Spastik und Zittern in den Beinen bei Nacht: Ursachen und Zusammenhang mit Multipler Sklerose (MS)

Die Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS), die Gehirn und Rückenmark betrifft. Sie manifestiert sich durch vielfältige Symptome, die oft unvorhersehbar auftreten und den Alltag der Betroffenen erheblich beeinträchtigen können. Zu diesen Symptomen gehören Koordinationsstörungen wie Ataxie und Tremor, Spastik, Schmerzen, Fatigue, Blasen- und Darmfunktionsstörungen sowie Schlafstörungen. Insbesondere nächtliche Spastik und Zittern in den Beinen können den Schlaf empfindlich stören und die Lebensqualität mindern. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen für Spastik und Zittern in den Beinen bei Nacht im Zusammenhang mit MS und gibt Hinweise zu möglichen Behandlungsansätzen.

Multiple Sklerose: Eine Krankheit mit vielen Gesichtern

Die Multiple Sklerose wird oft als die „Krankheit der 1000 Gesichter“ bezeichnet, da sie sich bei jedem Betroffenen anders äußern kann. Die Symptome sind vielfältig und können unterschiedliche Körperregionen betreffen. Häufige erste Anzeichen sind Missempfindungen wie Kribbeln oder Taubheitsgefühle in Händen und Füßen, Sehstörungen oder Schwäche in den Beinen. Im weiteren Verlauf der Erkrankung können Spastiken, Lähmungserscheinungen oder Inkontinenz auftreten.

Die MS ist eine chronisch entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die das gesamte Gehirn und Rückenmark betreffen kann. In Deutschland sind ca. 250.000 Menschen an einer Multiplen Sklerose (MS) erkrankt. Die Erkrankung tritt zumeist im jungen Erwachsenenalter auf. Die Beschwerden treten, je nach MS-Form, schubartig oder langsam schleichend fortschreitend auf. Welche Symptome und Beschwerden sich entwickeln, hängt wesentlich davon ab, an welchen Stellen im Körper die Ursachen der Multiplen Sklerose auftreten. Die MS-Diagnostik ähnelt einem Puzzle, denn die Symptome der Erkrankung können individuell sehr verschieden sein.

Koordinationsstörungen bei MS: Ataxie und Tremor

Bewegungsabläufe erfordern ein enges Zusammenspiel zwischen Nerven und den beteiligten Muskeln. Für die Koordination der Muskelbewegungen ist das sogenannte Kleinhirn verantwortlich. Bei vielen Menschen mit MS sind Bewegungsabläufe gestört. Häufig sind Ataxie oder Tremor die Ursache dieser Koordinationsstörungen bei MS.

Ataxie und Tremor sind Koordinationsstörungen, die häufig bei MS-Patienten auftreten. Ataxie bezeichnet eine Störung des Zusammenspiels der Muskeln, die sich in ungeschickten Bewegungen, unsicherem Gang oder Schwierigkeiten bei feinmotorischen Aufgaben äußern kann. Tremor hingegen ist ein unwillkürliches Zittern eines Körperteils oder des gesamten Körpers.

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Ataxie: Unsichere Bewegungen und Gangstörungen

Bei der Ataxie ist das Zusammenspiel der Muskeln und damit der Bewegungsabläufe gestört - mit möglichen Auswirkungen auf den gesamten Alltag. Denn je nachdem, welche Muskelgruppe betroffen ist, kann die Ataxie sowohl grobmotorische als auch feinmotorische Bewegungen beeinträchtigen. Betrifft die Ataxie beispielsweise die Beine, kann der Gang unsicher werden und die Stolper- oder Sturzgefahr steigen. Diese Gangstörung heißt in der Fachsprache auch Gangataxie.

Tremor: Unwillkürliches Zittern

Tremor bezeichnet ein unwillkürliches Zittern eines Körperteils oder des gesamten Körpers. Das Zittern betrifft häufig die Hände oder Arme und kann so alle Tätigkeiten beeinträchtigen, die eine ruhige Hand voraussetzen. Als Tremor bezeichnet man das Zittern eines Körperteils. Er kommt zustande durch unkoordinierte, wiederholte Kontraktionen von Muskeln. Es treten verschiedenste Formen auf, die man nach Erscheinen, Ausmaß, Frequenz unterscheidet.

