Epilepsie ist eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen und betrifft allein in Deutschland etwa eine halbe Million Menschen. Die Kenntnis der Besonderheiten dieser Erkrankung, insbesondere im höheren Lebensalter, ist angesichts der alternden Gesellschaft von wachsender Bedeutung. Dieser Artikel beleuchtet die symptomatische Epilepsie, ihre Auswirkungen auf die Lebenserwartung und gibt einen Überblick über wichtige Aspekte der Erkrankung.
Einführung in die Epilepsie
Epilepsie ist durch eine anhaltende Prädisposition für epileptische Anfälle gekennzeichnet, die mit neurobiologischen, kognitiven, psychologischen und sozialen Folgen einhergehen. Die Internationale Liga gegen Epilepsie (ILAE) definiert Epilepsie als das Auftreten von mindestens einem Anfall. Für epidemiologische Studien wird jedoch oft die konservativere Definition von mindestens zwei Anfällen im Abstand von mehr als 24 Stunden empfohlen, um eine Vergleichbarkeit der Daten zu gewährleisten.
Epidemiologie der Epilepsie
Die Epidemiologie befasst sich mit der Verteilung, den Ursachen und den Folgen von Erkrankungen in der Bevölkerung. Im Gegensatz zur klinischen Medizin, die auf die Behandlung einzelner Patienten abzielt, untersucht die Epidemiologie Populationen, um ein umfassenderes Verständnis von Krankheiten zu erlangen.
Prävalenz
Die Prävalenz beschreibt die Verteilung eines Ereignisses oder einer Eigenschaft in einer Population zu einem bestimmten Zeitpunkt. Die Punktprävalenz der aktiven Epilepsie liegt bei etwa 6,4 von 1000 Personen. In Deutschland leiden etwa 500.000 Menschen an Epilepsie, was einem Anteil von 0,6 % der Bevölkerung entspricht. Studien zeigen, dass die Prävalenz mit dem Alter zunimmt. Bei älteren Menschen (über 65 Jahre) liegt sie höher als bei Kindern und Jugendlichen. Dies könnte auf eine unvollständige Erfassung von Epilepsie in dieser Altersgruppe zurückzuführen sein, da Anfälle bei älteren Menschen häufiger unbeobachtet bleiben.
Inzidenz
Die Inzidenz beschreibt die Häufigkeit des Auftretens einer Erkrankung in einer Population innerhalb eines bestimmten Zeitraums. Die jährliche Inzidenz von Epilepsie beträgt etwa 67,8 pro 100.000 Personen. Die Inzidenzrate, also der Anteil der neu erkrankten Personen, liegt im Mittel bei 61,4 pro 100.000 Personenjahre. Die Inzidenz variiert je nach Alter und Geschlecht. Epilepsie tritt in allen Altersgruppen auf, wobei die höchsten Inzidenzraten bei den jüngsten und ältesten Menschen zu beobachten sind. Der Anstieg der Inzidenz im höheren Lebensalter ist vor allem auf die Zunahme zerebrovaskulärer Erkrankungen zurückzuführen, die die häufigste Ursache für Anfälle in dieser Altersgruppe darstellen. Weitere Ursachen sind toxisch-metabolische Prozesse, neurodegenerative Erkrankungen, Tumoren und Schädel-Hirn-Traumata.
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Altersepilepsie
Als Altersepilepsie werden alle neu auftretenden Epilepsien ab dem 65. Lebensjahr bezeichnet. Diese Unterscheidung ist wichtig, da sich die Ursachen der Altersepilepsie häufig von denen unterscheiden, die in jüngeren Jahren auftreten. Zerebrovaskuläre Erkrankungen sind die häufigste Ursache für Anfälle im höheren Lebensalter.
Akut symptomatische Anfälle
Akut symptomatische Anfälle treten besonders häufig im ersten Lebensjahr und im höheren Lebensalter auf. Die Inzidenz liegt im Median bei etwa 30-40 pro 100.000 Personen pro Jahr. Die häufigsten Ursachen sind Schädel-Hirn-Traumata, zerebrovaskuläre und metabolische Erkrankungen, Fieber und Infektionen. Erkrankungen des höheren Lebensalters, wie Schlaganfälle, Parkinson-Krankheit, Alzheimer und andere Demenzformen, sind häufig mit einem erhöhten Risiko für unprovozierte epileptische Anfälle assoziiert.
Mortalität bei Epilepsie
Die Mortalität bei Epilepsie ist um den Faktor 2 bis 3 erhöht. Menschen mit Epilepsie haben ein erhöhtes Risiko für eine vorzeitige Mortalität im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung. Die standardisierte Mortalitätsrate (SMR) liegt für Epilepsie im Mittel bei 1,6 bis 3,6 und ist für alle Altersgruppen erhöht. Sie ist abhängig von der zugrunde liegenden Erkrankung und vor allem bei konvulsiven Anfällen und fehlender Anfallsfreiheit erhöht. Im höheren Lebensalter werden geringere SMR berichtet als bei jüngeren Menschen, was auf die Zunahme konkurrierender Todesursachen zurückzuführen sein könnte. Häufige Todesursachen bei älteren Menschen mit Epilepsie sind Pneumonien, Neoplasien und zerebrovaskuläre Erkrankungen.
