ADHS, Dopamin und Noradrenalin: Ein komplexer Zusammenhang

Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ist eine komplexe neurologische Entwicklungsstörung, die sich durch Probleme mit Aufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität auszeichnet. Obwohl die genauen Ursachen von ADHS noch nicht vollständig geklärt sind, deuten Forschungsergebnisse auf eine Kombination aus genetischen und Umweltfaktoren hin, die zu Veränderungen in der Gehirnfunktion führen. Eine zentrale Rolle spielen dabei die Neurotransmitter Dopamin und Noradrenalin. Dieser Artikel beleuchtet den Zusammenhang zwischen ADHS, Dopamin und Noradrenalin und erklärt, wie diese Botenstoffe die Symptome der Erkrankung beeinflussen.

Die Rolle von Dopamin bei ADHS

Dopamin ist ein Neurotransmitter, der eine Schlüsselrolle in verschiedenen Gehirnfunktionen spielt, darunter Motivation, Belohnung, Bewegung und Aufmerksamkeit. Bei Menschen mit ADHS wird vermutet, dass Dopamin im synaptischen Spalt, dem Raum zwischen den Nervenzellen, nicht in ausreichender Menge zur Verfügung steht. Dies kann verschiedene Ursachen haben:

  • Schnellerer Abbau von Dopamin: Dopamin wird möglicherweise zu schnell abgebaut, bevor es seine Wirkung entfalten kann.
  • Gestörte Dopamin-Wiederaufnahme: Dopamin wird möglicherweise zu schnell wieder in die Präsynapse aufgenommen, wodurch weniger Dopamin für die Signalübertragung zur Verfügung steht.

Die Folge des Dopaminmangels ist, dass Signale im Gehirn nicht mehr richtig übertragen werden und Reize unzureichend gefiltert werden. Dies führt zu Konzentrationsproblemen, verminderter Motivation und Schwierigkeiten, Aufgaben zu beginnen und abzuschließen.

Dopamin und Motivation

Dopamin steuert unsere Motivation und ist für die Bedeutungszuweisung - also das Erkennen von Zusammenhängen - wichtig. Es ist auch Teil unseres Belohnungszentrums. Zu wenig Dopamin bedeutet:

  • Zusammenhänge werden nicht erkannt.
  • Es liegt eine verminderte Motivation vor, Dinge zu beginnen (Aufschieberitis).
  • Es stellt sich kein Zufriedenheitsgefühl ein.

Deutlich zu viel Dopamin lässt uns Zusammenhänge erkennen, wo keine sind. Bei zu viel Dopamin wird der Mensch wahnhaft und erleidet einen Realitätsverlust. Das nennt sich dann Psychose. Biologisch ist ADHS gewissermaßen das Gegenteil einer Psychose.

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Dopamin und überdurchschnittliche Leistungen

Bei Kompensation durch gute Bildung oder frühe Förderung gelingt es Betroffenen dann häufig in einzelnen Gebieten überdurchschnittliche Leistungen zu erzielen. Grund dafür ist erneut eine hohe Dopaminausschüttung. Das Einarbeiten in einen neuen Bereich stimuliert bei intrinsischer Motivation das Belohnungszentrum. Die Folge ist ein häufiger Wechsel von Berufen oder Hobbys. Ab dem Moment, wo die Tätigkeit beherrscht wird, erzeugt sie Langeweile und es wird ein neues Aufgabenfeld gesucht. Auch bei einer guten medikamentösen Einstellung bleibt das Muster in Zügen erhalten.

Die Rolle von Noradrenalin bei ADHS

Noradrenalin ist ein weiterer wichtiger Neurotransmitter, der eine Rolle bei Aufmerksamkeit, Erregung, Stressreaktion und Impulskontrolle spielt. Noradrenalin ist nicht nur ein „Stresshormon“, sondern spielt auch eine Rolle als Botenstoff, der den Abbau von Dopamin hemmt.

Noradrenalin und Stress

Das bedeutet: Wenn ADHSler richtig Stress haben, können sie sich konzentrieren. Vorher nicht. Also benötigen Betroffene Stress, um sich ausgeglichen zu fühlen. Dies spiegelt sich oft in stressiger Berufswahl: Rettungssanitäter, Manager, Pflegekräfte, Werbebranche, Gastronomie und Küche, Polizei, Streitkräfte und investigativer Journalismus. Dies ist auch der Grund, warum so gut wie alle ADHSler schneller als der Durchschnitt auf Autobahnen unterwegs sind. Bei Tempo 80 ist die Konzentration nicht vorhanden.

Noradrenalin und die Stabilisierung des Dopaminspiegels

Die Folge für die Lebensführung bei ADHS ist, dass Betroffene ihren Dopaminspiegel (und die damit einhergehende Fähigkeit sich zu konzentrieren oder Dinge zu beginnen) oftmals über eine Erhöhung des Noradrenalinspiegel stabilisieren. Dies erklärt, warum ADHS Betroffene regelmäßig über ihre eigenen Belastungsgrenzen gehen und nicht aufhören können, einer Tätigkeit nachzugehen, bis absolute körperliche Erschöpfung einsetzt (Überarbeitung, exzessiver Sport oder das Anzetteln diverser Projekte, die parallel laufen). Dies führt-vor allem mit zunehmendem Lebensalter und dem Beginn körperlicher Einschränkungen-zu Erschöpfungszuständen und Depressionen. Sobald die depressive Symptomatik sich jedoch ein wenig stabilisiert, wird die Schleife von vorn los und die innere Ausgeglichenheit wird durch Selbstüberforderung erzeugt. Umgangssprachlich könnte man sagen, dass ADHSler so lange rennen, bis der Akku alle ist und sobald das Display wieder einen Balken Energie zeigt, erneut lossprinten.

