Die spastische Tetraplegie, auch bekannt als Tetraspastik, ist eine Form der Querschnittslähmung, die durch eine unvollständige Lähmung aller vier Extremitäten (Arme und Beine) gekennzeichnet ist. Im Gegensatz zur Tetraplegie, bei der eine vollständige Lähmung vorliegt, ermöglicht die Tetraparese noch eine gewisse Restbeweglichkeit. Die Ursachen, Symptome und Behandlungsmöglichkeiten sind vielfältig und hängen stark von der individuellen Situation des Betroffenen ab. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte der spastischen Tetraplegie, von den möglichen Ursachen über die charakteristischen Symptome bis hin zu den aktuellen Therapieansätzen.
Einführung
Eine Querschnittslähmung entsteht durch eine Schädigung des Rückenmarks, die zu einem Verlust der motorischen und sensorischen Funktionen unterhalb der Verletzungsstelle führt. Je nachdem, welche Extremitäten betroffen sind, unterscheidet man zwischen Paraplegie (Lähmung der Beine) und Tetraplegie (Lähmung der Arme und Beine). Die spastische Tetraplegie ist eine spezielle Form, bei der zusätzlich zur Lähmung eine erhöhte Muskelspannung (Spastik) auftritt.
Ursachen der spastischen Tetraplegie
Eine Querschnittssymptomatik kann verschiedene Ursachen haben, die sich grob in traumatische und nicht-traumatische Ursachen einteilen lassen.
Traumatische Ursachen
Traumatische Verletzungen sind eine häufige Ursache für Querschnittslähmungen, einschließlich der spastischen Tetraplegie. Diese Verletzungen entstehen meist durch:
- Unfälle: Verkehrsunfälle, Stürze und Sportverletzungen sind häufige Auslöser.
- Wirbelsäulenbrüche: Verschiebungen von Wirbelkörpern können das Rückenmark quetschen oder schädigen.
Nicht-traumatische Ursachen
Neben traumatischen Ursachen können auch verschiedene Erkrankungen und andere Faktoren eine spastische Tetraplegie verursachen:
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- Kompressionen: Blutungen (Hämorrhagien) oder Bandscheibenvorfälle können Druck auf das Rückenmark ausüben.
- Neurodegenerative Erkrankungen: Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) und andere neurodegenerative Erkrankungen können zu einer Querschnittssymptomatik führen.
- Stoffwechselstörungen: Ein Vitamin-B12-Mangel kann in seltenen Fällen eine Querschnittssymptomatik verursachen.
- Multiple Sklerose (MS): Diese chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems kann zu Lähmungen und Spastik führen.
- Hirntumore: Tumore im Gehirn können indirekt das Rückenmark beeinflussen und eine Tetraparese verursachen.
- Infektionen: Entzündungen des Rückenmarks können ebenfalls zu Lähmungen führen.
- Geburtsschäden: Sauerstoffmangel oder Infektionen während der Geburt können zu Hirnschädigungen beim Säugling führen, die sich später als spastische Tetraparese manifestieren.
- Durchblutungsstörungen des Rückenmarks
Idiopathische Ursachen
In einigen Fällen kann eine Tetraplegie auch idiopathisch entstehen, also ohne erkennbare Ursache.
Symptome der spastischen Tetraplegie
Die Symptome der spastischen Tetraplegie sind vielfältig und hängen von der Höhe und dem Ausmaß der Rückenmarkschädigung ab. Grundsätzlich lassen sich folgende Symptombereiche unterscheiden:
Motorische Einschränkungen
- Lähmungen: Unvollständige Lähmung aller vier Extremitäten, wobei die Ausprägung von leichter Schwäche bis hin zu deutlichen Bewegungseinschränkungen variieren kann.
- Spastik: Erhöhte Muskelspannung, die zu Steifigkeit, unkontrollierten Zuckungen und verlangsamten Bewegungsabläufen führen kann. Das Gangbild kann steif und ruckartig sein.
- Muskelschwund (Muskelatrophie): Bei peripheren Paresen kann es aufgrund mangelnder Muskelaktivität zu Muskelschwund kommen.
- Eingeschränkte Feinmotorik: Schwierigkeiten bei präzisen Bewegungen, z. B. beim Schreiben oder Knöpfe schließen.
Sensorische Störungen
- Empfindungsstörungen: Kribbeln oder Taubheitsgefühle in den betroffenen Körperteilen.
- Verlust der Sensibilität: Eingeschränkte Wahrnehmung von Schmerz, Druck oder Temperatur.
Autonome Funktionsstörungen
- Blasen- und Darmfunktionsstörungen: Schwierigkeiten bei der Kontrolle von Blase und Darm, was zu Harnwegsinfekten oder Inkontinenz führen kann.
- Störung der Schweißsekretion: Eingeschränkte Schweißproduktion.
