Einführung
Neuropathie, eine Erkrankung, die durch Schädigung der peripheren Nerven gekennzeichnet ist, kann verschiedene Ursachen haben und sich durch Schmerzen, Taubheitsgefühl und Muskelschwäche äußern. Die Suche nach wirksamen Behandlungsmethoden ist daher von großer Bedeutung. In diesem Zusammenhang rückt die Aminosäure Taurin zunehmend in den Fokus der Forschung. Taurin, eine schwefelhaltige Aminosäure, die natürlich im Körper vorkommt, wird auf ihre potenziellen therapeutischen Eigenschaften bei verschiedenen Erkrankungen, einschließlich Neuropathie, untersucht. Dieser Artikel beleuchtet die aktuellen Studien und Erkenntnisse über die Rolle von Taurin bei Neuropathie.
Was ist Taurin?
Taurin (2-Aminoethansulfonsäure) ist eine organische Säure, die beim Stoffwechsel durch den Abbau der Aminosäuren Cystein und Methionin in der Leber entsteht. Als Aminosulfonsäure kann Taurin keine Peptide bilden. Taurin ist eine freie Aminosäure, die in höchster Konzentration im Muskel vorliegt. Es wird häufig als nicht essentielle Aminosäure bezeichnet, da es nicht als Bestandteil von Proteinen verbaut wird. Die Taurinkonzentration im Blutplasma beträgt 10-100 μM, während sie innerhalb von Zellen wesentlich höher ist, nämlich zwischen 5-50 mM. Stoffwechselaktives Gewebe weist häufiger eine hohe Taurinkonzentration auf. Die höchste Konzentration liegt in der Muskulatur vor, in der 70 % der körpereigenen Taurinreserven gespeichert sind.
Taurin kommt in Lebensmitteln wie Fleisch, Fisch und Milchprodukten vor, weshalb es für Menschen mit einer ausgewogenen Ernährung oft kein Mangelthema ist. Da Taurin hauptsächlich in Schalen- und Krustentieren, Fisch, Geflügel und Fleisch vorkommt, haben Vegetarier und Veganer oft einen erniedrigten Taurinstatus.
Taurin und seine vielfältigen Funktionen im Körper
Taurin hat mehrere wichtige metabolische und physiologische Funktionen. Es ist wichtig für das reibungslose Funktionieren von Nervengewebe und Muskeln. Taurin stabilisiert exzitierbare (erregbare ) Zellmembranen von Nerven- und Muskelzellen und ist in hoher Konzentration im Nervengewebe, in den Augen und im Muskelgewebe (Herz, Blutgefäße, Skelettmuskeln) vorhanden. Im Gehirn hat Taurin Neurotransmitter-ähnliche und nervenschützende Wirkungen. Darüber hinaus ist Taurin vorteilhaft für die Herzfunktion und den Blutdruck, und es wirkt der Artherosklerose entgegen.
Taurin beeinflusst die Signalübertragung im Gehirn. Es stimuliert den Einstrom und die Membranbindung von Kalzium und unterstützt die Bewegung von Natrium und Kalium durch die Zellmembran. Dies erhöht die Kontraktion und wirkt am Herzen antiarrhytmisch. Taurin scheint Neurotransmitter-Aktionen und die synaptische Empfänglichkeit ganzer Hirnregionen zu regulieren. Taurin könnte beeinflussen, in welchem Maße die jeweilige Gehirnregion zur neuronalen Informationsverarbeitung in der Lage ist und Verhalten regulieren kann. Der Taurinspiegel in einer Gehirnregion könnte als Index für die regionale Reaktivität auf synaptische Eingangssignale und damit für die Funktion der betreffenden Hirnregion insgesamt dienen.
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Taurin nimmt eine fundamentale Rolle innerhalb der Zellkraftwerke ein. Es ist direkt an der Produktion der mitochondrialen Proteine beteiligt, welche wiederum das energiereiche ATP (Adenosintriphosphat) produzieren, die Energiewährung der Zellen. Der Entzug von Taurin resultiert im mitochondrialen Versagen und Muskelschwäche.
