Spastik, abgeleitet vom griechischen Wort "spasmos" (Krampf), bezeichnet eine erhöhte Muskelspannung, die durch Schädigungen des Gehirns oder Rückenmarks verursacht wird. Die Ausprägungen spastischer Lähmungen sind vielfältig und reichen von geringfügigen Einschränkungen bis hin zu schwersten körperlichen Behinderungen. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die Ursachen, Symptome, Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten von Spastik, um Betroffenen und ihren Angehörigen ein besseres Verständnis der Erkrankung zu ermöglichen.
Ursachen und Entstehung von Spastik
Die Schädigung des Gehirns oder Rückenmarks, die zu Spastik führt, kann zahlreiche Ursachen haben. Hierzu zählen beispielsweise:
- Schlaganfall
- Multiple Sklerose (MS)
- Schädel-Hirn-Trauma
- Hirnschäden durch Sauerstoffunterversorgung
- Angeborene Hirnschädigungen
- Entzündliche Hirnerkrankungen (z. B. Meningitis)
- Hirntumore
- Querschnittslähmungen mit Schädigung des Rückenmarks
- Amyotrophe Lateralsklerose (ALS)
Die Strukturen des zentralen Nervensystems (ZNS), bestehend aus Gehirn und Rückenmark, sind über Nervenbahnen mit der Skelettmuskulatur verbunden und vermitteln Signale zur Anspannung und Entspannung. Erkrankungen des ZNS können dieses Zusammenspiel beeinträchtigen, was zu einer unkoordinierten, unwillkürlichen Ansteuerung der Muskulatur und eingeschränkter Beweglichkeit führt.
Typische Symptome einer spastischen Bewegungsstörung
Das Leitsymptom einer spastischen Bewegungsstörung ist die krampfartige, erhöhte Muskelspannung, die von weiteren Symptomen begleitet sein kann, die ebenfalls auf eine Schädigung des ZNS zurückzuführen sind. Zu diesen gehören:
- Beeinträchtigung der Bewegungssteuerung und Koordination
- Bewegungseinschränkungen bis hin zu Lähmungserscheinungen
- Schmerzen oder Sensibilitätsstörungen (z. B. neuropathischer Schmerz, Schmerzen des Muskel- und Skelettsystems)
- Kraftlosigkeit und Erschöpfung
- Gesteigerte Muskeleigenreflexe
Spastische Bewegungsstörungen können je nach Ursache in unterschiedlichem Schweregrad und an verschiedenen Lokalisationen auftreten. Dabei können sowohl einzelne Bewegungssegmente als auch eine oder mehrere Extremitäten betroffen sein. Bei einer Paraspastik sind beide Arme oder Beine betroffen, bei einer Tetraspastik alle Extremitäten. Die Spastik kann fokal (herdförmig), segmental (auf ein Rückenmarkssegment bezogen) oder generalisiert (den ganzen Körper betreffend) auftreten.
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Diagnose von Spastik
Die Diagnostik einer spastischen Bewegungsstörung basiert auf der körperlichen Untersuchung, die auf eine ausführliche Anamnese folgt. Bei der körperlichen Untersuchung werden die Muskelgruppen inspiziert, abgetastet und durchbewegt. Wichtig ist, die Beweglichkeit der Muskulatur in unterschiedlichen Geschwindigkeiten zu testen, da die Spastik geschwindigkeitsabhängig auftritt. Je nach zugrundeliegender Ursache werden weitere Untersuchungen und Tests herangezogen, wie bildgebende Verfahren, Laboruntersuchungen oder die Untersuchung von Rückenmarksflüssigkeit (Lumbalpunktion). Hilfreiche Hinweise können im Einzelfall auch genetische Untersuchungen geben.
Zur Beurteilung der Spastizität von Muskeln wird häufig die Ashworth-Skala oder die modifizierte Ashworth-Skala verwendet, die die Zunahme der Muskelspannung bei passiver Bewegung misst.
Therapie von Spastik: Medikamentöse und nicht-medikamentöse Ansätze
Grundsätzlich sollte zur Behandlung einer Spastik möglichst die zugrundeliegende Ursache therapiert werden. Da Nervengewebe jedoch nur eine stark eingeschränkte Fähigkeit zur Regeneration besitzt, kann bei vielen Erkrankungen des ZNS keine ursächliche Behandlung erfolgen, sodass oft eine symptomatische Therapie eingeleitet wird. Diese richtet sich nach der Schwere der Erkrankung sowie individuellen Faktoren. Die wichtigsten Ziele der Behandlung einer Spastik sind die Verbesserung der Symptome und der Erhalt der Lebensqualität. Um dies zu erreichen, ist es wichtig, die Beweglichkeit und Körperhaltung zu fördern und mögliche Schmerzen zu lindern. Konkrete Behandlungsziele können beispielsweise sein:
- Sitzen, Gehen und Stehen verbessern
- Aktivitäten im Alltag erleichtern
- Folgeerkrankungen vermeiden
- Selbstwertgefühl verbessern
- Selbständigkeit erhalten oder erreichen
Die Behandlungsziele sollten gemeinsam mit pflegenden Angehörigen oder anderen Pflegepersonen und dem behandelnden Arzt festgelegt und regelmäßig überprüft werden. Dabei ist es oft hilfreich, die Ziele aufzuschreiben und Veränderungen von Symptomen und Beschwerden ausführlich zu dokumentieren.
