Die Nachricht, dass die eigene Tochter sich in ein Mädchen verliebt hat, kann Eltern vor unerwartete Herausforderungen stellen. Viele Mütter und Väter reagieren zunächst ratlos oder überfordert, besonders wenn sie sich zuvor wenig mit dem Thema Homosexualität auseinandergesetzt haben oder andere Vorstellungen für die Zukunft ihrer Kinder hatten. Dieser Artikel soll Hilfestellung geben, wie Eltern mit dieser Situation umgehen können, um ihre Tochter bestmöglich zu unterstützen und eine weiterhin vertrauensvolle Beziehung zu pflegen.
Der erste Schock und die Verwirrung
"Ratlos… Die beiden sind zusammen. Im ersten Moment war ich sprachlos", so beschreibt eine Mutter ihre erste Reaktion, als sie von der Beziehung ihrer Tochter zu einem Mädchen erfuhr. Es ist verständlich, dass solche Neuigkeiten zunächst Verwirrung auslösen können, besonders wenn die Tochter zuvor Beziehungen mit Männern hatte. "Aber mein Mädchen… ich bin ziemlich verwirrt… Jasmin, meine Tochter, hatte schon Beziehungen mit Männern", erzählt die Mutter. In solchen Momenten ist es wichtig, sich Zeit zu nehmen, um die eigenen Gefühle zu sortieren und zu reflektieren.
Offene Kommunikation als Schlüssel
Ein offenes Gespräch mit der Tochter ist entscheidend, um ihre Beweggründe und Gefühle zu verstehen. "Als ich sie gefragt hab, was das nun zu bedeuten hat, hat sie einfach nur gesagt…", berichtet die Mutter. Es ist wichtig, der Tochter zuzuhören, ohne zu urteilen oder Vorwürfe zu machen. Zeigen Sie Interesse an ihren Erfahrungen und Gefühlen, auch wenn Sie diese nicht sofort nachvollziehen können. Erklären Sie Ihrer Tochter, dass Sie mit dieser Situation erst umgehen lernen müssen und vielleicht auch von bewussten und unbewussten Erwartungshaltungen Abschied nehmen müssen.
Akzeptanz und Unterstützung
Die Akzeptanz der sexuellen Orientierung der Tochter ist von großer Bedeutung für ihr Selbstwertgefühl und ihre psychische Gesundheit. "Ich denke mir doch einfach sei froh das du ein gesundes kind hast, der rest ist doch ganz egal!", rät eine andere Mutter. Signalisieren Sie Ihrer Tochter, dass Ihre Liebe und Wertschätzung unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung sind. "Zeig ihr das sich euer Verhältnis nicht ändert und sie für dich genauso viel ist wie bisher. Dann weiß sie das du für sie da bist und dich damit nicht verschreckt", so ein weiterer Ratschlag.
Umgang mit der Freundin der Tochter
Behandeln Sie die Freundin Ihrer Tochter genauso, wie Sie es bei einem männlichen Partner tun würden. "Grundsätzlich kann ich mich meinen Vorrednern nur anschließen: gehe mit Marie um, wie du mit jedem Freund deiner Tochter umgegangen wärst. Versuche offen zu sein", empfiehlt eine Ratgeberin. Laden Sie sie zu sich nach Hause ein, zeigen Sie Interesse an ihrer Person und ihren Interessen. Dies signalisiert Ihrer Tochter, dass Sie ihre Beziehung akzeptieren und wertschätzen.
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Eigene Unsicherheiten und Ängste
Es ist normal, dass Eltern Unsicherheiten und Ängste haben, wenn ihr Kind sich outet. "Ich weiss nun gar nicht wie ich mit ihr umgehen soll und auch mit Marie…", gesteht eine Mutter. Sprechen Sie offen über Ihre Gefühle, sowohl mit Ihrer Tochter als auch mit anderen Vertrauenspersonen. Es kann hilfreich sein, sich mit anderen Eltern auszutauschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Auch Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen können wertvolle Unterstützung bieten.
