Ein Taubheitsgefühl im Bereich der Narbe nach einer Hüft-Totalendoprothese (TEP) Operation ist ein Symptom, das bei einigen Patienten auftreten kann und verschiedene Ursachen haben kann. Dieser Artikel befasst sich umfassend mit den möglichen Ursachen, diagnostischen Maßnahmen und Behandlungsoptionen für dieses Phänomen.
Einführung
Die Implantation einer Hüftprothese (Hüft-TEP) ist eine erfolgreiche orthopädische Operation, die Patienten oft eine erhebliche Schmerzlinderung und eine bessere Mobilität bringt. Dennoch können postoperative Schmerzen auch nach Hüftprothese auftreten, die sowohl Patienten als auch Ärzte vor Herausforderungen stellen können. Zwar verursachen viele Narben zeitlebens weder Narbenschmerzen noch andere Beschwerden, aber es ist wichtig, die möglichen Ursachen für Taubheitsgefühle zu verstehen und geeignete Maßnahmen zu ergreifen.
Ursachen für Taubheitsgefühle nach Hüft-TEP OP
Das Auftreten von Taubheitsgefühlen nach einer Hüft-TEP Operation kann verschiedene Ursachen haben, die sowohl direkt mit dem Eingriff als auch mit anderen Faktoren zusammenhängen können. Es ist wichtig, zwischen intrinsischen und extrinsischen Ursachen zu unterscheiden.
Intrinsische Ursachen
Intrinsische Ursachen sind Schmerzen, die durch die Operation selbst oder das Gewebe direkt um das Gelenk herum entstehen.
- Iatrogene Nervenschädigungen: Iatrogene Nervenschädigungen sind seltene Komplikationen mit einer Inzidenz von ca. 0,2-3,7 %. Während der Operation kann es zu einer versehentlichen Beschädigung oder Irritation der Nerven kommen, die das Bein versorgen, insbesondere des Nervus femoralis oder des Nervus cutaneus femoris lateralis. Solche Nervenschäden können zu Taubheitsgefühlen, Kribbeln, einem Gefühl wie eingeschlafen oder Schmerzen im Oberschenkel führen.
- Direkte Nervenschädigung: Direkte Nervenschädigungen können durch scharfe Durchtrennung, Kompression oder Quetschung entstehen.
- Indirekte Nervenschädigung: Indirekte Nervenschädigungen können durch Ischämie (z. B. durch Hyperthermie ab ca. 70 °C durch Knochenzement) oder Traktion bei Verlängerung der Extremität entstehen.
- Nervenverletzung: Eine Nervenverletzung kann während des chirurgischen Eingriffs auftreten, wenn Nerven verletzt oder durchtrennt werden. Nicht jeder Nervenschaden ist auf einen Behandlungsfehler zurückzuführen. In manchen Fällen handelt es sich um unvermeidbare Komplikationen.
- Narbenbildung: Narbenschmerzen machen sich in Form von Ziehen, Stechen, Jucken, Kribbeln oder auch Taubheitsgefühlen bemerkbar. Ein möglicher Auslöser für Narbenschmerzen könnte sein, dass sich das Bindegewebe zusammenzieht oder verhärtet, mit dem der Körper die vorausgegangene Hautverletzung aufgefüllt hat.
- Schäden an den Nervenenden: Wenn Nervenenden im Bereich der Narbe geschädigt sind, kann dies zu Beschwerden wie Taubheitsgefühlen oder Jucken führen.
- Entzündung: Vor allem bei frischen Narben, die durch eine Operation entstanden sind, ist es normal, dass sie in den ersten Tagen oder sogar Wochen schmerzen. Das kann zum Beispiel daran liegen, dass das Narbengewebe (noch) entzündet ist.
- Zug- oder Druckbelastung: Narben, die eine veränderte Hautstruktur aufweisen (z.B. Verhärtungen oder Wülste), neigen eher dazu, weh zu tun, wenn das Gewebe unter Zug oder Druck steht.
- Wetterfühligkeit: Oft zeigt sich an alten Narben eine Wetterfühligkeit, das heißt Narbenschmerzen und/oder Narbenbeschwerden treten ganz besonders stark bei Wetterumschwüngen auf, besonders bei Änderungen zum Nasskalten hin. Problematische Narben sind oft auch kälteempfindlich.
Extrinsische Ursachen
Extrinsische Ursachen sind Beschwerden, die von anderen Regionen im Körper oder von anderen Strukturen, die in direkter Nachbarschaft zu der Hüfte gelegen sind stammen, jedoch nichts mit dieser zu tun haben.
