Epileptischer Anfall führt zu Fenstersturz: Ursachen, Folgen und Prävention

In letzter Zeit gab es mehrere besorgniserregende Vorfälle, bei denen Menschen im Zusammenhang mit epileptischen Anfällen aus Fenstern gestürzt sind. Ein Münchner stürzte in einer Nacht aus seinem Schlafzimmerfenster und erlitt schwere Verletzungen. Die Polizei vermutet Schlafwandeln, da sich der Mann nicht erinnern konnte. Ein ähnlicher Fall ereignete sich im letzten Sommer, als eine 21-jährige Studentin in Unterhaching aus einem Fenster im dritten Stock fiel. Ihre Mutter gab an, dass sie Schlafwandlerin sei. Ein weiterer Fall ereignete sich in Berlin, wo eine 34-Jährige vermutlich während eines epileptischen Anfalls beim Rauchen am offenen Fenster das Gleichgewicht verlor und aus dem zweiten Stock stürzte. In Grimma stürzte ein fünf Wochen altes Baby aus dem Fenster eines Plattenbaus, wobei die Mutter angab, dass es ihr während eines epileptischen Anfalls aus den Händen gerutscht sei.

Diese Vorfälle werfen wichtige Fragen auf: Was sind die Ursachen für epileptische Anfälle? Welche Risiken bergen sie, insbesondere in Bezug auf Stürze? Und was kann man tun, um solche Unfälle zu verhindern? Dieser Artikel soll diese Fragen umfassend beantworten.

Was ist ein epileptischer Anfall?

Ein epileptischer Anfall ist eine plötzliche Funktionsstörung der Nervenzellen im Gehirn, die durch eine übermäßige elektrische Erregbarkeit verursacht wird. Diese Übererregbarkeit kann sich auf einen bestimmten Bereich der Hirnrinde beschränken oder sich auf das gesamte Gehirn ausbreiten. Je nachdem, welche Nervenzellen betroffen sind, äußert sich ein Anfall durch unterschiedliche Symptome.

Ursachen von epileptischen Anfällen

Epileptische Anfälle können verschiedene Ursachen haben. Man unterscheidet zwischen:

  • Akut-symptomatische Anfälle: Diese Anfälle treten als Reaktion auf einen vorübergehenden Auslöser auf, wie z.B. Fieber (insbesondere bei Kindern), Alkohol- oder Drogenkonsum, Medikamenteneinnahme, Elektrolytstörungen oder Stoffwechselstörungen. Auch in der Schwangerschaft können sie im Rahmen der Eklampsie auftreten.
  • Unprovozierte Anfälle: Treten diese Anfälle wiederholt ohne erkennbaren Auslöser auf, spricht man von einer Epilepsie.

Im Rahmen vieler Gehirnstörungen kann es zu einem epileptischen Anfall kommen. Unter bestimmten Voraussetzungen spricht man dann von einer Epilepsie. Beispiele hierfür sind:

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  • Schlaganfall
  • Hirnhaut- oder Gehirnentzündung
  • Hirntumor
  • Narbige Veränderungen nach einer Hirnverletzung
  • Missbildung/Fehlanlage des Gehirns bei der Geburtsentwicklung
  • Stoffwechselstörung

Formen von epileptischen Anfällen

Epileptische Anfälle können sehr unterschiedlich ablaufen. Einige halten nur wenige Sekunden an und bleiben oft unbemerkt, während andere mehrere Minuten dauern und mit Bewusstseinsverlust einhergehen. Die Internationale Liga gegen Epilepsie (ILAE) teilt die Anfälle grob in folgende Kategorien ein:

