Spiegeltherapie nach Schlaganfall: Studien, Wirkungsweise und Anwendung

Die Spiegeltherapie ist eine vielversprechende Rehabilitationsmethode, die vor allem bei Phantomschmerzen und nach einem Schlaganfall eingesetzt wird. Ziel ist es, das Gehirn durch eine optische Täuschung umzutrainieren, um Schmerzen zu lindern und die Beweglichkeit zu fördern. Dieser Artikel beleuchtet die Grundlagen der Spiegeltherapie, ihre Anwendungsbereiche, die zugrunde liegenden Wirkmechanismen und die aktuelle Studienlage zur Wirksamkeit.

Was ist Spiegeltherapie?

Die Spiegeltherapie nutzt einen gewöhnlichen Spiegel, um dem Patienten den Eindruck eines intakten Körpers zu vermitteln. Durch diese optische Täuschung sollen das Gehirn und das periphere Nervensystem trainiert werden. Das Hauptziel der Behandlung ist es, Schmerzen zu reduzieren oder bei Lähmungserscheinungen Bewegungsabläufe zu verbessern oder neu zu erlernen.

Anwendungsbereiche der Spiegeltherapie

Ursprünglich wurde die Spiegeltherapie Ende des 20. Jahrhunderts zur Behandlung von Phantomschmerzen nach Amputationen entwickelt. Im Laufe der Zeit kamen weitere Anwendungsgebiete hinzu:

  • Halbseitige Lähmungen nach Schlaganfall: Die Spiegeltherapie wird eingesetzt, um die Bewegungsfähigkeit der betroffenen Körperhälfte zu verbessern.
  • Chronische Schmerzerkrankungen: Hierzu zählen Erkrankungen mit einem komplexen regionalen Schmerzsyndrom (CRPS), das Schmerzen in Fuß, Bein, Hand oder Arm verursacht und mit Bewegungseinschränkungen und Störungen des vegetativen Nervensystems einhergehen kann.

Die Grundidee: Vortäuschung eines intakten Körpers

Die Spiegeltherapie ist am besten erforscht im Bereich der Phantomschmerzen und der halbseitigen Lähmung nach Schlaganfall. Bei beiden Krankheitsbildern ist die Funktionsfähigkeit der beiden Körperhälften unterschiedlich.

  • Phantomschmerz: Eine Extremität ist unversehrt, während die andere amputiert wurde (z. B. aufgrund eines Unfalls oder nicht heilbarer Gewebeschäden).
  • Schlaganfall: Eine Körperhälfte funktioniert normal, während in der anderen Hälfte aufgrund des Absterbens von Nervenzellen im Gehirn Funktionsbeeinträchtigungen auftreten. Wenn beispielsweise das motorische Zentrum der rechten Hirnhälfte geschädigt ist, kommt es auf der linken Körperseite zu Lähmungen.

In beiden Fällen geht es darum, dem Gehirn durch die spiegelbildliche Verdoppelung der gesunden Körperhälfte den optischen Eindruck eines vollständig intakten Körpers zu vermitteln. Dadurch sollen die krankheitsbedingt gestörten Vorgänge im Nervensystem korrigiert werden.

Lesen Sie auch: Fachärzte für Neurologie in Frankfurt

Wie entstehen Phantomschmerzen?

Etwa die Hälfte der Menschen, bei denen eine Amputation notwendig war, leidet innerhalb von sechs Monaten nach dem Eingriff unter Phantomschmerzen. In manchen Fällen halten diese Schmerzen über mehrere Jahre an. Die genaue Ursache von Phantomschmerzen ist bis heute nicht bekannt. Es gibt verschiedene Theorien, die Ursachen im zentralen oder peripheren Nervensystem vermuten.

Nach der Amputation eines Körperglieds kann eine Reizübertragung von dort zum Gehirn nicht mehr stattfinden. Trotzdem spüren Menschen mit Phantomschmerz oft sehr starke Schmerzen in dem Bein, das nicht mehr da ist - der Schmerz wird also in die fehlende Extremität projiziert.

