Die deutsche Wiedervereinigung, ein historisches Ereignis von immenser Bedeutung, jährte sich zum 30. Mal. Doch trotz des Zusammenwachsens der beiden deutschen Staaten existieren weiterhin Unterschiede und Vorurteile zwischen Ost- und Westdeutschen. Der Begriff "Spiegel Jammer Ossi" ist ein Ausdruck dieser anhaltenden Spannungen und Stereotypen. Dieser Artikel beleuchtet die Hintergründe, Ursachen und Auswirkungen dieser Stereotypen und untersucht, inwiefern sie die deutsche Gesellschaft weiterhin prägen.
Die Konstruktion von Ost- und West-Identitäten
Eine Studie im Abschlussbericht der Kommission „30 Jahre Friedliche Revolution und Deutsche Einheit“ formuliert die These, dass die Spaltung der deutschen Gesellschaft in eine „Ost-Identität“ und eine „West-Identität“ weniger das Resultat von objektiv messbaren Parametern als vielmehr von sozialen Konstruktionen ist, die in der Hauptsache erst nach der Wende von 1989/1990 eingesetzt haben. Als Soziologe, der in beiden Teilen Deutschlands lebt und arbeitet, habe ich auch den Blick auf die Gemeinsamkeiten von West- und Ostdeutschen und es fällt mir auf, dass diese immer noch viel zu selten thematisiert werden. Hingegen werden die Unterschiede in den Medien überhöht dargestellt.
Regionale Unterschiede vs. Ost-West-Gefälle
Sozio-ökonomische und auch politisch-kulturelle Unterschiede können entlang anderer regionaler Linien teilweise viel deutlicher sein als zwischen Ost und West. Ein Beispiel: Düsseldorf, eine wohlhabende Stadt mit enormem Wachstum und einer äußerst pluralen Stadtgesellschaft. Nur 30 Kilometer entfernt im Ruhrgebiet begegnen wir einer hohen Arbeitslosenquote, einer teilweise maroden Infrastruktur und einem hohen AfD-Wähler-Anteil. Dortmund zum Beispiel hat ein großes Problem mit Rechtsextremen. Im Verdacht abgehängt, tendenziell rassistisch und rechtsextrem zu sein, stehen meist aber nur die Ostdeutschen, obwohl es antidemokratische Einstellungen und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit auch im Westen gibt. Es werden Bilder von typischen Ost- und auch Westdeutschen konstruiert, die nicht der Realität entsprechen.
Die "Jammer Ossi"-Stereotype: Ursprung und Verbreitung
Der Begriff "Jammer Ossi" entstand in den 1990er Jahren als Ausdruck einer westdeutschen Siegermentalität. Er diente dazu, die vermeintliche Undankbarkeit der Ostdeutschen zu verspotten, die sich trotz des "Anschlusses" und der damit verbundenen Veränderungen unzufrieden zeigten. Statt froh zu sein über den Anschluss, die abgehalfterten Zweit-Reihen-Politiker, die verramschten Betriebe und die blühenden Ruinen-Landschaften, wagten die Zonis es, unzufrieden zu sein - und sich als Bürger zweiter Klasse zu fühlen.
Die Wahrnehmung von Benachteiligung
Es stimmt nicht, dass sich die Mehrheit der Ostdeutschen im Vergleich zu Westdeutschen häufiger individuell benachteiligt fühlt. Die Leipziger Autoritarismus-Studie von 2018 belegt zum Beispiel, dass 34 Prozent der Ostdeutschen sich manchmal als Menschen zweiter Klasse behandelt fühlen, im Westen sind es 28 Prozent, das sind nur 6 Prozentpunkte weniger. Die Daten der Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (ALLBUS) belegen, dass 69 Prozent der Ostdeutschen mittlerweile ihre eigene wirtschaftliche Lage als gut beziehungsweise sehr gut einschätzen, im Westen beträgt der Anteil 72 Prozent. Hier hat es seit der Wende eine Angleichung gegeben. Wir können nicht erkennen, dass die Ostdeutschen sich selbst viel häufiger als benachteiligt einschätzen als die Westdeutschen.
