Die Medizin macht stetig Fortschritte, insbesondere im Bereich der Nerventransplantation und Extremitätenverpflanzung. Diese komplexen Eingriffe bieten Hoffnung für Patienten, die durch Unfälle oder Krankheiten schwere Schäden erlitten haben. Dieser Artikel beleuchtet einige dieser bahnbrechenden Entwicklungen und wirft einen Blick auf die Herausforderungen und Perspektiven.
Weltweit erste Armtransplantation: Ein Meilenstein in München
Am Münchner Universitätsklinikum rechts der Isar wurde vor einiger Zeit ein 54-jähriger Landwirt mit den Armen eines Toten transplantiert. Dieser Eingriff erregte weltweites Aufsehen, da es sich um die erste Transplantation dieser Art handelte. Der Patient hatte seine Arme sechs Jahre zuvor bei einem Unfall mit einem Maishäcksler verloren.
Der Eingriff und sein Verlauf
Die Operation verlief laut den Ärzten optimal, "wie nach Drehbuch". Das 40-köpfige Operationsteam unter der Leitung von Christoph Höhnke von der Klinik für Plastische Chirurgie und Handchirurgie gab bekannt, dass es dem Patienten sehr gut gehe. Besonders berührend war der Moment, als die Ehefrau des Patienten nach der Operation seine neuen Hände berührte und sagte: "Die sehen ja aus wie deine früher." Auch der Patient selbst zeigte sich zufrieden, obwohl er sich der Herausforderungen bewusst ist, die noch vor ihm liegen.
Risiken und Herausforderungen
Die Verpflanzung von Extremitäten gilt als riskant. Eine der größten Herausforderungen ist die Abstoßungsreaktion des Körpers. Bei Handtransplantationen kommt es in etwa zwei von drei Fällen zu einer solchen Reaktion, da die Haut als Barriere zur Außenwelt ein besonders aggressives Immunsystem besitzt. Glücklicherweise kann die Abstoßung meist mit Cortison abgewendet werden.
Bei einer Armverpflanzung kommt eine weitere Schwierigkeit hinzu: Die Armknochen enthalten Knochenmark, das seinen neuen Besitzer angreifen kann. Dies kann potentiell tödlich sein, weshalb das Immunsystem besonders stark unterdrückt werden muss, was wiederum das Risiko von Infektionen und Krebs erhöht.
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Rehabilitation und Zukunftsperspektiven
Der Patient muss nun einen langen Rehabilitationsprozess durchlaufen. Zunächst werden seine Arme von Metallgestellen gehalten, um das Gewicht von den Wunden zu nehmen. Später wird er ein Haltegestell um den Brustkorb tragen müssen. Es wird Jahre dauern, bis das Gefühl in die Hände zurückkehrt, da die Nervenzellen etwa einen Millimeter pro Tag einwachsen müssen.
Trotz der Risiken und Mühen sind die Ärzte optimistisch. Edgar Biemer, der zweite leitende Operateur, hält es für wahrscheinlich, dass die Sensibilität in den Armen sehr gut bis normal sein wird. Er berichtet von einer Patientin, der ihr eigener abgerissener Arm retransplantiert wurde und die nach eineinhalb Jahren sogar wieder stricken konnte. Die Ärzte hoffen, dass der Patient zumindest wieder greifen kann, was für ihn bereits ein großer Segen wäre, da er ein stolzer Mann ist, der sich nicht gerne helfen lässt.
Patient stellt sich der Öffentlichkeit
Knapp zwei Monate nach der Transplantation stellte sich der Patient, Karl Merk, der Öffentlichkeit vor. Er zeigte sich überwältigt und sagte: "Ich stehe voll hinter ihnen: Das sind meine Arme und gebe sie nicht mehr her." Er kann bereits Türen öffnen und den Lichtschalter betätigen. Er absolviert täglich Krankengymnastik, Elektrotherapie und neurokognitive Behandlung, um sich an seine neuen Gliedmaßen zu gewöhnen.
Nerventransfers bei Querschnittslähmung: Neue Hoffnung für Beweglichkeit
Ein weiteres vielversprechendes Gebiet ist der Nerventransfer bei Querschnittslähmung. Australische Chirurgen haben mehreren querschnittsgelähmten Patienten mit einem neuen Verfahren zu Arm- und Handbewegungen verholfen. Beim sogenannten Nerventransfer leiten sie noch funktionsfähige Nerven um, um gelähmte Muskeln wieder beweglich zu machen.
Das Verfahren
Die Patienten lernten dann mithilfe einer intensiven Physiotherapie im Zeitraum von zwei Jahren, wieder selbstständig alltägliche Tätigkeiten zu verrichten, etwa essen und trinken, Zähne putzen, schreiben, den Computer benutzen oder einen Rollstuhl antreiben.
