Vor 200 Jahren beschrieb der englische Arzt James Parkinson erstmals die Symptome der Krankheit, die später seinen Namen tragen sollte: Zittern, langsame Bewegungen, gebeugte Haltung und kurze Schritte. Auch wenn es heute wirksame Medikamente gibt, die viele Symptome der Parkinson-Krankheit lindern können, führt diese chronische neurologische Erkrankung bei vielen Betroffenen langfristig zu erheblichen Einschränkungen. Neueste Studien zeigen jedoch, dass gezielte Trainingsprogramme den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen können.
Spezielle Therapieansätze bei Parkinson
Verschiedene Therapieansätze haben sich bei der Behandlung von Parkinson als wirksam erwiesen:
Lee Silverman Voice Treatment (LSVT): Bei dieser Therapie arbeiten die Patienten mit speziell ausgebildeten Therapeuten zusammen, um entweder lautes Sprechen (LSVT-LOUD) oder Bewegungen mit großer Amplitude (LSVT-BIG) zu üben.
Tanz- und Musiktherapie: Musik kann Menschen mit Parkinson helfen, ihr durch die Krankheit gestörtes Rhythmusgefühl zu verbessern. Schon das Hören von lauter, rhythmischer Musik kann die Beweglichkeit messbar verbessern. Viele Parkinson-Patienten kennen das aus eigener Erfahrung: Manchmal läuft im Radio anregende Musik und man bewegt sich spontan tänzelnd durch die Küche - obwohl die Füße eben noch wie Blei am Boden klebten.
Taiji: Taiji (oder Tai Chi) ist eine Kampf- und Bewegungskunst, die im China des 17. Jahrhunderts entstanden ist. Taiji zielt auf Entschleunigung, Konzentration und Entspannung bei körperlicher Aktivität ab. Mit dieser Technik können Menschen mit Parkinson ihre Körperwahrnehmung und Bewegungskontrolle trainieren.
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In der Parkinson-Fachklinik in Beelitz-Heilstätten werden mit Unterstützung der Deutschen Parkinson Vereinigung e.V., der Deutschen Parkinson Hilfe e.V. und der Gesundheitskasse AOK-Nordost LSVT, künstlerische Therapien und Taiji/Keep Moving angeboten, gelehrt und in wissenschaftlichen Studien untersucht. Für Betroffene und Therapeuten wurden zahlreiche Lehrmaterialien entwickelt.
Rollstuhltanzen: Eine neue Perspektive auf Bewegung
Sema Schäffer erkrankte im Alter von drei Jahren an Kinderlähmung und konnte ihre Beine nicht mehr bewegen. Erst als sie einen Rollstuhl bekam, erlangte sie ihre Bewegungsfreiheit zurück. Als Jugendliche kam sie dann zufällig mit dem Rollstuhltanzen in Berührung.
Ende der 1970er Jahre wurde das Rollstuhltanzen von Dr. Gertrude Krombholz erfunden, einer Sportpädagogin der Technischen Universität München. Sie entwickelte das Rollstuhltanzen kontinuierlich weiter und verbreitete es durch Lehrgänge, Bücher und Auftritte. Die Tanzschritte aller Standard- und Lateinamerikanischen Tänze (z. B. Walzer, Foxtrott, Boogie, Cha Cha Cha, Samba, Rumba) wurden von ihr für den Rollstuhl adaptiert. Ihr Ziel war es, Menschen mit körperlicher Behinderung die Möglichkeit zu geben, zusammen mit Fußgänger-Partnern zu tanzen und sie so besser in die Gesellschaft zu integrieren.
Sema Schäffer war fast von Anfang an bei der Rollstuhltanzsport Gruppe USC München an der Technischen Universität dabei. Sie stellte fest, dass sie körperlich gar nicht so eingeschränkt war, wie sie immer dachte, und überwand ihre Schüchternheit. Rollstuhltanzen hat sich inzwischen als Sport auch international etabliert, mit nationalen und internationalen Wettbewerben. Sema Schäffer gewann mit ihrem Partner zweimal die Europameisterschaften und mehrere Deutsche Meisterschaften und hatte zahlreiche Showauftritte vor großem Publikum.
Sie betont, dass Tanzen mit dem Rollstuhl echter Sport ist, der regelmäßiges Training erfordert, um den Rollstuhl im Takt zu manövrieren und die Armbewegungen zu koordinieren. Sema Schäffer besucht auch Clubs und zeigt, dass Menschen im Rollstuhl genauso gerne tanzen gehen wie andere auch. Sie geht offensiv auf andere zu und hat durch das Tanzen gelernt, selbstbewusster zu sein.
