Migräne und hormonelle Schwankungen: Ein Überblick über Zusammenhänge und Behandlungsmöglichkeiten

Migräne ist eine neurologische Erkrankung, von der etwa zehn Prozent der Bevölkerung in Deutschland betroffen sind. Frauen sind dabei dreimal häufiger betroffen als Männer. Ein charakteristisches Merkmal der Migräne sind wiederholte, anfallsartige, pulsierende Kopfschmerzen, die meist einseitig auftreten und Stunden bis Tage andauern können. Häufige Begleitsymptome sind Übelkeit, Erbrechen, Licht- und Lärmscheu sowie Sehstörungen oder andere neurologische Ausfälle wie Taubheitsgefühle. Besonders oft tritt Migräne zwischen dem 35. und 45. Lebensjahr auf. Die Ursachen der Migräne sind noch nicht vollständig geklärt, aber es wird angenommen, dass sowohl genetische als auch Umweltfaktoren eine Rolle spielen. Stress, Schlafmangel, bestimmte Lebensmittel und hormonelle Schwankungen können Migräneattacken auslösen oder verstärken.

Der Einfluss des Menstruationszyklus auf Migräne

Bei vielen Frauen wird Migräne durch zyklusabhängige Hormonveränderungen beeinflusst. Die Kopfschmerzen beginnen oft kurz vor der Periode und enden, wenn die Blutungen abklingen. Experten vermuten, dass der Abfall der Hormonspiegel im Blut vor der Menstruation die Attacken auslöst. Dieser Zusammenhang ist vielen Frauen nicht bewusst, aber er ist wichtig, da bei dieser Form der Migräne übliche Mittel wie Magnesium oder Betablocker oft nicht helfen.

Ein Forschungsteam der Charité - Universitätsmedizin Berlin hat eine mögliche Erklärung für den Zusammenhang zwischen Migräne und Menstruation gefunden. Die Studie ergab, dass betroffene Frauen während der Menstruation besonders große Mengen an CGRP bilden. CGRP steht für Calcitonin Gene-Related Peptide und ist eine körpereigene Substanz, die bei Migräne vermehrt ausgeschüttet wird und die Blutgefäße im Gehirn stark erweitert.

Dr. Bianca Raffaelli vom Kopfschmerzzentrum der Klinik für Neurologie mit Experimenteller Neurologie am Charité Campus Mitte erklärt: „Aus dem Tiermodell haben wir Hinweise, dass Schwankungen von weiblichen Hormonen - insbesondere von Östrogen - zu einer verstärkten Freisetzung des Entzündungsbotenstoffs CGRP im Gehirn führen.“ Die Forschungsgruppe bestimmte bei Migränepatientinnen zweimal im Verlauf des Zyklus den CGRP-Spiegel, und zwar während der Monatsblutung und zum Zeitpunkt des Eisprungs. Ein Vergleich mit Frauen ohne Migräne zeigte: Während der Menstruation ist die Konzentration an CGRP bei Migräne-Betroffenen deutlich höher als bei den gesunden Probandinnen. „Wenn also der Östrogenspiegel zur Einleitung der Periode sinkt, schütten die Migränepatientinnen vermehrt CGRP aus“, so Dr. Raffaelli.

Bei Frauen, die die Pille einnehmen, gibt es kaum Schwankungen des Östrogenspiegels. Die Studie zeigte, dass sich auch die CGRP-Konzentration im Verlauf des „künstlichen Zyklus“ nicht verändert und bei Migränepatientinnen vergleichbar mit der gesunder Frauen ist. „Auch wenn diese Daten noch durch größere Studien bestätigt werden müssen: Sie deuten darauf hin, dass beim Menschen die Freisetzung von CGRP abhängig vom hormonellen Zustand ist“, resümiert Dr. Raffaelli.

