Topiramat ist ein vielseitiges Medikament, das hauptsächlich zur Behandlung von Epilepsie eingesetzt wird, aber auch zur Vorbeugung von Migräne-Kopfschmerzen Anwendung findet. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über Topiramat, einschließlich seiner Wirkungsweise, Dosierung, Anwendung, Nebenwirkungen und wichtiger Hinweise.
Wirkungsweise von Topiramat
Der genaue Wirkmechanismus von Topiramat ist komplex und noch nicht vollständig geklärt. Es wirkt jedoch auf verschiedene Weise im Gehirn, um epileptische Anfälle und Migräne zu reduzieren:
- Verringerung der unkontrollierten Signalweiterleitung: Topiramat reduziert die unkontrollierte Weiterleitung von elektrischen Signalen in den Nervenzellen des Gehirns.
- Einfluss auf Botenstoffe: Es greift in die Übermittlung von Signalen im Gehirn ein, indem es die Wirkungsdauer von stimmungsaufhellend wirkenden Botenstoffen erhöht und die Wirkung von anregenden Botenstoffen abschwächt.
- Blockierung von Natrium- und Kalziumkanälen: Topiramat blockiert spannungsabhängige Natrium- und Kalziumkanäle im Gehirn.
- Antagonismus an Glutamatrezeptoren: Es wirkt als Antagonist an AMPA/Kainat-Subtypen der exzitatorischen Glutamatrezeptoren.
- Aktivierung von GABA-Rezeptoren: Topiramat aktiviert den GABA-A-Rezeptor, was zu einer dämpfenden Wirkung auf die Nervenzellen führt.
- Anhebung der Reizschwelle: Insgesamt hebt Topiramat die Reizschwelle der Nervenzellen an, sodass diese nicht mehr so leicht erregt werden können.
Durch diese vielfältigen Mechanismen wirkt Topiramat antiepileptisch und migräneprophylaktisch.
Anwendungsgebiete von Topiramat
Topiramat wird hauptsächlich in folgenden Bereichen eingesetzt:
- Epilepsie:
- Monotherapie bei Erwachsenen, Jugendlichen und Kindern ab 6 Jahren mit fokalen Anfällen (mit oder ohne sekundär generalisierten Anfällen) und primär generalisierten tonisch-klonischen Anfällen.
- Zusatztherapie bei Kindern ab 2 Jahren, Jugendlichen und Erwachsenen mit fokalen Anfällen (mit oder ohne sekundärer Generalisierung) oder primär generalisierten tonisch-klonischen Anfällen.
- Behandlung von Anfällen, die mit dem Lennox-Gastaut-Syndrom assoziiert sind.
- Migräne:
- Prophylaxe von Migräne-Kopfschmerzen bei Erwachsenen, wenn Betablocker nicht wirken oder nicht vertragen werden.
Es ist wichtig zu beachten, dass Topiramat nicht zur Akutbehandlung einer Migräneattacke geeignet ist.
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Dosierung und Anwendung von Topiramat
Die Dosierung von Topiramat muss individuell angepasst werden und wird in der Regel von einem Arzt langsam erhöht, bis die passende Erhaltungsdosis erreicht ist. Für die einzelnen Dosierungsschritte stehen Arzneimittel mit verschiedenen Wirkstoffstärken zur Verfügung.
Epilepsie
- Monotherapie bei Erwachsenen:
- Beginn: 25 mg abends über eine Woche.
- Steigerung: In 1- oder 2-wöchentlichen Intervallen um 25 oder 50 mg/Tag, verteilt auf zwei Dosen.
- Empfohlene Zieldosis: 100 mg/Tag bis 200 mg/Tag, verteilt auf zwei Dosen.
- Maximale Tagesdosis: 500 mg/Tag, verteilt auf zwei Dosen.
- Monotherapie bei Kindern (über 6 Jahre):
- Beginn: 0,5 bis 1 mg/kg abends über eine Woche.