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- Erkrankungen der Wirbelsäule: Erkrankungen der Wirbelsäule mit Ausstrahlung in den Hüftbereich. Hier sind insbesondere die Nerven L1 und L2 zu nehmen, die im oberen Anteil der Lendenwirbelsäule aus dem Spinalkanal kommen.
- Periphere Neuropathie: Nervenverletzung peripherer Nerven / periphere Neuropathie.
- Bandscheibenvorfall: Bandscheibenvorfälle der LWS können mit unter ebenfalls zu einem Taubheitsgefühl eines Oberschenkels führen. Die Ursache liegt darin, da eine Bandscheibe im Bereich der Lendenwirbelsäule verrutscht und auf einen austretenden Nerv der Lendenwirbelsäule drückt. Dadurch entsteht eine Kompression des Nervens und ein Taubheitsgefühl im Bereich des Oberschenkels.
- Meralgia paraesthetica: Eine Einklemmung des seitlichen Oberschenkelhautnervs (Nervus cutaneus femoris lateralis) am Leistenband. Weiterhin klagen auch viele Betroffene über Taubheitsgefühle im Oberschenkel seitlich, die ebenfalls durch die Meralgia paraesthetica ausgelöst werden.
- Muskelverhärtungen und Triggerpunkte: Anhaltende, schmerzhafte Kontraktionen der Muskulatur.
- Vitaminmangel: Weiterhin kann auch ein Vitaminmangel zu einem Taubheitsgefühl im Bereich des Oberschenkels führen. Hier wäre vor allen Dingen der Vitamin B 12 Mangel zu nennen, der mit einem immer wieder kommenden Taubheitsgefühl und brennt einhergehen kann. Auch kann ein sogenanntes Muskel- oder Nervenbrennen mit einem Vitamin B 12 Mangel vergesellschaftet sein.
- Nervenentzündung: Bei einer Nervenentzündung im Bereich der austretenden Nerven der Wirbelsäule kommt es ebenfalls zu einer entsprechenden Reizung von sensible Nerven.
- Multiple Sklerose: Die Multiple Sklerose ist eine erbbare Erkrankung, bei der die Myelinscheiden (Ummantelung der Nerven) undichter werden und aus diesem Grund der durch den Nerv weitergeleiteten elektrischen Reiz nicht mehr ungehindert stattfinden kann. Auch im Bereich des Oberschenkels kann durch eine MS eine Taubheitsgefühl ausgelöst werden.
- Psychosomatische Ursache: Taubheitsgefühle im Bereich der Oberschenkel können auch einer ausgeprägten psychosomatischen Ursache folgen. Auch können bei einer entsprechenden Hyperventilation, die ein Ausdruck einer Panikattacke ist, ebenfalls Taubheitsgefühle in den Fingern, Armen oder Oberschenkeln auftreten.
- Lipödem: Das so genannte Lipödem ist eine Fettverteilungsstörung vor allen Dingen des Oberschenkels, die meist genetisch angelegt ist. Hier ist Bauchfett des Körpers im Bereich der Oberschenkel ungewöhnlich stark eingelagert, was dann auch zu einer Kompression und Reizung der sensiblen Hautnerven im Bereich des Oberschenkels führen kann.
- Sport: Nach Sport kommt es nicht selten ebenfalls zu einem Taubheitsgefühl im Bereich des Oberschenkels. Auch Belastungen, die bislang unbemerkt blieben, aber beim Sport dann deutlich auffallen, können zu einem Taubheitsgefühl im Bereich des Oberschenkels führen.
Patientenspezifische Risikofaktoren
Patientenspezifische Risikofaktoren für eine Nervenläsion sind:
- Dysplasiekoxarthrosen
- Vorbegehende Narbenbildungen
- Subluxationsstellungen des Hüftgelenkes
- Präoperativ bestehende degenerative Erkrankungen der Wirbelsäule
Eingriffsspezifische Risikofaktoren
Die Wahl des Operationszugangs, die Positionierung der Retraktoren und das intraoperativ verursachte Hämatom sind eingriffsspezifische Risikofaktoren. So ist die Wahrscheinlichkeit eines Nervenschadens von der Wahl des Zugangs abhängig. Bei der Positionierung der Retraktoren ist vor allem der N. femoralis durch Kompression am vorderen Pfannenrand gefährdet. Neben den Retraktoren kann auch austretender Knochenzement ins kleine Becken Kompressionsschäden der Nn. femoralis et obturatorius verursachen. Gerade bei Revisionen ist deshalb eine postoperative Bildwandlerbewertung bei zementierten Implantaten unabdingbar. Insgesamt ist bei Revisionsoperationen mit einer höheren Wahrscheinlichkeit von Nervenläsionen auszugehen. Schrauben zur Pfannenverankerung können den N. ischiadicus schädigen. Traktionsschäden, vor allem des N. ischiadicus können ab einer Verlängerung des zu operierenden Beines von ≥4 cm auftreten.
