Taubheitsgefühle in den Beinen als mögliche Nebenwirkung von Atorvastatin: Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten

Atorvastatin ist ein weit verbreitetes Medikament zur Senkung erhöhter Cholesterin- und Triglyceridwerte im Blut, insbesondere wenn eine fett- und cholesterinarme Diät und Gewichtsabnahme nicht ausreichen. Es wird eingesetzt, wenn die Gesamtcholesterinkonzentration im Serum den Wert von 5,5 Millimol pro Liter (entsprechend 212 Milligramm pro Deziliter) überschreitet. Atorvastatin schützt auch vor Gefäßverkalkung (Arteriosklerose) und senkt den Gehalt an Apolipoprotein B, einem Risikofaktor für Herzinfarkt und Schlaganfall. Daher wird es zur Vorbeugung bei gefährdeten Personen eingesetzt, um deren Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall zu senken. Trotz seiner Wirksamkeit können bei der Einnahme von Atorvastatin Nebenwirkungen auftreten, darunter auch Taubheitsgefühle in den Beinen. Dieser Artikel beleuchtet die möglichen Ursachen für diese Nebenwirkung und gibt Hinweise zu Behandlungsmöglichkeiten.

Was ist Atorvastatin und wie wirkt es?

Atorvastatin gehört zur Gruppe der Statine, auch HMG-CoA-Reduktasehemmer genannt. Es hemmt das Enzym HMG-CoA-Reduktase, das eine Schlüsselrolle bei der Cholesterinsynthese in der Leber spielt. Durch die Hemmung dieses Enzyms wird die Cholesterinproduktion in der Leber reduziert. Als Reaktion darauf nehmen die Leberzellen mehr Triglyceride (Fette) und Cholesterin aus dem Blut auf, insbesondere aus weniger dichten Lipoproteinen (VLDL und LDL). Dadurch sinkt der Blutspiegel dieser Blutfettsorten, während die Konzentration an Cholesterin, das an sehr dichte Lipoproteine (HDL) gebunden ist und gefäßschützend wirkt, im Blut eher steigt. Atorvastatin ist stärker wirksam als beispielsweise Lovastatin.

Anwendungsgebiete von Atorvastatin

Atorvastatin wird hauptsächlich in folgenden Fällen eingesetzt:

  • Senkung erhöhter Cholesterin- und Triglyceridwerte im Blut, wenn Diät und Gewichtsabnahme nicht ausreichen.
  • Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Ereignissen wie Herzinfarkt und Schlaganfall bei Risikopatienten.
  • Behandlung der erblichen Erhöhung des Blutfettgehaltes (Hyperlipidämie Typ IIa und IIb nach Frederickson, homozygote und heterozygote familiäre Hypercholesterolämie) ergänzend zu einer Diät.

Mögliche Nebenwirkungen von Atorvastatin

Wie alle Medikamente kann auch Atorvastatin Nebenwirkungen verursachen, die aber nicht bei jedem auftreten müssen. Es ist wichtig zu beachten, dass jeder Mensch unterschiedlich auf Medikamente reagiert.

Häufige Nebenwirkungen

Zu den häufigen Nebenwirkungen von Atorvastatin gehören:

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  • Verstopfung, Blähungen, Verdauungsstörungen, Übelkeit, Durchfall
  • Allergische Reaktionen
  • Schlaflosigkeit, Kopfschmerzen, Benommenheit
  • Fehlempfindungen der Haut wie Kribbeln
  • Überempfindlichkeit der Haut, Hautausschlag, Juckreiz
  • Muskelschmerzen, Gelenkschmerzen
  • Mattigkeit, Schmerzen im Brustkorb, Rückenschmerzen
  • Wassereinlagerungen in den Beinen
  • Blut-Kreatinkinase-Konzentrationsanstieg

Gelegentliche Nebenwirkungen

Gelegentlich können folgende Nebenwirkungen auftreten:

  • Appetitlosigkeit (Anorexie), Erbrechen
  • Blutplättchenmangel
  • Haarausfall
  • Blutzuckeranstieg, Blutzuckerabfall
  • Bauchspeicheldrüsenentzündung
  • Gedächtnisverlust
  • Nervenstörungen
  • Ohrgeräusche
  • Nesselsucht
  • Entzündliche Muskelerkrankungen (Myopathie)
  • Impotenz
  • Unwohlsein
  • Gewichtszunahme
  • Blut-Leberwerterhöhung (Transaminasen, vorübergehend)
  • Blut-Kreatinkinase-Konzentrationserhöhung (vorübergehend)

