Ständige Müdigkeit bei Parkinson: Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten

Bei vielen schweren Erkrankungen, wie beispielsweise Krebs, Rheuma oder auch Parkinson, kann ein Erschöpfungssyndrom als Begleiterkrankung auftreten. Ein solches Erschöpfungssyndrom, die sogenannte Fatigue, kann die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. Sie belastet soziale Beziehungen, verringert die soziale Teilhabe und beeinträchtigt die Betroffenen im Beruf, Alltag und in ihrer Freizeit. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen ständiger Müdigkeit bei Parkinson und zeigt Behandlungsansätze auf.

Was ist Fatigue?

Der Begriff "Fatigue" stammt aus dem Französischen und bedeutet Müdigkeit. In der Medizin wird damit ein krankhafter und anhaltender Zustand geistiger und körperlicher Ermüdung und Erschöpfung bezeichnet, der nicht allein durch Anstrengungen oder Schlafmangel erklärt werden kann. Betroffene haben Probleme, ihren Alltag zu bewältigen. Selbst einfache Tätigkeiten wie Zähneputzen, Kochen oder Einkaufen können zu einem Gefühl der Erschöpfung führen. Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen sowie Wortfindungsstörungen können ebenfalls auftreten. Typisch für Fatigue ist, dass sich die Symptome durch Ruhephasen oder Schlaf nicht deutlich bessern.

Häufigkeit von Fatigue bei Parkinson

Etwa ein Drittel der Parkinson-Patienten leidet unter Fatigue. Sie gehört zu den häufigsten nicht-motorischen Symptomen bei Parkinson und kann die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen.

Ursachen und Entstehung der Fatigue bei Parkinson

Das Erschöpfungssyndrom Fatigue gehört zu den neurologischen Krankheiten. Die Ursachen und die Entstehung sind noch nicht vollständig geklärt. Es wird angenommen, dass verschiedene Faktoren zusammenwirken. So tragen der degenerative Prozess, das oft fortgeschrittene Alter der Patienten und die Störungen der Neurotransmittersysteme hierzu bei. Denn in die Pathophysiologie des Morbus Parkinson ist nicht nur der Neurotransmitter Dopamin involviert, sondern auch Serotonin, Noradrenalin und Acetylcholin. Die zirkadiane Rhythmik ist ebenfalls gestört. Die Parkinson-Therapie - vor allem mit Dopaminagonisten - verstärkt diesen Effekt, wobei es hier Unterschiede gibt.

Mögliche Faktoren sind:

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  • Entzündungsprozesse im Körper und im Nervensystem
  • Energiemangel infolge starker Abmagerung (Kachexie)
  • Blutarmut oder Schwankungen des Elektrolythaushalts
  • Chronische Schmerzen
  • Kräfteverlust infolge der Grunderkrankung
  • Nebenwirkungen der Therapie der Grunderkrankung
  • Infektionen (Abwehrschwäche)
  • Depressive Verstimmungen oder Ängste
  • Stress z. B. bei Überforderung oder Zukunftsängsten

Symptome der Fatigue

Das Hauptsymptom der Fatigue ist eine über Wochen und Monate fortdauernde Erschöpfung und Müdigkeit, die sich durch Erholung oder Schlaf nicht wesentlich bessert. Darüber hinaus berichten Betroffene von folgenden Symptomen:

  • Energiemangel, Schwächegefühl, Schweregefühl in den Gliedmaßen
  • Antriebslosigkeit, es kostet viel Kraft aktiv zu werden
  • Unverhältnismäßig starke Erschöpfung nach Anstrengung
  • Hoher Ruhebedarf, der nicht durch Anstrengung erklärt werden kann
  • Schlaflosigkeit oder vermehrte Schläfrigkeit/Schlafsucht
  • Schlaf erfrischt nicht und bringt kaum Erholung
  • Traurigkeit, Frustration, Gereiztheit
  • Der Alltag kann kaum bewältigt werden
  • Vergesslichkeit: Kurzzeitgedächtnis ist beeinträchtigt
  • Wortfindungsstörungen
  • Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen
  • Sich nach Anstrengungen über Stunden unwohl fühlen

Diagnostik bei Müdigkeit und Erschöpfung

Um die Diagnose Fatigue als Begleiterkrankung zu stellen, muss zuvor klar sein, um welche Grunderkrankung es sich handelt. Unerklärliche Müdigkeit und Erschöpfung können auch Vorboten einer schweren Erkrankung wie Krebs oder Multiple Sklerose sein. Wenn keine Grunderkrankung bekannt ist, wird sich die Diagnostik auch darauf konzentrieren, eine solche zu finden.

Ausschluss von Differenzialdiagnosen

Beim Verdacht auf Fatigue als Begleiterkrankung übernimmt in der Regel ein Facharzt oder eine Fachärztin für Neurologie die Diagnostik. Die Fatigue ist eine Ausschlussdiagnose, das heißt Differenzialdiagnosen, also Erkrankungen, die ähnliche Symptome hervorrufen, müssen ausgeschlossen werden.

