Multiple Sklerose (MS) ist eine chronische Erkrankung des zentralen Nervensystems, die durch Entzündungen und Schädigungen der Myelinscheiden, der Schutzschicht um die Nervenfasern, gekennzeichnet ist. Diese Schädigungen können zu vielfältigen Symptomen führen, darunter auch Taubheitsgefühle. Lemtrada (Alemtuzumab) ist ein Immuntherapeutikum, das zur Behandlung von schubförmig-remittierender MS (RRMS) eingesetzt wird. Obwohl Lemtrada die Schubrate reduzieren und das Fortschreiten der Behinderung verlangsamen kann, ist es wichtig, die möglichen Ursachen für Taubheitsgefühle nach der Behandlung zu verstehen.
Immunsuppressive Therapie bei Multipler Sklerose
Eine immunsuppressive Therapie, auch als verlaufsmodifizierende Therapie oder Basis-Therapie bezeichnet, beinhaltet die langfristige Verabreichung von Immuntherapeutika. Diese Wirkstoffe unterdrücken die Aktivität des Immunsystems (Immunsuppressiva) oder verändern Immunreaktionen gezielt (Immunmodulatoren). Bei MS kann die immunsuppressive Therapie den Krankheitsverlauf günstig beeinflussen, obwohl sie die Krankheit nicht heilen kann. Der größte Effekt wird bei schubförmig verlaufender MS und aktiver sekundär progredienter MS (SPMS) erzielt. "Aktiv" bedeutet das Auftreten von Schüben und/oder neuen oder sich vergrößernden entzündungsbedingten Schäden im zentralen Nervensystem (ZNS). MS-Immuntherapeutika können die Schubrate reduzieren und fortschreitenden Behinderungen entgegenwirken. Bei nicht aktiver SPMS und primär progredienter MS ist die Wirksamkeit geringer, aber die Anwendung bestimmter Immuntherapeutika kann dennoch hilfreich sein.
Arten von Immuntherapeutika
Zur Behandlung von MS stehen verschiedene Immuntherapeutika zur Verfügung, darunter:
- Beta-Interferone (inkl. PEG-Interferon)
- Glatirameracetat
- Dimethylfumarat
- Teriflunomid
- S1P-Rezeptor-Modulatoren: Fingolimod, Siponimod, Ozanimod, Ponesimod
- Cladribin
- Natalizumab
- Ocrelizumab
- Ofatumumab
- Rituximab (keine Zulassung für Multiple Sklerose)
- Alemtuzumab
Die Auswahl des geeigneten Immuntherapeutikums richtet sich nach Faktoren wie der Verlaufsform der MS, der Krankheitsaktivität, vorherigen Behandlungen, dem Alter des Patienten, der Verträglichkeit des Medikaments, Begleiterkrankungen und Schwangerschaft.
Mögliche Ursachen für Taubheitsgefühle nach Lemtrada
Taubheitsgefühle nach einer Lemtrada-Behandlung können verschiedene Ursachen haben:
Lesen Sie auch: Taubheitsgefühle verstehen
MS-Schübe: Trotz der Wirksamkeit von Lemtrada kann es weiterhin zu MS-Schüben kommen, die neue oder verstärkte Taubheitsgefühle verursachen. Ein Schub entsteht, wenn Immunzellen in das ZNS einwandern, Entzündungen verursachen und die Myelinschicht abbauen. Solche Schübe können auch durch bakterielle und virale Infektionen ausgelöst werden, da diese Erreger das Immunsystem aktivieren und die Blut-Hirn-Schranke überwinden können.
Infusionsreaktionen: Die meisten mit Lemtrada behandelten Patienten erleben Nebenwirkungen während oder innerhalb von 24 Stunden nach der Infusion. Obwohl Ärzte Medikamente verabreichen, um diese Reaktionen zu reduzieren, können sie dennoch Taubheitsgefühle verursachen.
Autoimmunerkrankungen: Lemtrada kann das Risiko für Autoimmunerkrankungen erhöhen, bei denen das Immunsystem fälschlicherweise den eigenen Körper angreift. Einige dieser Erkrankungen, wie idiopathische thrombozytopenische Purpura (ITP) oder Autoimmunerkrankungen der roten oder weißen Blutkörperchen, können neurologische Symptome wie Taubheitsgefühle verursachen.
Infektionen: Patienten, die mit Lemtrada behandelt werden, haben ein höheres Risiko für schwerwiegende Infektionen. Einige Infektionen, insbesondere solche, die das Nervensystem betreffen, können Taubheitsgefühle verursachen.
Periphere Neuropathien: Teriflunomid, ein anderes MS-Medikament, kann gelegentlich Störungen peripherer Nerven (periphere Neuropathien) verursachen, die sich als Taubheitsgefühle äußern können. Es ist möglich, dass ähnliche Mechanismen auch bei anderen Immuntherapeutika eine Rolle spielen.
