Spastik Seitliches Kippen: Ursachen, Auswirkungen und Behandlungsansätze

Die Spastik, insbesondere in Verbindung mit seitlichem Kippen, stellt eine komplexe Herausforderung dar, die verschiedene Ursachen haben kann. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Auswirkungen und Behandlungsansätze dieser Problematik.

Einführung

Spastik ist eine häufige Folge von Schädigungen des zentralen Nervensystems. Sie äußert sich in einer erhöhten Muskelspannung und unkontrollierten Muskelkontraktionen, die die Beweglichkeit einschränken können. In manchen Fällen führt dies zu einer Neigung zum seitlichen Kippen, was zusätzliche Probleme verursachen kann.

Ursachen der Spastik

Die Sinneszellen im menschlichen Körper nehmen Veränderungen wahr und leiten diese über das Rückenmark an die Muskeln und Organe weiter. Wenn diese Bahnen, zum Beispiel im Bereich des Rückenmarks, unterbrochen werden, ist die Befehls- und Wahrnehmungsübermittlung gestört. Eine Spastik tritt infolge der Schädigung des Rückenmarks auf, wenn Nerven für die Kontrolle von willkürlichen Bewegungen verletzt wurden. In der Folge steigt der Muskeltonus in der betroffenen Region an, die Beweglichkeit wird eingeschränkt und Gelenke können sich bis hin zu einer dauerhaften Kontraktur versteifen.

Rückenmarkverletzungen

Eine der Hauptursachen für Spastik sind Rückenmarkverletzungen. Je nach Höhe und Schwere der Verletzung können unterschiedliche Grade von Lähmungen und Spastiken auftreten.

  • Paraplegie: Bei einer Schädigung der Brust- oder Lendenwirbelsäule sind die unteren Extremitäten und Teile des Rumpfes betroffen.
  • Tetraplegie: Bei einer Schädigung der Halswirbelsäule sind zusätzlich die oberen Extremitäten betroffen. Mit steigender Höhe der Lähmung sind immer mehr Muskeln der Arme betroffen.

Bei einer kompletten Schädigung ist keine willkürliche Kontrolle über Funktionen unterhalb der Verletzung mehr möglich. Bei einer inkompletten Schädigung bleibt die willkürliche Kontrolle teilweise erhalten, sodass der Grad der Einschränkung eine hohe Variabilität aufweisen kann.

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Zerebralparese

Eine weitere Ursache für Spastik ist die Zerebralparese, eine Schädigung oder Fehlentwicklung des Gehirns, die vor, während oder nach der Geburt auftreten kann. Die Zerebralparese ist die häufigste Ursache für motorische Störungen und schwere neurologische Beeinträchtigungen von Kindern. Eine Parese äußert sich in motorischen Störungen, die den Muskeltonus, die Koordination und das Gleichgewicht betreffen können. Neben der Ausführung von Bewegungen ist auch die Haltungskontrolle betroffen, ggf. auch die Mimik, Gestik und die sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten. Man unterscheidet Formen mit zu hohem (hyperton) und mit zu schlaffem (hypoton) Tonus.

Schlaganfall

Ein Schlaganfall kann ebenfalls zu Spastik führen, insbesondere wenn die für die motorische Kontrolle zuständigen Bereiche des Gehirns betroffen sind. Schlaganfall-Betroffene können oft unmittelbar nach dem Ereignis eine Körperhälfte nicht mehr richtig spüren und/oder kontrollieren. Die Lähmungserscheinungen sind - je nach Schwere des Schlaganfalls oder der Hirnverletzung - unterschiedlich. Einige Betroffene können weder Arm noch Bein bewegen, dann spricht man von einer Hemiplegie. Andere wiederum können entweder noch den Arm oder das Bein bewegen, dann wird in der Fachsprache meistens das Wort Hemiparese verwendet. Ob es sich um eine Hemiparese oder Hemiplegie handelt sowie der Grad einer Lähmung (leichte Taubheit oder Schwäche bis zur vollständigen Bewegungsunfähigkeit), richtet sich nach Anzahl der betroffenen Gehirnzellen.

Andere neurologische Erkrankungen

Auch andere neurologische Erkrankungen wie Multiple Sklerose, Friedreich-Ataxie und andere Nervenschäden der Fußmuskeln können Spastik verursachen.

