eine chronische Schmerzerkrankung, die durch weit verbreitete Schmerzen im Bewegungsapparat, Müdigkeit, Schlafstörungen und emotionale Belastungen gekennzeichnet ist. In Deutschland leiden etwa 2 % der Bevölkerung am Fibromyalgie-Syndrom, wobei Frauen deutlich häufiger betroffen sind als Männer. Die Erkrankung manifestiert sich typischerweise ab dem 35. Lebensjahr. Obwohl die genauen Ursachen für Fibromyalgie noch nicht vollständig geklärt sind, deuten aktuelle Forschungsergebnisse auf eine Kombination aus genetischer Veranlagung, psychischen Faktoren und neurologischen Veränderungen hin.

Was ist Fibromyalgie?

Fibromyalgie, auch als Faser-Muskel-Schmerz oder Weichteilrheuma bekannt, ist ein chronisches Schmerzsyndrom, das durch tiefgreifende Muskel- und Gelenkschmerzen im gesamten Körper gekennzeichnet ist. Diese Schmerzen werden oft von Müdigkeit, Schlafstörungen, Konzentrationsproblemen und Erschöpfung begleitet. Fibromyalgie gilt als funktionelle Störung, da keine Entzündung, rheumatische Erkrankung oder Stoffwechselerkrankung vorliegt. Organe, Muskeln, Bänder oder Sehnen werden nicht geschädigt.

Symptome der Fibromyalgie

Die Symptome der Fibromyalgie sind vielfältig und können von Patient zu Patient variieren. Zu den häufigsten Symptomen gehören:

  • Chronische Schmerzen: Anhaltende Schmerzen, die mindestens drei Monate andauern und mehrere Körperregionen betreffen, insbesondere Nacken, Rücken, Arme, Beine und Brustkorb. Die Schmerzen können sich wie Muskelkater, Zerrungen oder ein stechender Schmerz anfühlen.
  • Müdigkeit und Erschöpfung: Anhaltende Müdigkeit und Erschöpfung, die sich auch nach ausreichend Schlaf nicht bessern.
  • Schlafstörungen: Schwierigkeiten beim Ein- und Durchschlafen, unruhiger Schlaf und das Gefühl, morgens nicht ausgeruht zu sein.
  • Kognitive Beeinträchtigungen: Konzentrationsschwierigkeiten, Gedächtnisprobleme und Schwierigkeiten beim klaren Denken (Fibro-Fog).
  • Weitere körperliche Symptome: Reizdarmsyndrom, Reizblase, Kopfschmerzen, Migräne, Schwellungsgefühle, Restless-Legs-Syndrom, erhöhte Schmerzempfindlichkeit (Hyperalgesie) und niedrige Schmerzschwelle (Allodynie).
  • Psychische Symptome: Depressionen, Angststörungen, innere Unruhe und Antriebslosigkeit.

Die Intensität der Symptome kann von Tag zu Tag variieren, und es können auch schmerzfreie Zeiten auftreten. Stress, Wetteränderungen, Tageszeit und körperliche Aktivität können die Symptome beeinflussen.

Neurologische Aspekte der Fibromyalgie

Neuere Forschungen haben neurologische Veränderungen bei Fibromyalgie-Patienten aufgedeckt, die zur Schmerzwahrnehmung und -verarbeitung beitragen.

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  • Zentrale Sensibilisierung: Eine Fehlregulation im Nervensystem führt dazu, dass Reize, die normalerweise nicht schmerzhaft sind, als schmerzhaft empfunden werden.
  • Small-Fiber-Pathologie: Veränderungen in den kleinen, schmerzleitenden Nervenfasern außerhalb des zentralen Nervensystems können zu einer verminderten Hautsensibilität, Missempfindungen und einer übersteigerten Schmerzwahrnehmung führen.
  • Immunologische Veränderungen: Autoantikörper der Klasse IgG wurden bei einer Subgruppe von Fibromyalgie-Patienten nachgewiesen, was auf eine mögliche Autoimmunreaktion hindeutet.
  • Veränderungen im Zytokinprofil: Abweichungen im Zytokinprofil von Fibromyalgie-Patienten wurden festgestellt, was auf eine Beteiligung des Immunsystems an der Entstehung der Erkrankung hindeutet.
  • Mangel an natürlichen Killerzellen: Ein Mangel an natürlichen Killerzellen bei Fibromyalgie-Patienten wurde festgestellt, wobei die verbliebenen Killerzellen eine verstärkte Aktivität zeigten.

