Stottern: Ursachen im Gehirn und neue Therapieansätze

Stottern ist eine Redeflussstörung, von der etwa 1 % der Erwachsenen betroffen sind. Lange Zeit wurde Stottern als eine psychische Erkrankung verstanden, doch heute ist klar, dass neurologische Ursachen zugrunde liegen. Die Forschung hat in den letzten Jahren erhebliche Fortschritte bei der Aufklärung der neuroanatomischen Grundlagen des Stotterns gemacht, was neue Möglichkeiten für die Diagnose und Behandlung eröffnet.

Was ist Stottern?

Stottern äußert sich durch unfreiwillige Wiederholungen von Silben und Lauten, Dehnungen von Lauten und hörbare oder "stumme" Blockierungen. Diese Kernsymptome können je nach Mensch und Situation unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Viele Stotternde entwickeln Begleitsymptome wie Anspannung der Gesichtsmuskulatur, Körperbewegungen, Sprechängste oder Vermeidungsverhalten.

Ursachen des Stotterns im Gehirn

Die Ursachen des Stotterns sind vielfältig. Es gibt eine genetische Veranlagung, die mit hoher Wahrscheinlichkeit zum Auftreten von Stottern führen kann, aber nicht muss. Zudem können neurologische Erkrankungen wie Parkinson oder Schlaganfälle Stottern zur Folge haben. In seltensten Fällen ist ein psychisches oder physisches Trauma Auslöser für die Redeflussstörung.

Neuroanatomische Veränderungen bei Stotternden

Neueste bildgebende Studien mit stotternden Kindern weisen darauf hin, dass zu diesem Entwicklungszeitpunkt morphologische Unterschiede in Hirnregionen nachzuweisen sind, die wesentlich am Lernen und an der Kontrolle des Sprechens beteiligt sind. So sind motorische und prämotorische Rindenbänder, Regionen, die dem Vokaltrakt vorgeben, wie er sich bewegen soll, bei Kindern mit chronischem Stottern dünner als bei gleichaltrigen Kindern, die nicht stottern. Es wurden auch Unterschiede in der Struktur der weißen Gehirnsubstanz, dem Fasersystem des Gehirns, beobachtet. Diese Unterschiede wirken sich etwa auf das Zusammenspiel von auditiven, somatosensorischen und motorischen Signalen, die Initiierung von Sprechbewegung, die Überwachung von Gesagtem und die interhemisphärische Koordination aus. Der Schweregrad des Stotterns ist direkt abhängig von diesen strukturellen Unterschieden, was auf ihre Bedeutung für den Redefluss hindeutet.

Auch bei Erwachsenen mit chronischem Stottern ließen sich Veränderungen von Hirnaktivität und -verbindungen nachweisen. Betroffen sind im Besonderen Hirnregionen, die Sprech- und Sprachfunktion unterstützen. Neben motorischen und prämotorischen Rindengebieten betrifft das Areale wie den Gyrus frontalis inferior (Broca-Areal), das supplementär-motorische Areal, parietale und temporale Regionen, also Regionen, die die Planung, Initiierung und sensomotorische Kontrolle beim Sprechen gewährleisten. Zudem sind die Basalganglienschleifen und Schaltkreise zwischen Großhirnrinde und Kleinhirn betroffen.

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Das Putamen als zentraler Knotenpunkt

Finnische Forschende glauben, die Gehirnregion lokalisiert zu haben, wo das Stottern entsteht. Im Vergleich zu nicht-stotternden Menschen entdeckten sie strukturelle Veränderungen in Knotenpunkten eines Gebiets im Gehirn, dessen Zentrum nach Ansicht des Teams um Juho Joutsa von der Universität Turku in einem Bereich des Putamens liegt. Das Putamen gehört zu den Kerngebieten des Großhirns und ist Teil der Grauen Substanz des Gehirns. Es ist für vor allem für die Motorik im Gesicht, also für die Mimik, wichtig. Die finnische Studie bestätigte eindrucksvoll, dass die linke Gehirnhemisphäre bei der Sprechcodierung und bei der Umsetzung von Gedanken in Sprechen und gesprochene Sprache entscheidend sei.

Überaktives Netzwerk im vorderen Bereich des Gehirns

Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig und der Universitätsmedizin Göttingen haben herausgefunden, dass ein überaktives Netzwerk im vorderen Bereich des Gehirns eine wesentliche Rolle für das Stottern spielen könnte. Die Überaktivität in den Regionen auf der rechten Hirnseite scheint der eigentliche Grund für das Stottern zu sein. „Die rechte untere Windung des Stirnhirns ist bei allen Menschen immer dann besonders aktiv, wenn wir Bewegungen wie Hand- oder Sprechbewegungen stoppen“, erklärt Nicole Neef, Neurowissenschaftlerin am Max-Planck-Institut. „Ist diese Region jedoch überaktiv, kommt es zu einer übermäßigen Hemmung. Dazu gehören die für das Sprechen wichtigen Bereiche im linken Frontallappen, insbesondere der sogenannte linke Gyrus frontalis inferior, der für die Planung des Sprechens zuständig ist, sowie der linke Motorkortex, der dann die eigentlichen Sprechbewegungen steuert.“

Diagnose von Stottern

Die Diagnose wird oft von Haus- oder HNO-Ärzten gestellt, nachdem Auffälligkeiten im Sprechen des oder der Betroffenen langanhaltend auftreten. Diagnostiziert wird das Stottern meist im Kindesalter bis fünf Jahren. Rund fünf Prozent aller Kinder stottern. Bei bis zu 80 Prozent legt es sich nach einiger Zeit wieder. Die restlichen 20 Prozent behalten ihr Stottern ein Leben lang.

