Thioctacid ist ein Medikament, das zur Behandlung von Missempfindungen bei diabetischer Nervenschädigung (Polyneuropathie) eingesetzt wird. Der Wirkstoff Thioctsäure beeinflusst bestimmte Stoffwechselleistungen des Körpers und besitzt antioxidative Eigenschaften, die Nervenzellen vor schädlichen Abbauprodukten schützen. Es gibt verschiedene Darreichungsformen von Thioctacid, darunter Filmtabletten (Thioctacid 600 HR) und Injektionslösungen (Thioctacid 600 T).
Was ist Thioctacid und wie wirkt es?
Der Wirkstoff in Thioctacid, die Thioctsäure (auch Alpha-Liponsäure genannt), ist eine Substanz, die natürlicherweise im Körper vorkommt und an verschiedenen Stoffwechselprozessen beteiligt ist. Sie wirkt als Coenzym bei derDecarboxylierungen von Alpha-Ketosäuren und beeinflusst somit den Energiestoffwechsel. Darüber hinaus hat Thioctsäure antioxidative Eigenschaften. Das heißt, sie kann freie Radikale neutralisieren und somit die Zellen, insbesondere die Nervenzellen, vor Schäden durch oxidative Prozesse schützen. Diese Schutzwirkung ist besonders wichtig bei der Behandlung der diabetischen Polyneuropathie, da erhöhte Blutzuckerwerte zu einer vermehrten Bildung freier Radikale führen können, die wiederum die Nerven schädigen.
Anwendungsgebiete von Thioctacid
Thioctacid wird hauptsächlich zur Behandlung von Missempfindungen bei diabetischer Polyneuropathie eingesetzt. Diese Nervenschädigung tritt häufig bei Menschen mit Diabetes mellitus auf und kann sich durch Symptome wie Kribbeln, Brennen, Schmerzen oder Taubheitsgefühle in den Füßen und Beinen äußern. Thioctacid kann helfen, diese Beschwerden zu lindern und die Nervenfunktion zu verbessern.
Dosierung und Anwendung von Thioctacid
Die Dosierung von Thioctacid ist abhängig von der Darreichungsform und den individuellen Bedürfnissen des Patienten. Es ist wichtig, die Anweisungen des Arztes oder Apothekers genau zu befolgen.
Thioctacid 600 HR (Filmtabletten)
Die übliche Dosis bei Missempfindungen einer diabetischen Polyneuropathie beträgt 1 Filmtablette Thioctacid 600 HR täglich, entsprechend 600 mg Thioctsäure. Die Tablette sollte etwa 30 Minuten vor der ersten Mahlzeit unzerkaut mit ausreichend Flüssigkeit eingenommen werden. Die Einnahme auf nüchternen Magen ist wichtig, da die gleichzeitige Aufnahme von Nahrung die Aufnahme von Thioctsäure in den Blutkreislauf behindern kann.
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Thioctacid 600 T (Injektionslösung)
Die Injektionslösung Thioctacid 600 T wird in der Regel in der Anfangsphase der Behandlung über einen Zeitraum von 2 bis 4 Wochen angewendet. Die tägliche Dosis beträgt 1 Ampulle Thioctacid 600 T, entsprechend 600 mg Thioctsäure. Die Injektion kann unverdünnt in eine Vene gespritzt oder mit physiologischer Kochsalzlösung gemischt als Kurzinfusion verabreicht werden. Die Infusion sollte über einen Zeitraum von mindestens 12 Minuten erfolgen. Da der Wirkstoff lichtempfindlich ist, sollte die Infusionslösung erst kurz vor der Anwendung zubereitet und vor Licht geschützt werden, z. B. mit Alufolie. Nach der initialen Behandlung mit der Injektionslösung kann die Therapie mit 300 mg bis 600 mg Thioctsäure täglich in oraler Tablettenform fortgesetzt werden.
Wichtige Hinweise vor der Einnahme von Thioctacid
Bevor Sie mit der Einnahme von Thioctacid beginnen, sollten Sie einige wichtige Punkte beachten:
- Allergie: Thioctacid darf nicht eingenommen werden, wenn Sie allergisch gegen Thioctsäure oder einen der sonstigen Bestandteile des Arzneimittels sind.
- HLA-Genotyp: Patienten mit einem bestimmten HLA-Genotyp (Humanes Leukozytenantigen-System), der häufiger bei Patienten aus Japan und Korea vorkommt, jedoch auch bei Kaukasiern zu finden ist, sind bei einer Behandlung mit Thioctsäure anfälliger für das Auftreten des Insulinautoimmunsyndroms (einer Störung der blutzuckerregulierenden Hormone mit starkem Absinken der Blutzuckerspiegel).