Coming-out: Ein Prozess in zwei Schritten
Ein Coming-out ist in der Regel kein einzelnes Ereignis, sondern ein Prozess, der klassischerweise zwei Schritte umfasst. Dabei geht es zum einen darum, sich der eigenen sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität bewusst zu werden. Der Begriff des inneren Coming-outs bezeichnet dabei den Prozess der persönlichen Auseinandersetzung und Bewusstwerdung. Das kann sehr schnell gehen oder auch mehrere Jahre dauern und ist individuell sehr verschieden. Am Ende dieses Prozesses entsteht ein Bild davon, wie man Anziehung empfindet, zu welchem Geschlecht oder auch zu welchen Geschlechtern man sich hingezogen fühlt und auch davon, wie man sich selbst in Sachen Geschlechtsidentität versteht. Das innere Coming-out durchläuft Ihr Kind in der Regel in der Pubertät.
Beim äußeren Coming-out informiert man andere Menschen über die sexuelle Orientierung oder geschlechtliche Identität. Das heißt: Ihr Kind vertraut sich Ihnen an. Einige Menschen gehen sehr offen mit ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer Geschlechtsidentität um. Andere »outen« sich nur in bestimmten Lebensbereichen. Und wieder andere verzichten ganz auf ein äußeres Coming-out. Manchmal werden Menschen allerdings auch unfreiwillig von anderen geoutet.
Sich zu outen, betrifft vor allem homo- und bisexuelle, pan- und asexuelle sowie trans* oder nicht-binäre* Menschen. Aber auch inter* Personen outen sich zum Beispiel. Und auch heterosexuelle und cis* Jugendliche werden sich irgendwann ihrer sexuellen Orientierung und Geschlechtsidentität bewusst. Aber da ihre Bewusstwerdung der allgemeinen Erwartung entspricht, müssen sie sich meistens nicht erklären oder eben outen. Denn Heterosexualität und Cis*-Sein wird oft als selbstverständlich, als der »Normalfall« angesehen. Menschen, die sich (auch) zu Personen des eigenen Geschlechts hingezogen fühlen, keine oder kaum sexuelle Anziehung empfinden oder die ihr Geschlecht anders empfinden als von außen angenommen, müssen sich daher in vielen Situationen entscheiden: Stellen sie diese - für sie nichtzutreffende - Annahme richtig oder nicht?
Wertschätzende Reaktionen auf das Coming-out
Wenn Ihr Kind sich Ihnen anvertraut, ist es wichtig, wertschätzend zu reagieren. Hier sind einige Beispiele für Sätze, die Sie sagen können:
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- »Danke, dass du mir vertraust und mit mir darüber sprichst. Das bedeutet mir sehr viel.«
- »Ich bin stolz auf dich, dass du den Mut aufbringst. Ich hoffe, es ist eine Erleichterung für dich, dass du es mir erzählt hast.«
- »Sag mir Bescheid, wenn ich dich unterstützen kann. Ich bin immer für dich da.«
- »Ich hoffe, du weißt das bereits: Ich mag dich, so wie du bist, und das ändert daran überhaupt nichts.«
Diese Sätze mögen selbstverständlich erscheinen, sind aber für Ihr Kind von großer Bedeutung.
Umgang mit Vorstellungen und Erwartungen
Eltern haben oft Vorstellungen und Wünsche über die Zukunft ihrer Kinder. Diese werden nun vielleicht in Frage gestellt. Betrachten Sie, welche Gefühle bei Ihnen da sind und wie sie sich verändert haben. Hier kann auch ein offenes Gespräch mit Ihrem Kind oder auch mit anderen Ihnen nahestehenden Personen helfen. Achten Sie aber auf die persönlichen Grenzen Ihres Kindes - ihm wird sicher wichtig sein, selbst entscheiden zu können, wer von seiner sexuellen Orientierung oder seiner Geschlechtsidentität erfahren soll und wer nicht.
