Ständige Angst vor Migräne: Ursachen, Auswirkungen und Bewältigungsstrategien

Migräne und Angstzustände sind zwei Erkrankungen, die sich gegenseitig beeinflussen und die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen können. Bis zu 30 Prozent aller Menschen leiden im Laufe ihres Lebens an einer Angststörung. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen der ständigen Angst vor Migräne, die Wechselwirkungen zwischen Migräne und Angst, und bietet Strategien zur Bewältigung und Vorbeugung.

Einführung

Die ständige Angst vor einer Migräneattacke, auch Attackenangst genannt, ist ein weit verbreitetes Problem unter Migränepatienten. Diese Angst kann das Leben der Betroffenen stark beeinträchtigen und zu einem Teufelskreis aus Angst und Migräne führen. Es ist wichtig, die Ursachen dieser Angst zu verstehen und wirksame Bewältigungsstrategien zu entwickeln.

Die Verbindung zwischen Migräne und Angst

Migräne und Angst sind eng miteinander verbunden. Angstzustände können einen Migräneanfall auslösen, und Migräneanfälle können wiederum zu Angstzuständen führen. Dieser Kreislauf kann sich selbst verstärken und die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. Angstgefühle können auch Schlaflosigkeit verursachen, was wiederum einen Migräneanfall auslösen kann.

Wechselseitige Beeinflussung

Studien haben gezeigt, dass das Verhältnis zwischen Ängsten und Migräne bidirektional ist. Das bedeutet, dass das Vorhandensein der einen Erkrankung das Risiko für die jeweils andere erheblich erhöht. Seit den 1990er-Jahren wurden vermehrt Erklärungsansätze für diese Wechselwirkung entwickelt, und je nach Forschungsströmung wurden die Ursachen z.B. in Erbfaktoren, Botenstoffen im Nervensystem, hormonellen Schwankungen oder auch in der sogenannte „Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse“ (HPA-Achse, engl.: „hypothalamic-pituitary-adrenal axis“) gesucht. Letztere beschreibt einen komplexen, vor allem durch Botenstoffe vermittelten Regelkreis zwischen Hypothalamus, Hypophyse und Nebennierenrinde. Er wirkt auf viele Körperfunktionen, darunter auch die Stressreaktion, die bei Migräne eine bedeutende Rolle spielt.

Angst als Trigger

Die Angst vor einer Migräneattacke kann selbst zum Auslöser werden. Die Angst führt zu Stress, der wiederum eine Migräneattacke provozieren kann. Viele Patienten leiden mehr unter der Angst vor dem nächsten Anfall als unter den Schmerzen selbst. Sie nehmen mehr Dinge als bedrohlich wahr - zum Beispiel die Angst vor der nächsten Migräneattacke und dann nicht zur Arbeit gehen zu können, nicht für die Kinder oder den Partner da sein zu können, Medikamente nehmen zu müssen. Die permanente Angst führt dazu, dass der Körper ständig in einer Alarm- und Fluchtbereitschaft ist. Das erzeugt wiederum Stress und Angst.

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Ursachen der ständigen Angst vor Migräne

Die ständige Angst vor Migräne kann verschiedene Ursachen haben:

  • Unvorhersehbarkeit: Das Schwierigste an der Migräne ist für viele Betroffene das Unbekannte. Die Angst, wann oder wie die nächste Migräne auftreten wird, ist allgegenwärtig.
  • Einschränkungen: Migräne kann Betroffene daran hindern, vollständig am täglichen Leben teilzunehmen. Die Angst vor den Einschränkungen, die eine Migräneattacke mit sich bringt, kann die Angst verstärken.
  • Begleiterkrankungen: Psychische Ausnahmezustände wie Angststörungen, Panikattacken, Schlafprobleme und Erkrankungen des depressiven Formenkreises sind typische Begleiterkrankungen der Migräne.
  • Negative Erfahrungen: Wiederholte Migräneattacken und negative Erfahrungen im Umgang mit der Erkrankung können die Angst verstärken.

Symptome der ständigen Angst vor Migräne

Die ständige Angst vor Migräne kann sich in verschiedenen Symptomen äußern:

  • Ständige Sorgen: Betroffene machen sich ständig Sorgen über die nächste Migräneattacke.
  • Vermeidungsverhalten: Betroffene vermeiden bestimmte Situationen oder Aktivitäten, die eine Migräneattacke auslösen könnten.
  • Körperliche Symptome: Angstbedingte körperliche Symptome wie Herzrasen, Schwitzen, Zittern oder Muskelverspannungen.
  • Schlafstörungen: Angstgefühle können Schlaflosigkeit verursachen, was wiederum einen Migräneanfall auslösen kann.
  • Reizbarkeit: Betroffene können reizbarer und leichter frustriert sein.