Symptomatische Epilepsie und Lebenserwartung
Die Lebenserwartung von Menschen mit Epilepsie ist statistisch gesehen geringer als die der Normalbevölkerung. Dies liegt daran, dass Epilepsiepatienten häufiger an bestimmten Erkrankungen sterben oder ein erhöhtes Risiko für Komplikationen haben.
Ursachen für verkürzte Lebenserwartung
- Symptomatische Epilepsie: Wenn die Anfälle durch eine Grunderkrankung wie einen Hirntumor, eine schwere Hirnfehlbildung oder eine Stoffwechselerkrankung verursacht werden, kann dies die Lebenserwartung verkürzen. Die Sterblichkeitsrate von Patienten mit symptomatischer Epilepsie ist im Vergleich zur Normalbevölkerung deutlich erhöht.
- Anfallsbedingte Todesfälle: Der Tod als direkte Folge eines Anfalls ist selten, kann aber im Zusammenhang mit einem Grand-Mal-Status auftreten, wenn Notfallmaßnahmen nicht greifen. Mögliche Todesursachen sind Herzrhythmusstörungen, Atemversagen oder Hirnödeme.
- SUDEP (Sudden Unexpected Death in Epilepsy): Ein plötzlicher, unerwarteter Tod bei Epilepsiepatienten, bei dem keine eindeutige Todesursache festgestellt werden kann.
- Suizid: Das Risiko für Selbsttötungen ist bei Epilepsiepatienten deutlich erhöht, was auf soziale Probleme, einen unbefriedigenden Krankheitsverlauf oder Depressionen zurückzuführen sein kann.
Risikofaktoren für SUDEP
- Schlechte Anfallskontrolle
- Häufige generalisierte tonisch-klonische Anfälle
- Nächtliche Anfälle
- Unregelmäßige Medikamenteneinnahme
- Früher Beginn der Epilepsie
Umgang mit Epilepsie und Verbesserung der Lebensqualität
Obwohl Epilepsie die Lebenserwartung beeinträchtigen kann, gibt es viele Möglichkeiten, die Lebensqualität zu verbessern und das Risiko von Komplikationen zu minimieren.
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Medikamentöse Therapie
Eine gute medikamentöse Therapie, die zur Anfallsfreiheit führt, ist der beste Schutz. Etwa zwei Drittel der Menschen mit Epilepsie werden unter Medikamenten anfallsfrei.
Vermeidung von Triggern
Viele Betroffene profitieren von ausreichendem Schlaf, regelmäßigen Einschlafzeiten und dem Vermeiden von bekannten Anfallsauslösern.
Psychosoziale Unterstützung
Eine gute sozialpädagogische Begleitung und eine frühzeitig einsetzende antidepressive Therapie können Suizide verhindern.
Selbsthilfe und Trauerbegleitung
Für Angehörige, die einen geliebten Menschen durch SUDEP verloren haben, gibt es Selbsthilfeorganisationen und Trauergruppen, die Unterstützung anbieten.
Rehabilitation
Wenn körperliche oder mentale Einschränkungen bestehen, Probleme beim Umgang mit der Erkrankung auftreten oder die Erwerbsfähigkeit gefährdet ist, kann eine neurologische Rehabilitation mit Schwerpunkt Epilepsie sinnvoll sein.
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Diagnose und Behandlung von Epilepsie
Eine frühzeitige und umfassende Diagnose ist entscheidend für die Behandlung von Epilepsie.
Diagnostische Verfahren
- Anamnese: Erhebung der Krankheitsgeschichte und des Anfallsverlaufs
- EEG (Elektroenzephalographie): Messung der Hirnströme, um epileptische Aktivitäten zu erkennen
- MRT (Magnetresonanztomographie): Bildgebung des Gehirns, um strukturelle Veränderungen festzustellen
- Blutuntersuchungen: Überprüfung von Blutwerten, um Stoffwechselstörungen auszuschließen
Behandlungsoptionen
- Antiepileptika: Medikamente zur Hemmung der Nervenzellenaktivität im Gehirn
- Chirurgische Therapie: Entfernung des anfallsauslösenden Hirnareals bei fokalen Epilepsien
- Vagusnerv-Stimulation: Implantation eines Schrittmachers, der elektrische Impulse an den Vagusnerv abgibt
- Tiefenhirnstimulation: Einbringen von Sonden in bestimmte Hirnareale, um die Übererregbarkeit zu hemmen
Erste Hilfe bei einem epileptischen Anfall
Es ist wichtig, dass Angehörige und Umstehende wissen, wie sie bei einem epileptischen Anfall Erste Hilfe leisten können.
- Ruhe bewahren
- Betroffene vor Verletzungen schützen
- Gegenstände in der Nähe entfernen
- Kopf schützen
- Betroffene nicht festhalten
- Bei Anfallsdauer von mehr als fünf Minuten oder mehreren Anfällen kurz hintereinander den Rettungsdienst (Notruf 112) informieren
- Betroffene in stabile Seitenlage bringen
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