Die Diagnose Hirntumor stellt Betroffene vor enorme Herausforderungen. Neben den medizinischen Behandlungen wie Operation, Bestrahlung und Chemotherapie, die oft mit erheblichen Nebenwirkungen einhergehen, leiden viele Patienten unter körperlichen und seelischen Beeinträchtigungen. Häufige Folgen sind neurologische Ausfälle, motorische Einschränkungen, kognitive Defizite, Angststörungen und Depressionen. Sport wird Hirntumorpatienten meist abgeraten. Doch immer mehr Experten erkennen die positiven Effekte von Sport und Bewegung auch für diese Patientengruppe.
Die Bedeutung von Sport für Hirntumorpatienten
Sport hat bekanntermaßen viele positive Effekte. Aber gilt das auch für Menschen, die an einem bösartigen Hirntumor erkrankt sind? „Ja, sogar gerade dann!“, sagt Priv.-Doz. Dr. Dorothee Wiewrodt, Neurochirurgin und Psychoonkologin im UKM (Universitätsklinikum Münster). Obwohl sich viele Betroffene nach der Diagnose zunächst keine körperliche Anstrengung zutrauen, kann es gerade während dieser sehr belastenden Zeit guttun, körperlich aktiv zu sein.
Während Sport in vielen Bereichen der Onkologie in den vergangenen Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen habe, fehlten für Hirntumorpatienten wissenschaftliche Daten zu dessen Auswirkungen allerdings bis heute weitestgehend, so die Medizinerin.
Die Bedeutung von Gesundheitssport in der Krebsbehandlung und die positiven Effekte von Sport z.B. auf die Stimmung sind einigermaßen unstrittig, werden aber in der Behandlung von Hirntumorpatienten nur selten angeboten. Eine möglichst frühe Heranführung (z.B. bereits während der Strahlentherapie) an sportliche Aktivitäten zur Verbesserung des Lebensgefühls und Wiedererlangung von Alltagsfunktionen kann möglicherweise eine Abwärtsspirale von zunehmende körperlicher Inaktivität und deren Folgen verhindern oder durchbrechen.
Für Hirntumorpatienten können sich zudem Folgeprobleme wie z.B. Essstörungen oder Gewichtszunahme durch eine notwendige Kortison-Einnahme massiv auswirken.
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Positive Effekte von Sport bei Hirntumoren
- Verbesserung der Lebensqualität: Sport kann die Lebensqualität von Hirntumorpatienten deutlich verbessern. Studien zeigen, dass körperliche Aktivität zu einer Steigerung des Selbstwertgefühls, einer Reduktion von Angst und Depressionen sowie einer Verbesserung der kognitiven Leistungsfähigkeit führen kann.
- Linderung des Fatigue-Syndroms: Viele Krebspatienten leiden unter dem Fatigue-Syndrom, einer starken Erschöpfung, die durch die Erkrankung und die Behandlung verursacht wird. Sport kann helfen, die Müdigkeit zu reduzieren und die Energie zurückzugewinnen.
- Stärkung des Selbstvertrauens: Durch Sport können Patienten ihren Körper wieder besser wahrnehmen und ihre Leistungsfähigkeit neu entdecken. Dies stärkt das Selbstvertrauen und gibt ihnen das Gefühl, aktiv etwas gegen die Krankheit unternehmen zu können.
- Verbesserung der körperlichen Fitness: Sport hilft, Kraft, Ausdauer und Koordination zu verbessern. Dies ist besonders wichtig, um den Alltag besser bewältigen und die Therapien besser vertragen zu können.
- Soziale Interaktion: Sport in der Gruppe bietet die Möglichkeit, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen und neue Kontakte zu knüpfen. Dies kann die soziale Isolation reduzieren und das Gefühl der Zusammengehörigkeit stärken.
Sportangebote für Hirntumorpatienten
Daher bietet das UKM-Hirntumorzentrum Betroffenen bereits seit 2011 die Möglichkeit, an einem „Persönlichen Trainingsprogramm“ teilzunehmen. Unter professioneller Anleitung durch Sportwissenschaftler und Diplomtrainer Ralf Brandt können Hirntumorpatienten Kraft, Ausdauer und Koordination trainieren und dürfen dabei kontrolliert bis an ihre Leistungsgrenzen gehen. „Dabei lernen die Patienten, ihrem Körper wieder zu vertrauen, ihre Leistungsfähigkeit besser einzuschätzen und gewinnen so an Selbstvertrauen“, erklärt Dr. Lars Lemcke, Oberarzt in der Klinik für Neurochirurgie (Direktor: Prof. Dr. Walter Stummer), der am UKM die neuroonkologische Sportsprechstunde anbietet, um der allgemein herrschenden Unsicherheit zum Thema „Sport und Hirntumoren“ zu begegnen.
Um gerade zu Beginn die Hemmschwelle gering zu halten und speziellen auf die Bedürfnisse des einzelnen eingehen zu können, wird eine individuelle Betreuung durch einen ausgebildeten Trainer vor Ort, seltener auch zu Hause angeboten. Ziel ist die aktive Hinführung zu Sport und Spaß und ggf. spätere Eingliederung in eine Krebssportgruppe oder einen Verein vor Ort.