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Die 13 Patienten mit einer Halswirbelverletzung waren an allen vier Gliedmaßen gelähmt (Tetraplegie). Voraussetzung für die Behandlung war, dass das Rückenmark nicht oberhalb des sechsten Halswirbels verletzt war. In diesen Fällen stehen noch unversehrte Nerven für den Transfer zur Verfügung. So konnten die Chirurgen oberhalb des sechsten Halswirbels entspringende Nervenstränge so umleiten, dass sie in gelähmte Armmuskeln einwuchsen und wieder Impulse gaben.
Kombination mit Sehnentransfers
In einer Variante nahmen die Ärzte jenen Nerv, der den kleinen Rundmuskel im Schulterbereich aktiviert, und verbanden ihn mit einer Nervenbahn, die zum Trizeps - dem Ellenbogenstreckmuskel - im Oberarm führt. In anderen Varianten wurden Nervenverbindungen zu verschiedenen Muskeln des Unterarms umgeleitet. Dabei kann ein Nerv mehrere Muskeln aktivieren.
Die Chirurgen kombinierten Nerventransfers erfolgreich mit traditionellen Sehnentransfers, um den größtmöglichen Nutzen zu erzielen. Bei der Kombination beider Verfahren nutzten die Patienten den Arm mit den Nerventransfers für feinmotorische Tätigkeiten, während sie den Arm mit der Sehnentransplantation für kraftvolle Aktivitäten verwendeten.
Ergebnisse und Perspektiven
Die Forscher betonten, dass keiner der Teilnehmer die Operation bereute und alle sie wieder tun und anderen empfehlen würden. Allerdings hatten vier der insgesamt 59 Nervenverpflanzungen nicht zum gewünschten Erfolg geführt.
Experten sehen in Nerventransfers eine kostengünstige Möglichkeit, die körpereigene Fähigkeit zu nutzen, die Bewegung in einem gelähmten Glied wiederherzustellen. Zu den Nachteilen zählen die Monate, bevor neue Bewegungen möglich werden, und die Jahre, bis die volle Kraft erreicht ist. Dennoch stellen Nerventransfers einen enormen Fortschritt dar, um die Handfunktion nach einer Rückenmarksverletzung wiederherzustellen.
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Einschränkungen und individuelle Unterschiede
Die Methode ist nicht für alle Patienten geeignet. Sie sollte idealerweise sechs bis zwölf Monate nach der Verletzung erfolgen, da eine längere Inaktivität die Muskeln zu sehr verkümmern lassen könnte. Die Operierten brauchen darüber hinaus Geduld. Es dauert oft Monate, bis die Gliedmaßen wieder bewegt werden können und Jahre bis sie wieder Stärke erlangen. Die Funktion der Hände erreicht zudem nicht ihr ursprüngliches Niveau.
Es ist wichtig, einen individuellen Ansatz in der Behandlung von Rückenmarksverletzungen zu verfolgen. Nicht nur die Auswirkungen sind unterschiedlich, sondern auch die Reaktionen und persönlichen Ziele der Patienten. So war auch in der aktuellen Studie die Zufriedenheit der Operierten sehr verschieden - und hing auch nicht immer mit dem objektiven Ergebnis des Eingriffs zusammen.
Weitere Fortschritte in der Transplantationsmedizin
Neben Armtransplantationen und Nerventransfers gibt es auch in anderen Bereichen der Transplantationsmedizin bemerkenswerte Fortschritte.
Gesichtstransplantation
Einem US-Amerikaner wurde nach einem Unfall mit einer Schusswaffe ein neues Gesicht transplantiert. Die Operation umfasste den Haaransatz bis zum Nacken, neue obere und untere Kieferknochen, neue Zähne und eine Zunge. Der Eingriff dauerte 36 Stunden und war die bislang aufwendigste Gesichtstransplantation.
Stammzelltherapie bei Parkinson
Aktuelle Studien zeigen, dass die Transplantation von im Labor gezüchteten Nervenzellen bei Parkinson-Patienten nicht nur sicher ist, sondern auch vielversprechende Ergebnisse liefert.
Transplantation von Kehlkopf und Luftröhre
Kalifornische Ärzte transplantierten einer Patientin erstmals Kehlkopf und Luftröhre, nachdem diese bei einem chirurgischen Eingriff verletzt wurden. Die Frau konnte dreizehn Tage später mit ihrer eigenen Stimme sprechen.
Ethische und gesellschaftliche Aspekte
Die Fortschritte in der Transplantationsmedizin werfen auch ethische Fragen auf. Die Übertragung von Fremdorganen ist mit ethischen Bedenken und Gedanken an das Tabuthema Tod verbunden. Es stellt sich die Frage, wie die Psyche eines Menschen mit einer solch intimen Gabe zurechtkommt.
Ein weiteres Problem ist der Mangel an Spenderorganen. Vor allem Kranke mit seltenen Blutgruppen müssen sehr lange auf ein Spenderorgan warten.
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