  • Fokale Anfälle: Diese Anfälle werden von einer Funktionsstörung in einer bestimmten Region des Gehirns ausgelöst. Die Symptome hängen davon ab, welcher Bereich betroffen ist. Mögliche Symptome sind unwillkürliche Zuckungen eines Arms bei erhaltenem Bewusstsein, Kribbeln, Halluzinationen oder Sprachstörungen. Oft verspüren die Betroffenen ein Vorgefühl (Aura). Fokale Anfälle können bewusst (einfach fokal) oder nicht bewusst (komplex-fokal) erlebt werden. Bei komplex-fokalen Anfällen ist das Bewusstsein mehr oder weniger eingeschränkt, und die Betroffenen reagieren nur bedingt sinnvoll auf Ansprache. Häufig treten Automatismen wie Kauen, Schmatzen oder Nesteln an der Kleidung auf.
  • Fokale Anfälle mit Übergang zu bilateral tonisch-klonischen Anfällen (früher sekundär generalisierte Anfälle): Diese Anfälle beginnen wie fokale Anfälle, breiten sich aber im Verlauf auf das ganze Gehirn aus, was zu Bewusstseinsverlust und Zuckungen an beiden Armen und Beinen führt.
  • Generalisierte Anfälle: Diese Anfälle betreffen von Anfang an das gesamte Gehirn und zeigen keinen bestimmten Ursprung. Es kommt zu einer Bewusstseinsstörung ohne Vorgefühl. Ein Beispiel hierfür sind Absencen, kurze Bewusstseinspausen, die oft bei Kindern auftreten. Die Betroffenen halten plötzlich inne, unterbrechen den Redefluss und wirken abwesend.
  • Grand mal Anfall (tonisch-klonischer Anfall): Dies ist die bekannteste Form des generalisierten Anfalls. Er beginnt mit einer tonischen Phase, in der sich alle Muskeln versteifen und das Bewusstsein verloren geht. Es kann zu einem Zungenbiss, einem Initialschrei und dem Verlust der Kontrolle über Blase und Darm kommen. Anschließend folgt die klonische Phase mit rhythmischen Zuckungen der Muskulatur. Am Ende des Anfalls kommt es zu einer tiefen Erschlaffung der Muskulatur und oft zu einem Nachschlaf.
  • Atonischer Anfall: Hier kommt es statt einer Anspannung der Muskulatur zu einer plötzlichen Erschlaffung. Die Betroffenen sinken in sich zusammen und liegen ohne Reaktion auf dem Boden.

Das Risiko von Stürzen bei epileptischen Anfällen

Ein großes Risiko bei epileptischen Anfällen ist die Gefahr von Stürzen. Durch den plötzlichen Bewusstseinsverlust, die Muskelverkrampfungen oder die Erschlaffung der Muskulatur können Betroffene stürzen und sich dabei schwer verletzen. Dies gilt insbesondere, wenn der Anfall in einer gefährlichen Umgebung auftritt, z.B. in der Nähe eines Fensters, auf einer Treppe, beim Kochen oder im Straßenverkehr.

Schlafwandeln und epileptische Anfälle

In einigen der eingangs erwähnten Fälle wurde Schlafwandeln als mögliche Ursache für den Fenstersturz genannt. Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass Schlafwandeln bei Erwachsenen eher selten ist. Wenn jemand nachts aus dem Fenster fällt, sollten auch andere Ursachen wie ein epileptischer Anfall, suizidale Absichten oder Alkoholkonsum in Betracht gezogen werden.

Soheyl Noachtar, Professor am Klinikum der Uni München und Spezialist für Schlafstörungen, betont, dass es statistisch gesehen extrem ungewöhnlich ist, dass ein 44-Jähriger, der angeblich noch nie schlafgewandelt ist, dies plötzlich tun sollte. Er empfiehlt, bei unklaren nächtlichen Beschwerden ein Schlaflabor aufzusuchen, um mögliche krankhafte Hintergründe wie Epilepsie auszuschließen.

Posttraumatische Epilepsie

Posttraumatische epileptische Anfälle gehören zu den häufigsten Komplikationen eines Schädel-Hirn-Traumas (SHT). Das SHT ist weltweit ein erhebliches Gesundheitsproblem mit einer hohen Morbidität und Mortalität. Die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten einer posttraumatischen Epilepsie hängt vom Schweregrad des Traumas ab.