Taurin bei diabetischer Neuropathie
Die diabetische Neuropathie ist eine häufige Komplikation von Diabetes mellitus, die durch Nervenschäden aufgrund erhöhter Blutzuckerspiegel verursacht wird. Studien haben gezeigt, dass Taurin eine Rolle bei der Vorbeugung und Behandlung dieser Komplikation spielen könnte.
Eine Forscherguppe aus Mexiko beschäftigte sich in einem Fachartikel mit dem Zusammenhang zwischen Taurin und GABA-Neurotransmitterrezeptoren. Taurin ist ein schwacher Agonist an GABA-A-Rezeptoren, wobei die Affinität von Taurin zu dem Rezeptor aber von verschiedenen Untereinheiten abhängt.
Forscher aus der Türkei untersuchten den Zusammenhang zwischen der Taurinkonzentration im Plasma und Diabetes mellitus. Die Plasmataurinspiegel waren bei Patienten mit Typ-2-Diabetes vermindert. Dies war aber nicht mit Hba1c und dem Blutzuckerspiegel assoziiert. Was die typischen Diabeteskomplikationen anbelangt, fanden die Wissenschaftler nur eine Korrelation mit der Neuropathie.
Die diabetische Stoffwechsellage führt zu einer intrazellulären Anreicherung von Sorbitol in den Neuronen. Die daraus resultierenden osmotischen Zellschäden führen zu der diabetischen Neuropathie. Proteine des Myelins können bei einer Hyperglykämie mit der Glukose reagieren, unter Bildung von AGEs.
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Laboruntersuchungen zeigen, dass Taurin sogar das Wachstum und die Verbindung neuer Gehirnzellen fördern kann. Der Taurinspiegel sinkt mit zunehmendem Alter ebenso wie bei metabolischen und neurologischen Erkrankungen. Laboruntersuchungen zeigen außerdem dramatische Verbesserungen in der Wahrnehmungs- und Gedächtnisleistung bei der Supplementierung mit Taurin.
Mögliche Mechanismen der Wirkung von Taurin bei diabetischer Neuropathie
- Antioxidative Wirkung: Wegen seines hohen Sauerstoffverbrauchs ist das Gehirn besonders anfällig gegenüber oxidativen Veränderungen. Altersassoziierte pathophysiologische Veränderungen sind mit einer erhöhten Oxidationsrate zellulärer Moleküle verbunden. Auch Entzündungsprozesse können im Gehirngewebe oxidativen Stress verursachen. Taurin wirkt antioxidativ und kann somit die Nervenzellen vor Schäden durch freie Radikale schützen.
- Osmoregulation: Taurin ist ein Osmolyt, also ein Regulator des Zellvolumens. Es stabilisiert die Zellmembranen, wirkt antioxidativ, antientzündlich und antiapoptotisch (wirkt dem Zelltod entgegen).
- Kalziumhaushalt: Taurin spielt eine wichtige Rolle für die Regulierung und Reduzierung der intrazellulären Calciumspiegel der Nervenzellen. Nach einer verlängerten Glutamatstimulierung kommt es bekanntlich zu Störungen der Calcium-Homöostase, die bis zur Zerstörung der Nervenzellen führen können (z.B. Apoplex). In diesen Situationen wird vermehrt Taurin von den Nervenzellen freigesetzt; das extrazelluläre Taurin verlangsamt den Calciumeinstrom in das Zellinnere und wirkt deshalb neuroprotektiv.
- Insulinsensitivität: Taurin bindet mitunter an den Insulinrezeptor und verstärkt wahrscheinlich die Wirkung des Insulins. Es trägt wahrscheinlich zu einer natürlichen, gesunden Insulinsensibilität bei, während eine Insulinresistenz zu Diabetes führt. Viele Diabetiker leiden unter erhöhter Taurinausscheidung und wahrscheinlich auch verringerter Taurinaufnahme.
Klinische Studien zu Taurin und Diabetes
Diabetiker, die in einer Studie dreimal täglich 500 mg Taurin erhielten, erreichten nach drei Monaten die gleiche Taurinkonzentration im Blutplasma, die auch bei gesunden Menschen vorhanden ist.
