Topiramat bei Migräne: Wirkungsweise, Anwendung und mehr

Topiramat ist ein Antikonvulsivum, das ursprünglich zur Behandlung von Epilepsie entwickelt wurde. Es hat sich jedoch auch als wirksam bei der Migräneprophylaxe erwiesen. Dieser Artikel beleuchtet die Wirkungsweise von Topiramat bei Migräne, seine Anwendung, Nebenwirkungen und andere wichtige Aspekte.

Antikonvulsiva: Mehr als nur Epilepsie

Antikonvulsiva sind eine vielfältige Gruppe von Medikamenten, die sich chemisch, pharmakologisch und toxikologisch stark unterscheiden. Ursprünglich für die Behandlung von Epilepsie entwickelt, finden sie heute auch in vielen anderen Bereichen Anwendung, oft auch in Form von Off-Label-Anwendungen. Verschiedene Leitlinien zeigen positive Empfehlungen für ihren Einsatz auf, insbesondere dort, wo alternative Therapieoptionen begrenzt sind und Symptomlinderung erzielt werden kann.

Historischer Überblick

Der Ursprung der Antikonvulsiva liegt vor mehr als einem Jahrhundert mit der Einführung des ersten Antikonvulsivums, Phenobarbital. Seitdem wurden zahlreiche neue Wirkstoffe entwickelt und zugelassen.

Wirkungsweise von Antikonvulsiva

Die Wirkungsweise der Antikonvulsiva beruht auf der Inhibition neuronaler Entladungen, wobei die Reizweiterleitung sowohl im peripheren als auch im zentralen Nervensystem reduziert wird. Antikonvulsiva lassen sich aufgrund zweier unterschiedlicher Wirkungsmechanismen unterteilen: Substanzen mit Wirkung an glutamatergen Synapsen („anti-exzitatorisch“) und an GABAergen Synapsen („inhibitorisch“).

Modulatoren der GABAergen Signalleitung wie Lorazepam, Diazepam oder Alprazolam finden eher Anwendung in der Anxiolyse, beispielsweise bei Myokardinfarkten, vor Operationen oder in psychiatrischen Notfällen. Antikonvulsiva mit Wirkung auf glutamaterge Neuronen wie Carbamazepin, Lamotrigin, Topiramat, Pregabalin, Gabapentin oder Valproinsäure werden eher als Stimmungsstabilisatoren, in der Schmerztherapie als Koanalgetika und in der Migräneprophylaxe eingesetzt.

Lesen Sie auch: Topiramat bei Migräne

Topiramat bei Migräne

Topiramat eignet sich nicht für akute Migräneattacken, sondern ausschließlich zur Rezidivprophylaxe der Migräne. Ihre Wirkung entfaltet sich erst nach etwa zweimonatiger regelmäßiger Einnahme. Der Wirkungsmechanismus wird mit der Blockade von Calcium- und Natriumkanälen und verstärkte Hemmung und dadurch Modulation der Neurotransmitter-Freisetzung diskutiert. Des Weiteren wird vermutet, dass Antikonvulsiva die Cortical Spreading Depression, eine sich langsam über den Cortex ausbreitende Depolarisationswelle, bei Migränepatienten verhindern können, was zu einer Verringerung der Häufigkeit von Anfällen führt.

Weitere Anwendungsgebiete von Topiramat

Topiramat kann auch bei Clusterkopfschmerzen eingesetzt werden und stellt die zweite Wahl für die Prophylaxe dar (1. Wahl ist Verapamil). Ebenso gehört das SUNCT-Syndrom zu den Kopfschmerzen, bei dem ein Antikonvulsivum - in diesem Fall Lamotrigin in einer Dosis von mindestens 100 bis 200 mg - das bevorzugte Mittel ist. Als alternative Off-Label-Behandlungsoptionen stehen in dieser Indikation auch Gabapentin, Valproinsäure und Topiramat zur Verfügung.