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Epileptische Anfälle als Folge eines SHT werden in 2 Kategorien - auf Basis der zeitlichen Beziehung zum Traumaereignis - eingeteilt: frühe und späte posttraumatische Anfälle. Die pathophysiologischen Mechanismen, die zum Auftreten der Früh- bzw. Spätanfälle führen, sind unterschiedlich. Während die Frühanfälle Begleiterscheinung der erwähnten unmittelbaren zytotoxischen und neuroinflammatorischen Prozesse nach Trauma darstellen, werden posttraumatische Spätanfälle als Ausdruck eines bereits etablierten exzitatorisch-inhibitorischem Missverhältnisses sowie einer multifaktoriell bedingten und bereits eingeleiteten Epileptogenese angesehen, als deren Folge weitere Anfälle (> 80 %, [15]) zu erwarten sind.

Was tun bei einem epileptischen Anfall?

Im Grunde genommen ist ein epileptischer Anfall kein Notfall, denn meistens hört er von selbst wieder auf und ist für sich genommen auch nicht gefährlich. Das Gehirn wird dabei auch nicht geschädigt. Die Gefahr liegt vor allem darin, dass die Betroffen stürzen oder einen Kreislaufkollaps bekommen. Als Ersthelferin oder Ersthelfer ist es deine Aufgabe, die Betroffenen vor Verletzungen zu schützen und zu erkennen, wann du unbedingt den Notarzt rufen solltest.

Während des Anfalls:

  • Umgebung sichern: Entfernen Sie scharfe oder harte Gegenstände in der Nähe.
  • Nicht festhalten: Lassen Sie die Bewegungen zu. Festhalten kann zu Verletzungen führen.
  • Nichts in den Mund stecken: Es besteht Erstickungsgefahr. Maßnahmen, um einen Zungenbiss zu verhindern, sind obsolet.
  • Zeit stoppen: Dauert der Anfall länger als 5 Minuten, rufen Sie den Notruf.

Nach dem Anfall:

  • Stabile Seitenlage: Legen Sie die Person in die stabile Seitenlage, bleiben Sie dabei und sprechen Sie beruhigend.
  • Nicht allein lassen: Bleiben Sie, bis die betroffene Person wieder vollständig ansprechbar ist, ihren Namen sagen kann und normal atmet.

Wann den Notarzt rufen?

  • Der Anfall dauert länger als 5 Minuten (Status epilepticus).
  • Mehrere Anfälle folgen direkt hintereinander.
  • Die Person verletzt sich.
  • Der Anfall passiert im Wasser oder im Schlaf.
  • Die Person atmet nicht oder verfärbt sich bläulich.

Prävention von Stürzen bei epileptischen Anfällen

Für Menschen mit Epilepsie oder einem erhöhten Anfallsrisiko ist es wichtig, Maßnahmen zu ergreifen, um Stürze und andere Verletzungen zu vermeiden. Dazu gehören:

  • Medikamentöse Therapie: Bei Epilepsie ist eine regelmäßige Einnahme von Anfallsunterdrückenden Medikamenten (Anfallssuppressiva) wichtig, um die Anfallshäufigkeit zu reduzieren.
  • Anfallskalender führen: Durch das Führen eines Anfallskalenders können Auslöser für Anfälle ausgemacht und die Häufigkeit ihres Auftretens besser abgeschätzt werden.
  • Gefahrenstellen vermeiden: Gefahrenstellen im Alltag sollten erkannt und wenn möglich vermieden werden. Dazu gehören z.B. Arbeiten in großer Höhe, der Umgang mit gefährlichen Maschinen oder das Rauchen am offenen Fenster.
  • Schutzmaßnahmen: In bestimmten Fällen können Schutzmaßnahmen wie das Tragen eines Schutzhelms bei tonischen Sturzanfällen oder das Anbringen von Hindernissen vor Fenstern und Türen sinnvoll sein.
  • Gesunder Lebensstil: Ein regelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus, Stressabbau, der Verzicht auf Alkohol und Drogen sowie eine ausgewogene Ernährung können dazu beitragen, die Anfallsbereitschaft zu senken.

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