Diagnostische Maßnahmen
Um die Ursache für das Taubheitsgefühl zu ermitteln, sind verschiedene diagnostische Maßnahmen erforderlich.
- Krankenbefragung (Anamnese): Die Diagnosestellung sollte meistens durch eine ausführliche Krankenbefragung gestartet werden. Der Arzt wird sich zunächst im Gespräch mit Ihnen einen Eindruck über Ihre Krankengeschichte verschaffen. Dazu wird man Sie zum Beispiel fragen, wie lange die Narbenschmerzen schon bestehen, wann sie auftreten und wie sie sich anfühlen.
- Körperliche Untersuchung: Weiterhin sollte eine ausführliche Sensibilitätsprüfung durchgeführt werden, die mit einem Pinsel erfolgt und zeigen soll, wie groß der Bereich der Sensibilitätsstörung ist. Anhand dieses Bereiches kann man schon beurteilen, welche Nerven dieses Gebiet versorgen. Der Arzt prüft die Beweglichkeit des Gelenks, lokalisiert schmerzhafte Bereiche und analysiert den Gang.
- Bildgebende Verfahren: Des Weiteren stehen auch noch weiterführende Bildgebungen, wie z.B. Ultraschall, Röntgen und MRT zur Verfügung.
- Sonografie (Ultraschall): Die Ultraschalldiagnostik dient zur Detektion von komprimierenden Hämatomen und zur direkten Beurteilung des Nervens. Im Ultraschall kann man dicht unter der Haut liegende Strukturen, wie Muskeln, Sehnen und auch Blutgefäße sehen und beurteilen. Entzündliche Flüssigkeiten und auch Hämatome lassen sich im Ultraschall ebenfalls darstellen und geben Hinweis auf eine entzündliche Ursache.
- Röntgen: Röntgenbilder zeigen vor allem Knochen und auch Sehnen, wenn diese im Verlauf verkalkt sind. Hat man vor allem nach einem Unfall den Verdacht, dass Knochen des Oberschenkels verletzt ist und die Ursache für das angegebene Taubheitsgefühl ist, kann man eine Röntgenaufnahme in 2 Ebenen im Bereich des Oberschenkels durchführen. Beurteilung der Prothesenposition.
- Magnetresonanztomografie (MRT): Mittels Magnetresonanztomografie (MRT) lassen sich auch raumfordernde Prozesse wie Hämatome und Pseudotumore detektieren. Im Verlauf lässt die MRT Rückschlüsse auf das Ausmaß der Nervenschädigung durch die Denervierungszeichen der Muskulatur zu. Auch wenn man den Verdacht hat, dass Muskeln ggfs diese Nerven komprimieren oder auch, wenn Hämatome im Bereich des Oberschenkels vermutet werden und sich vielleicht sogar auch schon im Ultraschall dargestellt haben, kann man eine MRT Untersuchung durchführen, die dann vor allem das räumliche Ausmaß dieser Hämatome genauer darstellen kann. Eine MRT Untersuchung ist strahlungsfrei und dauert ca. 20-30 Minuten. Analyse von Weichteilschäden und Lockerungen.
- Computertomographie (CT): Analyse von Weichteilschäden und Lockerungen.
- Skelettszintigraphie: In Ausnahmefällen kann auch eine Skelettszintigraphie in Frage kommen. Lokalisierung von Infektionen oder Entzündungen.
- Laboruntersuchungen: Erhöhte Entzündungsparameter wie CRP oder Leukozytenzahl weisen auf eine Infektion hin.
- Neurologische Messung des Nervens: Zusätzlich wird in der Regel eine neurologische Messung des Nervens veranlasst. Erstgenannte werden die Nervenleitgeschwindigkeit der betroffenen Nerven untersuchen und beurteilen, warum es zu einem Taubheitsgefühl im Bereich der Oberschenkel gekommen ist.
- Gelenkpunktion: Sollte jedoch kein anderer offensichtlicher Grund für die Beschwerden vorliegen, ist eine Punktion des Hüftgelenks zur Gewinnung von Gelenkflüssigkeit zwingend notwendig, um eine Infektion auszuschließen.
Behandlungsmöglichkeiten
Die Behandlung des Taubheitsgefühls richtet sich nach der zugrunde liegenden Ursache.