Seltene Nebenwirkungen

Seltene Nebenwirkungen sind:

  • Leberentzündung
  • Gelbsucht mit Gallestau
  • Entzündliche Muskelerkrankungen
  • Rhabdomyolyse (Zerfall der quergestreiften Skelettmuskulatur)

Sehr seltene Nebenwirkungen

Sehr selten können folgende Nebenwirkungen auftreten:

  • Überempfindlichkeitsreaktionen
  • Gesichtsschwellungen (angioneurotisches Ödem)
  • Blasenartiger Hautausschlag (einschließlich Erythema multiforme, Stevens-Johnson-Syndrom, toxische epidermale Nekrolyse)
  • Akuter Gedächtnisverlust
  • Muskelzerfall aufgrund einer Autoimmunreaktion

Besonderheiten und Warnhinweise

  • Bei einer Überempfindlichkeitsreaktion auf Atorvastatin können sich Hautausschläge, Gelenkschmerzen, Gelenkentzündung, Lichtempfindlichkeit, Veränderung bestimmter Blutwerte (Verringerung der Blutzellen, Erhöhung der Blutsenkungsgeschwindigkeit), Gefäßentzündung, depressive Verstimmungen, Depressionen, Nervenerkrankung, sexuelle Störungen, Haarausfall, Erektionsstörungen, Schäden an den Lungenbläschen (interstitielle Lungenkrankheit) und Schlafstörungen zeigen.
  • Allen Vertretern der Wirkstoffgruppe der Statine scheint eine schädliche Wirkung auf die Nerven gemeinsam zu sein. Neben seltenen Gedächtnisstörungen, wie sie für alle Statine typisch sind, können sich bei Atorvastatin auch Alpträume zeigen.
  • Ansonsten treten die Nebenwirkungen besonders an den Beinen auf. Taubheitsgefühle, brennende Missempfindungen oder Muskelzuckungen sind die Zeichen. Besonders gefährdet sind Diabetiker, weil der Arzt die geschilderten Beschwerden häufig einer Nervenschädigung durch die Zuckerkrankheit (diabetische Neuropathie) zuordnet und das verursachende Statin nicht abgesetzt wird.
  • Wie alle Statine kann auch Atorvastatin den Blutzuckerspiegel erhöhen und die Entstehung einer Blutzuckererkrankung (Diabetes mellitus) begünstigen. Die Häufigkeit ist abhängig von dem Vorhandensein oder dem Fehlen von anderen Risikofaktoren wie schon bestehendem Zuckerüberschuss im Blut, Übergewicht, Bluthochdruck und dem Ausmaß der Fettstoffwechselstörung.
  • Während oder nach der Behandlung kann es in sehr seltenen Fällen zu einem Muskelzerfall aufgrund einer Autoimmunreaktion kommen. Anzeichen ist eine anhaltende Muskelschwäche, die trotz Ende der Behandlung fortbesteht. Eine solche Muskelschwäche muss dem Arzt sofort mitgeteilt werden.
  • Steigen bei der Behandlung mit dem Medikament diejenigen Enzyme im Blut, welche eine Muskelzerstörung anzeigen, um mehr als das Fünffache an, muss der Arzt die Therapie abbrechen oder die Dosis verringern.
  • Steigen bei der Behandlung mit dem Medikament diejenigen Enzyme im Blut, welche einen Leberschaden anzeigen, um mehr als das Dreifache an, muss der Arzt die Therapie abbrechen oder die Dosis verringern.
  • Treten Atembeschwerden, Hustenreiz, Gewichtsverlust Erschöpfung und Fieber auf, ist die Behandlung abzubrechen.
  • Hat ein Patient schon Risikofaktoren für die Entwicklung einer Zuckerkrankheit, muss der Blutzucker während der Behandlung regelmäßig geprüft werden.
  • Kommt es trotz Behandlungsende zu einer fortbestehenden Muskelschwäche, muss dies sofort dem Arzt mitgeteilt werden.

Taubheitsgefühle in den Beinen: Eine mögliche Nebenwirkung von Statinen

Taubheitsgefühle, brennende Missempfindungen oder Muskelzuckungen in den Beinen können Anzeichen für eine Nervenschädigung sein, die durch Statine wie Atorvastatin verursacht werden kann. Dieses Phänomen wird als periphere Neuropathie bezeichnet.

