Synapsen in der Pubertät: Entwicklungsprozesse im Umbruch

Selten verändern sich neuronale Strukturen so stark wie in der Pubertät. Diese Phase, die oft als Zeit des "Sturms und Drangs" beschrieben wird, markiert den Übergang vom Kind zum Erwachsenen und ist von tiefgreifenden Veränderungen im Gehirn geprägt. Die Generalüberholung des Gehirns gipfelt in einem hocheffizienten Denkorgan.

Die Baustelle im Kopf: Umbauprozesse im Gehirn

Während der Pubertät finden im Gehirn massive Umbauten statt. Bis in die 1970er Jahre galt die Gehirnentwicklung mit Abschluss des starken Kopfwachstums in der früheren Kindheit als weitgehend beendet. Doch auch wenn das Gehirn nach dem sechsten Lebensjahr nicht mehr viel wächst, weiß man inzwischen, dass seine Struktur und Funktion sich auch danach noch massiv verändern - gerade in der Pubertät.

Graue Substanz schwindet, weiße Substanz nimmt zu

Ein wesentlicher Aspekt dieser Umbauprozesse ist der Verlust grauer Substanz, insbesondere im Cortex. Vor allem der Cortex dünnt sich ab ungefähr dem 10. Lebensjahr stark aus. Das liegt weniger an absterbenden Zellen als daran, dass massenhaft Synapsen, die Kontaktstellen zwischen den Zellen, verloren gehen - und zwar vor allen solche, die wenig genutzt werden. Dieser Prozess, der als "Pruning" bezeichnet wird, ermöglicht es dem Gehirn, sich von weniger wichtigen oder ineffizienten Verbindungen zu trennen und Platz für wichtigere Verbindungen zu schaffen. Bis zu 30.000 Nervenzellen pro Sekunde können in dieser Phase absterben.

Gleichzeitig nimmt die weiße Substanz im Gehirn weiter zu. Oligodendrozyten, eine besondere Form von Gliazellen, umwickeln immer mehr Axone. Die so gebildete fettreiche Myelinscheide, die der weißen Substanz auch ihre Farbe verleiht, erlaubt es den Axonen, Signale bis zu dreitausend mal schneller zu übertragen. Dieser Ausbau führt zu einer Zunahme der sogenannten weißen Substanz.

Der Frühjahrsputz unter den während der Kindheit verschwenderisch gebildeten Synapsen und die aufgemotzten Axone sorgen für mehr Effizienz im jugendlichen Gehirn. Die Geschwindigkeit der Hirn- und damit der Denkprozesse - die Rechenleistung des Gehirns - wächst dadurch um ein Vielfaches. Die Jugendlichen entwickeln die Fähigkeit, genauso "schnell" zu denken wie Erwachsene.

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Eine komplexe Choreographie: Nicht alle Regionen reifen gleichzeitig

Diese Effizienz stellt sich keineswegs überall gleichzeitig ein. Stattdessen folgen die Umbauarbeiten einer komplexen Choreographie, die auch Erklärungen für absonderliches Teenagergebaren anbieten. Die Generalüberholung arbeitet sich nämlich von schlichteren zu komplexeren kognitiven Funktionen vor. Sie beginnt mit acht oder neun Jahren im sensorischen und motorischen Cortex im Scheitellappen, die Sinne und motorischen Fähigkeiten zu schärfen und erfasst dann ab ungefähr dem 10. Geburtstag Bereiche im Stirnlappen, die für Koordinierungsaufgaben zuständig sind, zum Beispiel für sprachliche Ausdrucksfähigkeit und räumliche Orientierung.

Als letztes ziehen im Stirn- und Schläfenlappen diejenigen Regionen nach, die eine besonders wichtige Rolle bei höheren, integrativen kognitiven Funktionen wie z. B. der Willensbildung, Handlungsplanung und Impulskontrolle spielen. Besonders wichtig für solche Vernunft-Leistungen ist der präfrontale Cortex, und gerade dieser entwickelt sich besonders langsam, bis über den 20. Geburtstag hinaus. Jugendliche lassen sich zum Beispiel bei Denkaufgaben noch deutlich leichter ablenken als Erwachsene und zeigen dabei vor allem im präfrontalen Cortex andere Aktivitätsmuster.

Das limbische System übernimmt die Kontrolle

Die Spätzündung im präfrontalen Cortex bedeutet auch, dass sich früher entwickelnde, emotional betonte Gehirnregionen in der Pubertät vergleichsweise ungezügelt austoben können. Männliche und weibliche Geschlechtshormone leisten dazu einen direkten Beitrag, vor allem im limbischen System, das eine wichtige Rolle bei der Verarbeitung von Emotionen und der Steuerung von Impulsen spielt und viele Hormonrezeptoren vorweisen kann.

Testosteron fördert das Wachstum der Amygdala (des Mandelkerns), Östrogen eher das des Hippocampus. Beide Regionen sind Teil des Belohnungssystems, und die Amygdala wirkt als emotionaler Verstärker, gerade wenn es um Angst oder Wut geht. Wie genau hormonelle Veränderungen die Struktur und Funktion dieser Gehirnregionen beeinflussen, ist zwar noch längst nicht klar, aber gerade die Amygdala gilt als heißer Kandidat für einen Motor pubertären Verhaltens. In der Amygdala nimmt die graue Substanz bei Teenagern entgegen dem Trend sogar zu - insbesondere bei Jungs, die schließlich auch mehr Testosteron produzieren.

Die Auswirkungen auf das Verhalten

Die beschriebenen Umbauprozesse im Gehirn haben tiefgreifende Auswirkungen auf das Verhalten von Jugendlichen.

