Spastik, ein Zustand erhöhter Muskelspannung, der zu Steifheit und unwillkürlichen Bewegungen führt, stellt eine erhebliche Herausforderung für viele Menschen dar. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Symptome und Behandlungsmöglichkeiten von Spastik und stellt zudem einen alternativen, kybernetischen Ansatz vor, der neue Perspektiven für den Umgang mit diesem komplexen Phänomen eröffnet.
Einführung in die Spastik
Spastik ist keine eigenständige Krankheit, sondern ein Symptom einer Schädigung des zentralen Nervensystems (ZNS), das Gehirn und Rückenmark umfasst. Diese Schädigung beeinträchtigt die Kontrolle über willkürliche Bewegungen und führt zu einer Reihe von Beschwerden, die die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen können. Schätzungsweise 250.000 Patienten in Deutschland leiden an einer spastischen Bewegungsstörung, wobei der Schlaganfall die häufigste Ursache darstellt.
Ursachen von Spastik
Spastik entsteht durch eine Beschädigung oder Verletzung des zentralen Nervensystems, das die willkürliche Bewegung kontrolliert. Diese Läsion unterbricht wichtige Signale zwischen dem Nervensystem und den Muskeln und führt zu einem Ungleichgewicht, das die Muskelaktivität erhöht und Spasmen verursacht. Zu den häufigsten Ursachen gehören:
- Zerebrale Ursachen: Schlaganfall, Zerebralparese, Multiple Sklerose (MS), Schädel-Hirn-Trauma
- Spinale Ursachen: Rückenmarksverletzungen, Querschnittslähmung
Bestimmte Triggerfaktoren können Spasmen auslösen oder verschlimmern. Dazu gehören beispielsweise eingeschränkte Beweglichkeit, Schmerzen, emotionale Anspannung, Entzündungen, Infektionen, Stuhldrang, Harndrang, Druckgeschwüre, Thrombosen und Knochenbrüche.
Die Rolle des Dehnungsreflexes
Der Dehnungsreflex spielt eine entscheidende Rolle bei der Entstehung von Spastik. In der Skelettmuskulatur befinden sich Muskelspindeln, die den Dehnungszustand der Muskeln messen. Bei einer Spastik sind die für geregelte Bewegungsabläufe zuständigen Bereiche des zentralen Nervensystems verletzt, wodurch die Muskelaktivität nicht ausreichend gebremst wird.
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Symptome der Spastik
Die Symptome einer Spastik können vielfältig sein und hängen von der zugrunde liegenden Erkrankung und dem Ausmaß der Schädigung des Nervensystems ab. Zu den häufigsten Symptomen gehören:
- Erhöhte Muskelspannung (Muskeltonus): Verhärtete und steife Muskeln, die Bewegungen erschweren
- Unwillkürliche Muskelkrämpfe (Spasmen): Plötzliche, unkontrollierte Muskelzuckungen
- Schmerzen: Insbesondere bei akuten Krämpfen
- Eingeschränkte Beweglichkeit: Schwierigkeiten bei der Durchführung alltäglicher Aktivitäten
- Veränderungen der Körperhaltung und des Gleichgewichts: Erschwertes Stehen und Gehen
- Fehlstellungen der Extremitäten: Beispielsweise eine gefaustete Hand oder ein Spitzfuß
- Muskellähmung: In einigen Fällen kann es zu einer Lähmung der betroffenen Extremität kommen
Diagnose der Spastik
Die Diagnose einer Spastik wird in der Regel nach dem Auftreten einer neurologischen Erkrankung gestellt. Der Arzt wird eine umfassende Anamnese erheben, eine körperliche Untersuchung durchführen und nach eingenommenen Medikamenten sowie neurologischen oder Muskelerkrankungen in der Familie fragen.