Periphere Neuropathie durch Statine

Eine periphere Neuropathie ist eine Schädigung der peripheren Nerven, die für die Übertragung von Signalen zwischen dem Gehirn und dem Rückenmark und dem Rest des Körpers verantwortlich sind. Symptome einer peripheren Neuropathie können sein:

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  • Taubheitsgefühle, Kribbeln oder Brennen in den Füßen oder Händen
  • Schmerzen, die sich wie ein stechender, brennender oder pochender Schmerz anfühlen
  • Muskelschwäche
  • Verlust der Koordination
  • Empfindlichkeit gegenüber Berührungen
  • Schwierigkeiten beim Gehen

Ursachen für Statin-induzierte Neuropathie

Die genaue Ursache für die Statin-assoziierte Polyneuropathie ist unbekannt. Es wird vermutet, dass es sich um einen Klasseneffekt handelt, der beispielsweise über eine Synthesehemmung der Farnesylpyrophosphatase im Cholesterolstoffwechsel mit sekundärer Apoptosezunahme vermittelt wird. Die Latenz vom Beginn der Einnahme des Statins bis zum Auftreten von Symptomen variiert beträchtlich von Tagen bis zu mehreren Jahren.

Risikofaktoren

Bestimmte Faktoren können das Risiko für die Entwicklung einer Statin-induzierten Neuropathie erhöhen:

  • Diabetes: Diabetiker sind besonders gefährdet, da die Symptome einer Statin-induzierten Neuropathie leicht mit denen einer diabetischen Neuropathie verwechselt werden können.
  • Hohes Alter: Ältere Menschen sind anfälliger für Nebenwirkungen von Medikamenten, einschließlich Statine.
  • Nierenerkrankungen: Nierenerkrankungen können die Ausscheidung von Statinen beeinträchtigen und das Risiko für Nebenwirkungen erhöhen.
  • Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten: Die gleichzeitige Einnahme bestimmter Medikamente kann die Konzentration von Statinen im Blut erhöhen und das Risiko für Nebenwirkungen verstärken.

Diagnose

Die Diagnose einer Statin-induzierten Neuropathie basiert in der Regel auf der Anamnese des Patienten, den berichteten Symptomen und einer neurologischen Untersuchung. In einigen Fällen können zusätzliche Tests erforderlich sein, um andere Ursachen für die Neuropathie auszuschließen, wie z. B. Diabetes, Vitaminmangel oder andere Erkrankungen.

Behandlung

Die Behandlung einer Statin-induzierten Neuropathie umfasst in der Regel folgende Maßnahmen:

  • Absetzen des Statins: In den meisten Fällen verbessern sich die Symptome nach dem Absetzen des Statins.
  • Alternative Cholesterinsenker: Es gibt alternative Cholesterinsenker, die möglicherweise weniger wahrscheinlich eine Neuropathie verursachen. Dazu gehören beispielsweise Ezetimib oder Bempedoinsäure.
  • Symptomatische Behandlung: Medikamente zur Linderung von Schmerzen, Taubheitsgefühlen oder Kribbeln können eingesetzt werden. Dazu gehören beispielsweise Antidepressiva, Antikonvulsiva oder Schmerzmittel.
  • Physiotherapie: Physiotherapie kann helfen, die Muskelkraft und Koordination zu verbessern.
  • Ergänzung mit Omega-3- oder Omega-6-Fettsäuren: In einigen Fällen kann die Einnahme von Omega-3- oder Omega-6-Fettsäuren die negativen Auswirkungen von Statinen auf die Muskelzellen teilweise rückgängig machen.

Weitere Ursachen für Taubheitsgefühle in den Beinen

Es ist wichtig zu beachten, dass Taubheitsgefühle in den Beinen auch andere Ursachen haben können, die nicht mit der Einnahme von Statinen zusammenhängen. Dazu gehören:

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  • Diabetische Neuropathie: Nervenschäden aufgrund von Diabetes.
  • Vitaminmangel: Mangel an Vitamin B12 oder anderen wichtigen Nährstoffen.
  • Bandscheibenvorfall: Druck auf die Nervenwurzeln im Rückenmark.
  • Periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK): Verengung der Arterien in den Beinen, die zu Durchblutungsstörungen führen kann.
  • Restless-Legs-Syndrom (RLS): Eine neurologische Erkrankung, die einen unkontrollierbaren Drang verursacht, die Beine zu bewegen.
  • Multiple Sklerose (MS): EineAutoimmunerkrankung, die das zentrale Nervensystem betrifft.

Wann sollte man einen Arzt aufsuchen?