Nicht-medikamentöse Therapien
- Physiotherapie (Krankengymnastik): Die Physiotherapie bildet die Grundlage der Behandlung einer spastischen Bewegungsstörung. Verschiedene Übungen dienen dazu, Muskeln und Gelenke beweglich zu halten. Eine passive Bewegung sowie Strecken und Dehnen sollen die Steifheit der Gelenke und Muskeln verringern. Die beim Physiotherapeuten erlernten Übungen können auch selbstständig zu Hause durchgeführt werden. Die Physiotherapie ist der Meister der Bewegung. Durch Spastik können Fehlhaltungen und Bewegungsmuster entstehen, die z. B. Beine oder den Rücken überlasten. Physiotherapeut*innen schauen sich das Gangbild an und geben Tipps, wie sich einzelne Bewegungsabläufe so verbessern lassen, damit Folgeschäden unwahrscheinlicher werden. Sie geben zudem Tipps für eine natürliche Bewegung oder erstellen über einen körperlichen Test Trainingsprogramme. Auch zeigen sie, wie sich z. B. der Beckenboden bei Störungen der Blase stärken lässt.
- Orthopädische Hilfsmittel: Orthesen, Schienen oder Gipsverbände werden eingesetzt, um die von der Spastik betroffenen Körperregionen zu stützen, zu fixieren oder zu entlasten. Auch wenn sich Verkürzungen von Muskeln, Bändern oder Sehnen einstellen, können diese Hilfsmittel sinnvoll sein. Für die Beine ist das Aufrichten der Betroffenen die beste Mobilisationsform. Durch das Anlegen von Casts kann schrittweise ein eingeschränkter Bewegungsumfang wieder ausgedehnt werden.
- Ergotherapie: Die ergotherapeutische Behandlung beinhaltet verschiedene Maßnahmen und Übungen, die erlernt werden können. Sie dienen dazu, möglichst viele Alltagsaktivitäten trotz der Einschränkungen durch eine Spastik zu bewältigen. Hierzu gehören das Einüben von Tätigkeiten wie An- und Ausziehen, Essen und Zähneputzen sowie eine Beratung zum Umgang mit Hilfsmitteln wie Prothese, Rollator oder Schreibhilfe. Ergotherapeuten sind dazu ausgebildet, Betroffene mit Beeinträchtigungen individuell bei der Ausführung ihrer täglichen Betätigungen zu unterstützen. Auf diese Weise möchten sie ihnen zu mehr Aktivität verhelfen.
- Elektrostimulation und Elektroakupunktur: Diese Methoden werden direkt am spastischen Muskel angewendet, um die überhöhte Muskelspannung zu behandeln und langfristig die Beweglichkeit zu verbessern. Elektrostimulation aktiviert über angeklebte Elektroden auf der Haut Nerven und Muskelfasern mit kleinen Strömen (transkutane elektrische Nervenstimulation, TENS). Auch die funktionelle Elektrostimulation (FES) für Bewegungen, die vom Patienten ganz oder teilweise selbst ausgeführt werden (z.B. Greifen und Hantieren, Gehen), kann neben der Verbesserung motorischer Funktionen einen Spastik-mindernden Effekt aufweisen.
- Operation: Unter gewissen Umständen kann eine Operation in Erwägung gezogen werden, um Sehnen zu verlängern oder zu verkürzen, Verwachsungen zu lösen oder Fehlstellungen und Verformungen der Knochen zu korrigieren. Bei schwerster Spastik, die anders nicht zu behandeln sind, gibt es chirurgische Verfahren (dorsale Rhizotomie oder Eingriffe in der Eintrittszone der Hinterwurzel ins Rückenmark). Durch sie können ausgeprägte Fehlhaltungen vermieden werden und damit verbundene Pflegehemmnisse, hygienische Probleme und Komplikationen wie Kontrakturen oder Hautläsionen.
Medikamentöse Therapien
Medikamente zur Behandlung der Spastik sollten eingesetzt werden, wenn die Beeinträchtigungen und Beschwerden mit einer ausschließlich nicht-medikamentösen Therapie nicht zufriedenstellend verbessert werden konnten. Dabei wird unterschieden zwischen Medikamenten, die per Injektion oder Infusion verabreicht werden, und solchen, die man einnehmen kann (orale Antispastika).
