Das Restless-Legs-Syndrom (RLS) und Morbus Parkinson sind neurologische Erkrankungen, die die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen können. Während die klassische Behandlungsmethode bei RLS auf Dopaminergika und bei Parkinson auf L-Dopa basiert, rückt medizinisches Cannabis, insbesondere die enthaltene Substanz THC, zunehmend in den Fokus der Forschung und Anwendung. Dieser Artikel beleuchtet die potenziellen Vorteile und Risiken von THC als Schmerzmittel bei RLS und Parkinson, basierend auf aktuellen Erkenntnissen und Studien.
Was ist das Restless-Legs-Syndrom?
Das Restless-Legs-Syndrom (RLS) ist eine neurologische Erkrankung, die durch einen unkontrollierbaren Bewegungsdrang in den Beinen gekennzeichnet ist, meist begleitet von unangenehmen Empfindungen wie Kribbeln, Ziehen oder Schmerzen. Die Symptome treten vor allem in Ruhephasen auf, insbesondere abends und nachts, und können zu erheblichen Schlafstörungen führen.
Wie macht es sich bemerkbar?
Die Symptome des RLS variieren von Kribbeln, Krämpfen, Unruhe, Spasmen, Spannungen bis hin zu Faszikulationen (kleine unwillkürliche Bewegungen des Muskelgewebes). Seltener treten Schmerzen auf. Typisch ist, dass sich die Symptome im Sitzen und Liegen verschlechtern und durch Bewegung gelindert werden.
Ursachen und Diagnose
Die genauen Ursachen des RLS sind noch nicht vollständig geklärt. Forscher vermuten eine Störung des Dopamin-Stoffwechsels im Gehirn, ähnlich wie bei der Parkinson-Erkrankung. Auch eine erbliche Komponente wird als mögliche Ursache in Betracht gezogen. In einigen Fällen tritt das RLS als Folge anderer Erkrankungen auf (sekundäres RLS), wie z.B. Diabetes mellitus, Polyneuropathie, Multiple Sklerose, Parkinson-Syndrom oder Schilddrüsenfunktionsstörungen. Bestimmte Medikamente können das Syndrom ebenfalls auslösen oder verstärken.
Zur Diagnose wird in der Regel eine Blutuntersuchung durchgeführt, um Mangelzustände auszuschließen. Ein L-Dopa-Test kann die Diagnose bestätigen, indem er zeigt, ob sich die Symptome unter der Einnahme von L-Dopa verbessern.
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Klassische Behandlungsmethoden des Restless-Legs-Syndroms
Die traditionellen Medikamente gegen RLS sind Dopaminergika, meistens Dopamin-Agonisten, die an GABA-Rezeptoren andocken. In Fällen von Schlafstörungen und Angstzuständen kommen Benzodiazepine zum Einsatz. Lediglich bei Schmerzen kommen opiumhaltige Schmerzmittel zum Einsatz. Sie binden sich an Rezeptoren für körpereigene Opioide, wie z.B. Endorphine.
Konventionelle Therapieansätze
Die Behandlung der „restless legs“ richtet sich danach, wie stark die Symptome sind und wie sehr der Patient darunter leidet. Wenn mögliche auslösende Erkrankungen ausgeschlossen worden sind, kann dem Patienten ein L-Dopa-Präparat (z. B. Levodopa) verordnet werden. Möglich ist auch die Kombination der Wirkstoffe Levodopa und Benserazid sowie die medikamentöse Therapie mit Dopamin-Agonisten (z. B. Ropinirol, Pramipexol oder Rotigotin).
Sollte das Syndrom leicht- bis mittelschwer ausgeprägt sein, können Betroffene sich mit unterschiedlichen Maßnahmen selbst helfen. Viele RLS-Patienten berichten beispielsweise darüber, dass Fußbäder, Wechselduschen und Beinmassagen die Symptome lindern können. Auch können Dehnübungen und regelmäßiger Sport zur Symptomlinderung beitragen. Darüber hinaus könnte auch die Zufuhr von Vitamin B12, Folsäure und Eisen eine vorteilhafte Wirkung haben. Unterstützung und Hilfe finden Betroffene bei der Deutschen Restless-Legs-Vereinigung (RLS e. V.).
Herausforderungen und Nebenwirkungen
Die pharmakologische Therapie kann sämtliche Symptomlinderung abdecken. Außerdem kann es in manchen Fällen zu der sogenannten Augmentation kommen, was bedeutet dass die Therapie paradoxerweise mit der Zeit die RLS-Symptomatik verstärkt bzw. verschlimmert. Dopamin-Agonisten können Nebenwirkungen wie Übelkeit, Müdigkeit, Kreislaufprobleme und Impulskontrollstörungen verursachen. Opioide bergen das Risiko von Abhängigkeit und weiteren Nebenwirkungen wie Verstopfung und Atemdepression.
Medizinisches Cannabis und THC bei RLS: Was können Patient*innen erwarten?