Noradrenalin und Arousal

Die optimale Noradrenalin-Signalisierung ist an ein bestimmtes Maß an Noradrenalin gebunden. Das Maß des Arousals (Erregung) steuert das Verhalten mit. Ein zu wenig (Unteraktivierung) und ein zu viel an Arousal (Stress) beeinträchtigt die Leistungsfähigkeit. Individuen streben daher das für sie optimale Maß an Arousal an.

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Dies ist der Grund, warum manche Menschen ständig ein Radio oder Musik im Hintergrund brauchen (erregungserhöhend), um ihre Leistungsfähigkeit aufrechtzuerhalten, ggf. sogar um überhaupt erst den “Allgemeinerregungszustand” zu erreichen, um lernen zu können, während andere jeden zusätzlichen Reiz vermeiden, um von ihrem zu hohen Erregungsniveau in Richtung Optimum zu gelangen. Das Erregungsniveau ist ein umgekehrtes U - die Mitte ist das Optimum, ein zu viel wie ein zu wenig ist leistungsbeeinträchtigend. Wichtig: jeder Mensch kann nur für sich selbst beurteilen, was das für ihn richtige Maß ist. Manche Menschen benötigen anstelle einer akustischen Grunderregung eine Grundbeschäftigung. Wir kennen etliche Betroffene, die sich wesentlich besser konzentrieren können, wenn sie zugleich stricken. Denkbar wäre, dass Hyperaktivität iSv Zappeligkeit durch eine zu geringe taktile Grunderregungsreizung mitgetriggert werden könnte.

Noradrenalin und die Pupillendilation

Dabei entspricht die basale Größe des Pupillendurchmessers der tonischen Noradrenalinfeuerung und eine Veränderung des Pupillendurchmesser einer phasischen noradrenergen Aktivität. Bei Neuroentwicklungsstörungen wie ADHS oder ASS zeigt der Nucleus coeruleus eine basale Hyperaktivität mit höherer tonischer Feuerungsfrequenz (erkennbar an dem erhöhten Pupillendurchmesser im Ruhezustand (resting-state pupil diameter RSPD), was die phasischen Entladungen und folglich die Fokussierung oder Verschiebung der Aufmerksamkeit beeinträchtigt.

ADHS korreliert mit einer Überaktivität des Locus coeruleus, insbesondere in der rechten Hemisphäre. Die Kinetik des Pupillendurchmessers und spiegelt die neuronale Aktivität des Locus coeruleus im Zusammenhang mit kognitiven Funktionen wie Aufmerksamkeit und Erregung wider. Dabei haben zeitliche Muster des Pupillendurchmessers eine eigene Aussagekraft.

Medikamentöse Behandlung von ADHS

Die verfügbaren Medikamente erhöhen entweder den Dopaminspiegel oder den Noradrenalinspiegel. Stimulanzien wirken dopaminerg auf den Nucleus accumbens und verbessern die Symptome von Hyperaktivität und Eigenaktivierungs-/Verstärkungsprozessen, während die Probleme der Antwortverzögerung und des Arbeitsgedächtnisses durch noradrenerge Auswirkungen des Locus coeruleus auf den PFC vermittelt werden.

Genetische und Umweltfaktoren

Es gilt heute als gesichert, dass ADHS zu einem hohen Prozentsatz erblich ist. Die Wahrscheinlichkeit für Kinder eine ADHS zu haben, wenn ein Elternteil betroffen ist, liegt bei 20-30%. Nach Aussage von Professor Andreas Reif scheint ADHS also grundsätzlich genetischen Einflüssen zu unterliegen, welche bei Vorliegen weiterer Faktoren zu mehr oder weniger stark ausgeprägten Verhaltens-/ und Leistungsstörungen führen können.

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Metauntersuchungen vieler Studien haben gezeigt, dass ADHS durch eine Kombination von genetischen Risiken und Umweltfaktoren verursacht wird. Dabei ist es nicht so, dass eine bestimmte Kombination in jedem Fall ADHS auslöst.

Die Ursachen und Entstehungsmechanismen der ADHS sind noch nicht vollständig geklärt. Forscher gehen heute davon aus, dass eine Vielzahl einzelner genetischer Einflussfaktoren mit anderen Einflussfaktoren, z.B. mit Schwangerschafts- und Geburtskomplikationen oder auch Umweltfaktoren zusammenwirken und so Entwicklungsabweichungen neuronaler Regelkreise zustande kommen, die für die Entwicklung der Symptomatik verantwortlich sind.

Weitere Aspekte bei ADHS

Sensorische Integrationsstörung

Folgende Einflüsse können sich verstärkend auf AD(H)S-Verhalten auswirken. Bei einer Sensorischen Integrationsstörung werden die Eindrücke im Gehirn nicht richtig verarbeitet. Meist sind Kinder betroffen. Alltagsbewältigung fällt ihnen schwer.

Ernährung

Es besteht die Annahme, dass eine ungenügende Zufuhr von Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren die ADHS-Symptomatik begünstigen kann. vermehrten Entzündungen im Körper führen, was sowohl psychische Auswirkungen, als auch Auwirkungen auf Haut (z.B. Neurodermitis) und Sehkraft haben kann.

ADHS im Erwachsenenalter

Eine Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) beginnt meistens in der Kindheit oder Jugend. Doch auch Erwachsene können betroffen sein: Bei 30 bis 50 Prozent der an ADHS erkrankten Kinder und Jugendlichen bleiben die Probleme mit Aufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität im Erwachsenenalter bestehen. Bei vielen Erwachsenen wurde die Krankheit ADHS in der Kindheit nicht erkannt. Kommt es im Erwachsenenalter dann zu Auffälligkeiten, können Betroffene sich diese nicht erklären.

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