Die Patienten können zu den Trainingseinheiten mit ihrem Trainer auch Eigentrainingsaufgaben bekommen und diesbezüglich in regelmäßigen Abständen Supervision. Das Zeitkontingent reicht für längere angeleitete Trainingseinheiten am Anfang und mehrere kürzere Supervisionsbesuche im Verlauf. Compliance-Probleme werden vermieden und das Konzept ist deutlich niederschwelliger als eine Anmeldung bei einem Gruppenkurs. Auch können die Termine weitestgehend dem Tagesablauf und der Tagesform des Patienten angepasst werden. Trainer und Physiotherapeut vor Ort können sich auf kurzen Wegen abstimmen. Trainingseinheiten und Übungen können ggf. spezielle Gegebenheiten berücksichtigen.
- Individuelles Training: Ein individuelles Trainingsprogramm, das auf die spezifischen Bedürfnisse und Einschränkungen des Patienten zugeschnitten ist, ist besonders wichtig. Ein ausgebildeter Trainer kann helfen, die richtigen Übungen auszuwählen und die Intensität des Trainings anzupassen.
- Krebssportgruppen: In Krebssportgruppen können Patienten gemeinsam mit anderen Betroffenen trainieren und sich austauschen. Die Gruppen werden von speziell ausgebildeten Übungsleitern betreut, die auf die Bedürfnisse von Krebspatienten eingehen können.
- Rehabilitationssport: Rehabilitationssport ist eine Leistung der Krankenkassen und kann von Ärzten verordnet werden. Er wird in Gruppen unter der Leitung von qualifizierten Therapeuten durchgeführt und zielt darauf ab, die körperliche Leistungsfähigkeit und die Lebensqualität der Patienten zu verbessern.
- Online-Angebote: Es gibt auch eine Vielzahl von Online-Angeboten für Krebspatienten, die von zu Hause aus genutzt werden können. Diese Angebote umfassen beispielsweise Yoga, Pilates oder Entspannungsübungen.
Geeignete Sportarten für Hirntumorpatienten
Die Wahl der geeigneten Sportart hängt von den individuellen Einschränkungen und der körperlichen Verfassung des Patienten ab. Grundsätzlich sind Sportarten mit geringem Verletzungsrisiko und moderater Belastung empfehlenswert.
- Ausdauersportarten: Ausdauersportarten wie Walken, Nordic Walking, Radfahren, Schwimmen oder Wandern sind gut geeignet, um die Kondition zu verbessern und das Herz-Kreislauf-System zu stärken.
- Krafttraining: Krafttraining kann helfen, die Muskelkraft zu erhalten oder wieder aufzubauen. Es ist wichtig, die Übungen unter Anleitung eines Trainers durchzuführen, um Verletzungen zu vermeiden.
- Yoga und Pilates: Yoga und Pilates sind sanfte Sportarten, die die Beweglichkeit verbessern, die Muskeln stärken und die Entspannung fördern können.
- Tanzen: Tanzen ist eine gute Möglichkeit, sich körperlich zu betätigen und gleichzeitig Spaß zu haben. Es fördert die Koordination, die Ausdauer und die soziale Interaktion.
- Ergometer: Der Ergometer ist für die Patienten das ideale Sportgerät, weil sie - anders als etwa beim Joggen - an fünf Punkten fixiert sind. Mit den beiden Händen am Lenker, den Füßen auf den Pedalen und dem Po auf dem Sattel haben sie fünf Punkte, an denen sie sich quasi festhalten können. Das hilft, weil man nach einer OP am Kopf oft Gleichgewichtsprobleme hat.
Nicht geeignet sind außerdem sturz- und erschütterungsträchtige Sportarten wie Bergsteigern und Klettern, Motorsport, Reiten oder Boxen. Von Tauchgängen sollten Betroffene wegen des Unterwasserdrucks besser absehen.
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Wichtige Hinweise für sportliche Aktivitäten
- Ärztliche Beratung: Vor Beginn einer sportlichen Aktivität sollte immer ein Arzt konsultiert werden, um die Eignung der Sportart abzuklären und eventuelle Risiken zu besprechen.
- Individuelle Anpassung: Das Training sollte immer an die individuellen Bedürfnisse und Einschränkungen des Patienten angepasst werden.
- Professionelle Anleitung: Eine professionelle Anleitung durch einen ausgebildeten Trainer oder Therapeuten ist empfehlenswert, um Verletzungen zu vermeiden und den Trainingserfolg zu optimieren.
- Langsame Steigerung: Die Intensität und Dauer des Trainings sollte langsam gesteigert werden, um den Körper nicht zu überlasten.
- Regelmäßige Pausen: Es ist wichtig, regelmäßige Pausen einzulegen und auf die Signale des Körpers zu hören.
- Ausreichend trinken: Während des Sports sollte ausreichend getrunken werden, um den Flüssigkeitsverlust auszugleichen.