- Konservative Therapie:
- Schmerzmedikation: Routinemäßig werden im Rahmen der Nachbehandlung nach einer Hüft-Operation Schmerzmedikamente gegeben. Hier haben sich Standardschmerzmittel wie Diclofenac oder Ibuprofen bewährt, gegebenenfalls in Kombination mit anderen, gegebenefalls auch etwas stärkeren Tabletten. Gerade in den ersten beiden Tagen kann es sinnvoll sein, zusätzlich zu der oralen Basis-Schmerztherapie ein stärkeres Schmerzmedikament über die Vene zu geben.
- Physiotherapie: Auch, wenn es sich um einen Bandscheibenvorfall handelt, kann dieser oft auch konservativ durch entsprechende Physiotherapie behandelt werden. Gezielte Therapie mit Aktivierung und Aufbau der Muskulatur, eine Gangschulung gefolgt von Koordinationsübungen.
- Lokale Maßnahmen: Lokale Kühlung, Narben-Gel auftragen, die Narbe kühlen oder zu wärmen. Hier kommt es darauf an, was die Betroffenen als angenehm empfinden.
- Injektionen: Injektionen von Kortikosteroiden zur Schmerzreduktion. Lokalanästhetikum spritzen. Es reduziert das Schmerzempfinden an der betroffenen Stelle.
- Entzündungshemmende Schmerztherapie: Geht das Taubheitsgefühl auch mit Schmerzen einher, sollte mit einer entzündungshemmenden Schmerztherapie begonnen werden, die bei Bedarf oder auch für kurze Zeit fest eingenommen werden sollte.
- Antidepressiva und/oder Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmeinhibitoren: Neuropathische Schmerzen sollten zusätzlich zu den postoperativen Schmerzschemata mittels Antidepressiva (z. B. Amitriptylin) und/oder Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmeinhibitoren (z. B. Gabapentin) behandelt werden.
- Weitere konservative Maßnahmen: Warme Fußbäder, transkutane elektrische Nervenstimulation, Akupunktur, milde Infrarotstrahlung, Applikation von Kälte, Physio- und Ergotherapie und Psychotherapie (Verbesserung der Schmerzakzeptanz).
- Operative Therapie:
- Nervenentlastung: Hier wird in einem neurochirurgischen Eingriff die herausgerutschte und komprimierende Bandscheibe abgetragen und so der eingeklemmte Nerv befreit.
- Neurolyse: Bei einer frustranen konservativen Therapie von 6-12 Wochen sollte eine Neurolyse diskutiert werden.
- Nervenrekonstruktion: Bei Verdacht auf eine scharfe Durchtrennung eines Nervens muss die Primärnaht (evtl. durch Hinzuziehung eines Neurochirurgen) innerhalb von 24 Stunden angestrebt werden.
- Prothesenwechsel: Bei schwerwiegenden Komplikationen wie einer Prothesenlockerung kann ein erneuter Eingriff notwendig sein.
Selbsthilfemaßnahmen
- Information und Vertrauen: Wir denken, dass ein wichtiger Schritt für die Schmerzwahrnehmung des Körpers das Vertrauen in den Operateur und behandelnden Arzt ist. Zudem ist die Information des Patienten entscheidend.
- Frühzeitiges Abfangen von Schmerzen: Immer wenn ein akuter stärkerer Operationsschmerz rechtzeitig “abgefangen” wird, hat dies eine sehr positive Auswirkung auf das ganze weitere Schmerzgeschehen.
- Narbenpflege: Narben müssen von Anfang an gut gepflegt werden. Man sollte die Narbe also: sauber halten, damit sie sich nicht entzündet, regelmäßig eincremen und massieren, um das Gewebe geschmeidig zu halten, keiner direkten Sonneneinstrahlung aussetzen.
- Vermeidung von Reibung: Zusätzlich ist es sinnvoll, keine enge, reibende Kleidung im Bereich der Narbe zu tragen.
Rechtliche Aspekte bei Nervenschäden
Wenn Sie nach einer Operation plötzlich mit Taubheitsgefühlen, Lähmungen oder unerklärlichen Schmerzen konfrontiert sind, kann ein Nervenschaden die Ursache sein. Ein Nervenschaden nach einer Operation tritt auf, wenn während des chirurgischen Eingriffs Nerven verletzt oder durchtrennt werden. Nicht jeder Nervenschaden ist auf einen Behandlungsfehler zurückzuführen. In manchen Fällen handelt es sich um unvermeidbare Komplikationen. Die Beweisführung bei Nervenschäden nach Operationen ist oft komplex. Grundsätzlich muss der Patient beweisen, dass ein Behandlungsfehler vorliegt und dieser ursächlich für den Schaden ist. Es ist wichtig, frühzeitig rechtlichen Rat einzuholen, um keine Fristen zu versäumen und wichtige Beweise zu sichern.
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