Cannabis, insbesondere die enthaltene Substanz THC, wirkt positiv auf die Dopaminausschüttung. Für die Behandlung sind Cannabissorten mit hohem THC-Gehalt geeignet. Cannabis hat keine dauerhaften negativen Auswirkungen im Körper, macht nicht abhängig, wie allgemein geglaubt wird, und ist meistens gut verträglich.
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Studienlage und Forschungsergebnisse
Klinische Studien zum Einsatz von Medizinalcannabis beim Restless-Legs-Syndrom existieren nur sehr wenige. Dennoch sind diese wenigen Studien vielversprechend. An der Université de Bordeaux in Frankreich gab es eine Fallstudie mit sechs RLS-Patienten, die zur Linderung der Beschwerden Cannabis konsumierten (1). Fünf der Patienten berichteten, dass die Beschwerden nach dem Cannabiskonsum nahezu ganz verschwanden. Von einer vollständigen Remission sprach sogar ein Patient. Interessant ist auch eine Studie von der Universidad Complutense de Madrid. Bekanntermaßen interagieren die Cannabinoide aus der Cannabis-Pflanze wie Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD) mit den Cannabinoid-Rezeptoren (CB1- und CB2-Rezeptoren) des Endocannabinoid-Systems. Die Forscher fanden Hinweise, dass hiermit auch die Dopamin-Freisetzung reguliert werden könnte.
Das Endocannabinoid-System und seine Rolle
Die Cannabinoide aus der Cannabis-Pflanze, wie Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD), interagieren mit den Cannabinoid-Rezeptoren (CB1- und CB2-Rezeptoren) des Endocannabinoid-Systems. Dieses System spielt eine wichtige Rolle bei der Regulation von Funktionen wie Schlaf, Stimmung, Appetit und Schmerzen. Bei RLS und Parkinson ist dieses System möglicherweise gestört, was zu den typischen Symptomen der Erkrankungen beitragen kann.
Potenzielle Vorteile von THC bei RLS
- Linderung von Symptomen: Studien deuten darauf hin, dass THC die Symptome des RLS, insbesondere den Bewegungsdrang und die Missempfindungen, reduzieren kann.
- Verbesserung des Schlafs: Durch die Linderung der Symptome kann THC zu einer besseren Schlafqualität beitragen.
- Beeinflussung der Dopamin-Freisetzung: THC kann die Dopamin-Freisetzung im Gehirn positiv beeinflussen, was bei RLS von Vorteil sein könnte.
Mögliche Risiken und Nebenwirkungen
Bei Cannabis sind auch potenzielle unerwünschte Wirkungen immer ein Thema: Am häufigsten kommt es durch Cannabis-Einwirkung - und hier THC-bedingt - zu Schwindel, Sedierung, Schläfrigkeit und Benommenheit. Cannabis kann die Aufmerksamkeit einschränken, Übelkeit und Erbrechen bei Patienten verursachen und die Stimmung beeinträchtigen. Kardiale Krisen, Selbstmord oder Psychosen sind schwerwiegende Nebenwirkungen, die einzeln berichtet wurden.
Längere Anwendung von Cannabis kann zur Gewöhnung führen, wobei die Abhängigkeit weniger stark ausgeprägt ist als bei anderen Drogen. Da das Endocannabinoidsystem an der Hirnentwicklung beteiligt ist, sind Heranwachsende und junge Erwachsene mit hohem Cannabiskonsum besonders gefährdet für psychische und kognitive Störungen. Allerdings scheinen die Gefahren für eine Depression (oder Suizidalität) moderat zu sein. CBD hingegen ist besser verträglich, wobei zur Sicherheit von Cannabidiol keine Langzeitstudien vorliegen.
Medizinisches Cannabis bei Parkinson: Hoffnung oder Hype?
Es gibt immer mehr Hinweise darauf, dass medizinisches Cannabis bei der Behandlung von Parkinson-Patienten unterstützend wirken kann. Bei Parkinson-Patienten ist das Endocannabinoid-System gestört, was zu den typischen Symptomen der Erkrankung beitragen kann.
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Studienlage und Forschungsergebnisse
Die Forschung zu den Wirkungen von Cannabis auf Parkinson ist noch nicht abgeschlossen und es gibt noch viele Fragen zu klären, bevor medizinisches Cannabis als Standardbehandlung für Parkinson anerkannt werden kann. Verschiedene Studien legen nahe, dass das nicht-psychoaktive Cannabinoid Cannabidiol (CBD) Symptome wie Tremor (Zittern), innere Unruhe, Angstzustände und Schlafstörungen lindern kann. In Bezug auf CBD und Bewegungsstörungen sind die Studienergebnisse nicht eindeutig. Beispielsweise erfuhren Parkinson-Patienten in einer Untersuchung keine Symptomlinderung durch eine CBD-Therapie (3). Die Forscher gehen davon aus, dass CBD weniger eine therapeutische Rolle spielen könnte, dafür aber präventiv bei Morbus Parkinson eingesetzt werden könnte.
