Morbus Parkinson ist eine fortschreitende neurologische Erkrankung, die das extrapyramidal-motorische System und die Basalganglien betrifft. Obwohl die Pharmakotherapie und die tiefe Hirnstimulation Fortschritte gemacht haben, entwickeln die meisten Patienten im Laufe der Erkrankung Einschränkungen beim Gehen, Gleichgewicht, Sprechen und bei der Feinmotorik. Aktivierende Therapien sind Behandlungsverfahren, die darauf abzielen, Leistungsressourcen durch gezieltes Üben zu aktivieren und die Bewegungskompetenz zu verbessern. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über moderne Strategien zu aktivierenden Therapien bei Parkinson-Syndromen.
Einführung in Morbus Parkinson
Morbus Parkinson, auch bekannt als idiopathisches Parkinson-Syndrom (IPS) oder Parkinson-Krankheit (PK), ist nach Alzheimer die zweithäufigste neurodegenerative Erkrankung in Deutschland. Weltweit sind etwa 6,3 Millionen Menschen betroffen. Die Erkrankung betrifft vor allem ältere Menschen, wobei der Erkrankungsgipfel um das 60. Lebensjahr liegt. Männer sind häufiger betroffen als Frauen.
Ursachen und Symptome
Die Ursachen des IPS sind bis heute nicht vollständig verstanden, es wird jedoch eine multifaktorielle Genese aus Umweltfaktoren, Verhaltenseinflüssen und dem genetischen Hintergrund angenommen. Genetische Formen des IPS sind bei 5-15 Prozent der Patienten zu beobachten.
Die Leitsymptome von Parkinson sind Bradykinese (Bewegungsverlangsamung), Rigor (Muskelsteifigkeit), Tremor (Zittern) und posturale Instabilität (Gleichgewichtsstörungen). Diese Symptome treten oft in Kombination mit sensiblen, vegetativen, psychischen und kognitiven Störungen auf.
Pathophysiologie
Das Beschwerdebild ist auf einen fortschreitenden Verlust von Neuronen in der Substantia nigra und anderen Hirnregionen mit sukzessivem Dopaminmangel zurückzuführen. Degenerieren die Neuronen, kann der Neurotransmitter Dopamin nicht mehr ins Putamen transportiert werden, was zu Bewegungsbeeinträchtigungen führt.
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Diagnose
Neben der Anamnese und der klinischen Untersuchung können bildgebende Verfahren wie die Magnetresonanztomographie (MRT) und die Positronenemissionstomographie (PET) zurDiagnosestellung beitragen. Ein neuer Test, der Alpha-Synuclein Seed Amplification Assay (SAA), ermöglicht es, das Vorhandensein von fehlgefaltetem Alpha-Synuclein individuell mit hoher Genauigkeit zu messen und könnte eine frühe und genaue Diagnose ermöglichen.
Medikamentöse Behandlung von Parkinson
Die medikamentöse Behandlung von Parkinson zielt darauf ab, den Dopaminmangel im Gehirn auszugleichen und die Symptome zu lindern. Es gibt verschiedene Medikamente, die bei der Behandlung von Parkinson eingesetzt werden:
- L-Dopa (Levodopa): L-Dopa ist eine Vorstufe von Dopamin und wird im Gehirn in Dopamin umgewandelt. Es ist sehr wirksam, kann aber nach einigen Jahren Bewegungsstörungen (Dyskinesien) und Wirkungsschwankungen auslösen.
- Dopamin-Agonisten: Dopamin-Agonisten ähneln chemisch dem Botenstoff Dopamin und docken an den gleichen Bindungsstellen (Rezeptoren) der Nervenzellen an wie Dopamin.
- MAO-B-Hemmer: MAO-B-Inhibitoren hemmen das Enzym Mono-Amino-Oxidase-B (MAO-B), das normalerweise Dopamin abbaut.
- COMT-Hemmer: COMT-Inhibitoren blockieren ein Enzym, das Dopamin abbaut (die sogenannte Catechol-O-Methyl-Transferase = COMT).
- Anticholinergika: Anticholinergika hemmen die Wirkung von Acetylcholin im Gehirn und können das Zittern (Tremor) lindern.
- NMDA-Antagonisten: NMDA-Antagonisten blockieren bestimmte Andockstellen von Glutamat im Gehirn und reduzieren so dessen Wirkung.
In der Regel versucht man, den Betroffenen mit einer sogenannten Monotherapie zu helfen. Hilft das nicht oder zu wenig, ist auch eine Kombinationstherapie denkbar.
Pumpentherapien
Bei fortgeschrittener Erkrankung und Wirkungsschwankungen können Medikamentenpumpen eingesetzt werden, die kontinuierlich ein Medikament abgeben. Es gibt zwei Pumpen-Varianten:
- Dünndarm-Pumpen (intestinale Pumpen): Die L-Dopa-Pumpe leitet ein Gel mit den Wirkstoffen Levodopa und Carbidopa über einen dünnen Schlauch direkt in den Dünndarm.
- Subkutane Pumpen: Diese Pumpen verabreichen den Wirkstoff direkt unter die Haut (subkutan).
Operative Verfahren
In bestimmten Fällen kann eine Operation in Betracht gezogen werden, um die Beschwerden bei Parkinson zu lindern. Es gibt zwei unterschiedliche Operationsmethoden:
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- Ablative Verfahren: Bei der Pallidotomie wird das Pallidum, ein kleines Kerngebiet im Gehirn, entfernt.
- Tiefe Hirn-Stimulation (THS): Bei der THS werden kleine Elektroden in bestimmte Bereiche im Gehirn eingesetzt, um die krankhafte Aktivität der Nervenzellen positiv zu beeinflussen.