Es ist ratsam, einen Arzt aufzusuchen, wenn Taubheitsgefühle in den Beinen auftreten, insbesondere wenn:

  • Die Symptome plötzlich auftreten oder sich schnell verschlimmern.
  • Die Symptome von Schmerzen, Schwäche oder Koordinationsverlust begleitet sind.
  • Die Symptome das Gehen oder andereAlltagsaktivitäten beeinträchtigen.
  • Es besteht der Verdacht, dass die Symptome mit der Einnahme von Statinen oder anderen Medikamenten zusammenhängen.
  • Es liegen andere Erkrankungen wie Diabetes oder Nierenerkrankungen vor.

Gegenanzeigen und Vorsichtsmaßnahmen bei der Einnahme von Atorvastatin

Atorvastatin darf nicht angewendet werden bei:

  • Überempfindlichkeit gegenüber Atorvastatin
  • Lebererkrankung oder einer dauerhaften Erhöhung der Blut-Leberwerte
  • Skelettmuskelerkrankung mit Muskelfaserzerstörung oder bei einer Erhöhung von Blutwerten, die darauf hindeuten
  • Schwangerschaft und Stillzeit
  • Einnahme einer Kombination aus Glecaprevir/Pibrentasvir zur Behandlung einer Hepatitis C

Weiterhin sollte Atorvastatin nur unter ärztlicher Vorsicht und auch nur nach einer sorgfältigen Nutzen-Risiko-Abwägung angewendet werden bei:

  • Menschen über 70 Jahren
  • Alkoholmissbrauch
  • Begünstigenden Faktoren für eine Muskelerkrankung wie Nierenfunktionsstörungen, Schilddrüsenunterfunktion, erbliche Muskelstörungen in der persönlichen Vorgeschichte oder der Familie, muskelschädigenden Wirkungen durch eine frühere Einnahme eines Fibrates oder Statins
  • Situationen, in denen erhöhte Blutkonzentrationen des Wirkstoffs auftreten können, beispielsweise bei asiatischen Patienten, bei Leber- oder Nierenfunktionsstörungen oder bei gleichzeitiger Anwendung anderer Wirkstoffe wie Ciclosporin (gegen Organabstoßung) und manchen AIDS-Mitteln aus der Gruppe der HIV-1-Proteasehemmer
  • Gleichzeitiger Anwendung von Fibraten

Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten

Atorvastatin kann Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten eingehen. Daher ist es wichtig, den Arzt über alle eingenommenen Medikamente zu informieren.

Einige wichtige Wechselwirkungen sind:

  • Blutgerinnungshemmer (orale Antikoagulantien) wie Warfarin: Atorvastatin kann die Blutgerinnungszeit verlängern und das Risiko für Blutungen erhöhen.
  • Digoxin (gegen Herzmuskelschwäche): Atorvastatin kann die Digoxinkonzentration im Körper erhöhen und das Risiko für Nebenwirkungen des Herzmittels verstärken.
  • Mittel, die das Immunsystem unterdrücken (z. B. Ciclosporin): Das Risiko einer Muskelerkrankung steigt an, wenn Atorvastatin zusammen mit solchen Mitteln genommen wird.
  • Danazol (ein Androgen) oder Fibrate und Nikotinsäure (beides Blutfettsenker): Ein besonderes Risiko besteht bei gemeinsamer Einnahme von Statinen wie Atorvastatin mit Ciclosporin. Sie kann zu schweren Fällen der Muskelerkrankung Rhabdomyolyse führen.
  • Säurebindende Mittel oder Colestipol (fettsenkendes Anionenaustauscherharz): Diese Mittel können den Atorvastatin-Spiegel im Blut senken. Sie sollten deshalb eine Stunde vor Atorvastatin eingenommen werden.
  • Stoffe, die im Körper durch das gleiche Enzymsystem (Cytochrom CYP3A4) wie Atorvastatin abgebaut werden: Diese Stoffe können zu erhöhten Wirkstoffspiegeln des Atorvastatins führen. Zu solchen Medikamenten gehören Imatinib, Pilzmittel wie Itraconazol, Erythromycin und Clarithromycin (beides Makrolid-Antibiotika), HIV-1-Proteasehemmer und Grapefruitsaft.
  • "Pille": Bei gleichzeitiger Gabe des Wirkstoffs mit der "Pille" erhöhen sich die Blutkonzentrationen an den Hormonen Norethisteron und Ethinylestradiol.
  • Fusidinsäure (Antibiotikum), Amiodaron (gegen Herzrhythmusstörungen), Verapamil-artige Medikamente (bei Angina Pectoris) und Bosentan (Mittel bei Lungenhochdruck): Auch mit diesen Medikamenten tritt Atorvastatin in Wechselwirkungen.

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