Taubheitsgefühle nach der Entfernung von Metallimplantaten, insbesondere im Bereich der Wirbelsäule, sind ein komplexes Thema mit vielfältigen Ursachen. Dieser Artikel beleuchtet die möglichen Gründe für diese Beschwerden, die diagnostischen Möglichkeiten und die verschiedenen Therapieansätze. Dabei werden sowohl die medizinischen Aspekte als auch die Erfahrungen von Patienten berücksichtigt.
Einführung
Metallimplantate werden häufig bei operativen Eingriffen zur Stabilisierung der Wirbelsäule, wie beispielsweise bei Spondylodesen, eingesetzt. Obwohl diese Implantate in vielen Fällen erfolgreich sind, können nach der Metallentfernung Beschwerden wie Taubheitsgefühle auftreten. Es ist wichtig, die Ursachen dieser Symptome zu verstehen, um eine adäquate Behandlung einzuleiten.
Mögliche Ursachen für Taubheitsgefühle nach Metallentfernung
Taubheitsgefühle nach einer Metallentfernung können verschiedene Ursachen haben, die sowohl mit dem ursprünglichen Eingriff als auch mit der Entfernung selbst zusammenhängen können.
Nervenirritationen und -verletzungen
- Direkte Nervenschädigung: Während der Operation kann es zu direkten Verletzungen oder Irritationen von Nerven kommen. Dies kann durch scharfe Durchtrennung, Kompression durch Haken oder Hämatome oder indirekte Schädigungen durch Traktion oder Hyperthermie verursacht werden. Ein zunehmender Anteil aller Nervenverletzungen sind iatrogene Nervenläsionen.
- Nervenkompression: Narbengewebe, das sich nach der Operation bildet, kann auf Nerven drücken und Taubheitsgefühle verursachen. Auch Wundwasser oder die Implantate selbst können ursächlich sein. Bei den sogenannten Engpasssyndromen gilt es, den eingeklemmten oder gequetschten Nerven aus seiner misslichen Lage zu befreien.
- Wurzelreizung: Insbesondere nach Eingriffen zur Stabilisierung der Wirbelsäule kann eine Wurzelreizung fortbestehen, die sich durch Taubheitsgefühle äußert. Die operativen Manipulationen und das Wundwasser, ggf. auch die Implantate selbst, sind hierfür ursächlich. Diese Beschwerden lassen im Lauf der Zeit nach, sie können jedoch mehrere Monate fortbestehen.
- Iatrogene Nervenläsionen: Ein bedeutender Teil der Nervenverletzungen entsteht als Folge von medizinischen Eingriffen. Laut Literatur entstehen etwa 40 Prozent aller iatrogenen Nervenverletzungen bei unfallchirurgischen oder orthopädischen Operationen.
Probleme im Zusammenhang mit der Spondylodese
- Belastung der angrenzenden Segmente: Durch eine Versteifung von Wirbelsäulensegmenten (Spondylodese) werden die angrenzenden Bewegungssegmente vermehrt belastet. Daher kann es zu einer Reizung bzw. Überlastung der Iliosakralgelenke kommen, was wiederum Ischiasbeschwerden und Muskelverspannungen auslösen kann.
- Postdiskektomiesyndrom: Nach mehrfachen Wirbelsäulenoperationen können verschiedene Probleme entstehen, zum Teil durch Narbengewebe im Wirbelkanal, muskuläre Verspannungen oder Instabilitäten.
- Instabilität: Trotz der Versteifung kann eine Restinstabilität bestehen bleiben, die zu Schmerzen und neurologischen Problemen führt.
Weitere Faktoren
- Schlechte Knochenheilung: Probleme bei der Knochenheilung nach der Spondylodese können ebenfalls zu Beschwerden führen.
- Fehlverheilte Frakturen: Fehlverheilte Sprunggelenksfrakturen entstehen durch Störungen während der Knochenheilung.
- Chronische Infektionen: Die operative Therapie der Fraktur kann eine chronische Infektion im Bereich der Implantate und im Gelenk hervorrufen. Die Patienten leiden ebenfalls unter andauernden Beschwerden im Sprunggelenk. Die chronische Infektion verursacht eine zunehmende Knorpelschädigung durch entzündliche Veränderungen.
- Psychische Faktoren: Chronische Schmerzen und Bewegungseinschränkungen können zu psychischen Belastungen wie Depressionen führen, was die Schmerzwahrnehmung verstärken kann.