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Kollektive vs. Individuelle Benachteiligung
In der Bertelsmann-Studie wurde nicht danach gefragt, ob die Befragten sich selbst als Bürger zweiter Klasse fühlen. Stattdessen sollten die Befragten sich zu der Aussage „Die Ostdeutschen werden wie Bürger zweiter Klasse behandelt“ positionieren. Das ist für uns ein kleiner, aber wichtiger Unterschied. Es zeigt, dass man hier zwischen empfundener individueller und empfundener kollektiver Benachteiligung differenzieren muss. Erst wenn die Gruppenidentität der Ostdeutschen getriggert wird, sagen Ostdeutsche mehrheitlich, dass die Ostdeutschen eine benachteiligte Gruppe seien, individuell fühlen sich die meisten Ostdeutschen allerdings gar nicht benachteiligt.
Psychologische und Soziologische Aspekte
Die Erfahrungen, die die Menschen in der alten Bundesrepublik und in der DDR während der deutschen Teilung machten, prägen auch noch drei Jahrzehnte nach dem Mauerfall das Bild von uns selbst und den jeweils anderen »da drüben«. Im Herbst 1989 trafen zwei Welten aufeinander, die, gemessen an der Dauer der Teilung, sehr wenig Zeit hatten, um sich aneinander zu gewöhnen. In sprachlichen Abgrenzungen vom Jammer-Ossi oder Besserwessi finden diese Vorbehalte teils bis heute Ausdruck.
Persönlichkeitsmerkmale von Ost- und Westdeutschen
Ostdeutsche zeigen eine geringere »internale Kontrollüberzeugung« - das heißt, sie nehmen ihr Leben im Durchschnitt als weniger vom eigenen Verhalten beeinflusst und folglich als weniger kontrollierbar wahr. Friehe und seine Kollegen fanden zudem heraus, dass Ostdeutsche tendenziell gewissenhafter und verträglicher im Umgang mit anderen auftreten, zugleich aber weniger offen für Neues sind als Westdeutsche. Diese Befunde decken sich mit einer früheren Studie des Leipziger Soziologen Elmar Brähler. In seiner Untersuchung von 2002 waren Ostdeutsche im Schnitt ebenfalls verträglicher und gewissenhafter als Westdeutsche.
Der Einfluss der DDR-Sozialisation
Auf Grund der Mangelwirtschaft waren vorausschauende Planung und gewissenhafte Organisation des eigenen Lebens besonders wichtig. Gute Beziehungen zu anderen halfen zudem, Lieferengpässe zu überbrücken. Wer jemanden kannte, der etwas reparieren oder besorgen konnte, war im Vorteil. Ein hohes Maß an Verträglichkeit half den Ostdeutschen somit, im Alltag über die Runden zu kommen.
Narzissmus und Individualismus
Im ostdeutschen Sozialismus bis 1990 herrschte eine kollektivistische Denkweise vor - der Einzelne ordnete sich den Interessen der Gemeinschaft unter. Im kapitalistischen Westen dagegen dominierte eine individualistische Prägung, die persönliche Ziele, Bedürfnisse und Wünsche über Gruppeninteressen stellt. Eine Studie unserer Berliner Arbeitsgruppe von 2018 ergab, dass Menschen, die im Kapitalismus aufgewachsen sind, einen stärkeren Hang zum Narzissmus zeigen als in der DDR sozialisierte Deutsche.