- Vermeidung von Überlastung und Überhitzung: Patienten sollten eine Überlastung oder eine Überhitzung unbedingt vermeiden. Außerdem müssen sie ausreichend viel trinken und dürfen sich keinem zu großen Licht- bzw. Sonneneinfluss aussetzen. Denn manche Medikamente können phototoxische Reaktionen und Photoallergien auslösen, die dann sehr schnell zu sonnenbrandähnlichen Reaktionen führen können.
- Aufmerksame Begleitperson: Bei bestimmten Sportarten, wie z.B. Schwimmen, ist eine aufmerksame Begleitperson empfehlenswert.
- Helm tragen: Beim Radfahren sollte unbedingt ein Helm getragen werden.
Studien und Forschung
In der Studie „Mobil mit Hirntumor (MMH_01)“ soll der Beitrag intensiven Trainings auf die Lebensqualität von Patienten mit einem Glioblastom, einem bösartigen Hirntumor, jetzt wissenschaftlich untersucht werden. Statt sich zu schonen, sollen die Teilnehmer nach erfolgter Operation körperlich aktiv werden. Hierfür erhalten sie über vier Monate zweimal wöchentlich ein individuelles Einzeltraining. Alle acht Wochen erfolgt eine ausführliche Leistungsdiagnostik, um die körperliche Fitness zu beurteilen. Zusätzlich werden Fragebögen zur Lebensqualität erhoben, um Effekte auf Stimmung und Selbstwertgefühl zu messen. „Bei vielen Betroffenen besteht ein großes Bedürfnis, selber etwas gegen die Krankheit unternehmen zu können“, weiß Wiewrodt. „Mit der Teilnahme an dieser Studie möchten wir unsere Patienten motivieren, durch das intensive Trainingsprogramm körperliche Kraft für die anstehenden Therapien sowie mehr Lebensfreude zu gewinnen, um den insgesamt oft anstrengenden Alltag besser meistern zu können.“
Während des gesamten Studienzeitraums werden Patienten Activity Tracker (Polar M 430) tragen und 4 Mal mittels Spiroergometrie untersucht werden, um einerseits die Trainingseinheiten quantifizieren zu können und andererseits die Leistungssteigerung zu messen. Zu den sekundären Prüfzielen gehören Lebensqualität und Lebenszufriedenheit. Deshalb gehört auch die 4-wöchentliche Beantwortung von Fragebögen einschließlich der Parameter Angst, Depression, Belastung und Fatigue dazu.
In einer weiteren Pilotstudie konnten wir Durchführbarkeit und Effekte eines einwöchigen Trainings durch den Skisport belegen: Feasibility, Safety and Effects of a One-Week, Ski-Based Exercise Intervention in Brain Tumor Patients and Their Relatives: A Pilot Study (Journal of Clinical Medicine)
Fallbeispiele und Erfahrungen
Anja Westermann, eine Patientin mit einem Glioblastom, nahm an einer Studie der Uniklinik Münster teil und trainierte vier Monate lang zwei Mal pro Woche mit Sportwissenschaftler Ralf Brandt. Sie absolvierte Ausdauereinheiten auf dem Fahrrad und Krafttraining an verschiedenen Geräten. Durch das Training konnte sie ihre Fitnesswerte deutlich verbessern und ihre Lebensqualität steigern. „Ich fahre jedes Mal ein bisschen fitter nach Hause und stecke voller positiver Energie“, berichtet die 51-Jährige. Und: „Meine Lebensqualität ist viel größer.“
Bei rund 50 Männern und Frauen beobachten Wiewrodt und Brandt seit 2011, wie positiv sich das Training auf die Leistungsfähigkeit auswirkt: Gleichaltrigen Gesunden stehen die Sport treibenden Hirntumorpatienten nach einigen Wochen in nichts nach, liegen gar leicht im Vorteil. Und das trotz paralleler Chemotherapie und Bestrahlung. Dabei spielt es kaum eine Rolle, wie alt die Patienten sind und wie sportlich aktiv sie vor ihrer Erkrankung waren. Auch scheinen die Patienten durch das Training die Chemotherapie besser zu vertragen, litten etwa weniger an Übelkeit, so Wiewrodts Erfahrung. Am wichtigsten aber ist die positive Auswirkung auf die Psyche: Das Gefühl, über sich hinauszuwachsen, Leistungen zu erreichen, die man nicht mal vor der Diagnose für möglich gehalten hätte, spendet viel wertvollen, neuen Lebensmut.
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Unterstützung und Beratung
Viele Betroffene haben jedoch nicht die Kraft, alleine Sport zu treiben, oder trauen sich dies aus Angst vor negativen Auswirkungen nicht zu. Eine professionelle Sportdiagnostik sowie Beratung und individuelle Sportprogramme unter kompetenter Anleitung können hier einen wertvollen Beitrag leisten.
Informationen erhalten Betroffene bei ihren behandelnden Ärzten oder auch in der Klinik für Neurochirurgie am Sana Klinikum Offenbach unter der Telefonnummer 069 8405-3881.
Dorothee Wiewrodt, Fachärztin für Neurochirurgie und Psychotherapeutin, bietet den Betroffenen in ihrer körperlich und seelisch belastenden Zeit neben dem Sport Gesprächstherapien sowie kreative Angebote für die Angehörigen an.