Wirkungsweise von Topiramat im Detail

Der genaue Wirkmechanismus von Topiramat bei Migräne ist noch nicht vollständig geklärt. Es wird angenommen, dass Topiramat auf verschiedene Weise im Gehirn wirkt, um die Häufigkeit von Migräneattacken zu reduzieren:

  • Modulation von Neurotransmittern: Topiramat beeinflusst die Aktivität von Neurotransmittern wie Glutamat und GABA. Glutamat ist ein exzitatorischer Neurotransmitter, der eine Rolle bei der Auslösung von Migräneattacken spielen kann. Topiramat hemmt die Freisetzung von Glutamat und reduziert so die neuronale Erregbarkeit. GABA ist ein inhibitorischer Neurotransmitter, der die neuronale Aktivität reduziert. Topiramat verstärkt die Wirkung von GABA und trägt so zur Stabilisierung der neuronalen Aktivität bei.
  • Blockade von Ionenkanälen: Topiramat blockiert Natrium- und Calciumkanäle in den Nervenzellen. Diese Kanäle spielen eine wichtige Rolle bei der Erzeugung und Weiterleitung von elektrischen Signalen im Gehirn. Durch die Blockade dieser Kanäle reduziert Topiramat die neuronale Erregbarkeit und die Ausbreitung von Schmerzsignalen.
  • Hemmung der Carboanhydrase: Topiramat hemmt das Enzym Carboanhydrase. Dieses Enzym spielt eine Rolle bei der Regulation des Säure-Basen-Haushaltes im Körper. Durch die Hemmung der Carboanhydrase kann Topiramat die neuronale Erregbarkeit reduzieren.
  • Cortical Spreading Depression: Des Weiteren wird vermutet, dass Antikonvulsiva die Cortical Spreading Depression, eine sich langsam über den Cortex ausbreitende Depolarisationswelle, bei Migränepatienten verhindern können, was zu einer Verringerung der Häufigkeit von Anfällen führt.

Anwendung von Topiramat

Topiramat ist in Deutschland zur Prophylaxe der Migräne bei Erwachsenen zugelassen. Die Behandlung mit Topiramat sollte von einem Arzt begonnen und überwacht werden.

Dosierung

Die Dosierung von Topiramat zur Migräneprophylaxe variiert je nach Patient und Schweregrad der Migräne. In der Regel wird die Behandlung mit einer niedrigen Dosis begonnen, die dann schrittweise erhöht wird, bis die gewünschte Wirkung erreicht ist. Die übliche Erhaltungsdosis liegt zwischen 50 und 100 mg zweimal täglich.

Lesen Sie auch: Topiramat: Ein umfassender Überblick

  • Behandlungsbeginn: Erwachsene nehmen in der Regel 1 Tablette einmal täglich abends, unabhängig von der Mahlzeit.
  • Folgebehandlung: Erwachsene nehmen 2 Tabletten zweimal täglich morgens und abends, unabhängig von der Mahlzeit.

Die Gesamtdosis sollte nicht ohne Rücksprache mit einem Arzt oder Apotheker überschritten werden.

Einnahme

Nehmen Sie das Arzneimittel mit Flüssigkeit (z.B. 1 Glas Wasser) ein.

Dauer der Anwendung

Die Anwendungsdauer richtet sich nach Art der Beschwerde und/oder Dauer der Erkrankung und wird deshalb nur von Ihrem Arzt bestimmt.

Nebenwirkungen von Topiramat

Wie alle Medikamente kann auch Topiramat Nebenwirkungen verursachen. Häufige Nebenwirkungen von Topiramat sind:

  • Neurologische Nebenwirkungen: Müdigkeit, Schwindel, Konzentrationsstörungen, Gedächtnisstörungen, Sprachstörungen, Koordinationsstörungen, Missempfindungen (Kribbeln, Taubheit), Zittern, Nervosität, Angstzustände, Depressionen, Stimmungsschwankungen, Schlaflosigkeit
  • Gastrointestinale Nebenwirkungen: Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Verstopfung, Bauchschmerzen, Appetitlosigkeit, Geschmacksstörungen, Mundtrockenheit
  • Sonstige Nebenwirkungen: Gewichtsverlust, Nierensteine, Sehstörungen, Haarausfall, Hautreaktionen

Bemerken Sie eine Befindlichkeitsstörung oder Veränderung während der Behandlung, wenden Sie sich an Ihren Arzt oder Apotheker.