Lesen Sie auch: Behandlung bei Angst und Gesichtstaubheit
Medikamenten-Nebenwirkungen: Einige MS-Medikamente, wie Fingolimod, können selten zu einem posterioren reversiblen Enzephalopathie-Syndrom (PRES) führen, einem neurologischen Krankheitsbild mit Hirnschwellung, das Taubheitsgefühle verursachen kann.
Läsionen im Gehirn oder Rückenmark: Neue oder sich vergrößernde Läsionen im Gehirn oder Rückenmark, die durch die MS verursacht werden, können Nervenbahnen schädigen und zu Taubheitsgefühlen führen.
Diagnose und Behandlung von Taubheitsgefühlen nach Lemtrada
Um die Ursache von Taubheitsgefühlen nach einer Lemtrada-Behandlung zu ermitteln, sind verschiedene diagnostische Maßnahmen erforderlich:
Neurologische Untersuchung: Der Arzt führt eine umfassende neurologische Untersuchung durch, um die Art und das Ausmaß der Taubheitsgefühle zu beurteilen und andere neurologische Symptome zu identifizieren.
Magnetresonanztomographie (MRT): Eine MRT des Gehirns und des Rückenmarks kann neue oder sich vergrößernde Läsionen aufdecken, die für die Taubheitsgefühle verantwortlich sein könnten.
Lesen Sie auch: Rückenschmerzen und Taubheitsgefühle verstehen
Lumbalpunktion (Liquoruntersuchung): Eine Lumbalpunktion kann durchgeführt werden, um Entzündungsmarker im Nervenwasser (Liquor) zu untersuchen und andere Ursachen für die Taubheitsgefühle auszuschließen.
Blutuntersuchungen: Blutuntersuchungen können helfen, Autoimmunerkrankungen, Infektionen oder andere medizinische Bedingungen zu identifizieren, die die Taubheitsgefühle verursachen könnten.
Die Behandlung von Taubheitsgefühlen nach Lemtrada hängt von der zugrunde liegenden Ursache ab:
MS-Schübe: Bei einem akuten MS-Schub können hochdosierte Kortikosteroide verabreicht werden, um die Entzündung zu reduzieren und die Symptome zu lindern.
Infusionsreaktionen: Antihistaminika, Kortikosteroide oder andere Medikamente können eingesetzt werden, um Infusionsreaktionen zu behandeln.
Autoimmunerkrankungen: Die Behandlung von Autoimmunerkrankungen hängt von der spezifischen Erkrankung ab und kann Immunsuppressiva oder andere Therapien umfassen.
Infektionen: Infektionen werden mit geeigneten Antibiotika, antiviralen oder antimykotischen Medikamenten behandelt.
Symptomatische Behandlung: Unabhängig von der Ursache können symptomatische Behandlungen wie Physiotherapie, Ergotherapie oder Schmerzmittel eingesetzt werden, um die Taubheitsgefühle zu lindern und die Lebensqualität zu verbessern.
Überblick über MS-Therapien
Die Behandlung von Multipler Sklerose umfasst krankheitsmodifizierende Therapien (disease-modifying therapies, DMTs), die das Fortschreiten verlangsamen, und symptomatische Behandlungen zur Verbesserung der Lebensqualität. Krankheitsmodifizierende Therapien wie Interferon-beta, Glatirameracetat, Fingolimod, Teriflunomid und Dimethylfumarat zielen darauf ab, die Krankheitsaktivität zu reduzieren und das Fortschreiten der MS zu verlangsamen. Diese Medikamente modulieren das Immunsystem und verringern die Anzahl der Schübe.
Krankheitsmodifizierende Therapien (DMTs) im Detail
Die Liste der DMTs ist umfangreich und umfasst verschiedene Wirkmechanismen:
Interferon-beta: Zählt zur Gruppe der Zytokine und moduliert Immunreaktionen. Die Anwendung erfolgt als Spritze unter die Haut (subkutan) oder in einen Muskel (intramuskulär). Häufige Nebenwirkungen sind grippeähnliche Beschwerden und Reaktionen an der Einstichstelle.
Glatirameracetat: Ein Immunmodulator, dessen Wirkweise nicht genau bekannt ist. Es wird subkutan gespritzt und kann lokale Reaktionen an der Einstichstelle hervorrufen.
Teriflunomid: Wirkt immunsuppressiv, indem es die Zellproliferation hemmt. Es wird als Tablette eingenommen und kann Leberwertanstiege, Kopfschmerzen und dünneres Haar verursachen.
