Eine Hemiparese, auch Halbseitenlähmung genannt, ist eine motorische Beeinträchtigung, bei der eine Körperhälfte geschwächt oder gelähmt ist. Sie tritt als Folge einer Schädigung des Gehirns auf, beispielsweise durch einen Schlaganfall, einen Unfall oder eine Verletzung. Die Behandlung der Hemiparese zielt darauf ab, die motorischen Fähigkeiten wiederherzustellen, die Unabhängigkeit im Alltag zu fördern und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.
Ursachen und Auswirkungen der Hemiparese
Die Hemiparese kann verschiedene Ursachen haben, wobei ein Schlaganfall die häufigste ist. Durchblutungsstörungen im Gehirn führen zu einer Unterversorgung mit Sauerstoff, was die Nervenzellen schädigt und eine Halbseitenlähmung verursachen kann. Weitere mögliche Ursachen sind:
- Schlaganfall: Eine plötzliche Unterbrechung der Blutversorgung des Gehirns.
- Hirnverletzungen: Schädel-Hirn-Trauma durch Unfälle oder Stürze.
- Hirninfektionen: Entzündungen des Gehirns oder der Hirnhäute.
- Angeborene Fehlbildungen: Seltene Fälle, in denen eine Gehirnhälfte nicht vollständig entwickelt ist.
Die Auswirkungen der Hemiparese können vielfältig sein und hängen vom Ausmaß und der Lokalisation der Hirnschädigung ab. Typische Symptome sind:
- Bewegungsstörungen: Schwierigkeiten beim Gehen, Greifen oder anderen alltäglichen Bewegungen.
- Koordinationsprobleme: Unsicherheit und Schwierigkeiten bei der Ausführung koordinierter Bewegungen.
- Spastik: Erhöhte Muskelspannung, die zu Steifheit und eingeschränkter Beweglichkeit führt.
- Sensibilitätsstörungen: Taubheitsgefühle, Kribbeln oder Schmerzen in der betroffenen Körperhälfte.
- Sprachstörungen: Schwierigkeiten beim Sprechen oder Verstehen von Sprache (Aphasie).
- Kognitive Beeinträchtigungen: Gedächtnis-, Aufmerksamkeits- oder Konzentrationsprobleme.
Therapieansätze bei Hemiparese
Die Behandlung der Hemiparese erfordert einen multidisziplinären Ansatz, der verschiedene Therapieformen kombiniert. Ziel ist es, die motorischen Fähigkeiten wiederzuerlangen, die Selbstständigkeit im Alltag zu verbessern und Komplikationen zu vermeiden. Zu den wichtigsten Therapieansätzen gehören:
Physiotherapie
Die Physiotherapie spielt eine zentrale Rolle bei der Behandlung der Hemiparese. Sie umfasst verschiedene Übungen und Techniken, die darauf abzielen, die Muskelkraft, die Beweglichkeit, die Koordination und das Gleichgewicht zu verbessern. Zu den häufig angewendeten Methoden gehören:
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- Bobath-Konzept: Ein ganzheitlicher Ansatz, der darauf abzielt, normale Bewegungsmuster wiederherzustellen und Spastik zu reduzieren.
- Perfetti-Methode: Ein Ansatz, der die Wahrnehmung und die sensomotorische Kontrolle verbessert, um die Bewegungsqualität zu optimieren.
- Manuelle Therapie: Spezielle Handgriffe, die Gelenkblockaden lösen und die Beweglichkeit verbessern.
- Gangtraining: Übungen, die das Gehen verbessern und die Sicherheit erhöhen.
- Krafttraining: Übungen zur Stärkung der geschwächten Muskeln.
- Koordinationstraining: Übungen zur Verbesserung der Koordination und des Gleichgewichts.
Es ist wichtig, auf assoziierte Reaktionen zu achten und angemessen darauf zu reagieren, da diese die neu erlernten Bewegungsmuster pathologisch bahnen können. Assoziierte Reaktionen sind Reflexe und somit der willkürlichen Kontrolle des Patienten entzogen. Sie zeigen sich auf der betroffenen und der nicht betroffenen Seite des Patienten und entstehen bei Überanstrengung.