Lesen Sie auch: Was Sie über Krämpfe nach Spirale wissen sollten

Menstruelle Migräne nach der Internationalen Kopfschmerzklassifikation

Die aktuelle 3. Auflage der Internationalen Kopfschmerzklassifikation ICHD3 hat Migräneattacken, die in zeitlicher Relation zum menstruellen Fenster auftreten, im Anhang aufgenommen. Dort werden Forschungskriterien für Kopfschmerzentitäten beschrieben, die bisher durch wissenschaftliche Studien noch nicht ausreichend validiert sind. Es werden zwei Unterformen der Migräne im Zusammenhang mit der Menstruation unterschieden:

  • Reine menstruelle Migräne: Attacken, die ausschließlich im Zusammenhang mit der Menstruation auftreten.
  • Menstruationsassoziierte Migräne: Zusätzlich zu den Attacken im Zusammenhang mit der Menstruation treten auch Attacken zu anderen Zeiten des Zyklus auf.

Für beide Diagnosen wird gefordert, dass die Migräneattacken am Tage 1 ± 2 der Menstruation (d. h. Tag -2 bis +3) der Menstruation in mindestens 2 von 3 Menstruationszyklen auftreten. Die Kriterien wurden um eine Unterform mit Aura erweitert, obwohl menstruelle Migräneattacken meist ohne Auren verlaufen.

Mehr als 50 % der Frauen mit Migräne berichten über einen Zusammenhang zwischen Menstruation und Migräne. Die Prävalenz der reinen menstruellen Migräne ohne Aura schwankt zwischen 7 % und 14 % bei Migränepatientinnen, während die Prävalenz der menstruationsbedingten Migräne ohne Aura zwischen 10 % und 71 % bei Migränepatientinnen variiert. Etwa eine von drei bis fünf Migränepatientinnen hat im Zusammenhang mit der Menstruation eine Migräneattacke ohne Aura.

Es gibt Hinweise, dass zumindest bei einigen Frauen menstruelle Migräneattacken durch einen Estrogenentzug ausgelöst werden können, auch wenn möglicherweise andere hormonelle oder biochemische Veränderungen zu diesem Zeitpunkt des Zyklus ebenfalls relevant sein können.

Hormonelle Verhütung und Migräne

Viele Frauen mit Migräne fragen sich, wie sie am besten und ohne Risiken verhüten können. Die Wahl der Verhütungsmethode kann einen Einfluss auf die Kopfschmerzattacken haben.

Lesen Sie auch: Spirale und Krämpfe: Was Sie wissen sollten

Zyklusunabhängige Migräne

Treten die Kopfschmerzattacken ohne Zusammenhang zum Zyklus auf, sollte von einer hormonellen Verhütung eher abgesehen werden. Besser sind in diesem Fall Alternativen wie Spiralen, natürliche Verhütungsmethoden (wie z. B. die Temperaturmessung) oder mechanische Verhütungsmittel wie Kondome oder ein Diaphragma. Sollte bei einer zyklusunabhängigen Migräne dennoch eine hormonelle Verhütung erwünscht sein, ist eine niedrig dosierte gestagene Pille zu bevorzugen.

Migräne mit Aura

Liegt eine Migräne mit neurologischen Einschränkungen, wie gestörten Sinneswahrnehmungen (Sehstörungen, Störungen des Geruchssinns oder Empfindungsstörungen) vor, sind klassische Kombinationspillen absolut kontraindiziert, da diese Frauen ein deutlich erhöhtes Risiko für Schlaganfälle haben. Alternativ sind rein gestagene Pillen möglich, die laut Weltgesundheitsorganisation WHO zumindest erlaubt sind. Besser sind aber auch in diesem Fall wieder Alternativen wie Barriere-Methoden (z. B. Kondome) oder die Kupferkette GyneFIX®.

Menstruationsabhängige Migräne ohne Aura

Bei einer menstruationsabhängigen Migräne ohne Aura sind dagegen klassische Kombinationspillen mit Östrogenen und Gestagenen möglich. Die Kombinationspillen sollten möglichst niedrig dosiert sein und im sogenannten Langzyklus eingenommen werden - d.h. bis zu sechs Monate ohne Pillenpause. Der Abfall der Hormone in der Pillenpause fällt damit aus und somit auch die Migräneattacken. Alternativen sind auch rein gestagene Pillen, die durchgängig ohne Pillenpause eingenommen werden.