Ursachen der Fibromyalgie

Die genauen Ursachen der Fibromyalgie sind noch nicht vollständig verstanden. Es wird angenommen, dass eine Kombination aus genetischen, psychologischen und neurologischen Faktoren zur Entstehung der Erkrankung beiträgt.

Genetische Veranlagung

Studien haben gezeigt, dass Angehörige von Fibromyalgie-Patienten ein achtfach erhöhtes Risiko haben, ebenfalls an der Erkrankung zu leiden. Dies deutet auf eine mögliche genetische Veranlagung hin. Bestimmte genetische Varianten könnten die Anfälligkeit für die Entwicklung von Fibromyalgie erhöhen.

Psychologische Faktoren

Psychische Faktoren wie Stress, Traumata und psychische Belastungen können eine wichtige Rolle bei der Entstehung und Verschlimmerung von Fibromyalgie spielen. Chronischer Stress kann die Schmerzwahrnehmung verstärken und den Krankheitsverlauf negativ beeinflussen. Traumatische Erlebnisse in der Kindheit oder im Erwachsenenalter werden ebenfalls als mögliche Auslöser für Fibromyalgie vermutet.

Neurologische Faktoren

Neurologische Veränderungen im zentralen Nervensystem können ebenfalls zur Entwicklung von Fibromyalgie beitragen. Eine gestörte Schmerzverarbeitung im Gehirn und Rückenmark kann zu einer erhöhten Schmerzempfindlichkeit führen. Veränderungen in den Nervenfasern und im Immunsystem können ebenfalls eine Rolle spielen.

Weitere mögliche Auslöser

  • Infektionen: Einige Studien deuten darauf hin, dass Infektionen, insbesondere Virusinfektionen wie Epstein-Barr-Virus, Hepatitis-Viren und HI-Viren, einen Trigger für Fibromyalgie darstellen können.
  • Tumorerkrankungen: Einige Tumorerkrankungen können ebenfalls mit der Entwicklung von Fibromyalgie in Verbindung gebracht werden.
  • Hormonelle Störungen: Störungen im Hormonhaushalt können ebenfalls eine Rolle bei der Entstehung von Fibromyalgie spielen.
  • Operationen: Operationen können in manchen Fällen Fibromyalgie auslösen.

Diagnose der Fibromyalgie

Die Diagnose von Fibromyalgie kann aufgrund der Vielfalt der Symptome und des Fehlens spezifischer Biomarker eine Herausforderung darstellen. Es gibt keine Routine-Diagnostik, die Fibromyalgie eindeutig identifizieren kann. Die Diagnose basiert in der Regel auf einer Kombination aus Anamnese, körperlicher Untersuchung und dem Ausschluss anderer Erkrankungen.

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Anamnese und körperliche Untersuchung

Der Arzt wird zunächst eine ausführliche Anamnese erheben, um die Krankengeschichte des Patienten zu erfassen. Dabei werden Fragen zu den Symptomen, deren Dauer und Intensität, sowie zu Vorerkrankungen und familiären Belastungen gestellt.

Bei der körperlichen Untersuchung wird der Arzt nach schmerzhaften Druckpunkten (Tender Points) suchen. Obwohl die Anzahl der betroffenen Tender Points nicht mehr als alleiniges Diagnosekriterium gilt, können sie dennoch Hinweise auf Fibromyalgie geben.

Ausschluss anderer Erkrankungen

Um die Diagnose Fibromyalgie zu stellen, müssen andere Erkrankungen ausgeschlossen werden, die ähnliche Symptome verursachen können. Dazu gehören:

  • Entzündliche und degenerative rheumatische Erkrankungen (rheumatoide Arthritis, Arthrose)
  • Bakterielle oder Virusinfektionen
  • Schilddrüsenerkrankungen
  • Auf einzelne Körperstellen beschränkte Schmerzerkrankungen (z.B. Tennisellenbogen)

Laboruntersuchungen, Röntgenaufnahmen und andere bildgebende Verfahren können eingesetzt werden, um diese Erkrankungen auszuschließen.

