Methoden zur Messung der Spannung in Nervenzellen

Die Messung der elektrischen Aktivität von Nervenzellen ist ein zentrales Element in der neurowissenschaftlichen Forschung und in der klinischen Diagnostik. Verschiedene Techniken ermöglichen es, die Spannungsschwankungen und Ionenströme in Nervenzellen zu erfassen und zu analysieren. Diese Methoden reichen von nicht-invasiven Verfahren wie dem Elektroenzephalogramm (EEG) bis hin zu hochauflösenden Einzelzellmessungen wie der Patch-Clamp-Technik und der Optogenetik. Im Folgenden werden einige dieser Schlüsselmethoden detailliert beschrieben, ihre Anwendungsbereiche erläutert und ihre Vor- und Nachteile diskutiert.

Elektroenzephalographie (EEG)

Grundlagen und Durchführung

Das Elektroenzephalogramm (EEG) ist eine nicht-invasive Methode zur Messung der elektrischen Aktivität des Gehirns. Hierbei werden Spannungsschwankungen an der Kopfoberfläche aufgezeichnet, die durch die kollektive Aktivität von Millionen von Nervenzellen entstehen. Für die EEG-Messung werden Elektroden an verschiedenen Stellen des Kopfes platziert, die eine leitende Verbindung zwischen der Kopfhaut und einem Messverstärker herstellen.

Die Elektroden bestehen typischerweise aus Silber/Silberchlorid und sind in eine spezielle Haube eingenäht, die wie eine Mütze auf den Kopf gesetzt wird. Zusätzlich können weitere Elektroden unter den Augen oder am Körper angebracht werden, um beispielsweise Augenbewegungen oder Muskelaktivität zu erfassen. Um einen guten Kontakt zwischen Haut und Elektrode zu gewährleisten, wird eine spezielle Paste verwendet, die aus Wasser, Kochsalz und einem Verdickungsmittel besteht. Die Kopfhaut wird zudem leicht mit einem Wattestäbchen bearbeitet, um die Leitfähigkeit zu verbessern.

Anwendungsbereiche

Das EEG findet breite Anwendung in der Neurologie und Hirnforschung. Es wird beispielsweise zur Diagnostik von Epilepsien eingesetzt, um abnorme Gehirnaktivitäten zu erkennen. Auch bei der Untersuchung von Schlafstörungen, Entwicklungsstörungen des Gehirns und neurodegenerativen Erkrankungen kann das EEG wertvolle Informationen liefern. Darüber hinaus wird es zur Überwachung der Narkosetiefe während Operationen und zur Beurteilung des Hirntods verwendet.

Interpretation und Analyse

Die Ärzt:innen der Neurologie beurteilen das EEG nach Form, Frequenz und Amplitude der Hirnstromwellen. Veränderungen in diesen Parametern können auf verschiedene Erkrankungen hinweisen. Ein sogenannter Herdbefund, also eine örtlich begrenzte Veränderung der Hirnaktivität, kann beispielsweise auf Tumore oder Hirnschäden durch Verletzungen (Schädel-Hirn-Trauma) hindeuten.

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Während einer EEG-Messung können verschiedene Stimulationen durchgeführt werden, um die Gehirnaktivität zu beeinflussen und bestimmte Reaktionen hervorzurufen. Dazu gehören das Öffnen und Schließen der Augen, Hyperventilation (tiefes und schnelles Atmen) und Photostimulation (helle Lichtblitze). Auch Schlafentzug kann eingesetzt werden, um bestimmte Auffälligkeiten im EEG zu provozieren.

Vor- und Nachteile

Das EEG zeichnet sich durch seine hohe zeitliche Auflösung aus, die es ermöglicht, schnelle Veränderungen der Gehirnaktivität im Millisekundenbereich zu erfassen. Allerdings ist die räumliche Auflösung begrenzt, da die elektrischen Signale durch die Schädeldecke verzerrt werden. Trotz dieser Einschränkung ist das EEG eine wertvolle und weit verbreitete Methode zur Untersuchung der Gehirnfunktion.

EEG und mentale Zustände

Forscher interessieren sich besonders für Korrelationen zwischen unterschiedlichen EEG-​Mustern und mentalen Zuständen wie Aufmerksamkeit, Handlungsentscheidungen oder Träumen.

Magnetenzephalographie (MEG)

Grundlagen und Durchführung

Die Magnetenzephalographie (MEG) ist eine weitere nicht-invasive Methode zur Messung der Gehirnaktivität. Im Gegensatz zum EEG erfasst das MEG die Magnetfelder, die durch die elektrischen Ströme in den Nervenzellen entstehen. Da Magnetfelder weniger stark durch die Schädeldecke beeinflusst werden als elektrische Felder, bietet das MEG eine höhere räumliche Auflösung als das EEG.