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- Therapie mit Botulinumtoxin Typ A: Der Wirkstoff Botulinumtoxin Typ A wird zur Behandlung der fokalen Spastik (betrifft nur eine Körperregion) und multifokalen Spastik (betrifft zwei oder mehrere Körperregionen) eingesetzt. Die Behandlung erfolgt gezielt durch Injektionen in den von der Spastik betroffenen Muskel. Botulinumtoxin Typ A wirkt, indem es vorübergehend die Signalübertragung vom Nerven zum Muskel blockiert. Dadurch entspannen sich die Muskeln vorübergehend für einen Zeitraum von zwei bis vier Monaten. Auch Schmerzen können gelindert werden. Die Injektion mit Botulinumtoxin Typ A wird von ärztlichen Leitlinien als Mittel der ersten Wahl zur Behandlung einer lokal begrenzten Spastik empfohlen.
- Therapie mit Baclofen (Intrathekale Baclofen-Therapie, ITB): Bei einer sehr stark ausgeprägten Spastik, die den Alltag deutlich behindert und wenn die bisherige Therapie nicht erfolgreich war, kann die sogenannte intrathekale Therapie mit Baclofen (ITB) zum Einsatz kommen. Dabei wird das muskelentspannende Medikament über ein spezielles Infusionssystem mit einer Pumpe direkt in den das Rückenmark umgebenden Raum (Liquor) verabreicht. Da zu Beginn der Behandlung eine Operation notwendig ist, sollte die ITB nur in schweren Fällen zur Anwendung kommen. Die Indikation für eine ITB sollte erst erfolgen, wenn andere Behandlungen nicht zufriedenstellend waren.
- Orale Antispastika: Klassische Antispastika sind krampflösende Medikamente, die eine Entkrampfung der Muskeln bewirken. Hierzu gehören die Wirkstoffe Baclofen, Tizanidin und Tolperison. Diese können die Spastik lösen und damit Bewegungseinschränkungen verbessern. Der Wirkstoff Dantrolen hemmt gewisse Vorgänge im Muskel und bewirkt dadurch eine Muskelentspannung. Benzodiazepine wirken angstlösend, schlaffördernd und entspannend auf die Muskulatur. Cannabinoide (THC und CBD) können bei schmerzhaften Krämpfen der Muskulatur helfen. Orale Antispastika weisen - in Abhängigkeit von der verabreichten Dosis - häufig Nebenwirkungen auf, die den ganzen Körper betreffen, wie Schläfrigkeit und Kraftlosigkeit. Daher sollten vor der Therapie Nutzen und Risiken abgewogen werden. Zudem wird empfohlen, die Behandlung mit einer geringen Dosis zu beginnen und diese allmählich zu steigern, um möglicherweise auftretende unerwünschte Wirkungen frühzeitig zu erkennen.
Weitere Therapieansätze
- Spinale Rückenmarkstimulation (SCS): Bei chronischen Schmerzen, die vom Rücken ins Bein ausstrahlen, kann die Durchführung einer Spinalen Rückenmarkstimulation (SCS) in Betracht gezogen werden. Hierbei wird durch die Anwendung von elektrischen Impulsen das Schmerzempfinden innerhalb des zentralen und peripheren Nervensystems beeinflusst, sodass eine Linderung der Beschwerden erzielt werden kann.
- Intrathekale Opioid- oder Muskelrelaxantienapplikation: In speziellen Situationen besteht die Möglichkeit zur Implantation einer Pumpe, die kontinuierlich Opioide oder Muskelrelaxantien appliziert. Diese wird in der Regel unter der Haut eingesetzt und ist mit einem am Rückenmark endenden Katheter verbunden. Das Medikament kann nun direkt in die Flüssigkeit, die um das Rückenmark herum befindet (Liquor), abgegeben werden.
Verlauf und Prognose bei spastischen Störungen
Da Spastiken immer als Symptom einer Grunderkrankung auftreten, hängt die Prognose maßgeblich vom Verlauf dieser Erkrankung ab. Schädigungen des zentralen Nervensystems sind in der Regel nicht vollständig heilbar, weshalb auch Spastiken oft nur gelindert, nicht aber komplett geheilt werden können. Es ist daher sehr wichtig, individuelle Therapieziele festzulegen und die Patienten gut über die Prognose der jeweiligen Erkrankung aufzuklären. Das wichtigste Behandlungsziel einer spastischen Störung sollte dabei die Erhöhung der Lebensqualität sein, sodass die Verbesserung der Beweglichkeit und wichtiger Alltagskompetenzen sowie die Linderung von Schmerzen im Fokus der Behandlung stehen.
Spezialisten für Spastik
Fachärzte für Neurologie sind auf die Behandlung von Erkrankungen des zentralen Nervensystems spezialisiert und daher die kompetentesten Ansprechpartner für die Behandlung einer Spastik. Unterstützt werden sie dabei von nicht-ärztlichen Fachdisziplinen wie der Physio- oder Ergotherapie.
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