- Funktionsstörungen der inneren Organe: In schweren Fällen können auch Funktionsstörungen der inneren Organe auftreten, wenn das autonome Nervensystem beeinträchtigt ist.
- Unwillkürliche Regulation der Körpertemperatur, des Blutes oder sogar der Herzfrequenz.
- Kreislaufprobleme: Wegfall der Steuerung von Blutdruck und Puls kann zu Kreislaufproblemen führen.
Reflexveränderungen
- Gesteigerte Eigenreflexe: Erhöhte Muskelspannung und gesteigerte Reflexe.
- Pathologische Reflexe: Automatische, unwillkürliche Bewegungen.
Weitere mögliche Symptome und Komplikationen
- Schmerzen: Muskel- oder Gelenkschmerzen können aufgrund der Spastik auftreten.
- Gelenkversteifungen (Kontrakturen): Schmerzhafte Versteifungen von Gelenken durch die Spastik.
- Druckgeschwüre (Dekubitus): Durch mangelnde Bewegung und Sensibilität können Druckgeschwüre entstehen.
- Osteoporose: Fehlende Bewegung und Knochenbelastung können zu Osteoporose führen.
- Atemprobleme: Bei Schädigung des Rückenmarks oberhalb des vierten Halswirbels (C4) kann es zur Lähmung des Zwerchfells und damit zu Atemproblemen kommen.
- Psychische Belastung: Die Lähmung kann eine enorme emotionale Belastung darstellen.
Verlauf einer Querschnittslähmung
Unmittelbar nach dem Trauma kommt es unterhalb der Schädigungsstelle zu einer totalen Funktionslosigkeit der Muskulatur und einem Ausbleiben der Reflexe (spinaler Schock). Die Hände sind gut durchblutet. Im weiteren Verlauf entwickelt sich dann häufig eine Spastik (übersteigerte Muskelanspannung).
Spastik als Stabilisierungsfaktor
Es ist wichtig zu erwähnen, dass die Spastik nicht ausschließlich negativ zu bewerten ist. Sie kann zur Stabilisierung des Körpers beitragen, die Muskulatur trainieren und erhalten.
Diagnose der spastischen Tetraplegie
Die Diagnose einer spastischen Tetraplegie umfasst verschiedene Schritte:
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- Anamnese: Erhebung der Krankengeschichte, einschließlich Unfallhergang, Beginn und Dauer der Symptome.
- Körperliche Untersuchung: Überprüfung von Muskelkraft, Beweglichkeit, Reflexen und Empfinden in den betroffenen Körperteilen.
- Neurologische Untersuchung: Beurteilung der neurologischen Funktionen, um die Höhe und das Ausmaß der Schädigung zu bestimmen.
- Bildgebende Verfahren: Röntgenaufnahmen, Computertomographie (CT) oder Magnetresonanztomographie (MRT) zur Darstellung von Verletzungen oder Erkrankungen der Wirbelsäule und des Rückenmarks.
- Elektrophysiologische Untersuchungen: Zur Messung der Nervenleitgeschwindigkeit und der Muskelaktivität.
- Liquorpunktion: Bei Verdacht auf eine entzündliche Erkrankung kann eine Liquorpunktion durchgeführt werden.
Klassifikation nach ASIA
Zur systematischen Abschätzung des neurologischen Schadens dient der ISNCSCI (International Standard for Neurological Classification of Spinal Cord Injury) -Untersuchungsbogen als Dokumentationsstandard. Die Schädigungshöhe wird dabei durch das letzte noch intakte Rückenmarksegment definiert.
Therapie der spastischen Tetraplegie
Die Therapie der spastischen Tetraplegie ist komplex und erfordert einen interdisziplinären Ansatz. Ziel ist es, die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern, die Selbstständigkeit zu fördern und Komplikationen zu vermeiden.
Akuttherapie
In der Akutphase steht die Stabilisierung des Patienten und die Vermeidung weiterer Schäden im Vordergrund. Dazu gehören:
- Intensivmedizinische Überwachung: Überwachung der Vitalfunktionen und Behandlung von Komplikationen wie Kreislaufschock oder Atemversagen.
- Operative Maßnahmen: Bei instabilen Wirbelsäulenbrüchen oder Kompressionen des Rückenmarks können operative Eingriffe erforderlich sein.
- Medikamentöse Therapie: In bestimmten Fällen kann eine Behandlung mit Methylprednisolon (Kortison) sinnvoll sein, um Entzündungen zu reduzieren.
Rehabilitation
Die Rehabilitation spielt eine zentrale Rolle bei der Behandlung der spastischen Tetraplegie. Sie umfasst verschiedene Therapiebereiche:
- Physiotherapie: Verbesserung der Beweglichkeit, Muskelkraft und Koordination. Erlernen von Kompensationsstrategien.
- Ergotherapie: Training von Alltagsaktivitäten, um die Selbstständigkeit zu fördern. Anpassung von Hilfsmitteln.