Für die MEG-Messung werden bis zu 300 Magnetfeldsensoren verwendet, die in einer Art überdimensionalem Helm angeordnet sind. Der Patient sitzt oder liegt in diesem Helm, während die Magnetfelder des Gehirns aufgezeichnet werden. Die resultierenden Daten werden als Kurven dargestellt, die von Ärzten und Forschern interpretiert werden.

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Anwendungsbereiche

Das MEG wird vor allem bei der Diagnose und Lokalisation von Epilepsieherden eingesetzt, insbesondere wenn Medikamente nicht ausreichend wirken und eine Operation in Betracht gezogen wird. Durch die genaue Eingrenzung der betroffenen Hirnregionen kann das MEG dazu beitragen, den chirurgischen Eingriff präziser zu planen und das Risiko von Komplikationen zu minimieren.

Vor- und Nachteile

Die zeitliche Auflösung des MEG ist sogar noch besser als die des EEG und liegt bei weniger als einer Millisekunde. Zudem ist die räumliche Auflösung höher als beim EEG, da die Magnetfelder weniger stark durch die Schädeldecke beeinflusst werden. Allerdings ist das MEG ein technisch anspruchsvolles und teures Verfahren, das nur an wenigen Kliniken verfügbar ist. Die Geräte sind in Anschaffung und Betrieb sehr teuer, da die Magnetfelder des Gehirns sehr schwach sind und leicht von Magnetfeldern aus der Umgebung gestört werden.

Kombination mit anderen Verfahren

Soll eine Hirnregion sehr genau lokalisiert werden, müssen EEG und MEG mit anderen Verfahren, etwa dem fMRT, kombiniert werden. Auch Tumore oder Hirnverletzungen können mit bildgebenden Verfahren präziser lokalisiert werden.

Transkranielle Magnetstimulation (TMS)

Grundlagen und Durchführung

Die Transkranielle Magnetstimulation (TMS) ist eine nicht-invasive Methode zur Beeinflussung der Gehirnaktivität. Dabei wird eine Magnetspule an den Kopf angelegt, die für Sekundenbruchteile ein Magnetfeld erzeugt. Dieses Magnetfeld dringt durch den Schädelknochen und induziert im Gehirn einen elektrischen Strom, der in den Neuronen des stimulierten Bereichs Aktionspotenziale auslöst. Dadurch wird die natürliche Aktivität der betreffenden Hirnregion für kurze Zeit gestört oder moduliert.

Anwendungsbereiche

Die TMS wird in der Medizin zur Diagnose von Erkrankungen wie Multipler Sklerose, Schlaganfall, Epilepsie oder Migräne eingesetzt. Dabei messen Ärzte durch die elektromagnetische Stimulation, ob die Reizweiterleitung normal oder verzögert funktioniert und auf welche Impulsstärke das Gehirn reagiert.

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Die therapeutische Verwendung der TMS steht noch in den Anfängen und wird derzeit für Depressionen und Schizophrenie, Parkinson und Multiple Sklerose erprobt. Einzelne Studien konnten auch belegen, dass die kognitive Leistungsfähigkeit in eng umschriebenen Bereichen, etwa dem Rechnen, steigt, wenn Strom durch den Neocortex geleitet wird.

Vor- und Nachteile

TMS gilt als relativ nebenwirkungsfrei. Die häufigsten unter den beschriebenen Nebenwirkungen sind Kopfschmerzen, sehr selten können auch epileptische Anfälle ausgelöst werden. Was geschieht, wenn hirnstimulierende Techniken häufiger oder dauerhaft angewandt werden, ist nicht bekannt, weshalb Forscher dringend von einschlägigen privaten Experimenten abraten.

Veränderungen, die durch TMS ausgelöst werden, können wiederum durch EEG protokolliert werden.

Patch-Clamp-Technik

Grundlagen und Durchführung

Die Patch-Clamp-Technik, die 1976 von Erwin Neher und Bert Sakmann entwickelt wurde, ermöglicht es, Ionenströme und andere elektrische Eigenschaften der Zellmembranen (z.B. von Neuronen) direkt zu messen. Dabei wird eine feine Glaskapillare (die sogenannte Patchpipette; Durchmesser an der Spitze ca. 1 µm) mithilfe von Mikromanipulatoren an die Zelle herangeführt und auf die Membran aufgesetzt.

Durch Anlegen eines leichten Unterdrucks entsteht eine elektrisch sehr gut isolierende Verbindung (Gigaseal) zwischen dem Inneren der Pipette und der Außenlösung. In der Whole-Cell-Konfiguration wird der Zellmembranfleck unter der Kapillare aufgebrochen, um Zugang zum intrazellulären Zellmilieu zu erhalten. Dies ermöglicht Strom- oder Spannungsmessungen über die gesamte Zellmembran.