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"Ostmigrantische Analogien": Parallelen zu anderen Minderheiten
Die Soziologin Naika Foroutan hat untersucht, inwiefern die Ausgrenzung Ostdeutscher mit der von muslimischen Migranten verglichen werden kann. Ihre Studie trägt den Titel "Ostmigrantische Analogien", und neu daran ist nicht die Erkenntnis, dass sowohl Migranten als auch Ostdeutsche unterdurchschnittlich verdienen und in der Politik unterrepräsentiert sind, sondern der Hinweis, dass beide auf ähnliche Art und Weise mit Klischees belegt werden, oft von Westdeutschen.
Stereotype und Abwertungsmechanismen
Es gibt sehr ähnliche Stereotype und Abwertungsmechanismen gegenüber zwei gänzlich unterschiedlichen sozialen Gruppen in der Bevölkerung. Die Erklärung liegt nicht in den Gruppen selbst: Das ist so, weil der Ostdeutsche in der DDR geboren ist, oder das ist so, weil die muslimische Kultur so ist - und das sind ganz starke Erklärungsprämissen, die wir gesamtgesellschaftlich seit Langem anwenden.
Critical Westness: Eine Notwendigkeit?
Es gibt den Begriff der Critical Whiteness, also dass man weiße Menschen darauf aufmerksam macht, dass sie eben nicht einfach Menschen sind, sondern weiße Menschen und damit eben gesellschaftliche Privilegien einhergehen. Deutsche oder die deutsche Identität wird relativ dominant als westdeutsch imaginiert. Wir haben ein westdeutsches Normalitätsparadigma, wenn man das so sagen kann, und in dieses Normalitätsparadigma passen die anderen, in dem Falle die Ostdeutschen, die Migranten, Migrantinnen oder auch die Muslime, Muslima, wie auch immer, wen man da gerade in den Blick nimmt, vor allen Dingen über Devianzmessung, also über Abweichungen: Was macht die anders zu uns, die wir das vermeintlich normalisierende, kodierte Element sind?
Politische Implikationen und Handlungsempfehlungen
Die AfD profitiert von der Unzufriedenheit vieler Ostdeutscher. Es ist schon sehr überraschend, dass so jemand wie Kalbitz, der in Brandenburg als Kandidat für die AfD ins Rennen geht, oder auch solche Figuren wie Höcke oder Gauland, die genuin westdeutsche Männer sind, es schaffen, mit einem Slogan wie "Vollende die Wende" so zu tun, als wären sie an der Revolution in Ostdeutschland beteiligt gewesen.
Die Notwendigkeit von Empathie und Solidarität
Wir sollten vieles dafür tun, dass das Zusammenwachsen der beiden Landesteile durch gemeinsame überregionale Projekte gefördert wird, dass wir in offiziellen Stellungnahmen und Dokumenten für die Öffentlichkeit auf diese geographische Einteilung verzichten, und zudem braucht es zu Überwindung der Spaltung Empathie und Mitgefühl, welche durch überregionale Kontakte, aber auch durch Präventionsmaßnahmen in der Kinder- und Jugendarbeit hergestellt werden können. Nur mit Empathie kann gesellschaftlicher Zusammenhalt gelingen und eine Demokratie funktionieren.
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Privilegien Teilen und Ungleichheiten Abbauen
Wenn die Imagination von Deutschland im Grunde genommen darauf basiert, dass dies eine plurale Demokratie ist, und einer der Kernsätze der pluralen Demokratie ist Artikel 3, kein Mensch darf aufgrund seiner Herkunft, Religion, Geschlecht et cetera benachteiligt werden, dann müssen wir natürlich den Grad unserer Demokratie auch an der Benachteiligung von nicht-dominanten Gruppen messen. Und so lange es diese Benachteiligung gibt, bleibt dies keine erfüllte Demokratie, und wir sehen das daran, dass sehr viele Menschen anfangen, an der Qualität der Demokratie zu zweifeln. Wir müssen vor allen Dingen darüber sprechen, wer in dieser Gesellschaft privilegiert ist und welche Möglichkeiten es gibt, zu teilen und Privilegien möglicherweise auch abzugeben.