Mögliche Differenzialdiagnosen zur Fatigue:

  • Psychische Erkrankungen, insbesondere Depressionen
  • Nebenwirkungen von Medikamenten
  • Nächtliche Atemaussetzer (Schlafapnoe-Syndrom)
  • Schlafstörungen
  • Mangelernährung
  • Chronische Schmerzen
  • Schilddrüsenerkrankungen

Je nach Vorgeschichte und Einzelfall werden folgende Untersuchungen durchgeführt:

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  • Fragebogen zur Erfassung der Symptome
  • Tests zur Aufmerksamkeit und Konzentration
  • Belastbarkeitsuntersuchungen
  • Ganganalysen
  • Bewegungstracker zur Erfassung der Aktivität im Tagesverlauf
  • Laboruntersuchungen des Bluts

Behandlung der Fatigue bei Parkinson

Ein zentrales Ziel der Therapie bei Fatigue ist es, die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Es gibt kein Medikament gegen Fatigue und keine Behandlung, die allein zur Verbesserung des Erschöpfungszustandes führt. Vielmehr muss für jeden Patienten und jede Patientin ein individuelles Paket unterschiedlicher Behandlungen geschnürt werden. Dabei muss die Grunderkrankung Parkinson immer mit beachtet werden. Das gilt auch für die Therapie der Grunderkrankung, denn bestimmte Medikamente können eine Fatigue hervorrufen.

Aufgrund dieser komplexen Situation sind an der Behandlung einer Fatigue verschiedene Fachleute, z. B. Neurologinnen, Expertinnen für Psychosomatik, Neuropsychologinnen, Psychotherapeutinnen, Physiotherapeutinnen und Ergotherapeutinnen beteiligt. Je nach Schwere der Krankheit und der Einschränkungen im Alltag kann die Fatigue ambulant oder im Rahmen einer stationären Rehabilitation behandelt werden. Die stationäre Behandlung findet je nach Krankheitsbild in einer neurologischen oder psychosomatisch ausgerichteten Rehabilitationseinrichtung statt.

Zur Therapie der Fatigue gehören:

  • Das Krankheitsbild der Fatigue in Schulungen kennenlernen
  • Die medikamentöse Behandlung von Begleitsymptomen der Fatigue, z. B. Schmerzen, Schlafstörungen oder depressiven Verstimmungen
  • Lernen, den Tagesablauf zu strukturieren, um Zeitdruck und Stress zu vermeiden: z.B. Aufgaben nach Wichtigkeit einteilen (priorisieren), Ruhepausen einplanen
  • Sport treiben, angepasstes Ausdauertraining, Muskelkräftigung
  • Kognitives Training („Gehirnjogging“), wie z. B. Gedächtnisübungen, Konzentrationstraining
  • Mit psychologischer Unterstützung lernen, von sich nicht mehr zu verlangen, als man derzeit leisten kann
  • Ergotherapie, z. B. Kunsttherapie oder Musiktherapie
  • Balance zwischen Aktivität und Entspannung finden, z. B. mithilfe von Yoga, Qi Gong oder ähnlichem
  • Lichttherapie mit Lampen, die ein sehr helles, weißes Tageslicht ausstrahlen und so die Zirbeldrüse, die im Gehirn den Schlaf-Wach-Rhythmus reguliert, aktivieren
  • Um Fatigue-Symptome bei Parkinson-Patient*innen zu lindern, sollte die medikamentöse Behandlung der Grunderkrankung optimiert werden.

Medikamentöse Therapie bei Parkinson

Die medikamentöse Behandlung von Morbus Parkinson zielt darauf ab, das Gleichgewicht der Neurotransmitter wiederherzustellen, vor allem mithilfe von Levodopa und Dopaminagonisten. Sie greifen in den Dopaminstoffwechsel ein. Diese führen jedoch zu einigen Nebenwirkungen und langfristig zu Wirkungsschwankungen.

Bei exzessiver Tagesmüdigkeit kommt nach Auffassung des Parkinsonexperten eine Dosisreduktion der dopaminergen Arzneien infrage, sollte die Medikation die Ursache für die Müdigkeit sein.

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Die Wahl der dopaminergen Arzneien hat jedoch ebenfalls einen Einfluss auf nichtmotorische Symptome. Haben die Patienten Schlafstörungen, kann die Wahl eines langwirksamen oder retardierten Dopaminagonisten von Vorteil sein. Viele Patienten wachen aber dennoch mitten in der Nacht auf und können dann nicht mehr einschlafen. Hier seien kurzwirksame Hypnotika eine Option.

Schlafstörungen bei Parkinson

Schlafstörungen sind bei Menschen mit der neurodegenerativen Erkrankung Parkinson-Syndrom sehr häufig. Sie tragen neben den typischen Symptomen wie Bewegungsstörungen, Muskelzittern und Gleichgewichtsstörungen, die mit der Erkrankung verbunden sind, zu einer weiteren Einschränkung der Lebensqualität bei. Daher ist es wichtig, neben der Therapie der Grunderkrankung, auch die Schlafstörungen mitbehandeln zu lassen.