Allgemeine Hinweise

Treten die Kopfschmerzattacken erstmals bei Anwendung einer Pille ggf. auch mit neurologischen Symptomen auf, sollte das Präparat auf jeden Fall abgesetzt werden und eine neurologische sowie eventuell auch eine augenärztliche Abklärung erfolgen. Rauchen verstärkt Kopfschmerzen und Migräne und erhöht das Risiko für Schlaganfälle deutlich.

Dr. med. Christian Albring, Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte, betont: "Wenn eine hormonelle Verhütung gewünscht wird, müssen mehrere Fakten beachtet werden. Starke hormonelle Kombinationsmittel mit Östrogenen und Gestagenen und einer Einnahmepause nach drei Wochen könnten die Kopfschmerz-Symptomatik verstärken; deshalb muss das Verhütungsmittel niedrig dosiert sein, damit der Hormonabfall nicht so stark ist, oder im Langzyklus durchgenommen werden oder nur ein Gestagen enthalten."

Lesen Sie auch: Symptome und Behandlung von Unterleibskrämpfen

CGRP-Inhibitoren als neue Therapieoption

Aufgrund der zentralen Funktion von CGRP in der Migräneentstehung sind in den letzten Jahren neue Medikamente entwickelt worden, die sich gegen den Botenstoff richten - sogenannte CGRP-Inhibitoren. Dr. Raffaelli: „Auf Basis unserer Studie stellt sich nun die Frage: Haben CGRP-Inhibitoren bei verschiedenen hormonellen Zuständen eine unterschiedliche Wirkung? Wäre es also zum Beispiel sinnvoll, diese Medikamente zyklusabhängig zu verabreichen?"

Weitere Forschungsansätze

Künftig wird das Forschungsteam untersuchen, welche weiteren körperlichen Prozesse durch den Menstruationszyklus beeinflusst werden und zur Entstehung von Migräneattacken beitragen könnten - zum Beispiel die Funktion der Blutgefäße oder die Erregbarkeit des Gehirns. Außerdem planen die Forschenden, auch den CGRP-Spiegel bei Männern unterschiedlicher Altersgruppen genauer in den Blick zu nehmen.

Estrogene und Migräne: Ein komplexes Zusammenspiel

Estrogene spielen eine komplexe Rolle bei der Entstehung von Migräne. Zahlreiche für die Pathophysiologie der Migräne relevante Gehirnareale, das kraniale Gefäßsystem, die Dura mater sowie das Hinterhorn des Rückenmarks exprimieren Estrogen-Rezeptoren. Dadurch können schmerzhafte Reize moduliert werden.

Im Jahre 1972 beschrieb Somerville, dass die intramuskuläre Injektion kurz vor der Menstruation von Estradiolvalerat, ein pro-drug Ester von 17 β-Estradiol, das Eintreten einer menstruell assoziierten Migräneattacke verzögern kann. Es wurde eine Schwellenkonzentration von zirkulierendem 17-β-Estradiol von 45-50 pg/ml identifiziert, unterhalb der eine Migräneattacke ausgelöst werden kann. Aufgrund dieser Daten wurde die Hypothese aufgestellt, dass Migräneattacken im menstruellen Fenster durch einen Estrogen-Abfall ausgelöst werden.

Estrogene entwickeln ihre biologische Wirkung im zentralen Nervensystem durch genomische oder nichtgenomische zelluläre Mechanismen. Dadurch können die Neurotransmission und die Zellfunktion verändert werden. Zahlreiche Gehirnareale, die in der Pathophysiologie der Migräne involviert sind, exprimieren Estrogenrezeptoren. Dies trifft insbesondere für den Hypothalamus, das Kleinhirn, das limbische System, Brückenkerne sowie das periaquäduktale Grau (Substantia grisea periaquaeductalis) zu. Estrogen-Rezeptoren werden ebenfalls in der Hirnrinde exprimiert, wodurch die Schmerzempfindlichkeit afferent und efferent moduliert werden kann.