- Kinder und Jugendliche: Kinder und Jugendliche sind von der Behandlung mit Thioctacid auszunehmen, da keine ausreichenden Erfahrungen für diese Altersgruppe vorliegen.
- Schwangerschaft und Stillzeit: Schwangere und Stillende sollten sich einer Behandlung mit Thioctsäure nur nach sorgfältiger Empfehlung und Überwachung durch den Arzt unterziehen, da bisher keine ausreichenden Erfahrungen mit dieser Patientengruppe vorliegen.
- Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln: Informieren Sie Ihren Arzt oder Apotheker, wenn Sie andere Arzneimittel einnehmen/anwenden, kürzlich andere Arzneimittel eingenommen/angewendet haben oder beabsichtigen, andere Arzneimittel einzunehmen/anzuwenden.
- Die gleichzeitige Anwendung von Thioctacid kann zum Wirkungsverlust von Cisplatin (einem Krebsmittel) führen.
- Thioctsäure geht leicht chemische Verbindungen mit Metallen ein (Metallchelator) und sollte daher nicht gleichzeitig mit Metallverbindungen (z. B. Eisenpräparate, Magnesiumpräparate, Milchprodukte aufgrund des Calciumgehaltes) gegeben werden, da es zu Wirkverlusten kommen kann. Bei Einnahme der gesamten Tagesdosis von Thioctacid 30 Minuten vor dem Frühstück können Eisen- und Magnesiumpräparate mittags oder abends eingenommen werden.
- Die blutzuckersenkende Wirkung von Mitteln gegen Zuckerkrankheit (Insulin bzw. andere Mittel gegen Zuckerkrankheit, die eingenommen werden) kann verstärkt werden. Daher ist insbesondere zu Beginn der Therapie mit Thioctacid eine engmaschige Blutzuckerkontrolle angezeigt. In Einzelfällen kann es zur Vermeidung von Unterzuckerungserscheinungen erforderlich werden, die Insulindosis bzw. die Dosis des Mittels gegen Zuckerkrankheit gemäß den Anweisungen des behandelnden Arztes zu reduzieren.
- Alkohol: Der regelmäßige Genuss von Alkohol stellt einen bedeutenden Risikofaktor für die Entstehung und das Fortschreiten von Krankheiten, die mit Schädigungen der Nerven einhergehen, dar und kann dadurch auch den Erfolg einer Behandlung mit Thioctacid beeinträchtigen. Daher wird Patienten mit diabetischer Nervenschädigung (Polyneuropathie) grundsätzlich empfohlen, den Genuss von Alkohol weitestgehend zu vermeiden. Dies gilt auch für therapiefreie Intervalle.
- Verkehrstüchtigkeit und Fähigkeit zum Bedienen von Maschinen: Thioctacid kann Einfluss auf die Verkehrstüchtigkeit und die Fähigkeit zum Bedienen von Maschinen haben. Falls Nebenwirkungen wie z.B. Schwindel oder andere zentralnervöse Störungen auftreten, sollten Tätigkeiten unterlassen werden, die erhöhte Aufmerksamkeit erfordern - z.B. die Teilnahme am Straßenverkehr und das Bedienen von Maschinen bzw. gefährlichen Werkzeugen.
Mögliche Nebenwirkungen von Thioctacid
Wie alle Arzneimittel kann auch Thioctacid Nebenwirkungen haben, die aber nicht bei jedem auftreten müssen.
Mögliche Nebenwirkungen von Thioctacid 600 HR (Filmtabletten)
- Erkrankungen des Immunsystems: Sehr selten: allergische Reaktionen wie Hautausschlag, Nesselsucht (Urtikaria) und Juckreiz. Häufigkeit nicht bekannt: Störung der blutzuckerregulierenden Hormone mit starkem Absinken der Blutzuckerspiegel (Insulinautoimmunsyndrom).
- Stoffwechsel- und Ernährungsstörungen: Sehr selten: Unterzuckerung (Hypoglykämie).
- Erkrankungen des Nervensystems: Häufig: Schwindelgefühl. Sehr selten: Geschmacksstörungen, Kopfschmerzen, Schwitzen.
- Augenerkrankungen: Sehr selten: Sehstörungen.
- Erkrankungen des Gastrointestinaltrakts (Magen-Darm-Trakt): Häufig: Übelkeit. Sehr selten: Erbrechen, Magen-, Darmschmerzen, Durchfall.
