Polyneuropathie, oft ein schleichender Prozess, kann das Leben der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. Von anfänglichen Missempfindungen bis hin zu starken Schmerzen und Gangunsicherheiten ist es ein langer Weg, bis die Diagnose feststeht. Dieser Artikel beleuchtet die Erfahrungen von Betroffenen, Therapiemöglichkeiten und die Rolle von Strümpfen im Umgang mit dieser Erkrankung.
Der Weg zur Diagnose
Viele Betroffene berichten von einem langen und oft frustrierenden Weg bis zur Diagnose Polyneuropathie. Anfangs äußern sich die Beschwerden oft durch eigenartige Missempfindungen in den Füßen, ein Gefühl, als trage man zu enge Socken, obwohl dies nicht der Fall ist. Eine Messung der Nervenleitgeschwindigkeit beim Neurologen bringt möglicherweise nur mäßige Ergebnisse, da die Verlangsamung der Nervenleitgeschwindigkeit nicht immer besorgniserregend erscheint.
Eine Betroffene schildert, dass ihr viele Einschränkungen ihrer Lebensqualität erspart geblieben wären, wenn sie früher von der Polyneuropathie gewusst hätte. Sie hätte dann früher etwas gegen die immer stärker werdenden Missempfindungen, Schmerzen und Gangunsicherheiten unternommen. Doch der Arzt beruhigte sie damals mit den Worten: „Alles in Ordnung.“
Ursachenforschung und Fehldiagnosen
Die Ursachenforschung gestaltet sich oft schwierig. Häufige Ursachen für Polyneuropathie sind Diabetes mellitus, Alkoholabusus und Drogenkonsum. In manchen Fällen spielen jedoch auch andere Faktoren eine Rolle, wie beispielsweise die Einnahme von Medikamenten.
Eine Betroffene berichtet, dass sich ihre Beschwerden in den Beinen nach jeder Einnahme von Breitbandantibiotika mit dem Wirkstoff Fluorchinolon verschlimmerten. Ein Fernsehbericht über Fluorchinolone und Polyneuropathie brachte sie schließlich auf die Spur, woher ihre Probleme kommen könnten, was aber leider nicht zu beweisen ist.
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Auch der Umgang von Ärzten mit den Beschwerden der Patienten ist nicht immer zufriedenstellend. Eine Betroffene suchte aufgrund ihrer Gangunsicherheit eine Neurologin auf und schilderte, dass die Leute in ihrer Nachbarschaft sie bereits für betrunken hielten. Die Ärztin lachte jedoch nur und sagte: „Dann lassen Sie sie doch.“ Erst ein erneuter Arztwechsel führte schließlich zur Diagnose „Polyneuropathie“.
Therapiemöglichkeiten und Selbsthilfe
Eine Reha-Maßnahme kann Betroffenen Therapiemöglichkeiten vermitteln, die das Leben mit der Erkrankung erleichtern. Dazu gehören beispielsweise Kneipp’sche Wechselbäder der Beine und vielfältige Bewegungstherapien. Bei sehr starken Schmerzen können Capsaicin-Pflaster empfohlen werden. Bewegung in Form von Spaziergängen ist für viele Betroffene sehr hilfreich.
Die Einnahme von hoch dosiertem Vitamin B12 kann bei manchen Betroffenen die Gangunsicherheit beseitigen. Es ist jedoch ratsam, den B12-Spiegel im Blut messen zu lassen, um festzustellen, ob hier eine Ursache für den Schwindel liegen könnte. Auch bei Werten, die im unteren Normbereich liegen, ist die Einnahme eines B12-Präparates indiziert.
Neben den genannten Therapiemöglichkeiten spielt auch die Selbsthilfe eine wichtige Rolle. Frau Kühn engagiert sich seit Sommer 2019 in der Polyneuropathie-Selbsthilfe, als Gründerin und Ansprechpartnerin der regionalen Selbsthilfegruppe Ingolstadt und unterstützt andere Betroffene. Seit Anfang 2020 ist sie auf Bundesebene als stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Polyneuropathie-Selbsthilfe e.V.
Kompressionsstrümpfe bei Polyneuropathie
Die Frage, ob und welche Kompressionsstrümpfe bei Polyneuropathie geeignet sind, ist komplex und sollte individuell mit dem behandelnden Arzt oder Therapeuten besprochen werden. Grundsätzlich können Kompressionsstrümpfe bei bestimmten Beschwerden im Zusammenhang mit Polyneuropathie hilfreich sein, es gibt jedoch auch Kontraindikationen und wichtige Aspekte zu beachten.
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Nutzen von Kompressionsstrümpfen
- Unterstützung der Durchblutung: Kompressionsstrümpfe können die Durchblutung in den Beinen verbessern, indem sie den venösen Rückfluss unterstützen und das Blut daran hindern, in den Beinen zu versacken. Dies kann insbesondere bei Patienten mit Kreislaufproblemen oder Ödemen (Wassereinlagerungen) von Vorteil sein.
- Linderung von Beschwerden: Einige Patienten mit Polyneuropathie berichten von Beschwerden wie schweren Beinen, Schwellungen oder Missempfindungen. Kompressionsstrümpfe können helfen, diese Symptome zu lindern.