Konventionelle Behandlungsmöglichkeiten
Spastiken sind nicht heilbar, können jedoch gut behandelt werden. Ziel der Behandlung ist es, die Symptome zu lindern, die Beweglichkeit zu verbessern und die Lebensqualität zu erhöhen. Die Grundsäule der Therapie besteht aus:
- Physiotherapie: Dehnübungen, Kräftigungsübungen und spezielle Techniken zur Verbesserung der Beweglichkeit und Koordination
- Ergotherapie: Anpassung der Umgebung und des Alltags, um die Selbstständigkeit zu fördern
- Lagerung: Schmerzfreie Dehnung zur Vermeidung von Muskelverkürzungen (Kontrakturen)
- Physikalische Therapien: Wärme- und Kälteanwendungen, Elektrotherapie
- Medikamente: Muskelrelaxantien wie Baclofen, Tizanidin, Benzodiazepine, Dantrolen und Tolperison zur Reduzierung des erhöhten Muskeltonus
- Botulinumtoxin: Injektionen in betroffene Muskeln zur gezielten Unterbindung der Kontraktion bei lokal begrenzten Spastiken
- Intrathekale Baclofen-Therapie: Applikation von Baclofen direkt in die Rückenmarksflüssigkeit über eine implantierte Pumpe bei schweren Spastiken
- Orthopädische Hilfsmittel: Schienen und Orthesen zur Unterstützung und Stabilisierung der Gelenke
- Tetrahydrocannabinol (THC): Aktivierung der Endocannabinoidrezeptoren CB1 und CB2
- Cannabidiol (CBD): Antispastische Wirkung ist derzeit ungeklärt
- Neurochirurgische Methoden: In schweren und seltenen Fällen Rhizotomie (Durchtrennung der Hirnwurzel)
Cannabinoide in der Spastiktherapie
Cannabinoide, insbesondere Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD), haben in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung in der Behandlung von Spastik gewonnen. THC vermittelt seine antispastischen Wirkungen durch die Aktivierung von Endocannabinoidrezeptoren, während der Wirkmechanismus von CBD noch nicht vollständig geklärt ist.
Sativex®, ein oromukosales Medikament mit einem THC- und CBD-reichem Cannabisextrakt, ist in Deutschland zur Behandlung von Spastik bei Multipler Sklerose zugelassen. Studien haben gezeigt, dass Sativex® die Spastik bei MS-Patienten signifikant reduzieren kann. Auch Nabilon, ein synthetisches Cannabinoid, hat in Studien eine Wirksamkeit bei der Reduktion von Spastik nach Rückenmarksverletzungen gezeigt.
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Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass die Studienlage zur Wirksamkeit von Cannabinoiden bei Spastiken aufgrund anderer Grunderkrankungen derzeit noch begrenzt ist.
Ein kybernetischer Ansatz zur Spastik
Neben den konventionellen Behandlungsmethoden bietet die Kybernetik eine alternative Sichtweise auf das Phänomen der Spastik. Die Kybernetik betrachtet den Menschen als ein komplexes System, das sein Verhalten beständig in zirkulären Rückkopplungsschleifen neu erzeugt. In diesem Verständnis ist das Gehirn nicht ein übergeordnetes Steuerungs-Organ, sondern der Mensch bestimmt auf der Grundlage der steten Rückkopplung von Nerven-, Bewegungs- und Wahrnehmungssystem in jedem Augenblick neu, wie er sein Verhalten im jeweiligen Moment gestaltet.
Spastik als erlernte Regulationsmöglichkeit
Aus kybernetischer Sicht wird Spastik als eine erlernte Regulationsmöglichkeit betrachtet, als eine erworbene Kompetenz, bei der aber ein gewisses Spektrum an Möglichkeiten von Verhalten vorerst nicht mehr nutzbar ist. Der veränderte stetige Rückkopplungsprozess zwischen Bewegungs-, Wahrnehmungs- und Nervensystem spielt eine zentralere Rolle als die eigentliche Ursache der Schädigung.