Spastik bei MS: Erhöhte Muskelspannung und Krämpfe

Störungen der Muskelfunktion zeigen sich bei MS-Patienten als Kraftlosigkeit, Lähmungen oder eine unnatürlich erhöhte Muskelspannung (Spastik). Letztere führt dazu, dass sich Gliedmaßen (z.B. die Beine) versteifen oder Fehlhaltungen entstehen (beispielsweise der Hände). Eine Spastik ist häufig mit Kraftlosigkeit, Schmerzen, Störungen der Feinmotorik, einem rhythmischen Zittern (z.B. in den Füßen), einem Schwere- und Spannungsgefühl und/oder Bewegungseinschränkungen verbunden. Betroffene können nur noch eingeschränkt stehen oder gehen. Kommen noch Muskellähmungen dazu, kann dies bis zur Bewegungsunfähigkeit (Immobilität) der Patienten führen. Daraus können weitere Probleme entstehen wie das Durchliegen (Dekubitus).

Die Spastik bezeichnet einen übermäßig erhöhten Muskeltonus in bestimmten Bereichen. Diese Störung kann dauerhaft sein, schwanken aber auch plötzlich „einschießen“. Es kann zu Schmerzen kommen und, wenn die Beine betroffen sind, kann das Gehen beeinträchtigt sein. Häufig wird die Spastik getriggert durch äußere Reize wie Kälte oder körperliche/psychische Belastung. Viele Menschen mit MS-Spastik berichten, dass sie nachts plötzliche einschießende Spastiken verspüren. Das können Wadenkrämpfe, Zehenkrämpfe, Muskelzucken oder auch steife Beine sein. An einen erholsamen Schlaf ist dann nicht mehr zu denken. Oft hilft nur Aufstehen, Gehen, Dehnen, Entspannen - aber auch das erfordert seine Zeit.

Ursachen für Spastik und Zittern in den Beinen bei Nacht

Die genauen Ursachen für Spastik und Zittern in den Beinen bei Nacht bei MS sind noch nicht vollständig geklärt. Es wird vermutet, dass verschiedene Faktoren eine Rolle spielen:

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  • Schädigung der Nervenbahnen: Die MS-bedingten Entzündungen und Schädigungen im ZNS können die Nervenbahnen beeinträchtigen, die für die Steuerung der Muskelspannung und Bewegung zuständig sind. Dies kann zu einer erhöhten Muskelspannung (Spastik) und unwillkürlichen Muskelkontraktionen (Zittern) führen.
  • Erhöhte Erregbarkeit der Nervenzellen: Durch die MS können die Nervenzellen im ZNS übererregbar werden, was zu unkontrollierten Muskelaktivitäten führen kann.
  • Mangelnde Hemmung von Reflexen: Normalerweise werden Reflexe im Körper durch das Gehirn gehemmt. Bei MS kann diese Hemmung gestört sein, was zu überaktiven Reflexen und Muskelkrämpfen führen kann.
  • Äußere Reize: Äußere Reize wie Kälte, Berührungen oder Bewegungen können Spastik und Zittern verstärken.
  • Psychische Faktoren: Stress, Angst oder Erschöpfung können sich ebenfalls negativ auf die Muskelspannung auswirken und Spastik und Zittern verstärken.
  • Schlafstörungen: Schlafstörungen können die Symptome der MS verstärken, einschließlich Spastik und Zittern.
  • Medikamente: Einige Medikamente, die zur Behandlung von MS oder anderen Erkrankungen eingesetzt werden, können Spastik und Zittern als Nebenwirkung verursachen.

Zusammenhang mit Schlafstörungen

Nächtliche Spastik und Zittern in den Beinen können den Schlaf erheblich stören. Die unwillkürlichen Muskelkontraktionen können zu häufigem Aufwachen, Einschlafstörungen und einem unruhigen Schlaf führen. Schlafstörungen wiederum können die Symptome der MS verstärken, einschließlich Spastik, Fatigue und kognitive Beeinträchtigungen.

Viele MS Patienten leiden zudem auch an psychischen Symptomen (teilweise unsichtbare Symptome der MS genannt). Bekannt ist, dass chronische Erkrankungen, die das Hirn betreffen, auch ein erhöhtes Risiko für psychische Störungen verursachen. Hiervon zu unterscheiden ist die häufig auftretende Fatigue: hierunter versteht man eine rasche Erschöpfbarkeit mit geminderter körperlicher und psychischer Leistungsfähigkeit bzw. Belastbarkeit.