- Vorbeugung von Komplikationen: Bei bestimmten Grunderkrankungen, die mit Polyneuropathie einhergehen können, wie beispielsweise Diabetes mellitus, können Kompressionsstrümpfe dazu beitragen, Komplikationen wie Ulcus cruris (offene Beine) vorzubeugen.
Kontraindikationen und Vorsichtsmaßnahmen
- Fortgeschrittene periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK): Bei einer fortgeschrittenen pAVK ist die Durchblutung der Arterien bereits stark eingeschränkt, so dass Kompressionsstrümpfe die Situation verschlimmern könnten.
- Ausgeprägte Neuropathie: Bei einer stark ausgeprägten Neuropathie ist das Empfindungsvermögen in den Füßen und Beinen beeinträchtigt. In diesem Fall besteht die Gefahr, dass der Patient Einschnürungen oder Druckstellen durch die Kompressionsstrümpfe nicht bemerkt, was zu Hautschäden führen kann.
- Unsachgemäße Anwendung: Es ist wichtig, dass der Patient die Kompressionsstrümpfe richtig anlegen und tragen kann. Bei Schwierigkeiten sollte eine Anziehhilfe verwendet werden. Zudem ist es wichtig, die Beine regelmäßig auf Einschnürungen oder Druckstellen zu kontrollieren.
Auswahl der richtigen Kompressionsklasse
Die Wahl der richtigen Kompressionsklasse sollte in Absprache mit dem Arzt oder Therapeuten erfolgen. Grundsätzlich gilt:
- Kompressionsklasse 1: Leichte Kompression, geeignet bei leichten Beschwerden wie schweren Beinen oder Müdigkeitsgefühl.
- Kompressionsklasse 2: Mittlere Kompression, geeignet bei stärkeren Beschwerden wie Schwellungen oder Krampfadern.
- Kompressionsklasse 3: Starke Kompression, geeignet bei schweren venösen Erkrankungen oder Lymphödemen.
Weitere Tipps zur Anwendung von Kompressionsstrümpfen bei Polyneuropathie
- Hautpflege: Achten Sie auf eine gute Hautpflege, um trockene Haut und Hautirritationen zu vermeiden. Verwenden Sie feuchtigkeitsspendende Cremes oder Lotionen.
- Material: Wählen Sie ein hautfreundliches und atmungsaktives Material, um Hautreizungen vorzubeugen.
- Passform: Achten Sie auf eine gute Passform der Kompressionsstrümpfe, um Einschnürungen und Druckstellen zu vermeiden.
- Regelmäßige Kontrolle: Kontrollieren Sie Ihre Beine regelmäßig auf Veränderungen wie Rötungen, Druckstellen oder Blasen.
Alternative Strümpfe und Socken bei Polyneuropathie
Neben Kompressionsstrümpfen gibt es auch spezielle Socken und Strümpfe, die für Menschen mit Polyneuropathie entwickelt wurden und auf unterschiedliche Weise Linderung verschaffen können:
- Nahtlose Socken: Socken ohne oder mit besonders flachen Nähten können Druckstellen und Reizungen an den Füßen vermeiden, insbesondere im Zehenbereich.
- Socken aus weichen Materialien: Socken aus Baumwolle, Bambus oder Merinowolle sind besonders weich und angenehm zu tragen. Sie können helfen, Reibung und Druck auf die Haut zu reduzieren.
- Therapeutische Socken: Einige Hersteller bieten spezielle therapeutische Socken an, die mit bestimmten Technologien oder Materialien ausgestattet sind, um die Durchblutung zu fördern, Schmerzen zu lindern oder die Haut zu pflegen.
- ReflexWear-Socken: Diese Socken bestehen aus einem weichen Material und haben eine exzellente Formschlüssigkeit. Sie reduzieren Druckspitzen an der Fußsohle und im Zehenbereich und können wärmende Eigenschaften haben.
- Celliant-Socken: Diese Socken bestehen aus einem speziellen Garn, das die Durchblutung verbessern und die Füße warm halten kann. Sie sind besonders für Menschen mit kalten Füßen geeignet.
- Stimulationssocken: Diese Socken werden in Verbindung mit einem TENS-Gerät verwendet, um die Nerven zu stimulieren und Schmerzen zu lindern.
Innovative Therapieansätze: Neuroprothese "NeuroStep"
Ein vielversprechender Therapieansatz ist die Entwicklung einer nichtinvasiven Neuroprothese namens "NeuroStep". Dieses System, das wie ein herkömmlicher Socken getragen werden kann, stellt mit gezielten elektrischen Impulsen die gestörte Nervenleitung und damit das verlorene Gefühl in den Füßen wieder her.
Die Technologie stimuliert die noch teilweise funktionierenden Nervenbahnen durch die Haut und stellt die beeinträchtigte Reizleitung wieder her. Das System arbeitet dabei im geschlossenen Regelkreis während des Gehens und bietet in Echtzeit sensorisches Feedback.
In einer Studie berichteten Testpersonen bereits nach nur einem Tag Nutzung der Neuroprothese über deutliche Verbesserungen des Empfindungsvermögens und der Bewegungskoordination sowie weniger Schmerzen. Magnetresonanztomografien zeigten außerdem, dass das Gehirn das wiederhergestellte Gefühlsempfinden ähnlich verarbeitet wie natürliche Sinnesreize, was eine intuitive Nutzung der Neuroprothese ermöglicht.
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