Das serotoninerge System kann durch Estrogen aktiviert werden, was sich protektiv gegenüber Migräneattacken auswirken kann. Estrogen kann auch die erregende Wirkung von Glutamat erhöhen. Dies kann die erhöhte Wahrscheinlichkeit für das Entstehen einer Migräneaura in Phasen hoher Estrogen-Konzentrationen erklären. Estrogen kann das γ-Aminobuttersäure-System (GABA) modulieren, welches inhibitorisch im Nervensystem wirkt. Estrogene können auch das endogene Opioidsystem durch erhöhte Synthese von Enkephalin modulieren.

Migräne mit Aura: Besondere Vorsicht bei der Verhütung

Bei einer Migräne mit Aura können Störungen des Geruchs- oder Sehsinns oder Empfindungsstörungen, beispielsweise an den Händen, auftreten, aber auch andere neurologische Einschränkungen bis hin zu Sprachstörungen und Lähmungserscheinungen. Alle Symptome der Aura verschwinden aber in der Regel mit Einsetzen der Migräne.

Eine Migräne mit Aura hat auch Auswirkungen auf die Verhütung, da je nach Verhütungsart und weiteren Risikofaktoren das Schlaganfallrisiko steigen kann. Die Verhütung ohne Hormone hingegen stellt keinen weiteren Risikofaktor dar. So empfiehlt beispielsweise die WHO Frauen mit Migräne, ab dem 35. Lebensjahr nicht mehr die Antibabypille einzunehmen. Bei einer Migräne mit Aura rät die WHO Frauen jeden Alters von der Pilleneinnahme ab.

Die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DKMG) führt auf, dass das absolute Schlaganfallrisiko für junge Frauen bei einer Migräne mit Aura leicht erhöht sei, abhängig von der Aktivität der Migräne. Die Deutsche Schlaganfall-Gesellschaft empfiehlt Aura-Migränikerinnen, die Kombination von Rauchen und Antibabypille zu vermeiden, da sich das Schlaganfallrisiko dadurch um das Zehnfache erhöhe.

Um den oder die Auslöser einer Migräne mit Aura feststellen zu können, hat sich ein Migräne-Tagebuch als sehr hilfreich gezeigt. Es ermöglicht eine detaillierte Dokumentation möglicher Trigger im Zyklusverlauf, sodass ggf. frühzeitig reagiert werden kann.

Hormonfreie Verhütungsalternativen

Für Frauen mit Migräne, insbesondere mit Aura, sind hormonfreie Verhütungsmethoden eine gute Alternative. Die Kupferkette GyneFIX® ist eine kleine, flexible Kette, die direkt in die Gebärmutter eingesetzt wird und dort kontinuierlich Kupferionen abgibt. Diese Ionen hemmen die Aktivität der Spermien und verhindern so eine Befruchtung.

Für Frauen mit Migräne bietet die Kupferkette GyneFIX® mehrere entscheidende Vorteile:

  • Hormonfrei: Da GyneFIX® keine Hormone enthält, werden hormonelle Schwankungen, die Migräneanfälle auslösen können, vermieden.
  • Langfristige Wirksamkeit: Einmal eingesetzt, bietet GyneFIX® fünf bis zehn Jahre zuverlässigen Schutz vor einer Schwangerschaft, ohne dass regelmäßige Einnahmen oder Anwendungen notwendig sind.
  • Hohe Verträglichkeit: Die Kupferkette ist gut verträglich und verursacht in der Regel keine systemischen Nebenwirkungen, die bei hormonellen Methoden auftreten können.

Nikotinstopp als wichtiger Aspekt

Dr. Albring stellt fest: "Ein sehr wichtiger Aspekt bei der Bekämpfung der Kopfschmerzen ist auch der Nikotinstopp. Wir sehen immer wieder Frauen mit zyklischen Kopfschmerzen, die gleichzeitig Raucherinnen sind. Erstens sollte den Frauen klar sein, dass sie dadurch ihr Risiko für Schlaganfälle sehr deutlich erhöhen."

tags: #spirale #und #migrane