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Tanzen als Therapie bei Parkinson
Inzwischen ist Tanz auch in Kliniken als Therapie etabliert. Ingrid Hauff, bei der vor zehn Jahren Parkinson diagnostiziert wurde, kam in einer psychosomatischen Klinik mit der Tanztherapie in Berührung und tanzt seitdem regelmäßig in einer Tanzgruppe für Parkinson-Patienten. Ihre Neurologen unterstützen ihre Leidenschaft für das Tanzen.
Dr. med. betont die positive Emotion, die das Tanzen im Gegensatz zur Physiotherapie auslöst, und Ingrid Hauff berichtet, dass sie in Momenten der Entspannung weniger Medikamente benötigt. Studien seit Anfang der 2000er Jahre belegen die medizinische Wirkung von Tanzen auf Parkinson. Bei vielen Patienten werden die Schritte mit fortschreitender Krankheit kleiner und unsicherer, und der Gleichgewichtssinn lässt nach.
Dr. med. erklärt, dass Tanzen nicht nur die Schrittgeschwindigkeit und Bewegungsgeschwindigkeit positiv beeinflusst, sondern auch den Gleichgewichtssinn schult. Aufgrund der positiven Studienergebnisse wird das Tanzen zunehmend in Kliniken eingesetzt. Im Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf hat die Neurologin Monika Pötter-Nerger das Tanzen in den Therapieplan ihrer Parkinson-Patienten aufgenommen.
Dr. med. betont, dass die flüssigen Bewegungen beim Tanzen der eingeschränkten Mimik, den Gleichgewichtsstörungen und der Muskelsteifigkeit entgegenwirken können, Symptome, die im fortgeschrittenen Krankheitsstadium oft nicht mehr durch Medikamente erreicht werden.
Die therapeutische Wirkung des Tanzens
Tanzen trainiert die allgemeine Beweglichkeit und wirkt dem sogenannten „Freezing“ entgegen, bei dem sich Patienten wie am Boden festgeklebt fühlen und unfähig sind, in Bewegung zu kommen. Neuere Forschung deutet darauf hin, dass bei diesem Phänomen die Nerven von motorischen und anderen Zentren im Gehirn synchron geschaltet sind und dadurch die Reizübertragung gehemmt ist.
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Dr. med. erklärt, dass Musik als externer Trigger wirkt und Blockaden lösen kann. Im Tiermodell wurde zudem festgestellt, dass Musik Botenstoffe wie Serotonin und Dopamin freisetzt, die auf die subthalamische Area wirken und die Bewegungssteuerung verbessern.
Ingrid Hauff bestätigt diese Erfahrungen: "Ich kann mich durch den Rhythmus viel besser bewegen als ohne Musik. Ich habe auch Schwierigkeiten mit Überkreuz-Bewegungen und so weiter … Aber ich merke, dass es mir mit Tanzen und ein bisschen Üben einfach besser gelingt." Studien haben gezeigt, dass die Effekte von intensivem Tanztraining bis zu 12 Monate anhalten können.
Ingrid Hauff möchte das Tanzen daher intensivieren, um das Fortschreiten ihrer Erkrankung zu verlangsamen. Sie fühlt sich stärker und betont, dass Tanzen Spaß macht und die Fähigkeiten der Patienten nutzt.
Tanztherapie: Mehr als nur Bewegung
Susanne Bender erkannte als erste in Deutschland die Bedeutung des Tanzens für die Psyche. Sie studierte Tanztherapie in den USA, holte die Methode nach Deutschland und gründete einen Dachverband. Inzwischen gibt es auch hierzulande zertifizierte Ausbildungen in Tanztherapie.
Der psychologische Ansatz der Tanztherapie findet zunehmend Einzug in die neurologischen Abteilungen von Kliniken. Menschen mit Schlaganfall oder anderen neurologischen Diagnosen, die oft unter Depressionen leiden, können von der Tanztherapie profitieren.
Susanne Bender betont, dass Physiotherapie und Ergotherapie zwar wichtig sind, aber sich auf das konzentrieren, was nicht mehr geht. Die Tanztherapie hingegen zeigt, was trotzdem noch möglich ist und hilft den Patienten, ihre Sicht auf ihr Schicksal und ihre Erkrankung zu verändern und ihr Leben wieder positiver zu gestalten.