"Typische Probleme bei Parkinson-Patienten sind Ein- und Durchschlafstörungen, eine erhöhte Tagesschläfrigkeit sowie Traum-Schlaf-Verhaltensstörungen, die mit lebhaften Bewegungen von Armen und Beinen meist in der zweiten Nachthälfte einhergehen. Dabei sollte man die Wirkung des Nachtschlafes auf die Symptomatik der Krankheit nicht unterschätzen. Denn die Schlafprobleme können eine Verschlechterung der körperlichen Symptomatik verursachen und auch die Tagesmüdigkeit kann sehr belastend sein", berichtet Dr. Curt Beil vom Berufsverband Deutscher Neurologen (BDN) mit Sitz in Krefeld. „Schlafstörungen treten bei Parkinson unter anderem als Folge der Erkrankung selbst, durch Nebenwirkungen der Medikamente oder aufgrund psychischer Begleiterkrankungen auf und sollten in der Therapie unbedingt berücksichtigt werden.“

Zudem leiden auch Parkinson-Patienten unter primären Schlafstörungen wie schlafbezogenen Atmungsstörungen und dem Restless-Legs-Syndrom, die nicht auf die Parkinson-Erkrankung zurückgehen. Etwa 60 bis 90 Prozent der Patienten mit idiopathischem bzw. primärem Parkinson-Syndrom sind im Verlauf der Erkrankung von Schlafstörungen betroffen.

Parkinson-Patienten, die unter Schlafstörungen und einer erhöhten Tagesschläfrigkeit leiden, sollten diese Beschwerden mit ihrem behandelnden Neurologen besprechen. Eine gezielte Diagnostik, die durch das Führen eines Schlaftagebuchs unterstützt werden kann, vermag die Ursachen der Ein- und Durchschlafstörungen aufzudecken. "Es geht dann darum, genau zu klären, welche Ursache hinter den Beschwerden stecken, um die Schlafstörungen gezielt behandeln zu können", betont der niedergelassene Neurologen.

Zur Behandlung der Schlafstörungen kann eine Optimierung der Therapie der Parkinson-Grunderkrankung hilfreich sein. Zudem können spezielle nicht-medikamentöse oder auch medikamentöse Ansätze wirksam sein. "Nächtliche Unbeweglichkeit und damit einhergehende Schlafprobleme können durch ein Absinken des Medikamentenspiegels ausgelöst sein. Hier können lang wirksame Parkinson-Medikamente Abhilfe schaffen. Andererseits können lebhafte Träume und nächtliche körperliche Unruhe auf eine zu starke Medikamentenwirkung zurückgehen. Dann kann in Absprache mit dem Arzt die Medikamenteneinstellung entsprechend verändert werden", erklärt Dr. Beil.

Grundsätzlich ist es wichtig, auf eine gute Schlafhygiene (Schlafklima, regelmäßige Einschlaf- und Weckzeiten etc.) zu achten und tagsüber Nickerchen oder einen Mittagsschlaf zu vermeiden. Auch können einfache Mittel wie warme Fußbäder, Entspannungsübungen oder autogenes Training bei Einschlafstörungen hilfreich sein. Daneben trägt körperliche Bewegung zu einer Verbesserung der Schlafqualität bei. Findet die körperliche Aktivität im Freien statt, verbessert dies den Tag-Nacht-Rhythmus, was sich ebenfalls günstig auf die Schlafqualität auswirkt. Sind die Schlafstörungen auf RLS zurückzuführen oder auf nächtliche Atemaussetzer, kann hier eine leitliniengerechte Therapie wie bei anderen Patienten hilfreich sein.

Was Sie selbst tun können

Als Patient*in können Sie die Therapie bei Fatigue aktiv unterstützen:

  • Ernähren Sie sich gesund.
  • Achten Sie auf genügend Schlaf.
  • Reduzieren Sie konsequent Stressfaktoren in Ihrem Alltag.
  • Falls bei Ihnen ein Mangel an Vitaminen, Mineralstoffen, Spurenelementen oder essenziellen Fettsäuren festgestellt wurde, sollten Sie auf ärztlichen Rat ihre Ernährung umstellen und/oder entsprechende Nahrungsergänzungsmittel einnehmen.
  • Sprechen Sie mit Ihrer Familie, Freunden und Berufskolleg*innen über das Fatigue-Syndrom. Erklären Sie, warum Sie manche Dinge langsamer angehen oder warum Sie mehr Pausen brauchen.
  • Ein angepasster Tagesablauf, der Sie weder über- noch unterfordert, trägt dazu bei, die Fatigue allmählich zu bessern. Wenn Ihr Umfeld Sie versteht und Sie unterstützt, kann Ihnen das sehr helfen.

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