Eine allgemein akzeptierte Annahme ist, dass nach der Amputation eine Umstrukturierung des Gehirns stattfindet - die sogenannte kortikale Reorganisation. Dabei verändern sich bestimmte Areale der Großhirnrinde, die im Gehirn für den nun verlorenen Körperteil zuständig waren. Die kortikale Reorganisation kann zu einer Fehlverarbeitung von Nervenreizen führen, die Betroffene als anfallsartigen Schmerz empfinden - und das in einem Körperteil, den sie gar nicht mehr besitzen.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Phantomschmerzen zu behandeln, darunter Medikamente zur Schmerzkontrolle oder eine gezielte Nervenstimulation, zum Beispiel durch eine Reizstromtherapie. Der Therapieansatz der Spiegeltherapie zielt darauf ab, die veränderte Reizverarbeitung im Gehirn zu korrigieren.

Ablauf der Spiegeltherapie

Bei der Spiegeltherapie wird der Patient so an einem Spiegel positioniert, dass die beeinträchtigte Extremität durch den Spiegel verdeckt und die gesunde Extremität durch den Spiegel gedoppelt wird. Beispielsweise haben Armamputierte durch die Spiegelung in der Wahrnehmung zwei vollständige Arme. Bewegt der Patient den gesunden Arm, bewegt sich im Spiegel auch der andere (nicht vorhandene oder gelähmte) Arm.

Lesen Sie auch: Detaillierte Informationen zum Schlaganfall

Die Vortäuschung zweier funktionsfähiger Arme vermittelt dem Gehirn den Eindruck, dass beide Extremitäten vorhanden sind und sich einwandfrei bewegen lassen. Bei einem armamputierten Menschen soll dem Gehirn also die Botschaft vermittelt werden: „Ich habe zwei Arme.“ Bei Patienten mit Schlaganfall ist die entsprechende Nachricht ans Gehirn: „Ich kann beide Arme vollumfänglich bewegen.“ Die optische Illusion kann aber nur dann einen bleibenden Eindruck im Nervensystem hinterlassen, wenn die Spiegeltherapie über einen längeren Zeitraum regelmäßig angewendet wird.

Patienten erhalten eine Einführung in die Spiegeltherapie in einer ergotherapeutischen oder physiotherapeutischen Praxis. Da Regelmäßigkeit wichtig ist, bekommt jeder in der Regel auch ein Programm für zuhause. Die Häufigkeit und Dauer der Übungen sind individuell unterschiedlich.

Wirkungsweise der Spiegeltherapie

Bei den beiden Haupteinsatzfeldern der Spiegeltherapie - Phantomschmerz und halbseitige Lähmung nach Schlaganfall - werden unterschiedliche Wirkmechanismen angenommen. Diese sind jedoch sowohl bei Menschen mit Phantomschmerzen als auch bei Schlaganfallpatienten noch nicht vollständig verstanden. Viele Wirkmechanismen sind deshalb noch spekulativ.

Spiegeltherapie gegen Phantomschmerzen

Hinter der vordergründig einfachen Spiegeltherapie verbirgt sich eine komplexe Überlegung: Wenn die kortikale Reorganisation im Großhirn als Hauptursache der Schmerzen identifiziert ist, dann ist ein möglicher Heilungsansatz, diese Veränderung rückgängig zu machen. Dies soll dadurch erreicht werden, dass die zuständigen Hirnareale davon ausgehen, der Körper würde noch über alle Körperteile verfügen.

Die Theorie ist: Wenn Patienten die vorhandenen Gliedmaßen bewegen, dabei auf das Spiegelbild schauen und sich vorstellen, diese Bewegungen mit der amputierten Gliedmaße auszuführen, kann das bei langfristiger Anwendung die kortikale Reorganisation reduzieren. In der Folge bleiben fehlerhafte Schmerzmeldungen aus und die Phantomschmerzen lassen nach.

Lesen Sie auch: Was unterscheidet Apoplex von schlaffer und spastischer Lähmung?