Behandlungsmethoden für Stottern

Obwohl Stottern nicht heilbar ist, können Betroffene mit einer Therapie Techniken erlernen, die ihnen das Sprechen erleichtern. Aktuell konzentriert sich die Therapie des Stotterns auf konventionelle sprachtherapeutische Ansätze, die darauf abzielen, die Sprechflüssigkeit zu verbessern und das Selbstvertrauen beim Sprechen zu stärken. Dabei kann die Wirksamkeit der Therapie von Person zu Person variieren und die Auswahl der geeigneten Therapie hängt von der individuellen Situation und den Bedürfnissen des stotternden Menschen ab. Ein multidisziplinärer Ansatz, der die Zusammenarbeit zwischen Logopädinnen, Psychologinnen und Ärzt*innen einschließt, kann in einigen Fällen empfehlenswert sein.

Konventionelle Therapieansätze

Zu den zwei am häufigsten angewandten Therapiemethoden zählen das Fluency Shaping und die Stottermodifikation.

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  • Fluency Shaping: Hierbei wird der weiche Stimmeinsatz trainiert, der die Aussprache von Lauten zu Beginn eines Wortes oder einer Silbe erleichtern soll. Hinzu kommt die bewusste Dehnung von Lauten, Silben oder Worten, um Stottersymptome beim Sprechen zu vermeiden.
  • Stottermodifikation: Die Therapie teilt sich in vier Phasen auf. Ziel ist es, die Anspannung zu senken und den Stottermoment zu überwinden.

Neue Therapieansätze

Neurophysiologe Sommer begrüßt zwar den neuen Forschungsansatz, hat aber auch Bedenken: „Daraus eine Behandlung abzuleiten, ist sicherlich möglich, erfordert aber einige Zwischenschritte um zu verstehen, wo man welche Elektrode mit welcher Polung anbringen muss.

Nichtsdestotrotz wurden jüngst Behandlungsmethoden auf der Basis von neurowissenschaftlichen Erkenntnissen zum Stottern motiviert. Zwei kontrollierte Studien, die beide den Standards von klinischen Studien entsprechen, nutzten hierfür die transkranielle Gleichstromstimulation (tDCS). Dabei handelt es sich um eine nicht-invasive Technik, bei der schwache elektrische Ströme zur Beeinflussung der Gehirnaktivität eingesetzt werden. Diese Hirnstimulationsmethode wurde in den jeweiligen Studien mit Sprechtechniken verbunden, die das Stottern unterdrücken. Die Kombination beider Interventionen, erleichterte das flüssige Sprechen bei stotternden Erwachsenen nachhaltig.

Was hilft stotternden Menschen nicht?

Auf - oftmals gut gemeinte - Ratschläge können stotternde Menschen gut verzichten. Sie müssen nicht tief durchatmen, sich konzentrieren oder sich beruhigen. Solche Ratschläge nerven oder verunsichern nur. Am besten ist Abwarten, Anschauen und Zuhören. Stotternde Menschen brauchen mehr Zeit, das ist halt so! Es gibt immer wieder Leute, die versuchen, dann das Wort oder den Satz fortzusetzen. Das ist erstens sehr verletzend, jemanden zu unterbrechen. Außerdem ist das vielleicht gar nicht das, was ich eigentlich sagen wollte.

Selbsthilfe

Sich mit anderen Betroffenen über Herausforderungen auszutauschen, kann helfen. Die Bundesvereinigung Stottern und Selbsthilfe e.V. (BVSS) bietet lokale und digitale Angebote, um sich mit anderen stotternden Menschen zu vernetzen. Selbsthilfegruppen können helfen, die Scheu vor dem Sprechen zu überwinden. Meist ist es hilfreich, in der Familie, im Freundeskreis oder bei der Arbeit offen und selbstsicher mit dem Stottern umzugehen.

Auswirkungen von Stottern auf die Psyche

Stottern ist für Betroffene sehr belastend, vor allem weil Mitmenschen oftmals kränkend, aggressiv oder falsch auf diese Redeflussstörung reagieren. Die unfreiwilligen Wiederholungen von Silben und Lauten, die Dehnungen von Lauten und die wahrnehmbaren oder auch "stummen" Blockaden können Betroffene verunsichern. Oft empfinden sie beim Sprechen eine innere Anspannung, Scham oder Frustration. Der seelische Druck kann so hoch sein, dass Menschen, die stottern, bestimmte Situationen gänzlich zu vermeiden versuchen.

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Umgang mit stotternden Menschen

Es ist wichtig, stotternden Menschen mit Respekt und Geduld zu begegnen. Zuhören ist das A und O. Vermeiden Sie es, Sätze zu vervollständigen oder Ratschläge zu geben. Geben Sie der Person Zeit, sich auszudrücken, und signalisieren Sie, dass Sie zuhören und verstehen.

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