Auch das Umfeld Ihres Kindes hat Vorstellungen und Erwartungen. Oft sind sie stark von einem heteronormativen Weltbild geprägt. Damit ist die Annahme gemeint, dass Heterosexualität und Cisgeschlechtlichkeit die Norm bilden. Hier sind Sie doppelt gefordert. Denn Sie müssen versuchen, Ihr Kind glaubhaft gegen die Skepsis und manchmal sogar gegen das Unverständnis anderer zu schützen. Und zugleich hadern Sie vielleicht auch selbst noch mit dem Coming-out Ihres Kindes.
Wenn Sie Zeit brauchen, um sich mit der neuen Situation auseinanderzusetzen, sprechen Sie mit Ihrem Kind offen darüber. Es wird Sie wahrscheinlich verstehen können. Und es wird Ihnen sicher auch Fragen beantworten. Vorausgesetzt, Sie zeigen echtes Interesse und Offenheit. Wenn Ihr Kind dazu nicht bereit ist, sollten Sie das respektieren und Informationsangebote nutzen oder sich an eine Beratungsstelle wenden. Das ist in Ordnung und kommt oft vor! Geben Sie sich Zeit, das Coming-out zu verarbeiten und informieren Sie sich, was die sexuelle Orientierung oder die Geschlechtsidentität Ihres Kindes bedeutet. Interessieren Sie sich für Ihr Kind und wie es sich und sein Umfeld erlebt. Seien Sie offen und fragen Sie nach, was Ihr Kind von Ihnen braucht. Respektieren Sie die Wünsche Ihres Kindes, wenn es etwa mit anderen Pronomen beschrieben und auch mit einem anderen Namen angesprochen werden möchte. Je mehr Sie diese nutzen, desto schneller werden Sie sie ganz automatisch verwenden.
Die erste Liebe: Loslösung von den Eltern
Wenn Jugendliche eine Beziehung eingehen, ist das ein wichtiges sichtbares Zeichen für die Loslösung von den Eltern. Dann gehen Jugendliche auch emotional eigene Wege. Väter haben oft Angst vor dem Verlust der Tochter. Sie neigen zu Eifersucht. Auf jeden Fall ist ihr Blick auf den Freund, den jungen Konkurrenten, kritisch. Hat dagegen der Sohn seine erste Freundin, beobachten Väter das oft mit einem gewissen Stolz und gehen wohlwollend auf das Mädchen zu.
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Bei der Mutter kommt es darauf an, welche eigenen Erfahrungen sie hat: Ist es ihr gut gegangen als junge Verliebte, wirft sie einen positiven Blick zurück und freut sich mit der Tochter. Oder aber sie möchte sie vor unangenehmen Erfahrungen beschützen und reagiert ängstlich auf die neue Situation, spricht Verbote aus, will den Kontakt zum Freund reglementieren. Die Freundin eines Sohnes erleben Mütter entweder als weibliche Bereicherung der Familie oder als Konkurrentin. Entsprechend wird sie aufgenommen, oder es wird versucht, sie auf Distanz zu halten.
Beide Eltern spüren bei der ersten Liebe ihrer Kinder den anstehenden Generationswechsel, weshalb sie oft mit ein bisschen Wehmut, vielleicht sogar Neid auf das junge Paar blicken. Ohne Probleme gönnen - das können Eltern dann am besten, wenn ihre eigene Beziehung gut ist. Dann sehen sie die Chance, wieder mehr als Paar und weniger als dauerverantwortliche Eltern zu leben.