Bewältigungsstrategien

Es gibt verschiedene Strategien, um die ständige Angst vor Migräne zu bewältigen:

Vorbereitung und Akzeptanz

Als jemand, der mit chronischer Migräne lebt, habe ich festgestellt, dass vorbereitet sein mir hilft, meine Ängste abzubauen, aber auch zu akzeptieren, dass ich alles weitere nicht kontrollieren kann. Um mich vorzubereiten, sorge ich dafür, dass meine Medikamente in ausreichender Menge vorhanden sind. Ein weiterer Tipp, der mir hilft, ist, offen und ehrlich mit den Menschen in meinem Umfeld zu sein. Wenn ich die Leute über meine Krankheit in Kenntnis setze, zeigen sie mehr Verständnis. Es ist mir dann auch weniger peinlich, Ruhepausen einzulegen.

Kognitive Verhaltenstherapie (KVT)

Auch die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) kann bei Angstzuständen hilfreich sein. KVT befasst sich mit Ihren Denk- und Verhaltensmustern. Durch die Veränderung von Denk- und Handlungsmustern lernen die Betroffenen, bessere Bewältigungsstrategien zu entwickeln und ihre Wahrnehmung von Schmerzen zu verändern. Eine andere Methode ist die sogenannte „Progressive Muskelentspannung nach Jacobson“ (PMR, engl.: „Progressive Muscle Relaxation“). Auch die PMR hat sich in der Praxis als effektive Technik zur Vorbeugung der Migräne bewährt. Betroffene konzentrieren sich bewusst darauf, unterschiedliche Muskelgruppen des eigenen Körpers anzuspannen und dann wieder zu entspannen. Die dadurch herbeigeführte Verringerung der allgemeinen Muskelspannung (und damit der Gesamtanspannung des Menschen) kann zu einer Linderung der Migräneschmerzen, aber auch zur Vorbeugung von Attacken führen.

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Gesunde Lebensweise

Schlafmangel, schlechte Ernährung, Veränderungen in Ihrer Routine und Stress können einen Migräneanfall auslösen und Angstgefühle und -zustände verstärken. Versuchen Sie, die folgenden Gewohnheiten in Ihr tägliches Leben zu integrieren:

  • Besserer Schlaf: Halten Sie sich an einen einheitlichen Schlafrhythmus, auch am Wochenende. Versuchen Sie, ähnliche Schlaf- und Aufwachzeiten einzuhalten.
  • Gesunde Ernährung: Achten Sie auf eine gesunde Ernährung, damit Ihr Körper psychische und physische Schmerzen erfolgreich bekämpfen kann. Bevorzugen Sie frische, vollwertige Lebensmittel, um versteckte Trigger zu vermeiden.
  • Sport und Dehnung: Bewegung kann die Endorphin-Ausschüttung erhöhen und Stresshormone senken, Dehnübungen können verspannte Muskeln lockern.
  • Meditation und kontrollierte Atmung: Meditation und kontrollierte Atmung erfordern zwar etwas Übung, können aber wirksam bei der Vorbeugung und Bewältigung von Angstzuständen und Migräne sein.

Positive Einstellung

Für mich war es ein großer mentaler Kampf, mir eine positive Einstellung zu bewahren. Wenn ich jeden Tag mit Dankbarkeit betrachte, reduziere ich die Angst vor dem, was ich nicht kontrollieren kann. Die Wahrnehmung meiner Schmerzen und meines Lebens ist stark abhängig von meinem mentalen Zustand. Die Gedanken daran, wann oder wie meine nächste Migräne auftreten wird, machen mir Angst, also vermeide ich es, darüber nachzudenken.

Emotionale Achtsamkeit

Wenn Sie zulassen, dass sich Ihre Emotionen aufstauen, kann dies Ihre Angst verstärken und zu einer Migräneattacke führen. Wenn ich mich selbst unter Druck setze und meine Symptome ignoriere, kann dies eine emotionale Reaktion auslösen. Wenn Sie Ihre Symptome erkannt haben, achten Sie auf Ihre Emotionen und versuchen Sie, Folgendes umzusetzen:

  • Bleiben Sie ruhig, wenn wegen einer Situation oder eines Ereignisses Angstgefühle aufkommen.
  • Seien Sie nicht so streng mit sich selbst: Feiern sie kleine Erfolge und erkennen Sie diese an. Bestrafen Sie sich nicht für Fehler oder mangelnde Fortschritte.
  • Seien Sie flexibel, aber versuchen Sie trotzdem, eine gewisse Routine beizubehalten. Passen Sie Ihre Erwartungen in Stressphasen an.
  • Planen Sie Übergangsphasen ein (z. B. zusätzliche Zeit am Morgen, wenn es Ihnen schwerfällt, sich fertig zu machen).

Professionelle Hilfe

Warten Sie nicht damit, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, vor allem, wenn Sie Ihre Symptome nicht allein in den Griff bekommen. Es gibt verschiedene Therapieansätze, die helfen können, die Angst vor Migräne zu bewältigen.

Migräne verstehen

Um die Angst vor Migräne besser zu verstehen, ist es wichtig, die Erkrankung selbst zu verstehen.

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Was ist Migräne?

Die Migräne ist eine neurobiologisch bedingte Funktionsstörung des Gehirns, der Hirnhaut (Dura) und der jeweiligen Blutgefäße, für die eine erbliche Veranlagung besteht. Während einer Migräneattacke kommt es zu einer vorrübergehenden Fehlfunktion schmerzregulierender Systeme.