Lesen Sie auch: Dosierungsrichtlinien für Topiramat zur Migräneprävention

Wichtige Hinweise

  • Reaktionsvermögen: Das Reaktionsvermögen kann auch bei bestimmungsgemäßem Gebrauch beeinträchtigt sein. Achten Sie vor allem darauf, wenn Sie am Straßenverkehr teilnehmen oder Maschinen (auch im Haushalt) bedienen, mit denen Sie sich verletzen können.
  • Anti-Baby-Pille: Die Wirkung der Anti-Baby-Pille kann durch das Arzneimittel beeinträchtigt werden. Für die Dauer der Einnahme sollten Sie deshalb zusätzliche Maßnahmen zur Empfängnisverhütung treffen.
  • Schwangerschaftsverhütung: Bei Frauen im gebärfähigen Alter sind während und unter Umständen auch eine zeitlang nach der Therapie wirksame Verhütungsmethoden erforderlich. Sprechen Sie hierzu Ihren Arzt oder Apotheker an.
  • Schwangerschaftstest: Vor Beginn der Behandlung sollte ein Schwangerschaftstest durchgeführt werden.
  • Lactose: Vorsicht bei einer Unverträglichkeit gegenüber Lactose. Wenn Sie eine Diabetes-Diät einhalten müssen, sollten Sie den Zuckergehalt berücksichtigen.
  • Wechselwirkungen: Es kann Arzneimittel geben, mit denen Wechselwirkungen auftreten. Sie sollten deswegen generell vor der Behandlung mit einem neuen Arzneimittel jedes andere, das Sie bereits anwenden, dem Arzt oder Apotheker angeben. Das gilt auch für Arzneimittel, die Sie selbst kaufen, nur gelegentlich anwenden oder deren Anwendung schon einige Zeit zurückliegt.

Gegenanzeigen

Topiramat darf nicht angewendet werden bei:

  • Überempfindlichkeit gegen die Inhaltsstoffe
  • Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren: Das Arzneimittel darf nicht angewendet werden.
  • Schwangerschaft: Das Arzneimittel darf nicht angewendet werden.
  • Die Anwendung des Arzneimittels darf nicht bei Frauen im gebärfähigen Alter angewendet werden, es sei denn, dass die Bedingungen des Schwangerschaftsverhütungsprogramms eingehalten werden.Ihr Arzt wird Sie vor Beginn der Behandlung ausführlich beraten.

Unter Umständen - sprechen Sie hierzu mit Ihrem Arzt oder Apotheker:

  • Durchfälle
  • Atemwegserkrankungen
  • Status epilepticus
  • Neigung zur Bildung von Nierensteinen
  • Erhöhte Kalziumausscheidung im Urin
  • Eingeschränkte Nierenfunktion
  • Eingeschränkte Leberfunktion
  • Verschiebung des Säure-Basen-Gleichgewichts im Blut zur saueren Seite (Azidose)
  • Engwinkelglaukom
  • Kurz zuvor stattgefundene größere Operation

Alternativen zu Topiramat

Es gibt verschiedene Alternativen zu Topiramat zur Migräneprophylaxe, darunter:

  • Betablocker: Propranolol, Metoprolol
  • Triptane: Naratriptan, Sumatriptan
  • Calciumkanalblocker: Flunarizin, Verapamil
  • Trizyklische Antidepressiva: Amitriptylin
  • Magnesium
  • Akupunktur
  • Entspannungsverfahren und verhaltenstherapeutische Interventionen
  • Regelmäßiger Ausdauersport
  • Stressbewältigung
  • Regelmäßiger Tagesrhythmus
  • Identifikation/das Management von Triggerfaktoren
  • Monoklonale Antikörper gegen CGRP oder den CGRP-Rezeptor: Erenumab, Fremanezumab, Galcanezumab und Eptinezumab

Die Wahl der geeigneten Alternative hängt von verschiedenen Faktoren ab, wie z.B. dem individuellen Patientenprofil, dem Schweregrad der Migräne und möglichen Begleiterkrankungen.

tags: #topiramat #bei #migrane