Spiegeltherapie in der neurologischen Rehabilitation nach Schlaganfall

Die Voraussetzungen für eine Spiegeltherapie nach einem Schlaganfall unterscheiden sich grundlegend von denen bei Phantomschmerzen. Ein Schlaganfall verursacht einen Verfall von Nervenzellen im Gehirn, der nicht rückgängig gemacht werden kann. In den meisten Fällen ist nur eine Seite des Gehirns und dementsprechend auch nur eine Seite des Körpers betroffen.

Das Gehirn ist aber in der Lage, seine Funktionen an veränderte Anforderungen anzupassen. Genau hier setzt die Spiegeltherapie nach Schlaganfall an. Ziel ist es, die intakten Hirnareale anzuregen, die Bewegungskoordination für die geschädigten Anteile zu übernehmen. Auf diese Weise soll der Körper nicht verlernen, die beeinträchtigte Seite zu benutzen. Dazu dienen gezielte Übungen, zum Beispiel mit der Hand oder der Schulter. Der Patient verfolgt die Bewegung im Spiegel. Hilfsmittel wie Massagebälle dienen bei der Spiegeltherapie dazu, auch die Sinneswahrnehmung auf die gelähmte Körperseite zu spiegeln.

Studienlage zur Spiegeltherapie

Es gibt eine Vielzahl von Studien zur Spiegeltherapie, insbesondere im Bereich der Phantomschmerzen und der Rehabilitation nach Schlaganfall. Allerdings ist die Studienlage nicht immer eindeutig und die Ergebnisse sind teilweise widersprüchlich.

Cochrane Review zur Spiegeltherapie nach Schlaganfall

Eine Cochrane Review aus dem Jahr 2012 untersuchte die Effektivität der Spiegeltherapie zur Verbesserung der motorischen Funktion nach Schlaganfall. Die Analyse umfasste mehrere randomisiert-kontrollierte Studien, die die Spiegeltherapie mit Placebo-Behandlungen, Scheinbehandlungen oder anderen Therapieformen verglichen.

Die Ergebnisse der Cochrane Review zeigten signifikante Effekte der Spiegeltherapie auf die motorische Funktion, auch anhaltend nach 6 Monaten, sowie auf die Aktivitäten des täglichen Lebens (ADL).

Weitere Studien und Forschungsprojekte

Neben der Cochrane Review gibt es eine Reihe weiterer Studien und Forschungsprojekte, die sich mit der Spiegeltherapie beschäftigen. Einige dieser Projekte zielen darauf ab, die klassische Spiegeltherapie durch den Einsatz von Exoskeletten und virtuellen Umgebungen zu verbessern.

Ein Beispiel ist das ROBMIT-Projekt, das die Unterstützung eines Roboters bei Bewegungen nutzt, um bei der Interaktion mit virtuellen Objekten das Gefühl zu erzeugen, etwas zu berühren. Durch die Unterstützung des robotischen Exoskeletts erhalten die Erkrankten zudem auch ein sensomotorisches Training. Das ROBMIT-Team wird eine Software zur Robotersteuerung einsetzen, um den betroffenen Arm zu bewegen, während therapeutische Übungen in einer virtuellen Umgebung durchgeführt werden. Dies wird propriozeptives sensorisches Feedback erzeugen und könnte damit die klinischen Fortschritte der Patienten während der Therapie erhöhen. Außerdem wird das Team haptische oder Berührungs-bezogene Rückmeldungen durch die virtuelle Umgebung ermöglichen, um eine realistische und funktionelle Erfahrung zu bieten.

Einschränkungen der Studienlage

Es ist wichtig zu beachten, dass viele Studien zur Spiegeltherapie methodische Einschränkungen aufweisen. Die Stichproben sind oft klein, der Beobachtungszeitraum ist meist auf wenige Monate begrenzt und die Ergebnisse der Studien sind teilweise widersprüchlich. Mögliche Nebenwirkungen der Spiegeltherapie wurden meist nicht systematisch erfasst. Die Patientinnen und Patienten berichten oft über Verwirrtheit und Schwindel. In einigen Fällen kann die Spiegeltherapie bei Menschen mit Phantomschmerzen auch zu einer Verschlimmerung der bestehenden Beschwerden führen.

tags: #spiegeltherpie #zeil #apoplex