Sorgen um das Kind
Wenn Eltern sehen, dass eine Beziehung ihrem Kind nicht gut tut, belastet sie das natürlich. Viele machen sich Sorgen, wenn der Partner sehr viel älter ist oder aus einem anderen Lebensumfeld kommt. Die Befürchtung, dass so eine Beziehung unausgewogen ist, Jugendliche überfordern kann, ist nicht unbegründet. Auf keinen Fall sollten sie den Partner abwerten oder Verbote aussprechen. Elterliche Ablehnung führt bei Jungverliebten oft zu einem stärkeren Zusammenhalt. Wirkungsvoller ist es, von persönlichen Gefühlen und Erfahrungen zu berichten. Zu erzählen, was in den eigenen Beziehungen schön und was belastend war. Und in ehrlichen Worten die eigenen Bedenken zu formulieren, ohne Vorschriften zu machen. Pubertierende Heranwachsende reiben sich an ihren Eltern, sie hängen aber auch noch an ihnen und hören mehr auf sie, als sie zugeben.
Sexualität als Thema
Mit der Liebe wird auch Sexualität ein wichtiges Thema. Sie sollten sich in allen Bereichen offen halten für das, was ihr Kind besprechen will. Dann kann es auch mit Fragen zur Sexualität zu ihnen kommen. Tut es das nicht, ist es kein Zeichen für mangelndes Vertrauen: Den meisten Jugendlichen ist es peinlich, mit den Eltern über Sex zu reden. Die sollten sich dann auch nicht aufdrängen. Eine offene, sachliche Information über Verhütung zum Beispiel oder den Schutz vor HIV ist aber mit Beginn der Geschlechtstreife wichtig und sinnvoll. Dabei kann man dann auch ansprechen, dass Sex bei aller angebrachten Vorsicht vor allem Spaß macht.
Der Altersunterschied in Beziehungen
Ein weiterer Aspekt, der Eltern beschäftigen kann, ist der Altersunterschied zwischen der Tochter und ihrer Freundin. "Außerdem frage ich mich ob es okay ist, dass meine 17 jährige eine Beziehung zu einer 22 Jährigen hat", fragt sich eine Mutter. Hier ist es wichtig, die individuelle Reife und Persönlichkeit beider Partnerinnen zu berücksichtigen. Ein Altersunterschied von fünf Jahren muss nicht zwangsläufig problematisch sein, solange beide Partnerinnen auf Augenhöhe miteinander umgehen und die Beziehung für beide Seiten bereichernd ist.
Vorurteile und Diskriminierung
Eltern machen sich oft Sorgen, wenn ihr Kind homosexuell ist. Und zwar nicht, weil sie intolerant wären, sondern weil die Gesellschaft es solchen Menschen nach wie vor schwer macht. Viele gleichgeschlechtliche Paare wagen es nicht, in der Öffentlichkeit Händchen zu halten aus Angst, von schlichten Gemütern angepöbelt oder sogar tätlich angegangen zu werden. Das ist leider immer noch Alltag. Ich hätte da auch Sorge um mein Kind, seine Sicherheit und auch sein Akzeptiertwerden.
Unterstützung und Engagement
Engagieren Sie sich für die Rechte von Homosexuellen und setzen Sie sich gegen Diskriminierung ein. "Ich engagiere mich dafür, dass sie keine Heirat zweiter Klasse bekommt. Wenn sie Kinder haben möchte, finde ich das toll. Kinder brauchen Liebe und eine starke Bezugsperson. Ob das nun eine alleinerziehende Mutter ist, zwei Väter, eine Patchworkfamilie oder zwei Mütter - ist doch egal!", betont eine Mutter. Zeigen Sie Ihrer Tochter, dass Sie stolz auf sie sind und sie in allen Lebensbereichen unterstützen.
Fazit
Die Nachricht, dass die eigene Tochter sich in ein Mädchen verliebt hat, kann Eltern zunächst vor Herausforderungen stellen. Mit offener Kommunikation, Akzeptanz und Unterstützung können Eltern jedoch dazu beitragen, dass ihre Tochter selbstbewusst und glücklich ihren Weg geht. Es ist wichtig, sich mit den eigenen Gefühlen auseinanderzusetzen, sich zu informieren und sich gegebenenfalls Unterstützung zu suchen. Die Liebe und Wertschätzung der Eltern sind für das Kind von unschätzbarem Wert, unabhängig von seiner sexuellen Orientierung.