Potenzielle Vorteile von THC bei Parkinson
- Linderung motorischer Symptome: THC könnte potenziell motorische Komplikationen wie Dyskinesien (unwillkürliche Bewegungen) und Tremor abschwächen.
- Verbesserung nicht-motorischer Symptome: THC könnte auch bei nicht-motorischen Symptomen wie Schlafstörungen, Angstzuständen und Schmerzen helfen.
- Neuroprotektive Effekte: Tiermodelle und kleinere klinische Studien deuten auf potenziell neuroprotektive und antiinflammatorische Effekte des Endocannabinoid-Systems bei Parkinson hin.
Mögliche Risiken und Nebenwirkungen
In randomisierten und offenen Studien zu THC- oder CBD-haltigen Präparaten bei Parkinson traten Nebenwirkungen überwiegend mild bis moderat auf. Am häufigsten wurden Schwindel, Müdigkeit/Schläfrigkeit, Mundtrockenheit, Übelkeit und vorübergehende kognitive Beeinträchtigungen berichtet. Unter CBD in höheren Dosen wurden in Studien vor allem Schläfrigkeit, verminderter Appetit, Durchfall und erhöhte Leberenzyme beobachtet. Schwere unerwünschte Ereignisse sind selten und traten meist unter Placebo in ähnlicher Häufigkeit auf. Psychische Effekte wie Angst, Dysphorie oder paranoide Gedanken wurden nur vereinzelt berichtet und waren reversibel. Kardiovaskuläre Effekte wie orthostatische Hypotonie oder Tachykardie sind möglich, insbesondere unter THC-haltigen Präparaten.
Aktuelle Forschung und offene Fragen
Die klinische Evidenz ist bislang begrenzt: Es existieren wenige randomisierte, kontrollierte Studien (meist kleine Fallzahlen) und mehrere kleine, nicht-randomisierte Untersuchungen. Systematische Übersichten fassen zusammen, dass ein möglicher Nutzen v. a. bei THC bei Dyskinesien besteht.
Offene Forschungsfragen betreffen vor allem:
- Langzeitwirksamkeit über mehrere Jahre und verschiedene Krankheitsstadien
- Optimale Dosierung und Titration bei unterschiedlichen Symptomen
- Kombinationsstrategien mit Standardmedikamenten (z. B. L-Dopa)
- Langzeitsicherheit hinsichtlich kognitiver und psychiatrischer Effekte
- Vergleich verschiedener Zubereitungen (isolierte Cannabinoide vs. Vollextrakte)
Rechtliche Aspekte und Verschreibung von medizinischem Cannabis
Sämtliche Allgemeinmedizinerinnen, Privatärztinnen oder Fachärzt*innen können Cannabis auf einem "weißen" ärztlichen Rezept verschreiben, sofern die Notwendigkeit einer Therapie mit medizinischem Cannabis gemäß Gesetz 94/98 angebracht ist.
Voraussetzungen für die Verschreibung
Prinzipiell darf Cannabis jeder Patient bekommen, denn der Gesetzgeber verzichtet explizit auf eine spezielle Indikation. Voraussetzungen, dass Ärzte Cannabis verordnen dürfen, gibt es dennoch:
- Es handelt sich um eine schwerwiegende Erkrankung, für die es keine anerkannte medizinische Leistung gibt oder bei der eine anerkannte Therapie für den Patienten nicht infrage kommt.
- Es besteht Aussicht, dass Cannabis die Beschwerden bessert.
Kostenübernahme durch die Krankenkasse
Besteht nach ärztlicher Einschätzung eine Indikation für eine Cannabis-basierte Behandlung, sollte geprüft werden, ob auch die Voraussetzungen für eine Kostenübernahme durch die gesetzliche Krankenkasse erfüllt sind.
Verschreibungsfähige Cannabisbasierte Medikamente
Alle THC-haltigen Cannabis-basierten Medikamente sowie alle Medizinalcannabisblüten (unabhängig vom THC-Gehalt) unterliegen der Betäubungsmittelverschreibungsverordnung. In Deutschland zugelassen sind aktuell lediglich drei Präparate auf Cannabisbasis in folgenden Indikationen:
- Der Cannabisextrakt Nabiximols (Sativex®) für die Behandlung der therapieresistenten mittelschweren oder schweren Spastik bei Multipler Sklerose (MS)
- Das THC-Analogon Nabilon (Canemes®) für die Behandlung von Übelkeit und Erbrechen im Rahmen einer Krebschemotherapie
- Der CBD-Extrakt Epidyolex® für die Begleitbehandlung zu Clobazam bei Kindern ab zwei Jahren bei Krampfanfällen im Zusammenhang mit dem Lennox- Gastaut-Syndrom und dem Dravet-Syndrom
Darüber hinaus sind weitere (nicht zugelassene) Cannabis-basierte Medikamente verschreibungsfähig, darunter Medizinalcannabisblüten mit unterschiedlichen Gehalten an THC und CBD, die Reinsubstanzen THC und CBD sowie Cannabis-Vollspektrum-Extrakte in Tropfenform zur oralen Einnahme.