Tanztherapie bei Burnout und Depression
Auch Menschen wie Undine Uhlig, die an Burnout und Depressionen leiden, können von der Tanztherapie profitieren. Sie lernte in der Klinik die Tanztherapie kennen und war fasziniert davon, dass man mit Tanzen so viel ausdrücken kann. In der Reha merkte sie, dass dies einen großen therapeutischen Effekt auf sie hat.
Susanne Bender erklärt, dass bei Depressionen alle Gefühle wie mit einem grauen Tuch zugedeckt sind. Die Tanztherapie geht davon aus, dass alle Erlebnisse, jede Prägung durch Umwelt und Familie und jedes Trauma im Körper gespeichert sind. Mit dem freien Tanz bekommt man Zugang zu diesem „Speicher“ der Emotionen und kann die Gefühle nach außen hin ausdrücken.
Die Tanztherapie hilft auch, seelische Not zu überwinden. Tanztherapeuten können in der Haltung und in den Bewegungen eines Menschen lesen, da das Erlebte und Emotionen darin codiert sind.
Undine Uhlig hat durch die Tanztherapie gelernt, selbstbewusster zu sein und sich nicht mehr nur nach den Bedürfnissen anderer zu richten.
Tanzen mit Parkinson: Ein umfassendes Angebot
Tanzen mit Parkinson ist ein bewegungstherapeutisches bzw. -pädagogisches Angebot, das die Mobilität erhält und verbessern soll. Es verbessert die Körperhaltung, macht die Bewegung geschmeidiger, das Gehen flüssiger, beeinflusst den Gleichgewichtssinn und die Koordinationsfähigkeit und schärft die Selbstwahrnehmung. Musik und Tanz vermitteln Lebensfreude, fördern das Gemeinschaftsgefühl und stärken Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen.
In Kursen lernen die Teilnehmer Tanzfiguren und Choreografien mit besonderer Berücksichtigung ihrer Einschränkungen. Es gibt auch Kurse, die auf tanzgymnastischen Übungen aufbauen, die meistens auf Stühlen sitzend ausgeführt und später im Stehen fortgesetzt werden. Tanztherapeutische Angebote werden von den Krankenkassen übernommen, reine Tanzkurse nicht.
Die Übungs-DVD „…und dann hab‘ ich einfach getanzt! Tanz und Bewegung für Menschen mit Parkinson“ enthält 16 Tanzübungen, die man zuhause mitmachen kann und die von erfahrenen Tanzpädagoginnen anschaulich erklärt werden.
Expertenmeinung: Tanztherapie als fester Bestandteil der Parkinsonbehandlung
Priv.-Doz. Dr. Monika Pötter-Nerger, Leiterin der Arbeitsgruppe Bewegungsstörungen und Tiefe Hirnstimulation am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), erläutert, dass die Parkinsonbehandlung multimodal angelegt ist und neben Medikamenten auch Physiotherapie, Tanztherapie, Logopädie und Ergotherapie umfasst.
Die Bewegungstherapie stellt neben der Medikation einen ganz maßgeblichen Baustein in der Behandlung dar, da sie wesentlich zur Verbesserung der Beweglichkeit, Bewegungskoordination, Gangleistung und Gleichgewicht beiträgt. Die flüssigen Bewegungen beim Tanzen können den Problemen entgegenwirken, die durch die fortschreitende Krankheit entstehen, wie z.B. kleinere und unsichere Schritte und ein nachlassender Gleichgewichtssinn.
Die Tanztherapie kann auch erstaunliche Effekte auf das „Freezing“ haben, indem die Musik als externer Trigger wirkt und Blockaden lösen kann. Darüber hinaus wird angenommen, dass die Musik Botenstoffe wie Serotonin und Dopamin freisetzen kann, die die Bewegungssteuerung und die motorischen Blockaden verbessern können.
Tanzen steigert auch die Lebensqualität der Betroffenen, indem es nicht nur zu einer besseren Beweglichkeit beiträgt, sondern auch durch die soziale Interaktion und damit verbundene Freude die Psyche wieder ins Gleichgewicht bringt.
Das UKE ist das erste Universitätsklinikum in Deutschland, das als Parkinson Fachklinik ausgezeichnet wurde und ein komplexes ganzheitliches Therapiekonzept nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen individuell auf die Patienten abstimmt.