Diagnostische Verfahren
Eine sorgfältige Diagnose ist entscheidend, um die Ursache der Taubheitsgefühle zu ermitteln und die geeignete Behandlung zu planen. Folgende Verfahren können dabei eingesetzt werden:
- Körperliche Untersuchung: Eine umfassende neurologische Untersuchung kann helfen, die Lokalisation und das Ausmaß der Nervenschädigung zu bestimmen. Die manuelle Muskelfunktionsdiagnostik kann hierbei hilfreich sein.
- Bildgebende Verfahren:
- Röntgenaufnahmen: Können Fehlstellungen der am Gelenk beteiligten Knochen darstellen. Grundsätzlich sollten Belastungsaufnahmen der Sprunggelenke im Stehen und in zwei Ebenen durchgeführt werden.
- Magnetresonanztomographie (MRT): Ermöglicht die Beurteilung von Weichteilen, Nerven und Bandscheiben. In der MRT kann man degenerative und entzündliche Skelett- und Weichteilveränderungen erkennen. Bei Nervenläsionen kann eine spindelförmige Auftreibung des Nervus medianus mit Kontrastmittelanreicherung im Sinne einer akuten Blut-Nerven-Schrankenstörung gefunden werden.
- Computertomographie (CT): Dient zur Beurteilung der Knochenstruktur und der Lage der Implantate. Eine Kontrolle der Implantatlage mittels CT wird empfohlen.
- Digitale Volumentomographie (DVT): Ein röntgenbasiertes Schnittbildverfahren, das 3-D-Rekonstruktionen der knöchernen Strukturen darstellt. Die DVT hat den Vorteil, dass sie unter Gewichtsbelastung durchgeführt werden kann.
- MR-Neurografie: Liefert frühzeitig notwendige Informationen über Nervenschädigungen.
- Neurosonografie: Kann zur Beurteilung peripherer Nerven eingesetzt werden.
- Elektrophysiologische Untersuchungen:
- Neurografie: Dient zur Messung der Nervenleitgeschwindigkeit und kann Hinweise auf die Art und das Ausmaß der Nervenschädigung geben. Neurophysiologische Untersuchungen zeitigen allerdings erst nach zwei bis sechs Wochen brauchbare Ergebnisse.
- Arthrographie: Wenn der Spezialist durch Röntgen und MRT eine knöcherne Fehlstellung ausgeschlossen hat, kann die Arthrographie sinnvoll sein, um den Gelenkknorpel zu beurteilen. Der Spezialist setzt ein Kontrastmittel im Sprunggelenk ein und erkennt mithilfe der Farbverteilung bestehende Knorpeldefekte.
- Arthroskopie: Nicht alle Fehlfunktionen und Beschwerden im Sprunggelenk lassen sich durch bildgebende Verfahren darstellen. In diesen Fällen ist eine Gelenkspiegelung (Arthroskopie) des Sprunggelenks sinnvoll. Mithilfe die Sprunggelenksarthroskopie erkennt der Spezialist zweifelsfrei eine fehlverheilte Fraktur.
- Labormedizinische Untersuchungen: Anhand von labormedizinischen Untersuchungen kann der behandelnde Arzt prüfen, ob eine schleichende Infektion der Grund für den verzögerten Heilungsprozess der Fraktur ist.
Therapieansätze
Die Behandlung von Taubheitsgefühlen nach Metallentfernung richtet sich nach der zugrunde liegenden Ursache. Es gibt sowohl konservative als auch operative Therapieansätze.
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Konservative Therapie
- Physikalische Therapie: Intensive physikalische Therapie und Krankengymnastik können helfen, muskuläre Verspannungen zu lösen, die Beweglichkeit zu verbessern und die Belastung der Wirbelsäule zu optimieren. Lymphdrainage ist eine physiotherapeutische Therapiemaßnahme, wodurch das Wasser aus dem Bein massiert wird.
- Schmerztherapie:
- Medikamente: Schmerzmittel wie NSAR (nichtsteroidale Antirheumatika), Opioide und Antidepressiva können zur Schmerzlinderung eingesetzt werden. Antidepressiva sind oft ein gutes Mittel, um sozusagen Schmerzmedikamente zu sparen. Damit soll die subjektive Schmerzverarbeitung unterstützt werden. Wenn Sie Morphinpräparate gut vertragen, kann es durchaus sinnvoll sein, diese einzusetzen, da es vordergründig wichtig ist, dass Sie schmerzfrei sind.
- Infiltrationen: CT-gezielte Infiltrationen mit Lokalanästhetika und Kortikosteroiden können zur Schmerzlinderung und Entzündungshemmung eingesetzt werden.
- Manuelle Therapie: Osteopathie und Manualtherapie können helfen, Blockaden zu lösen und die Gelenkfunktion zu verbessern.