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Stimmungsschwankungen und Impulsivität

Die starken Veränderungen im limbischen System, insbesondere die erhöhte Aktivität der Amygdala, können zu Stimmungsschwankungen, erhöhter Aggression, Furchtlosigkeit und Risikofreude führen. Die starke Aktivierung des Belohnungszentrums sorgt dafür, dass Jugendliche ein gesteigertes Bedürfnis nach schnellen Belohnungen verspüren. Sie suchen nach sofortiger Freude und Erfüllung, was oft zu impulsivem Verhalten führt.

Risikobereitschaft und Suche nach neuen Erfahrungen

Die Suche nach aufregenden Kicks und risikoreiches Verhalten sind typisch für die Pubertät. Jugendliche brauchen stärkere Auslöser. Vermutlich lässt sich so eine gewisse Neigung zu Drogen- und Alkohol erklären. Rauschmittelkonsum führt zur Ausschüttung von Dopamin.

Schwierigkeiten bei der Planung und Organisation

Die verzögerte Entwicklung des präfrontalen Cortex führt dazu, dass Jugendliche Schwierigkeiten haben, ihr Verhalten zu kontrollieren, ihre Emotionen zu steuern und ihre Arbeit zu organisieren. Es gelingt ihnen teilweise nicht, ihre Handlungen gezielt zu planen: Sie vergessen die Hausaufgaben oder bereiten sich nicht vernünftig auf die nächste Klassenarbeit vor.

Soziale Sensibilität und Identitätsfindung

Die Jugendlichen beschäftigen sich nun auch zunehmend damit, wie andere sie wahrnehmen. In einer Zeit, in der sie um eine eigene Identität ringen, in der sie außerdem den Ansprüchen der Gesellschaft gerecht werden sollen und dabei auch noch der Faktor Sexualität hinzukommt, spielt die Reaktion des sozialen Umfelds, also vor allem der Eltern und Freunde, eine bedeutende Rolle.

Verletzlichkeit und Chancen

Die starken Veränderungen im jugendlichen Gehirn machen es empfänglich für prägende Erlebnisse, aber dadurch auch verletzlich durch Krankheit, Drogen oder Gewalt. Die erhöhte neuronale Plastizität während der Pubertät macht besonders sensibel für äußere Einflüsse - seien es spannende Erfahrungen, eine tolle Ausbildung, Videospiel- und Fernsehexzesse, Drogenmissbrauch oder Gewalt. Das erklärt nicht nur, warum Jugenderlebnisse oft lebenslang die Persönlichkeit prägen, sondern auch, warum viele psychische Erkrankungen erstmals im Jugendalter auftreten.

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Dennoch lohnt es sich, den Gefahren des jugendlichen Überschwangs beherzt zu begegnen. Risikoreiches Verhalten und Exzesse im Teenageralter helfen nämlich auch, sich abzunabeln und zu selbstbewussten und fähigen Erwachsenen zu werden.

Unterstützung und Verständnis

Die allermeisten Jugendlichen überstehen diesen geistigen Ausnahmezustand ohne negative Folgen - und umso besser, je verständnisvoller Eltern sie dabei unterstützen.

Was Eltern tun können

  • Verständnis zeigen: Erkennen Sie an, dass viele Verhaltensweisen Ihres Kindes auf neurologische Veränderungen zurückzuführen sind.
  • Regeln und Strukturen: Trotz des Bedürfnisses nach Unabhängigkeit benötigen Jugendliche weiterhin klare Regeln und Strukturen. Diese geben Sicherheit und Orientierung.
  • Offene Gespräche: Führen Sie offene und ehrliche Gespräche mit Ihrem Kind. Zeigen Sie Interesse an seinen Gedanken und Gefühlen, ohne zu urteilen.
  • Eigenverantwortung fördern: Geben Sie Ihrem Kind die Möglichkeit, eigene Erfahrungen zu machen und Verantwortung zu übernehmen.
  • Präsent sein: Seien Sie präsent und bieten Sie Unterstützung an, ohne sich aufzudrängen.

Schlaf und Biorhythmus

Teenager sind Morgenmuffel. Nicht etwa, weil sie faul und rüde sind, sondern weil die hormonellen Umstellungen in der Pubertät sich auch auf einen Teil des Gehirns auswirken, der den Tag-Nacht-Zyklus mit kontrolliert: Die Zirbeldrüse schüttet Melatonin aus, das Hormon, dass uns müde macht. Bei Jugendlichen tut sie dies allerdings mit bis zu zwei Stunden Verspätung, fand Mary Carskadon von der Brown University in Rhode Island schon 1980 heraus. Deshalb werden Teens später müde und kommen morgens nur schwer aus dem Bett. Achten Sie so gut wie möglich auf regelmäßigen und ausreichenden Schlaf. Müssen die jugendlichen Nachteulen trotzdem früh aufstehen, kommt es zu Schlafmangel. Und dieser kann wieder zu einer erhöhten Reizbarkeit und sogar zu einer Anfälligkeit für Depressionen führen.

Suizidprävention

Selbstmord ist nach Verkehrsunfällen die zweithäufigste Todesursache bei Teenagern. Die intensiven Gefühle und Umwälzungen während der Pubertät können für junge Menschen extrem stressig sein. Gerät die fragile emotionale Balance zu sehr aus dem Ruder kann es zu Depressionen und Suizidwünschen kommen. Ungefähr 15 Prozent der Teenager erfahren Selbstmordgedanken und nie ist die Zahl der Selbstmordversuche so hoch wie in der Jugend. Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP) gibt eine eigene Leitlinie zum Thema heraus. Teilen Sie Ihrem Kind Ihre Sorgen mit - zum Beispiel im Hinblick auf Drogen oder Mutproben.

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