Diagnosekriterien

Die Diagnose Fibromyalgie wird in der Regel gestellt, wenn folgende Kriterien erfüllt sind:

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  • Chronische Schmerzen, die mindestens drei Monate andauern und mehrere Körperregionen betreffen.
  • Vorliegen von Müdigkeit, Schlafstörungen und/oder kognitiven Beeinträchtigungen.
  • Ausschluss anderer Erkrankungen, die die Symptome erklären könnten.

Therapie der Fibromyalgie

Fibromyalgie ist derzeit nicht heilbar, aber es gibt verschiedene Therapieansätze, die darauf abzielen, die Symptome zu lindern und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Die Therapie ist in der Regel multimodal und umfasst eine Kombination aus medikamentösen und nicht-medikamentösen Behandlungen.

Medikamentöse Therapie

  • Antidepressiva: Antidepressiva, insbesondere selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) und trizyklische Antidepressiva, können bei der Behandlung von Fibromyalgie-Schmerzen, Schlafstörungen und Depressionen hilfreich sein.
  • Antikonvulsiva: Medikamente wie Pregabalin und Gabapentin, die ursprünglich zur Behandlung von Epilepsie eingesetzt wurden, können auch bei der Linderung von Fibromyalgie-Schmerzen wirksam sein.
  • Schmerzmittel: Gängige Schmerzmittel wie Ibuprofen, Acetylsalicylsäure und Paracetamol sind bei Fibromyalgie-Schmerzen oft nicht wirksam. In einigen Fällen kann Tramadol, ein opioidhaltiges Schmerzmittel, bei sehr ausgeprägter Symptomatik eingesetzt werden. Kortison-Präparate werden in der Regel nicht empfohlen.
  • Cannabispräparate: In Einzelfällen können Cannabispräparate in Tropfenform zur Schmerzlinderung eingesetzt werden.

Nicht-medikamentöse Therapie

  • Ausdauertraining: Regelmäßiges Ausdauertraining, wie Radfahren, Wandern, Schwimmen, Aquajogging, Walken oder Tanzen, kann helfen, Schmerzen zu lindern, die Müdigkeit zu reduzieren und die allgemeine Fitness zu verbessern. Die Intensität des Trainings sollte an die individuellen Fähigkeiten angepasst werden.
  • Krafttraining: Maßvolles Krafttraining kann helfen, die Muskeln zu stärken und muskuläre Dysbalancen auszugleichen.
  • Funktionstraining: Gezieltes Training von Gelenken und Muskeln, um die Beweglichkeit und Stabilität zu verbessern.
  • Entspannungstechniken: Entspannungstechniken wie autogenes Training, Achtsamkeitsmeditation, progressive Muskelrelaxation nach Jacobson (PMR), Yoga, Qigong und Tai Chi können helfen, Stress abzubauen und die Schmerzwahrnehmung zu verbessern.
  • Physikalische Therapie: Wärme- oder Kälteanwendungen, medizinische Bäder (Balneotherapie) und Ganzkörperkältetherapie können zur Linderung von Schmerzen und Muskelverspannungen eingesetzt werden.
  • Psychotherapie: Eine kognitive Verhaltenstherapie kann helfen, die Schmerzwahrnehmung zu verändern, negative Denkmuster zu durchbrechen und neue Verhaltensstrategien zu erlernen.
  • Patientenschulungen: Patientenschulungen bieten umfassende Informationen über das Krankheitsbild Fibromyalgie, den Verlauf, die Diagnostik und die Therapieformen.
  • Ernährung: Obwohl es keine spezifische Diät für Fibromyalgie gibt, können einige Patienten von einer vegetarischen Ernährung oder Heilfasten profitieren.

Selbsthilfemaßnahmen

Patienten können auch selbst aktiv werden, um ihre Symptome zu lindern und ihre Lebensqualität zu verbessern. Dazu gehören:

  • Stressmanagement: Stressreduktion durch Entspannungstechniken, Yoga, Meditation oder andere stressabbauende Aktivitäten.
  • Schlafhygiene: Einhaltung einer guten Schlafhygiene, um Schlafstörungen zu reduzieren.
  • Bewegung: Regelmäßige körperliche Aktivität, die an die individuellen Fähigkeiten angepasst ist.
  • Wärmeanwendungen: Anwendung von Wärme, z.B. durch Wärmedecken, Thermalbäder oder heiße Bäder, zur Linderung von Schmerzen.
  • Unterstützung: Teilnahme an Selbsthilfegruppen, um sich mit anderen Betroffenen auszutauschen und Unterstützung zu erhalten.

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