Migräne-Apps: Erfahrungen und Perspektiven für ein besseres Selbstmanagement

Migräne ist eine belastende Erkrankung, die den Alltag vieler Menschen beeinträchtigt. Eine neue Entwicklung im Bereich der digitalen Gesundheitswelt sind Migräne-Apps, die als Selbstmanagement-Tool für Kopfschmerzpatienten dienen und die ärztliche Therapie unterstützen sollen. Dieser Artikel beleuchtet die Erfahrungen mit solchen Apps, insbesondere mit der von der Schmerzklinik Kiel in Kooperation mit der Techniker Krankenkasse (TK) entwickelten Migräne-App, und gibt einen Überblick über ihre Funktionen und Vorteile.

Was ist Migräne?

Viele benutzen das Wort Migräne, wenn sie von ihren Kopfschmerzen sprechen. Migräne ist jedoch mehr als nur ein starker Kopfschmerz. Es handelt sich um eine neurologische Erkrankung, die von einer Vielzahl von Symptomen begleitet sein kann, darunter Übelkeit, Erbrechen, Licht- und Geräuschempfindlichkeit. In Deutschland nimmt im Schnitt jeder zehnte jeden Tag eine Kopfschmerztablette, jeder Zwanzigste leidet täglich an Kopfschmerz. 28 Millionen Frauen und 21 Millionen Männer seien betroffen. Damit sei Kopfschmerz die Volkskrankheit Nummer Eins. Tag für Tag blieben Tausende wegen ihrer Schmerzen der Arbeit fern.

Die Migräne-App der Schmerzklinik Kiel und der TK

Die kostenfreie Migräne-App wird von der Schmerzklinik Kiel in Kooperation mit der Techniker Krankenkasse angeboten. Sie dient als Selbstmanagement-Tool für Kopfschmerzpatienten und soll die ärztliche Therapie unterstützen. Die App bietet verschiedene Funktionen:

  • Ein Tagebuch für die Dokumentation von Migräne-Anfällen und deren Verläufen.
  • Unterstützung bei der Einordnung und Differenzierung von Kopfschmerzarten.
  • Hilfestellung zur frühzeitigen Einleitung von geeigneten Maßnahmen.

Funktionen und Vorteile der Migräne-App

Die Migräne-App bietet eine Vielzahl von Funktionen, die den Umgang mit Migräne erleichtern und das Selbstmanagement fördern können:

  • Dokumentation von Anfällen: Die App ermöglicht es, Migräne-Anfälle und deren Verläufe detailliert zu dokumentieren. Dies hilft, Muster zu erkennen und mögliche Auslöser zu identifizieren.
  • Differenzierung von Kopfschmerzarten: Die App unterstützt bei der Einordnung und Differenzierung von Kopfschmerzarten, was wichtig ist, um die richtige Behandlung zu wählen.
  • Frühzeitige Maßnahmen: Die App gibt Hilfestellung zur frühzeitigen Einleitung von geeigneten Maßnahmen, wie z.B. Achtsamkeits- und Entspannungsübungen, um Symptome zu lindern und den Bedarf an Medikamenten zu reduzieren.
  • Medikamentenmanagement: Die App kann dabei helfen, einen Fehl- und Übergebrauch von Medikamenten zu verhindern, indem sie den Überblick über die Einnahme behält und vor möglichen Risiken warnt.
  • Individuelle Anpassung: Die App ermöglicht es, individuelle Auslöser, Symptome und Behandlungsstrategien zu erfassen und so ein personalisiertes Migräne-Management zu entwickeln.
  • Aura-Simulation: Mit dem aktuellen Update können Nutzer die Migräne mit Aura live in ihrer aktuellen Umgebung erleben. Die App greift auf die Handykamera zu, nach und nach tauchen am Rande des Sichtfeldes flimmernde zickzackförmige Blitze, Schlieren und Schleier auf - eben genau wie bei einer echten Migräne-Aura.

Erfahrungen von Nutzern

Die Erfahrungen von Nutzern mit der Migräne-App sind überwiegend positiv:

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  • Kim, eine 16-jährige Migränepatientin, berichtet, dass ihr die App beim Umgang mit der Krankheit geholfen hat. Sie trägt ihre Anfälle ein und nutzt die Entspannungsprogramme der Anwendung.
  • Bettina Frank, eine Migränepatientin, die bei der Entwicklung der App mitgewirkt hat, betont, dass sie dank der App ihre Schmerzen und Medikamenteneinnahme genau dokumentieren kann. Sie hat ihre Krankheit selbst in der Hand und hat nachweislich weniger Schmerztage im Monat.
  • Jana Walther, Pressereferentin der TK und Migränepatientin, nutzt die neue Funktion der App, um die Migräne mit Aura zu simulieren und so Freunden und Familie zu erklären, was bei einem Anfall passiert.

Nutzer loben die einfache und intuitive Bedienung der App, die übersichtliche Auswertung der Daten und die hilfreichen Informationen. Viele betonen, dass sie durch die App eine bessere Kontrolle über ihre Migräne haben und ihren Arztbesuch besser vorbereiten können.

Die Sprechstunden-Checkliste

Mit dem aktuellen Migräne-Update wird eine Sprechstunden-Checkliste zur Verfügung gestellt. Sie kann direkt über die Übersichtsseite der App durch Patient oder Arzt im Cockpit aufgerufen werden. Hier findet sich die Sprechstunden-Checkliste mit den zusammengefassten Datensätzen für das laufende Jahr und für das Vorjahr. Diese Analyse kann auf Wunsch als Pdf-Formular z.B. Damit kann auch eine Speicherung der Daten in der elektronischen Patientenakte ermöglicht werden.