- Entlastung und Ruhigstellung: Bei akuten Beschwerden kann eine vorübergehende Entlastung und Ruhigstellung der betroffenen Region sinnvoll sein.
- Kompressionsstrümpfe: Das Tragen eines Kompressionsstrumpfes wird vor allem bei Patienten mit vorbestehenden Erkrankungen wie Herzinsuffizienz oder Krampfadern empfohlen. Je nach Schwellungsausmaß gibt es serienmäßige Kompressionsstrümpfe oder welche nach Maß.
Operative Therapie
- Nervenrekonstruktion: Bei direkten Nervenverletzungen kann eine operative Rekonstruktion des Nervs erforderlich sein. Verletzungen sind z.B. bei Quetschungen oft sehr komplex. Bei Nervenverletzungen wird der verletzte Nerv unter Lupen- oder Mikroskopsicht zuerst freigelegt und - falls möglich - die beiden Enden spannungslos wieder zusammengenäht. Sind die beiden Nervenenden durch die Verletzung soweit voneinander entfernt worden, dass sie nicht mehr spannungsfrei zusammengefügt werden können, erfolgt eine Nerventransplantation. Hierzu wird je nach Länge und Dicke das fehlende Nervenstück durch einen entbehrlichen Hautnerven ersetzt, der vorher an anderer Stelle entnommen wurde, wo der Nerv entbehrlich ist.
- Dekompression: Bei Nervenkompressionssyndromen kann eine operative Dekompression des Nervs erforderlich sein, um den Druck zu entlasten. Bei der offenen Operation wird nach einem Hautschnitt an der Innenseite des Handgelenkes das bindegewebige Mittelband (Retinaculum flexorum) durchtrennt, um den Nerven mehr Platz zu verschaffen. Ggf. Bei der minimal-invasiven (endoskopischen) Vorgehensweise wird über zwei kleine Hautschnitte das schmale Operationsinstrument in die Hohlhand eingeführt und die Druckentlastung der betroffenen Nerven durch eine Durchtrennung des Mittelbandes quasi von „innen“ vorgenommen.
- Korrekturosteotomie: Bei fehlverheilten Knöchelfrakturen kann das Wadenbein verkürzt zusammen gewachsen sein und sich nach außen verdreht haben. Daraus ergeben sich Fehlstellungen des betroffenen Fußes, z. B. ein Knickfuß. Die operative gelenkerhaltende Therapie soll die physiologische Gelenkstellung und die normale Sprunggelenkachse stufenfrei wiederherstellen (Reposition). Der Spezialist wendet dazu unterschiedliche Osteotomietechniken an, bei denen die Position der betroffenen Knochen umgestellt wird. Er durchtrennt gezielt den Wadenbeinknochen und entfernt gegebenenfalls einen Knochenkeil.
- Schmerzschrittmacher (Elektrische Rückenmarksstimulation / SCS): Bei chronischen Schmerzen, die auf andere Therapien nicht ansprechen, kann ein Schmerzschrittmacher in Erwägung gezogen werden. Bei mehrfach voroperierten Patienten, die weiterhin unter starken Schmerzen leiden, kann in bestimmten Fällen ein Schmerzschrittmacher zu Verbesserung der Lebensqualität beitragen.
Prävention
Obwohl nicht alle Ursachen für Taubheitsgefühle nach Metallentfernung vermeidbar sind, gibt es einige Maßnahmen, die das Risiko reduzieren können:
- Sorgfältige Operationsplanung und -durchführung: Eine präzise Operationsplanung und eine schonende Operationstechnik können das Risiko von Nervenverletzungen minimieren.
- Frühzeitige Diagnose und Behandlung von Komplikationen: Eine frühzeitige Diagnose und Behandlung von Komplikationen wie Infektionen oder Narbenbildung kann helfen, chronische Beschwerden zu vermeiden.
- Optimale Nachbehandlung: Eine konsequente physiotherapeutische Behandlung und die Einhaltung der ärztlichen Anweisungen sind entscheidend für den Heilungsprozess. Eine korrekte Nachbehandlung nach Fuß-Operationen ist essentiell für ein gutes Ergebnis.
Patientenperspektive
Viele Patienten berichten von einer erheblichen Beeinträchtigung ihrer Lebensqualität durch Taubheitsgefühle und Schmerzen nach Metallentfernung. Es ist wichtig, diese Beschwerden ernst zu nehmen und eine umfassende Betreuung anzubieten, die sowohl die körperlichen als auch die psychischen Aspekte berücksichtigt.
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