Ursachen und Auslöser

Bestimmte innere und äußere Faktoren, so genannte Trigger, können bei entsprechender Veranlagung eine Migräne begünstigen. Jeder Migräne-Patient kann durch Selbstbeobachtung und konsequente Führung eines Kopfschmerz-Tagebuchs/Kalenders seine verschiedenen, persönlichen Auslöser ermitteln:

  • Wechselnder Schlaf-Wach-Rhythmus (z.B. zu viel oder zu wenig Schlaf)
  • Unregelmäßigkeiten im Tagesablauf - Unterzuckerung/Hungerzustand (z.B. aufgrund des Auslassens von Mahlzeiten)
  • Hormonveränderungen, z.B. während des Zyklus (Eisprung oder Menstruation) bzw. aufgrund der Einnahme von Hormonpräparaten (z.B. Anti-Baby-Pille, bei Beschwerden der Wechseljahre oder zur Osteoporose-Vorsorge)
  • Stress in Form körperlicher oder seelischer Belastungen - Migräne tritt meist in der Entspannungsphase danach auf
  • Verqualmte Räume
  • Bestimmte Nahrungsmittel - z.B. Schokolade, Käse, Zitrusfrüchte, Alkohol (Rotwein!)
  • Äußere Reize wie (Flacker)Licht, Lärm oder Gerüche
  • Wetter- und Höhenveränderungen (Föhn, Kälte etc.)
  • Starke Emotionen, z.B. ausgeprägte Freude, tiefe Trauer, heftige Schreckreaktion, Angst
  • evtl. Medikamente z.B.

Die Rolle von Botenstoffen

Die Botenstoffe des Gehirns (Neurotransmitter) sind chemische Substanzen, die u.a. Nervensignale weiterleiten, die Ausdehnung oder Verengung der Blutgefäße steuern und Schmerzsignale auslösen. Von allen Botenstoffen spielt das Serotonin bei der Entstehung der Migräne eine besondere Rolle. Die Konzentration von Serotonin im Blut schwankt mit dem weiblichen Zyklus. Dies erklärt u.a. das Auftreten von Migräneattacken während des Zyklus.

Die Angst vor der Attacke (Attackenangst)

Eine häufige Befürchtung bei Migränebetroffenen ist die antizipatorische Angst vor dem Auftreten einer Kopfschmerzattacke (sogenannte „Attackenangst“). In einer internationalen Studie mit Migränebetroffenen gaben 55 % der Befragten an, Angst vor einer auftretenden Kopfschmerzattacke zu haben. Diese Angst kann dazu führen, dass bereits im Vorfeld von möglichen Attacken („präventiv“) Schmerzmittel (Triptane, Analgetika) eingenommen werden. Durch eine zu häufige Präventiveinnahme kann sich ein langfristig übermäßiger Schmerzmittelkonsum etablieren, der zur Entstehung eines Kopfschmerzes durch Medikamentenübergebrauch führen und dadurch auch indirekt zur Erhöhung der Kopfschmerzaktivität beitragen kann.

Nicht-pharmakologische Behandlungsstrategien

Forschung und medizinische Praxis haben über die lange Zeit ihrer Beschäftigung mit dem komplexen Krankheitsbild der Migräne auch sogenannte nicht-pharmakologische Behandlungsstrategien erarbeitet, die darauf abzielen, einer Entstehung von Attacken ohne den Einsatz von Medikamenten vorzubeugen. Ein zentraler Ansatzpunkt dabei ist die Stress-Reduktion.

Stressbewältigung

Ein erhöhtes Stress-Empfinden ist ein potenzieller Trigger-Faktor für Migräne-Attacken. Permanenter Stress führt zu einer generell erhöhten Anfälligkeit für Kopfschmerz. Es ist daher wichtig, Stressoren zu identifizieren und Strategien zur Stressbewältigung zu entwickeln. Dazu gehören beispielsweise Entspannungsverfahren wie die progressive Muskelentspannung nach Jacobson oder autogenes Training.

Kognitive Verhaltenstherapie

Die sogenannte „Kognitive Verhaltenstherapie“ (CBT, engl.: „Cognitive Behavioral Therapy“) ist eine spezifische Form der Psychotherapie, bei der negative, auf die eigene Migräneerkrankung bezogene Gedanken und Verhaltensweisen identifiziert und hinterfragt werden.

Ganzheitliche Behandlung der Migräne

Um Migräne und die damit verbundene Angst effektiv zu behandeln, ist eine ganzheitliche Herangehensweise entscheidend, die sowohl die Migräne als auch begleitende Erkrankungen berücksichtigt. Deshalb ist es wichtig, dass Sie sich möglicher Begleiterkrankungen bewusst sind und diese offen mit Ihren Ärztinnen und Ärzten besprechen. Oft ist es sinnvoll, dass verschiedene Fachleute zusammenarbeiten - zum Beispiel Internistinnen oder Internisten, Neurologinnen oder Neurologen und Psychologinnen oder Psychologen. So können sie gemeinsam einen Behandlungsplan entwickeln, der genau auf Sie und Ihre Situation angepasst ist.

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