Behandlungsmöglichkeiten bei Spastik und Zittern in den Beinen bei Nacht

Die Behandlung von Spastik und Zittern in den Beinen bei Nacht bei MS zielt darauf ab, die Muskelspannung zu reduzieren, die Symptome zu lindern und den Schlaf zu verbessern. Es gibt verschiedene Therapieansätze, die einzeln oder in Kombination eingesetzt werden können:

Medikamentöse Therapie

  • Muskelrelaxantien: Muskelrelaxantien wie Baclofen oder Tizanidin können die Muskelspannung reduzieren und Spastik lindern.
  • Antiepileptika: Antiepileptika wie Gabapentin oder Pregabalin können die Erregbarkeit der Nervenzellen reduzieren und Zittern unterdrücken.
  • Botulinumtoxin: Botulinumtoxin (Botox) kann in die betroffenen Muskeln injiziert werden, um die Muskelspannung zu reduzieren.
  • Cannabinoide: Cannabinoide können bei einigen MS-Patienten Spastik und Schmerzen lindern.

Nicht-medikamentöse Therapie

  • Physiotherapie: Physiotherapie kann helfen, die Muskeln zu dehnen und zu kräftigen, die Beweglichkeit zu verbessern und die Koordination zu schulen.
  • Ergotherapie: Ergotherapie kann helfen, den Alltag besser zu bewältigen und Hilfsmittel anzupassen.
  • Entspannungstechniken: Entspannungstechniken wie progressive Muskelentspannung oder autogenes Training können helfen, Stress abzubauen und die Muskelspannung zu reduzieren.
  • Kühlende Maßnahmen: Kühlende Maßnahmen wie kalte Umschläge oder Kühlwesten können bei einigen Patienten Spastik lindern.
  • Wärmeanwendungen: Wärmeanwendungen wie warme Bäder oder Wärmepflaster können bei einigen Patienten Muskelverspannungen lösen.
  • Regelmäßige Bewegung: Regelmäßige körperliche Aktivität kann helfen, die Muskeln zu kräftigen und die Beweglichkeit zu verbessern.
  • Schlafhygiene: Eine gute Schlafhygiene kann helfen, den Schlaf zu verbessern. Dazu gehören regelmäßige Schlafzeiten, eine entspannende Schlafumgebung und der Verzicht auf koffeinhaltige Getränke und Alkohol vor dem Schlafengehen.

Eine Kombination aus Physiotherapie und Ergotherapie kann Dir dabei helfen, Deine motorischen Fähigkeiten bei Ataxie oder Tremor zu verbessern und damit möglichst lange selbstständig zu bleiben. Du kannst Dir zusätzlich ein Trainingsprogramm mit einer Mischung aus Bewegungs- und Dehnübungen zusammenstellen lassen, um damit vor allem Rücken, Hüfte und Beine zu stärken. Auch Entspannungstechniken können hilfreich sein, da Ataxie oder Tremor zum Teil von Deiner seelischen und körperlichen Verfassung abhängig sein können.

Weitere Tipps für den Umgang mit Spastik und Zittern in den Beinen bei Nacht

  • Sprechen Sie mit Ihrem Arzt: Sprechen Sie mit Ihrem Arzt über Ihre Symptome und lassen Sie sich beraten, welche Behandlungsmöglichkeiten für Sie geeignet sind.
  • Führen Sie ein Symptomtagebuch: Führen Sie ein Tagebuch über Ihre Symptome, um herauszufinden, welche Faktoren diese verstärken oder lindern.
  • Passen Sie Ihre Schlafumgebung an: Sorgen Sie für eine angenehme Schlafumgebung, die ruhig, dunkel und kühl ist.
  • Vermeiden Sie Stress: Versuchen Sie, Stress abzubauen und Entspannungstechniken zu erlernen.
  • Achten Sie auf Ihre Ernährung: Eine gesunde Ernährung kann helfen, die Symptome der MS zu lindern.
  • Nehmen Sie an einer Selbsthilfegruppe teil: Der Austausch mit anderen Betroffenen kann hilfreich sein.

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