Die Bedeutung der Selbstregulation
Eine Störung des Selbstregulations-Prozesses, beispielsweise nach einem Schlaganfall, kann zu einem Teufelskreis führen, in dem mangelnde differenzierte Signale der Bewegungswahrnehmung durch größere Korrekturen kompensiert werden, was wiederum zu noch größeren Korrekturen führt. Dies kann zu einer erhöhten Muskelspannung und einer Verlangsamung der Bewegung führen, die sich zu einem Verhaltensmuster entwickeln kann.
Implikationen für Pflege und Betreuung
Die kybernetische Sichtweise hat wichtige Implikationen für den Umgang mit Menschen mit Spastik in Pflege und Betreuung. Anstatt Spastik als rein pathologisches Phänomen zu betrachten, das von außen behandelt werden muss, liegt der Fokus auf der Unterstützung der Betroffenen bei der Weiterentwicklung ihrer Selbststeuerungs-Kompetenz.
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Kinästhetik als Ansatz zur Förderung der Selbststeuerung
Kinästhetik, ein Konzept, das die Erfahrung der eigenen Bewegung in den Mittelpunkt stellt, bietet konkrete Werkzeuge und Instrumente für die Bearbeitung solcher Fragen. Durch die bewusste Gestaltung einer individuellen Lernumgebung und die Unterstützung bei allen Alltagsaktivitäten können Menschen mit Spastik lernen, ihre Spannung differenzierter an die Herausforderungen anzupassen, eine größere Vielfalt in ihren Bewegungsmustern zu entwickeln und ihr Anpassungspotenzial zu erweitern.
Die Rolle der Wahrnehmung
Die Forschungen von Weber und Fechner zur Psychophysik zeigen, dass die Wahrnehmungsschwelle für einen Unterschied von Reizen von der Intensität des Reizes abhängt. Je höher die Spannung im Körper, desto weniger differenziert werden Veränderungen der Muskelspannung in der Bewegung wahrgenommen, was wiederum einen direkten Einfluss auf die Steuerung der Bewegung hat. Daher ist es wichtig, Menschen mit hoher Körperspannung dabei zu unterstützen, diese Spannung bei der Durchführung aller alltäglichen Aktivitäten bestmöglich zu regulieren.
Spastik bei Amyotropher Lateralsklerose (ALS)
Die Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) ist eine schwere, bisher nicht heilbare Erkrankung des motorischen Nervensystems. Bei der ALS verlieren die motorischen Nervenzellen, die für die willkürliche Steuerung der Muskulatur verantwortlich sind, fortschreitend ihre Funktion. Die Schädigung des ersten Motoneurons (im motorischen Kortex) verursacht eine Spastizität (Bewegungsstörung), während die Degeneration des zweiten Motoneurons (im Myelon) mit Muskelschwäche (Parese), Muskelatrophie (Myatrophie) oder Muskelzuckungen (Faszikulationen) verbunden ist.
Operative Therapie bei Spastik der oberen Extremitäten
Nach Ausschöpfung der konservativen Therapiemaßnahmen kann bei entsprechendem Leidensdruck und Wunsch der Patienten eine operative Therapie durchgeführt werden. Diese setzt sich in der Regel aus einer Kombination von Sehnen- und Nerveneingriffen zusammen, die den passiven Bewegungsumfang der angrenzenden Gelenke wiederherstellen, die Überaktivität der spastischen Muskulatur reduzieren und die Spastik der betroffenen Muskelgruppen aufheben. Wann immer möglich, stehen die Nerveneingriffe im Vordergrund.
Spastik bei Querschnittslähmung
Mit der Spastik hat wohl jeder querschnittsgelähmte mehr oder weniger zu tun. In den wenigsten Fällen ist die Spastik dermaßen schlimm, sodass der Tagesablauf nicht zu bewältigen ist. Dafür gibt es zum Glück Medikamente und vorbeugende Maßnahmen, die dieses Leiden in ein erträgliches Maß reduzieren. Spastik ist eine unwillkürliche Reflexbewegung, die häufig nach kompletten oder inkompletten Verletzungen des Rückenmarks auftritt, besonders bei Verletzungen oberhalb des Brustwirbels Th 12.
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