Weitere Pathologien, die bei Hemiparese auftreten können, sind:
- Abnorme Reaktion auf Dehnung: Erhöhter Widerstand gegen passive Mobilisation.
- Abnorme Bewegungsschemata: Große Bewegungsmuster mit viel Körpereinsatz.
- Abnorme Irradiation: Unphysiologische und unwillkürliche Bewegungen über den Körperabschnitt hinaus.
- Rekrutierungsdefizit motorischer Einheiten: Der Patient kann nicht alle motorischen Einheiten reguliert abrufen.
Ergotherapie
Die Ergotherapie konzentriert sich darauf, die Selbstständigkeit des Patienten im Alltag zu fördern. Ergotherapeuten helfen den Betroffenen, alltägliche Aufgaben wie Essen, Anziehen, Waschen und Kochen trotz der Hemiparese zu bewältigen. Sie passen die Umgebung an die Bedürfnisse des Patienten an und setzen Hilfsmittel ein, um die Selbstständigkeit zu erhöhen. Zu den ergotherapeutischen Maßnahmen gehören:
- Training von Alltagsaktivitäten: Übungen zur Verbesserung der Fähigkeiten in alltäglichen Aufgaben.
- Anpassung der Umgebung: Veränderungen im Wohnraum, die die Selbstständigkeit erleichtern.
- Hilfsmittelberatung: Empfehlungen für Hilfsmittel, die die Selbstständigkeit unterstützen.
- Handtherapie: Spezielle Übungen zur Verbesserung der Handfunktion.
Es sollte darauf geachtet werden, dass die Bewegungen physiologisch durchgeführt werden.
Logopädie
Wenn die Hemiparese mit Sprachstörungen (Aphasie) einhergeht, ist eine logopädische Behandlung erforderlich. Logopäden helfen den Patienten, ihre Sprachfähigkeiten wiederzuerlangen oder zu verbessern. Sie arbeiten an der Artikulation, dem Wortschatz, dem Sprachverständnis und der Kommunikationsfähigkeit.
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Musiktherapie
Die Musiktherapie kann bei der Behandlung der Hemiparese auf verschiedene Weise eingesetzt werden.
- Musikunterstütztes Training: Kann bei Schlaganfallpatienten mit Hemiparese die Feinmotorik verbessern. Der Patient macht dabei selbst Musik, er trommelt und spielt Klavier - und zwar mit der bewegungseingeschränkten Hand. Durch den erklingenden Ton erhält der Patient eine direkte Rückmeldung dazu, wie gut seine Bewegung geglückt ist. Bei Menschen, die Klavierspielen lernen, kommt es zu einer automatischen Kopplung der neuronalen Netzwerke, die für die Sensomotorik und das Hören zuständig sind.
- Aktive Musiktherapie: Dabei wird Musik nicht zur Verbesserung der Feinmotorik genutzt, sondern als Ausdrucksmittel für Emotionen. Der Patient wird bei der aktiven Musiktherapie dazu ermuntert, »seinen Gefühlen durch Geräusche, Töne, Rhythmen und Musik Ausdruck zu verleihen. Passt sich ein Mensch anderen an oder fällt ihm diese Art der Unterordnung schwer? Solche Persönlichkeitseigenschaften können in der Musiktherapie offengelegt und bearbeitet werden. Bei der aktiven Musiktherapie werden Instrumente wie Klavier, Xylophon, Trommeln oder Schlagzeug verwendet, die Patienten auch ohne Vorkenntnisse zur Klangerzeugung nutzen können. In Einzel- oder Gruppentherapie improvisieren sie darauf zusammen mit dem Therapeuten, der die Beiträge der Patienten zur gemeinsamen Improvisation für seine therapeutische Arbeit nutzt.
- Rezeptive Musiktherapie: Hier steht das Hören von Musik im Vordergrund.
Weitere Therapieansätze
Neben den genannten Therapieformen können auch andere Ansätze bei der Behandlung der Hemiparese hilfreich sein:
- Spiegeltherapie: Der Patient bewegt den gesunden Arm oder das gesunde Bein vor einem Spiegel, wodurch im Gehirn der Eindruck entsteht, dass sich die gelähmte Extremität bewegt. Dies kann die motorische Erholung fördern.