- Logopädie: Behandlung von Sprach- und Schluckstörungen.
- Neuro-Urologie: Behandlung von Blasenfunktionsstörungen.
- Psychologische Betreuung: Unterstützung bei der emotionalen Verarbeitung der Erkrankung.
- Sozialdienst: Beratung zu sozialen und finanziellen Fragen.
- Sporttherapie: Förderung der körperlichen Fitness und des Wohlbefindens.
Medikamentöse Therapie der Spastik
Zur Behandlung der Spastik stehen verschiedene Medikamente zur Verfügung:
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- Baclofen: Wirkt muskelentspannend.
- Benzodiazepine: Haben eine angstlösende und muskelentspannende Wirkung.
- Dantrolen: Bewirkt Muskelentspannung durch Hemmung der Freisetzung von Kalziumionen im Muskel.
- Tizanidin: Wirkt ebenfalls muskelentspannend.
- Sativex®: Ein Spray für die Mundhöhle, das ausschließlich für die bei Multipler Sklerose auftretende spastische Tonuserhöhung zugelassen ist.
Es ist wichtig zu beachten, dass diese Medikamente Nebenwirkungen haben können, wie z. B. Müdigkeit, Antriebsminderung oder eine Abnahme der Muskelkraft. Daher sollte die Dosis vorsichtig erhöht werden.
Botulinumtoxin (BoNT)
Bei fokaler Spastik (ein oder zwei eng benachbarte Bewegungssegmente sind betroffen) kann Botulinumtoxin eingesetzt werden. Es blockiert die Übertragung vom Nerv auf den Muskel und führt so zu einer Entspannung der Muskulatur.
Intrathekale Baclofen-Therapie (ITB)
Bei schwerer Spastik kann Baclofen auch über ein spezielles Infusionssystem mit einer Pumpe direkt in den Nervenwasserraum des Rückenmarks injiziert werden.
Weitere Therapieansätze
- Funktionelle Elektrostimulation (FES): Aktivierung von Nerven und Muskelfasern mit kleinen Strömen, um Bewegungen zu ermöglichen und die Spastik zu reduzieren.
- Transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS): Positive Effekte auf Spastik und den Bewegungsumfang.
- Magnetfeldstimulation: Gezielte Magnetfeldreize zur Stimulation ausgewählter Nerven, Nervenwurzeln oder Hirnareale.
- Stoßwellentherapie: Kann über Wochen anhaltend einen spastisch erhöhten Muskeltonus mindern.
- Orthesen und Schienen: Können helfen, Lähmungen auszugleichen und günstige Effekte auf die Muskelspannung und Muskellänge zu haben.
- Robotik: Der Einsatz von Robotern kann vielversprechende Verbesserungen bei der Therapie von Standsicherheit, Gang, Treppensteigen oder der Arm-Hand-Funktion bewirken.
- Chirurgische Verfahren: In seltenen Fällen können chirurgische Verfahren wie die dorsale Rhizotomie oder Eingriffe in der Eintrittszone der Hinterwurzel ins Rückenmark in Betracht gezogen werden.
Hilfsmittel
Eine Vielzahl von Hilfsmitteln kann Menschen mit spastischer Tetraplegie helfen, ihren Alltag besser zu bewältigen:
- Rollstühle: Manuelle und elektrische Rollstühle für mehr Mobilität.
- Gehhilfen und Exoskelette: Unterstützung beim Gehen.
- Hilfsmittel zur Unterstützung bei der Körperpflege und Mobilität.
- Anpassungen im Wohnraum: Um die Zugänglichkeit zu verbessern.
Prävention
Die Prävention von Komplikationen ist ein wichtiger Bestandteil der Therapie. Dazu gehören:
- Regelmäßiges Umlagern: Um Druckgeschwüre zu vermeiden.
- Bewegungstherapie: Um Gelenkversteifungen vorzubeugen.
- Hautpflege: Um Hautschädigungen zu verhindern.
Leben mit spastischer Tetraplegie
Eine spastische Tetraplegie kann erhebliche Auswirkungen auf das tägliche Leben haben. Es ist wichtig, sich realistische Ziele zu setzen und die eigenen Möglichkeiten und Grenzen zu akzeptieren.
Unterstützung
- Familie und Freunde: Unterstützung durch Familie und Freunde ist unerlässlich.
- Selbsthilfegruppen: Der Austausch mit anderen Betroffenen kann sehr hilfreich sein.
- Professionelle Hilfe: Psychologische Betreuung kann helfen, die emotionalen Herausforderungen zu bewältigen.
Lebenserwartung
Ob die Lebenserwartung beeinträchtigt ist, hängt stark von der Ausprägung und vor allem von der Höhe des Querschnitts ab.
Forschung
Die Forschung im Bereich der Querschnittslähmung macht stetig Fortschritte. Insbesondere die regenerative Medizin und die Neurotechnologie bieten Hoffnung auf zukünftige Therapien.
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