Anwendungsbereiche

Die Patch-Clamp-Methode wird in der Elektrophysiologie zur Darstellung und Messung von gerichteten Strömen durch einzelne Ionenkanäle der Zellmembran verwendet. Einsatzgebiete sind z.B. die Messung des Einflusses von verschiedenen Substanzen auf das Aktionspotential an Nervenzellen, auf das Membranpotential aller Zellen oder auf die Signalübertragung zwischen Zellen. Da viele Neuropeptide eine wichtige Rolle bei der Entstehung und Veränderung der Schmerzwahrnehmung (z.B. Hyperalgesie, Allodynie und Analgesie) spielen, werden mit dieser Methode auch die biophysikalischen Eigenschaften kultivierter Hinterwurzelganglienzellen (DRG-Zellen) untersucht.

Prinzip der Methode

Über jeder Zellmembran liegt ein bestimmtes Membranpotential, das durch die unterschiedliche Ladungsträgerverteilung (= Spannung) und durch die Semipermeabilität der Membran (= elektrischer Widerstand) erzeugt wird. Dies ist eine der Grundeigenschaften der Biomembran. Dieser physiologische Zustand kann gemessen werden. Verändern sich die Bedingungen, die Durchlässigkeit oder andere Parameter, können Ionen von intra- nach extrazellulär und umgekehrt fließen, es kommt zur Änderung des Membranpotentials. Dieser Ladungsträgerfluss kann als Strom gemessen werden. Das gesamte Prinzip folgt dem Ohmschen Gesetz: U = R x I.

Vor- und Nachteile

Die Patch-Clamp-Technik bietet eine hohe Auflösung und ermöglicht detaillierte Einblicke in die Funktionsweise einzelner Ionenkanäle und Zellen. Sie ist jedoch technisch anspruchsvoll und erfordert spezielle Ausrüstung und Expertise. Zudem ist sie invasiv, da die Zelle punktiert werden muss.

Optogenetik

Grundlagen und Durchführung

Die Optogenetik kombiniert genetische und optische Methoden, um die Aktivität von Nervenzellen zu steuern. Dabei werden lichtempfindliche Proteine, sogenannte Kanalrhodopsine, in die Zellmembran von Neuronen eingebracht. Durch Bestrahlung mit Licht bestimmter Wellenlängen können diese Proteine aktiviert werden und Ionenkanäle öffnen, was zu einer Depolarisation oder Hyperpolarisation der Zelle führt. Auf diese Weise lässt sich die Aktivität von Nervenzellen gezielt steuern und beeinflussen.

Optogenetische Spannungsklemme (OVC)

Eine Weiterentwicklung der Optogenetik ist die optogenetische Spannungsklemme (OVC), die es ermöglicht, die Aktivität von Neuronen nicht nur zu stören, sondern gezielt zu kontrollieren. Dabei werden zwei Kanalrhodopsine, Chrimson und GtACR2, eingesetzt, die auf unterschiedliche Wellenlängen reagieren und entweder depolarisieren (Chrimson) oder hyperpolarisieren (GtACR2). Ein Spannungssensor (QuasAr2) misst das Membranpotential, und eine Software regelt den Feedback-Loop, um die Spannung auf einem voreingestellten Sollwert zu halten.

Anwendungsbereiche

Die Optogenetik wird in der neurowissenschaftlichen Forschung eingesetzt, um die Rolle bestimmter Nervenzellen in neuronalen Schaltkreisen und Verhaltensweisen zu untersuchen. Sie ermöglicht es, die Auswirkungen der Aktivierung oder Hemmung spezifischer Neuronen auf komplexe Prozesse wie Lernen, Gedächtnis und Entscheidungsfindung zu analysieren.

Vor- und Nachteile

Die Optogenetik bietet eine hohe räumliche und zeitliche Auflösung und ermöglicht eine gezielte Steuerung der neuronalen Aktivität. Sie ist jedoch technisch anspruchsvoll und erfordert genetische Manipulationen, was ihre Anwendung in der Humanmedizin einschränkt.

Calcium Imaging

Grundlagen und Durchführung

Calcium Imaging ist eine Methode, mit der die Aktivität von Neuronen in vivo im Gehirn bei verschiedensten Verhaltenstests untersucht und sichtbar gemacht werden kann. Aktivierte Neuronen weisen eine Erhöhung der inneren Calciumkonzentration auf. Um diese sichtbar zu machen, werden auf dem grün fluoreszierenden Protein (GFP) basierte Calciumindikatoren (GECIs) über Virussysteme in das zentrale Nervensystem eingebracht. Die am gängigsten genutzten GECIs sind die so genannten GCaMPs, welche auch in unserem Labor verwenden.

Anwendungsbereiche

Calcium Imaging wird verwendet, um die Aktivität von Neuronen während verschiedener Verhaltensaufgaben zu untersuchen. Es ermöglicht es, die neuronalen Korrelate von Kognition, Emotion und Verhalten zu identifizieren.

Vor- und Nachteile

Calcium Imaging bietet eine hohe räumliche Auflösung und ermöglicht die gleichzeitige Messung der Aktivität vieler Neuronen. Die zeitliche Auflösung ist jedoch begrenzt, da die Calciumkonzentration langsamer ansteigt und abfällt als die Membranspannung.

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