Ursachen für seitliches Kippen bei Spastik

Das seitliche Kippen, auch als Rumpfinstabilität bekannt, kann durch verschiedene Faktoren verstärkt werden, die oft in Kombination auftreten:

  • Ungleichgewicht der Muskelspannung: Eine ungleichmäßige Verteilung der Muskelspannung im Rumpfbereich kann dazu führen, dass der Körper zur stärker betroffenen Seite kippt.
  • Schwäche der Rumpfmuskulatur: Eine allgemeine Schwäche der Rumpfmuskulatur erschwert die Aufrechterhaltung einer stabilen Position.
  • Haltungsreflexe: Bei Kindern mit Zerebralparese können frühkindliche Haltungsreflexe persistieren und zu unkontrollierten Bewegungen und Haltungsinstabilität führen.
  • Skoliose: Eine Deformierung des Rückens, wie z. B. durch Skoliose, kann ebenfalls zu einer Neigung zum seitlichen Kippen führen.
  • Parkinson-Krankheit: Menschen mit Parkinson-Krankheit leiden auch häufig unter „Neigung zum seitlichen Kippen“.

Auswirkungen von Spastik und seitlichem Kippen

Die Auswirkungen von Spastik und seitlichem Kippen können vielfältig sein und die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen:

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  • Eingeschränkte Beweglichkeit: Die erhöhte Muskelspannung und unkontrollierten Muskelkontraktionen erschweren gezielte Bewegungen.
  • Schmerzen: Spastik kann zu chronischen Schmerzen führen, insbesondere in den betroffenen Muskeln und Gelenken.
  • Haltungsstörungen: Das seitliche Kippen kann zu Fehlhaltungen und daraus resultierenden Beschwerden führen.
  • Erhöhtes Sturzrisiko: Die Instabilität des Rumpfes erhöht das Risiko von Stürzen und Verletzungen.
  • Hautschäden: Schiefes Sitzen ist für den menschlichen Körper extrem anstrengend. Sitzt man längere Zeit schief, kann sich die Rückenmuskulatur auf einer Seite verkürzen. Es besteht ein Risiko für Hautschäden (Dekubitus).
  • Eingeschränkte soziale Teilhabe: Die körperlichen Einschränkungen können die Teilnahme an sozialen Aktivitäten erschweren.
  • Probleme mit der Rumpfbalance: Ernsthafte Probleme mit der Rumpfbalance.

Behandlungsansätze

Die Behandlung von Spastik und seitlichem Kippen zielt darauf ab, die Muskelspannung zu reduzieren, die Beweglichkeit zu verbessern, Schmerzen zu lindern und die Lebensqualität zu erhöhen.

Physiotherapie

Physiotherapie spielt eine zentrale Rolle bei der Behandlung von Spastik. Gezielte Übungen können helfen, die Muskelspannung zu reduzieren, die Beweglichkeit zu verbessern und die Rumpfmuskulatur zu stärken.

Ergotherapie

In der Ergotherapie stehen die Greiffunktion der oberen Extremität, Feinmotorik inklusive Schreiben und das Wiedererlernen der sog. Aktivitäten des täglichen Lebens (auch ADL = „activities of daily living“ = Körperpflege, Ankleiden, Nahrungsaufnahme, Toilettengang usw.) im Vordergrund.

Medikamentöse Therapie

Verschiedene Medikamente können zur Reduktion der Muskelspannung eingesetzt werden. Dazu gehören:

  • Baclofen: Ein häufig eingesetztes Medikament zur Behandlung von Spastik.
  • Tizanidin: Ein weiteres Muskelrelaxans, das zur Reduktion der Muskelspannung eingesetzt werden kann.
  • Botulinumtoxin (Botox): Kann gezielt in betroffene Muskeln injiziert werden, um die Muskelspannung zu reduzieren. Im Spitzenbereich kann das Neurotoxin Botulin (besser bekannt als Botox) nach vorheriger Anmeldung und bei ärztlicher Unbedenklichkeit auch akut im Trainings- und Wettkampfbetrieb genutzt werden.