Taurin bei anderen Formen der Neuropathie
Neben der diabetischen Neuropathie gibt es auch andere Formen der Neuropathie, die durch verschiedene Ursachen wie Entzündungen, toxische Substanzen oder genetische Faktoren verursacht werden können. Obwohl die Forschung zu Taurin bei diesen spezifischen Formen der Neuropathie noch begrenzt ist, deuten einige Studien auf potenzielle Vorteile hin.
Eine Laborstudie ergab, dass Taurin die Nerven gegen chemische Belastungen schützen kann.
Taurin und seine neuroprotektiven Eigenschaften
Taurin hat neuroprotektive Eigenschaften, da es der Toxizität durch den Botenstoff Glutamat entgegenwirkt und den Calciumgehalt in Nervenzellen beeinflusst. Taurin bindet an die GABA- und Glycin-Rezeptoren in Nervenzellen. Diese wirken inhibitorisch und haben eine beruhigende/sedierende Wirkung.
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Taurin und die Bildung neuer Gehirnzellen
Bisher glaubten wir, dass eine Schrumpfung des Gehirns mit zunehmendem Alter unvermeidlich und vor allem unumkehrbar sei. Jüngste Forschungen aber haben gezeigt, dass auch Hirnzellen sich regenerieren können: Die Aminosäure Taurin spielt eine wichtige Rolle dabei, neue Gehirnzellen zu schaffen. Taurin stimuliert das Wachstum von Gehirnzellen durch die Aktivierung „schlafender“ Stammzellen und erhöht dadurch auch die Überlebensrate dieser neuen Neuronen. Das führt zu einem zahlenmäßigen Anstieg adulter Gehirnzellen.
Taurin hat einzigartige biochemische Eigenschaften, die für die Bildung neuer Gehirnzellen besonders wichtig sind: Wenn Taurin-defiziente Gehirnzellen in Kultur gezüchtet werden, kommt es nach Zusetzen von Taurin zu einem starken Wachstum von neuen Zellen. Tierstudien zeigen, dass Taurin die Bildung neuer Gehirnzellen fördert, besonders in den Bereichen, die eine bedeutende Rolle für das Gedächtnis spielen. Diese positive Beeinflussung besonders des Hippocampus kann zu einer dramatischen Verbesserung von Kognition und Gedächtnis sowie Erinnerungsvermögen führen.
Neben dem Wachstum neuer Gehirnzellen fördert Taurin auch die Bildung von Neuriten. Das sind Zellen, die den Gehirnzellen helfen, miteinander zu kommunizieren. Neuriten maximieren die Verbindungen zwischen den Zellen, entlang derer elektrische Impulse fließen. Damit unterstützen sie unser Gedächtnis, unsere Wahrnehmung und unser Fühlen und Denken. Im Laufe der Zeit können die Neuriten jedoch durch chemische Belastungen und Giftstoffe beschädigt werden, sodass sie bei älteren Menschen häufig zu den bekannten Alterskrankheiten beitragen.
Die Erkenntnis, dass Taurin auch geschädigte Gehirnzellen regenerieren kann, ist revolutionär! Sie gibt Anlass, über die Behandlungsmöglichkeiten bei altersbedingten neurodegenerativen Erkrankungen anders zu denken als bisher.
Taurin bei Parkinson und Depressionen
Bei zwei spezifischen Erkrankungen wurde der Nutzen von Taurin bereits nachgewiesen, nämlich bei der Parkinson-Krankheit und bei Depressionen. Untersuchungen am Menschen zeigten, dass der Taurin-Plasmaspiegel bei Patienten mit Parkinson stark erniedrigt sind. Das deutet darauf hin, dass Taurin potenziell an der Entstehung der Krankheit beteiligt ist, möglicherweise aber auch einen Beitrag bei der Behandlung leisten kann. Das Problem eines niedrigen Taurin-Plasmaspiegels wird dadurch weiter verstärkt, dass für die Standardbehandlung der Symptome bei Parkinson häufig das Medikament Levodopa eingesetzt wird. Dieses führt zu einer weiteren Taurin-Verarmung.