Die Jahresauswertung zeigt die aggregierten Datensätze für den jeweiligen Monat des Jahres. In den ersten vier Spalten werden verschiedene Kopfschmerzphänotypen differenziert. Spalte A enthält die Tage mit einer Migräneaura, Spalte M die Tage mit einer Migräne, Spalte S die Tage mit einem Kopfschmerz vom Spannungstyp und Spalte U für andere unbestimmte Kopfschmerzformen. Migräne und Kopfschmerz vom Spannungstyp sind für ca. 92% aller Kopfschmerzen in der Bevölkerung verantwortlich. Daher konzentriert sich die Migräne-App auf diese beiden Hauptformen. Sollten andere Kopfschmerzformen, die nicht diesen Phänotypen entsprechen, vorhanden sein, werden sie in der Spalte U, d.h. unbestimmter Typ, subsumiert.

Der Patient gibt die entsprechenden Merkmale im Menü „Schnelleingabe“ ein und dokumentiert auch die Schwere, die Dauer, die Art des verwendeten Akutmedikamentes sowie dessen Effektivität. Gleichzeitig dokumentiert er die Auswirkungen der Kopfschmerzen auf die Arbeitstätigkeit, auf die Tätigkeit im Haushalt sowie auf die Tätigkeit in der Freizeit. Die Migräne-App erfasst dabei progressiv den Grad der Auswirkung auf diese Tätigkeitsfelder. Eine Einschränkung der Tätigkeit um mehr als 50% wird für die Erfassung des Grades der Behinderung durch Kopfschmerzen dokumentiert. Ebenfalls erfasst die Migräne-App, ob die Aktivität durch Kopfschmerzen für den jeweiligen Bereich komplett unmöglich gemacht wird. Betrifft dies die Arbeit, wird ein Tag mit Arbeitsunfähigkeit registriert. Wird die Tätigkeit im Haushalt oder in der Freizeit komplett unmöglich gemacht, wird dies mit 100%iger Beeinträchtigung dokumentiert.

Die Tage der Beeinträchtigung durch die Kopfschmerzen werden pro Monat summiert und in der letzten Spalte als GdBK-Punkte abgebildet, als Grad der Behinderung durch Kopfschmerzen. Somit erhalten Patient und Arzt ein direktes Abbild der für die Kopfschmerzen bedingte Behinderung im jeweiligen Monat. Dieser Score wird analog zum MIDAS-Score errechnet. Im Unterschied zum MIDAS-Score werden die Daten jedoch fortlaufend prospektiv erhoben, so dass die Verlässlichkeit deutlich höher anzusehen ist.

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Hinweise zur Anwendung

Die Migräne-App alleine reicht natürlich nicht aus und soll keinesfalls eine ärztliche körperliche Untersuchung oder die ausführliche Erhebung der Vorgeschichte und Ihrer gesundheitlichen Situation ersetzen. Eine umfassende Diagnostik und langfristig erfolgreiche Behandlung erfordern dies unbedingt.

Die Nutzung der Migräne-App erfordert einen geschulten Patienten, der seine Kopfschmerzform im Alltag differenzieren kann. Da auch der Patient im Alltag wissen muss, bei welcher Kopfschmerzform er welche Akuttherapie oder sonstige Behandlungsmaßnahmen einsetzt, ist die Unterscheidung des Kopfschmerzphänotyps für ein professionelles Behandlungsgeschehen Voraussetzung. Daher muss die Migräne-App auch nicht sämtliche Merkmale des Kopfschmerzphänotyps für jeden Anfall prospektiv abfragen, da diese Entscheidung durch den Patienten getroffen wird.

Weitere Aspekte der Migränebehandlung

Neben der Nutzung von Migräne-Apps gibt es weitere wichtige Aspekte der Migränebehandlung:

  • Ernährung: Eine ausgewogene und kohlenhydratreiche Ernährung kann helfen, Migräneanfälle zu reduzieren. Migräne-Patienten haben nachweislich einen überdurchschnittlich hohen Energiebedarf im Gehirn. Grund ist das Nervensystem, welches Informationen extrem schnell verarbeitet.
  • Entspannung: Entspannungsübungen wie Yoga oder progressive Muskelentspannung können helfen, Stress abzubauen und Migräne vorzubeugen.
  • Medikamente: In vielen Fällen ist eine medikamentöse Behandlung notwendig, um Migräneanfälle zu lindern oder zu verhindern.
  • Regelmäßiger Tagesablauf: Ein organisierter Tagesablauf kann helfen, Reizüberflutungen vorzubeugen und Migräneanfälle zu reduzieren.
  • Austausch mit anderen Betroffenen: Der Austausch mit anderen Migränepatienten kann hilfreich sein, um Erfahrungen zu teilen und Unterstützung zu finden.

Migräne und Schlaganfall

Eine wichtige Rolle kann die Migräne-App auch in der Schlaganfall-Versorgung spielen. Indem man diese Funktion Patienten vorspiele, ließen sich bis zu 20 Prozent der mit Verdacht auf Schlaganfall eingelieferten Menschen als Migräne-Patienten identifizieren.

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