Hilfsmittel

Verschiedene Hilfsmittel können die Stabilität und Beweglichkeit verbessern:

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  • Rollstühle mit spezieller Sitzanpassung: Spezielle Sitzsysteme können die Haltung stabilisieren und das seitliche Kippen reduzieren.
  • Orthesen: Können zur Stabilisierung von Gelenken und zur Unterstützung der Muskulatur eingesetzt werden.
  • ILP Rückenlehne: ILP steht für „Individual Lateral Pad Backrest“; so entsteht eine ganz individuell passende Seitenstütze. Dazu werden separat positionierbare Pelotten (Schaumpads) verwendet. Diese Stütze ist verstellbar und kann somit auf Wunsch nachträglich in ihrer Form verändert werden.
  • ILP Extra Rückenlehne: Bei dieser Rückenlehne sind Schaumstoffpolster auf höhen- und breitenverstellbaren Seitenteilen aus Stahl montiert. Mit diesen Einstellmöglichkeiten lässt sich die exakt benötigte individuelle Seiten-Unterstützung einstellen.
  • Schalenform-Rückenlehne: Diese Rückenlehne wird (ähnlich einem sportlichen Autositz) schalenförmig ausgeführt, um einen stärkeren Seitenhalt zu erzielen. Sie wird komplett maßgefertigt, damit der Rücken optimal unterstützt werden kann.
  • Anti-Dekubitus-Kissen: Ein spezielles Anti-Dekubitus-Kissen kann viele Beschwerden lindern und vorbeugen.

Operationen

In schweren Fällen kann eine Operation erforderlich sein, um die Muskelspannung zu reduzieren oder Fehlstellungen zu korrigieren.

  • Sehnenverlängerung: Kann bei verkürzten Muskeln die Beweglichkeit verbessern.
  • Selektive dorsale Rhizotomie (SDR): Ein neurochirurgischer Eingriff, bei dem selektiv Nervenfasern durchtrennt werden, um die Muskelspannung zu reduzieren.
  • Umstellungsosteotomie: Arthrose mit Achsabweichungen (Varus- oder Valgus-Arthrose) kann durch eine Umstellungsosteotomie korrigiert werden.

Anpassung des Wohnumfelds

Anpassungen im Wohnumfeld können die Selbstständigkeit und Lebensqualität verbessern:

  • Ergonomische Möbel: Möbel, die eine korrekte Haltung unterstützen, können Beschwerden reduzieren.
  • Haltegriffe: In Bad und Toilette können Haltegriffe die Sicherheit erhöhen.
  • Abklappbares Seitenteil am Sessel: Dank eines abklappbaren Seitenteils ist für Rollstuhlfahrer ein leichterer Transfer in den Sessel möglich.

Spezielle Sitzlösungen

Für Menschen mit einer Neigung zum seitlichen Kippen gibt es spezielle Sitzlösungen, die den Komfort und die Stabilität verbessern können. Zu den wichtigsten gehören:

  • Ergonomischer Aufstehsessel mit ILP-Rückenlehne: Sorgt dafür, dass der Rücken besser gestützt wird, die Wirbel in einer besseren Position bleiben und schiefes Sitzen reduziert wird.
  • Ergonomischer Aufstehsessel mit Schalenform-Rückenlehne: Sorgt für eine bessere Körperstabilität und minimiert ein seitliches Herausrutschen.
  • Sessel mit abklappbarem Seitenteil: Ermöglicht einen leichteren Transfer vom Rollstuhl in den Sessel.
  • Sessel mit Anti-Dekubitus-Kissen: Verhindert Hautschäden und sorgt für mehr Komfort.

Rehabilitation

Die Rehabilitation ist ein wichtiger Bestandteil der Behandlung von Spastik und seitlichem Kippen. Sie umfasst verschiedene Therapieansätze, die darauf abzielen, die funktionellen Fähigkeiten des Patienten zu verbessern und die Lebensqualität zu erhöhen. Die praktische Umsetzung der Rehabilitation richtet sich nach den funktionellen Defiziten des Patienten. Differenziert werden die Defizite nach den professionellen Therapiebereichen. Bestehen Defizite nur in einem Bereich, kann die ambulante symptomzentrierte Therapie ausreichend sein. Bestehen Defizite in mehreren Therapiebereichen, erfolgt die Rehabilitation sowohl ambulant als auch stationär am besten in einem multiprofessionellen Team unter ärztlicher Leitung.

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