Therapie bei Neuritis Vestibularis: Ein umfassender Überblick

Die Neuritis Vestibularis, auch bekannt als vestibuläre Neuronitis oder akute unilaterale Vestibulopathie, ist eine Entzündung des Gleichgewichtsnervs (Nervus vestibularis), die zu plötzlichem und starkem Schwindel führt. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die Diagnose und Therapie der Neuritis Vestibularis, basierend auf aktuellem Wissen und den Empfehlungen der S2k-Leitlinie zu vestibulären Funktionsstörungen.

Einführung

Schwindel ist ein subjektives Symptom mit vielfältigen Ursachen. Die Neuritis Vestibularis ist nach dem benignen paroxysmalen Lagerungsschwindel (BPLS) und dem Morbus Menière die dritthäufigste Ursache für peripheren vestibulären Schwindel. Die Aufgabe des HNO-Arztes besteht in der Diagnostik und Therapie peripherer Schwindelsyndrome sowie in der Erfassung differenzialdiagnostischer Aspekte. Die Behandlung von Schwindelsyndromen erfordert einen multidisziplinären Ansatz.

Diagnostik der Neuritis Vestibularis

Die Diagnose der Neuritis Vestibularis ist eine Ausschlussdiagnose und basiert auf einer Kombination aus Anamnese, klinischer Untersuchung und apparativen Tests.

Anamnese

Die Anamnese ist der "Schlüssel" zur Diagnose. Folgende Aspekte sind wichtig:

  • Art des Schwindels: Drehschwindel, oft mit Übelkeit und Erbrechen.
  • Zeitdauer des Schwindels: Plötzlicher Beginn, anhaltend über Tage.
  • Modulierende Faktoren: Verstärkung der Beschwerden bei Kopfbewegungen.
  • Zusätzliche Symptome: Oszillopsien (Scheinbewegungen der Umgebung).

Typischerweise berichtet der Patient von einem plötzlichen Drehschwindel mit starker Übelkeit und Erbrechen. Die Beschwerden werden durch Bewegung verstärkt, sind aber nicht lageabhängig. Wichtig ist, dass keine Hörminderung oder Tinnitus vorliegen.

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Klinische Untersuchung

Die klinische Untersuchung umfasst:

  • HNO-ärztliche Untersuchung: Spiegeluntersuchung, Ohrmikroskopie (reizloser Trommelfellbefund).
  • Neurologische Untersuchung: Reflexstatus, Sensibilitätsprüfung, Romberg-Test, Unterberger-Tretversuch.
  • Nystagmus-Untersuchung: Spontannystagmus (horizontal oder rotatorisch zur gesunden Seite), verstärkt durch die Frenzelbrille.
  • Kopfimpulstest: Pathologisch, zeigt eine Korrektursakkade bei Kopfbewegung zur betroffenen Seite.
  • Vestibulospinale Funktion: Fallneigung zur kranken Seite im Romberg-Test.

Apparative Untersuchungen

  • Elektronystagmographie (ENG) mit kalorischer Prüfung: Zeigt eine Untererregbarkeit des ipsilateralen horizontalen Bogengangs.
  • Video-Kopfimpulstest (vHIT): Quantifiziert die Funktion des vestibulookulären Reflexes (VOR) und zeigt ein Defizit auf der betroffenen Seite.
  • Vestibulär evozierte myogene Potenziale (VEMPs): Überprüfen die Sakkulusfunktion und sind in 30-50% der Fälle pathologisch.
  • Bildgebung (MRT): Bei Hinweisen auf eine zentrale Genese des Schwindels zum Ausschluss von z.B. Kleinhirninfarkten oder Multipler Sklerose.

Differentialdiagnosen

Wichtige Differentialdiagnosen sind:

  • Zentrale Ursachen (Kleinhirninfarkt, Multiple Sklerose)
  • Benigner paroxysmaler Lagerungsschwindel (BPLS)
  • Morbus Menière
  • Akustikusneurinom
  • Vestibuläre Migräne

Therapie der Neuritis Vestibularis

Die Therapie der akuten Neuritis Vestibularis basiert auf drei Prinzipien: symptomatische Therapie, kausale Therapie und Verbesserung der zentralen vestibulären Kompensation.

Symptomatische Therapie

  • Antivertiginosa: Nur in den ersten Tagen bei schwerer Übelkeit und Erbrechen, da sie die zentrale Kompensation verzögern können (z.B. Dimenhydrinat, Ondansetron, Lorazepam).

Kausale Therapie

  • Glukokortikosteroide: Methylprednisolon kann die Erholung der peripheren vestibulären Funktion verbessern, insbesondere bei Therapiebeginn innerhalb von 24-72 Stunden nach Symptombeginn. Eine Äquivalenzdosis von 250 mg Prednisolon/d oral oder i.v. wird empfohlen.

Verbesserung der zentralen vestibulären Komponente

  • Vestibuläres Training: Förderung der zentralen Kompensation durch physikalische Therapie, beginnend so früh wie möglich. Übungen umfassen willkürliche Augenbewegungen, Blickfixation und aktive Kopfbewegungen.

Weitere Therapieansätze

  • Bettruhe: Maximal ein bis zwei Tage bei akutem Drehschwindel.
  • Rehabilitationsprogramm: Mobilisierung mit Schulung der Gleichgewichtsfunktion, Training der Blickfixierung.

Verlauf und Prognose

  • Die Beschwerden klingen nach 2-4 Wochen langsam ab.
  • Die Patienten benötigen oft 1-2 Monate Zeit, bis sie wieder voll arbeitsfähig sind.
  • In 40-50% der Fälle tritt eine vollständige Restitution der Gleichgewichtsfunktion ein.
  • 20-30% der Betroffenen erreichen nur eine partielle Restitution.
  • Rezidive sind selten (ca. 1,9% der Fälle).

Komplikationen

  • Benigner paroxysmaler Lagerungsschwindel (BPLS) in 10-15% der Fälle.
  • Übergang in einen phobischen Schwankschwindel.

Die Rolle der Kommunikation in der Schwindeldiagnostik

Die Anamnese bei Schwindelsyndromen erfordert eine Berücksichtigung aktueller Erkenntnisse der Kommunikation. Aspekte der verbalen und nonverbalen Kommunikation sollten bei der Interaktion ebenso berücksichtigt werden, wie das Gesprächssetting (Raum und Zeitfaktor). Fragebögen sind hilfreich bei der Erfassung von Beschwerden. Ein Ereignisfragebogen ist ein hilfreiches Element im Rahmen der Gesamteinschätzung, vor und nach Interventionen.

Differenzialdiagnostik im Notfall

Die Erkennung neurologischer Störungen (Schlaganfall) steht im Vordergrund der Notfalldiagnostik beim HNO-Arzt. Mit dem HINTS-Test ist der erfahrene Untersucher in der Lage, einen Schlaganfall beim Symptom „Schwindel“ mit hoher Sensitivität und Spezifität nachzuweisen.

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