Aktivierende Therapien: Ein Überblick
Neben der medikamentösen Behandlung spielen aktivierende Therapien eine immer wichtigere Rolle bei der Behandlung von Morbus Parkinson. Diese Therapien zielen darauf ab, die motorischen und nicht-motorischen Symptome der Erkrankung zu lindern und die Lebensqualität der Patienten zu verbessern. Aktivierende Therapien umfassen:
Physiotherapie
Die Physiotherapie ist ein wichtiger Bestandteil der Behandlung von Parkinson. Sie kann dazu beitragen, das Gleichgewicht und die Sicherheit beim Gehen sowie Kraft und Schnelligkeit zu verbessern. Es gibt verschiedene physiotherapeutische Ansätze, die bei Parkinson eingesetzt werden können:
- Gangtraining: Das Gangtraining zielt darauf ab, das Gangbild zu verbessern und Stürze zu vermeiden.
- Gleichgewichtstraining: Das Gleichgewichtstraining hilft, die posturale Stabilität zu verbessern und das Sturzrisiko zu reduzieren.
- Krafttraining: Das Krafttraining stärkt die Muskeln und verbessert die Beweglichkeit.
- LSVT BIG: LSVT BIG ist ein intensives motorisches Trainingskonzept, das darauf abzielt, die Bewegungsamplitude zu vergrößern und die Motorik zu verbessern.
- Münchner Anti-Freezing-Training (MAFT): Das MAFT ist ein spezifisches Training für Patienten mit Freezing of Gait, einer häufigen Gangstörung bei Parkinson.
Evidenz für Physiotherapie
Zahlreiche Studien haben die Wirksamkeit der Physiotherapie bei Parkinson belegt. Die meisten Studien finden sich für die Physiotherapie und weisen eine gute Studienevidenz auf. Eine Meta-Analyse von Tomlinson et al. (2013) zeigte, dass Physiotherapie im Vergleich zu Placebo oder keiner Intervention die motorischen Funktionen und die Lebensqualität von Parkinson-Patienten verbessert.
Ergotherapie
Die Ergotherapie hilft den Patienten, den Alltag mit der Erkrankung besser zu bewältigen und möglichst lange selbstständig zu bleiben. Der Therapeut zeigt dem Betroffenen den Umgang mit bestimmten Hilfsmitteln und passt zusammen mit dem Betroffenen den Wohnraum so an, dass dieser sich besser zurechtfindet.
Logopädie
Die Logopädie ist wichtig bei Sprechstörungen, zum Beispiel bei auffallend monotoner und sehr leiser Sprache oder bei Sprech-Blockaden. Die Logopädie kann dazu beitragen, die Verständlichkeit der Sprache zu verbessern und die Kommunikationsfähigkeit zu erhalten. Es gibt verschiedene logopädische Ansätze, die bei Parkinson eingesetzt werden können:
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- LSVT LOUD: LSVT LOUD ist ein intensives Sprechtraining, das darauf abzielt, die Lautstärke und die Artikulation zu verbessern.
- Lee Silverman Voice Treatment (LSVT): Das LSVT ist eine spezielle Therapie zur Behandlung von Sprech- und Stimmstörungen bei Parkinson.
- Schlucktherapie: Die Schlucktherapie hilft bei Schluckstörungen (Dysphagie), die bei Parkinson häufig auftreten.
Musiktherapie
Die Musiktherapie kann bei Parkinson eingesetzt werden, um die Motorik, die Sprache und die Stimmung zu verbessern. Die Musiktherapie kann dazu beitragen, die Beweglichkeit zu fördern, die Artikulation zu verbessern und depressive Verstimmungen zu lindern.
Weitere aktivierende Therapien
Neben den genannten Therapien gibt es noch weitere aktivierende Therapieansätze, die bei Parkinson eingesetzt werden können:
- Tai Chi: Tai Chi ist eine chinesische Bewegungskunst, die dazu beitragen kann, das Gleichgewicht und die Koordination zu verbessern.
- Tanzen: Tanzen kann die Motorik, die Koordination und die Stimmung verbessern.
- Sport und Bewegung: Regelmäßige sportliche Aktivität kann dazu beitragen, die Symptome von Parkinson zu lindern und die Lebensqualität zu verbessern.
Lebensstil und Selbsthilfe
Neben der medizinischen Behandlung und den aktivierenden Therapien kann das Verhalten der Betroffenen viel zu einer wirksamen Therapie beitragen:
- Offener Umgang mit der Erkrankung: Vielen Menschen mit Parkinson fällt es zunächst sehr schwer, die Erkrankung zu akzeptieren und offen damit umzugehen. Wenn Sie im Freundeskreis, mit Angehörigen und Arbeitskollegen über Ihre Erkrankung sprechen, wird Ihnen das eine schwere Last von den Schultern nehmen.
- Information über die Erkrankung: Informieren Sie sich über die Erkrankung und ihre Behandlungsmöglichkeiten. Je besser Sie informiert sind, desto besser können Sie mit der Erkrankung umgehen.
- Selbsthilfegruppen: Der Austausch mit anderen Betroffenen in Selbsthilfegruppen kann sehr hilfreich sein.
- Regelmäßige Bewegung: Regelmäßige Bewegung ist wichtig, um die Motorik und die Lebensqualität zu erhalten.
- Gesunde Ernährung: Eine gesunde Ernährung kann dazu beitragen, die Symptome von Parkinson zu lindern.
- Stressmanagement: Stress kann die Symptome von Parkinson verschlimmern. Lernen Sie, Stress abzubauen und zu bewältigen.
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