Auch für Menschen, die unter Depressionen leiden, eignet sich die Supplementation mit dieser vielseitigen Aminosäure. Depressionen kommen besonders häufig bei Diabetikern vor. Es wird angenommen, dass starke Blutzuckerschwankungen an der Entstehung von Depressionen und neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer beteiligt sind. In Versuchen mit Ratten konnte eine Taurin-Supplementierung bei diabetischen Tieren deren depressiv-ähnliche Verhaltensweisen verbessern. Bei Diabetikern verbessert Taurin außerdem auch die Funktion der Neurotransmitter, was zu einem verbesserten Kurzzeitgedächtnis führt.
Dosierung und Sicherheit von Taurin
Die Taurinzufuhr über die Nahrung wird auf 40 bis 400 mg pro Tag geschätzt. Der OSL-Wert (Observed Safe Level) für Erwachsene wurde auf 3 Gramm pro Tag berechnet. In klinischen Studien wurden jedoch auch Dosen von bis zu 10 g/Tag (über 6 Monate) ohne Probleme eingesetzt. In einigen wenigen Fällen verursacht Taurin leichte Magen-Darm-Beschwerden. In allen Humanstudien mit Taurin wurden keinerlei signifikante Nebenwirkungen beobachtet. Daher waren die Wissenschaftler nicht in der Lage, einen NOAEL (no obeserved adverse effect level) und LOAEL (lowest observed adverse effect level) für Taurin festzulegen oder einen UL (upper limit) für Taurin zu bestimmen.
Taurin ist bei einer Dosis von bis zu 3 g oder sogar 6 g täglich eine definitiv sichere und ungefährliche Substanz. Da Menschen, die sehr viel Fisch und Fleisch konsumieren, nicht über eine Taurin Dosis von 1 g täglich hinaus kommen, kann man davon ausgehen, dass diese auch für die eigene Versorgung durchaus ausreichend ist.
Sportler nehmen mehr Taurin zu sich, um Krämpfe zu verringern, oder weil sie sich eine Leistungssteigerung erhoffen. Wie zuvor erwähnt, ist Taurin bis zu einer Dosis von 6 g eine sichere, ungefährliche Substanz.
Taurin zusammen mit Koffein, wie in Energy Drinks üblich, könnte theoretisch zu Wechselwirkungen zwischen den beiden Substanzen führen. Es gibt jedoch keine Hinweise, wonach die Kombination aus Koffein und Taurin zu negativen Folgen führen würde. Energy Drinks sind erst in Kombination mit Alkohol ein Problem. Nicht jedoch wegen des Taurins, sondern weil eine Kombination aus Alkohol und Koffein wahrscheinlich die Wahrnehmung der eigenen Betrunkenheit reduziert und gepaart mit der erhöhten Stimulation zu einer riskanten Verhaltensweise beiträgt.
Allerdings hat Taurin eine beruhigende Wirkung und sollte daher mit Vorsicht eingenommen werden.
Fazit
Die Forschung zu Taurin und Neuropathie ist vielversprechend. Die vorliegenden Studien deuten darauf hin, dass Taurin aufgrund seiner antioxidativen, osmoregulatorischen und neuroprotektiven Eigenschaften eine positive Wirkung auf verschiedene Formen der Neuropathie, insbesondere die diabetische Neuropathie, haben könnte. Es trägt wahrscheinlich zu einer natürlichen, gesunden Insulinsensibilität bei, während eine Insulinresistenz zu Diabetes führt. Die Erkenntnis, dass Taurin auch geschädigte Gehirnzellen regenerieren kann, ist revolutionär! Es gibt Anlass, über die Behandlungsmöglichkeiten bei altersbedingten neurodegenerativen Erkrankungen anders zu denken als bisher.
Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass weitere klinische Studien erforderlich sind, um die Wirksamkeit und Sicherheit von Taurin bei der Behandlung von Neuropathie vollständig zu bestätigen. Dennoch stellt Taurin eine interessante und potenziell wertvolle Ergänzung zu den bestehenden Therapieansätzen dar.
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