- Allgemeine Nebenwirkungen: Aufgrund einer verbesserten Glukoseverwertung kann sehr selten der Blutzuckerspiegel absinken. Dabei wurden Beschwerden wie bei einer Unterzuckerung mit Schwindel, Schwitzen, Kopfschmerzen und Sehstörungen beschrieben.
Mögliche Nebenwirkungen von Thioctacid 600 T (Injektionslösung)
- Erkrankungen des Blutes und des Lymphsystems: Sehr selten: Störungen der Blutplättchenfunktion und damit der Blutgerinnung (Thrombopathien).
- Erkrankungen des Immunsystems: Nicht bekannt: allergische Reaktionen wie Hautausschlag, Nesselsucht (Urtikaria), Ekzem und Juckreiz; anaphylaktische Reaktionen. Häufigkeit nicht bekannt: Störung der blutzuckerregulierenden Hormone mit starkem Absinken der Blutzuckerspiegel (Insulinautoimmunsyndrom).
- Stoffwechsel- und Ernährungsstörungen: Sehr selten: Unterzuckerung (Hypoglykämie).
- Erkrankungen des Nervensystems: Gelegentlich: Geschmacksstörungen. Sehr selten: Krampfanfälle, Kopfschmerzen, Schwindelgefühl, Schwitzen.
- Augenerkrankungen: Sehr selten: Doppeltsehen, Sehstörungen.
- Erkrankungen des Gastrointestinaltrakts (Magen-Darm-Trakt): Gelegentlich: Übelkeit, Erbrechen.
- Erkrankungen der Haut und des Unterhautzellgewebes: Sehr selten: Hautblutungen (Purpura).
- Allgemeine Erkrankungen und Beschwerden am Verabreichungsort: Sehr selten: Reaktionen an der Injektionsstelle. Häufig treten nach rascher intravenöser Injektion Kopfdruck und Atembeklemmung auf, die spontan abklingen.
- Allgemeine Nebenwirkungen: Aufgrund einer verbesserten Glukoseverwertung kann sehr selten der Blutzuckerspiegel absinken. Dabei wurden Beschwerden wie bei einer Unterzuckerung mit Schwindel, Schwitzen, Kopfschmerzen und Sehstörungen beschrieben.
Sollten Sie eine der oben genannten Nebenwirkungen bei sich beobachten, soll Thioctacid nicht nochmals eingenommen/angewendet werden. Benachrichtigen Sie Ihren Arzt, damit er über den Schweregrad und gegebenenfalls erforderliche weitere Maßnahmen entscheiden kann. Bei den ersten Anzeichen einer Überempfindlichkeitsreaktion ist das Arzneimittel abzusetzen und sofort Kontakt mit einem Arzt aufzunehmen.
Überdosierung von Thioctacid
Bei Überdosierung können Übelkeit, Erbrechen und Kopfschmerzen auftreten. In Einzelfällen wurden bei Einnahme von mehr als 10 g Thioctsäure, insbesondere bei gleichzeitigem starkem Alkoholkonsum, schwere, z. T. lebensbedrohliche Vergiftungserscheinungen beobachtet (wie z. B. generalisierte Krampfanfälle, Entgleisung des Säure-Base-Haushalts mit Übersäuerung des Blutes, schwere Störungen der Blutgerinnung). Deshalb ist bei Verdacht auf eine erhebliche Überdosierung bzw. versehentliche Einnahme von Thioctacid eine unverzügliche Klinikeinweisung und die Einleitung von Maßnahmen nach den allgemeinen Behandlungsgrundsätzen von Vergiftungsfällen erforderlich.
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Aufbewahrung von Thioctacid
Bewahren Sie dieses Arzneimittel für Kinder unzugänglich auf. Sie dürfen dieses Arzneimittel nach dem auf dem Umkarton und dem Behältnis angegebenen Verfalldatum nicht mehr verwenden. Das Verfalldatum bezieht sich auf den letzten Tag des angegebenen Monats.
- Thioctacid 600 HR (Filmtabletten): Nicht über 25ºC lagern.
- Thioctacid 600 T (Injektionslösung): Das Behältnis im Umkarton aufbewahren, um den Inhalt vor Licht zu schützen. Nach Zubereitung ist Thioctacid 600 T vor Lichteinwirkung zu schützen (z. B. mit Alufolie). Eine mit physiologischer Kochsalzlösung hergestellte und lichtgeschützte Infusionslösung ist 6 Stunden haltbar.
Entsorgen Sie Arzneimittel nicht im Abwasser oder Haushaltsabfall. Fragen Sie Ihren Apotheker, wie das Arzneimittel zu entsorgen ist, wenn Sie es nicht mehr verwenden. Sie tragen damit zum Schutz der Umwelt bei.
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