Dimethylfumarat: Wirkt immunmodulierend und entzündungshemmend. Es wird als Kapsel eingenommen und kann Juckreiz, Hitzewallungen und Magen-Darm-Beschwerden verursachen.
Fingolimod: Ein S1P-Rezeptor-Modulator, der die Anzahl der Lymphozyten im Blut verringert. Es wird als Kapsel eingenommen und kann Lymphopenie und Herzrhythmusstörungen verursachen.
Siponimod: Ebenfalls ein S1P-Rezeptor-Modulator, der für die Behandlung der aktiven sekundär progredienten MS zugelassen ist. Vor Therapiebeginn ist eine genetische Untersuchung erforderlich.
Ozanimod: Ein weiterer S1P-Rezeptor-Modulator mit ähnlichen Nebenwirkungen wie Fingolimod und Siponimod.
Ponesimod: Ein vierter S1P-Rezeptor-Modulator, der für die Therapie bei schubförmiger MS zugelassen ist.
Cladribin: Ein Immunsuppressivum, das hauptsächlich bei Lymphozyten den Zelltod (Apoptose) verursacht. Die Therapie besteht aus zwei Zyklen über zwei Jahre. Häufige Nebenwirkungen sind Lymphopenie und Gürtelrose.
Natalizumab: Ein gentechnisch hergestellter Antikörper, der das Eindringen von Immunzellen in das ZNS verhindert.
Ocrelizumab: Ein monoklonaler Antikörper, der die Anzahl der B-Zellen reduziert, um die Krankheitsaktivität zu senken.
Ofatumumab: Ein monoklonaler Antikörper, der auf CD20-positive B-Zellen abzielt, um die Krankheitsaktivität zu kontrollieren.
Alemtuzumab (Lemtrada): Ein monoklonaler Antikörper, der selektiv bestimmte Immunzellen zerstört, um das Fortschreiten der MS zu verhindern.
Impfungen bei MS
Impfungen gegen Grippe, Tetanus und Gürtelrose können auch bei Menschen mit Multipler Sklerose verabreicht werden. Neue und teilweise hochwirksame krankheitsmodifizierende Arzneimittel (Disease-modifying Therapies; kurz: DMTs) helfen Menschen mit Multipler Sklerose (MS). Ihre Wirkung beruht darauf, das Immunsystem der Betroffenen stark zu unterdrücken. Für diese Personengruppen ist dann ein zuverlässiger Impfschutz gegen Infektionskrankheiten, wie Grippe oder Hepatitis, besonders wichtig.
Fallbeispiel
Ein Patient erhielt im September 2021 seine zweite Corona-Impfung und entwickelte anschließend leichte Taubheitsgefühle unter den Füßen. MRT-Aufnahmen zeigten zwei T2-Läsionen im Gehirn und eine Läsion im Rückenmark (BWS). Es gab jedoch keine Anzeichen für eine akute Entzündung oder Banden im Liquor. Ende Dezember 2023 verspürte der Patient nach langen Arbeitstagen vor dem PC ein elektrisierendes Gefühl in den Beinen, wenn er darauf klopfte. Im Januar 2024 folgte eine Erkältung mit hohem Fieber. Daraufhin wurde der Patient in der Neurologie aufgenommen und erhielt eine Kortison-Stoßtherapie (5x1g). Nach der Therapie wurden zwei bis drei neue kleine Läsionen im Marklager des Gehirns gefunden. Die Taubheitsgefühle veränderten sich, verschwanden aber nicht vollständig. Nach 15 Tagen fragte sich der Patient, ob eine zweite Stoßtherapie sinnvoll wäre. Die Mutter des Patienten hatte ebenfalls MS, die erst spät erkannt und behandelt wurde.
In diesem Fallbeispiel könnten die Taubheitsgefühle verschiedene Ursachen haben:
- MS-Schub: Die neuen Läsionen im Gehirn könnten auf einen Schub hinweisen, der die Taubheitsgefühle verursacht.
- Impfung: Die Taubheitsgefühle könnten eine Reaktion auf die Corona-Impfung sein.
- Infektion: Die Erkältung mit hohem Fieber könnte das Immunsystem aktiviert und einen Schub ausgelöst haben.
- Läsionen im Gehirn oder Rückenmark: Die bestehenden Läsionen könnten die Nervenbahnen schädigen und zu Taubheitsgefühlen führen.
Es ist wichtig, dass der Patient seinen Neurologen konsultiert, um die Ursache der Taubheitsgefühle zu ermitteln und die geeignete Behandlung zu besprechen. Eine zweite Kortison-Stoßtherapie könnte in Betracht gezogen werden, wenn die Taubheitsgefühle auf einen akuten MS-Schub zurückzuführen sind.
tags: #taubheitsgefuhle #nach #lemtrada