- Mentales Training: Der Patient stellt sich die Bewegung der gelähmten Extremität vor, ohne sie tatsächlich auszuführen. Dies kann die neuronalen Verbindungen im Gehirn stärken und die motorische Erholung unterstützen.
- Funktionelle Elektrostimulation (FES): Durch elektrische Impulse werden die gelähmten Muskeln stimuliert, um eine Bewegung auszulösen. Dies kann die Muskelkraft und die Beweglichkeit verbessern.
- Botulinumtoxin-Injektionen: Bei Spastik können Injektionen mit Botulinumtoxin die Muskelspannung reduzieren und die Beweglichkeit verbessern.
Hilfsmittel für Patienten mit Hemiparese
Es gibt eine Vielzahl von Hilfsmitteln, die Patienten mit Hemiparese im Alltag unterstützen können:
- Rollstühle und Scooter: Ermöglichen die Fortbewegung bei Gehschwierigkeiten. Ein individuell angepasster Rollstuhl kann die Funktion der Beine quasi ersetzen. Es gibt verschiedene Rollstuhl-Modelle, zu denen Sie sich im Sanitätshaus beraten lassen können. Beim Beratungsgespräch werden die persönlichen Ziele herausgearbeitet, sowie der gewünschte Komfort und die Anforderungen des Umfelds. Neben dem leichten und wendigen Aktiv-Rollstuhl gibt es den Multifunktions-Rollstuhl mit besonders vielen Einstellungsmöglichkeiten. Für Personen ab 15 Jahren ist ein Scooter ein wertvolles Hilfsmittel, um die Mobilität im Alltag zu steigern und eine aktive Teilnahme am Leben zu ermöglichen. Da sie zur Kategorie der Krankenfahrstühle gehören, dürfen Sie einen E-Scooter ohne Führerschein fahren.
- Treppenlifte und Treppensteiger: Erleichtern das Überwinden von Treppen. Ein Treppenlift ist mit einem vorhandenen Sitzteil fest an der Treppe installiert. Ein Steiger ist transportabel und kann somit auch an anderen Treppen genutzt werden, indem er an den Rollstuhl montiert wird. Einen Treppenlift können Sie selber steuern, während ein Treppensteiger von einer Begleitperson bedient werden muss.
- Orthesen und Schienen: Stabilisieren Gelenke und unterstützen die Bewegung. Einschränkungen in der Hand lassen sich durch Schienen oder funktionelle Elektrostimulation verbessern.
- Anpassungen im Wohnraum: Erleichtern die Bewältigung des Alltags.
- Spezielle Essbestecke und Anziehhilfen: Erleichtern die Nahrungsaufnahme und das Anziehen.
Herausforderungen und Bewältigungsstrategien
Die Hemiparese stellt Betroffene und ihre Angehörigen vor große Herausforderungen. Neben den körperlichen Einschränkungen können auch psychische Belastungen wie Depressionen, Angstzustände oder soziale Isolation auftreten. Es ist wichtig, sich professionelle Hilfe zu suchen, um diese Herausforderungen zu bewältigen.
Bewältigungsstrategien für Patienten mit Hemiparese:
- Akzeptanz der Erkrankung: Die Auseinandersetzung mit der Hemiparese und die Akzeptanz der Veränderungen im Leben sind wichtige Schritte zur Bewältigung.
- Realistische Ziele setzen: Kleine, erreichbare Ziele helfen, die Motivation aufrechtzuerhalten und Erfolgserlebnisse zu schaffen.
- Unterstützung suchen: Der Austausch mit anderen Betroffenen, die Teilnahme an Selbsthilfegruppen oder die Inanspruchnahme psychologischer Beratung können helfen, mit den emotionalen Belastungen umzugehen.
- Soziale Kontakte pflegen: Die Aufrechterhaltung sozialer Kontakte und die Teilnahme an Freizeitaktivitäten können der sozialen Isolation entgegenwirken.
- Gesunde Lebensweise: Eine gesunde Ernährung, ausreichend Bewegung und ausreichend Schlaf können das Wohlbefinden verbessern und die Genesung unterstützen.
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