- Steigerung: In 1- oder 2-wöchentlichen Intervallen um 0,5 oder 1 mg/kg/Tag, verteilt auf zwei Dosen.
- Empfohlene Zieldosis: 100 mg/Tag (entspricht 2,0 mg/kg/Tag bei 6- bis 16-jährigen Kindern).
- Zusatztherapie bei Erwachsenen:
- Beginn: 25-50 mg abends über eine Woche.
- Steigerung: In ein- oder zwei-wöchentlichen Intervallen um 25-50 mg/Tag, verteilt auf zwei Dosen.
- Übliche Tagesdosis: 200-400 mg, verteilt auf zwei Dosen.
- Zusatztherapie bei Kindern (über 2 Jahre):
- Empfohlene Gesamttagesdosis: 5 bis 9 mg/kg/Tag, verteilt auf zwei Dosen.
- Beginn: 25 mg (oder weniger, basierend auf einem Bereich von 1 bis 3 mg/kg/Tag) abends über eine Woche.
- Steigerung: In 1- oder 2-wöchentlichen Intervallen in Schritten von 1 bis 3 mg/kg/Tag (verteilt auf zwei Dosen).
Migräne
- Erwachsene:
- Empfohlene Gesamttagesdosis: 100 mg/Tag, verteilt auf zwei Dosen.
- Beginn: 25 mg abends über eine Woche.
- Steigerung: In Schritten von 25 mg/Tag, verabreicht in 1-wöchentlichen Intervallen.
- Einige Patienten profitieren von einer Gesamttagesdosis von 50 mg/Tag.
- In Einzelfällen kann eine Tagesdosis von bis zu 200 mg erforderlich sein.
- Kinder und Jugendliche:
- Topiramat wird aufgrund unzureichender Daten zur Unbedenklichkeit und Wirksamkeit nicht für die Behandlung oder Prävention von Migräne bei Kindern empfohlen.
Allgemeine Hinweise zur Anwendung
- Die Filmtabletten sollen nicht geteilt und unzerkaut mit einer ausreichenden Wassermenge eingenommen werden.
- Die Einnahme kann nahrungsunabhängig erfolgen.
- Die Gesamtdosis sollte nicht ohne Rücksprache mit einem Arzt oder Apotheker überschritten werden.
- Die Anwendungsdauer richtet sich nach Art der Beschwerde und/oder Dauer der Erkrankung und wird deshalb nur von Ihrem Arzt bestimmt.
- Bei Patienten mit Nierenfunktionsstörung (CLCR ≤ 70 mL/min) sollte Topiramat mit Vorsicht verabreicht werden. Eine Halbierung der üblichen Anfangs- und Erhaltungsdosis wird empfohlen.
- Bei Patienten mit mäßiger bis schwerer Leberfunktionsstörung sollte Topiramat mit Vorsicht verabreicht werden.
- Es ist nicht notwendig, die Topiramat-Plasmakonzentrationen zu überwachen, um die Therapie mit Topiramat zu optimieren.
Nebenwirkungen von Topiramat
Wie alle Arzneimittel kann auch Topiramat Nebenwirkungen verursachen, die jedoch nicht bei jedem auftreten müssen. Zu den häufigsten Nebenwirkungen zählen:
- Magen-Darm-Beschwerden: Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Bauchschmerzen, Verstopfung, Appetitlosigkeit, Gewichtsverlust, Geschmacksstörungen, Mundtrockenheit.
- Neurologische Beschwerden: Kopfschmerzen, Schwindel, Müdigkeit, Schläfrigkeit, Schlafstörungen (Schlaflosigkeit), Konzentrationsstörungen, Koordinationsstörungen, Missempfindungen (Parästhesien), Bewegungsstörungen, Zittern.
- Psychiatrische Beschwerden: Nervosität, Unruhe, Angstzustände, Depressionen, Psychosen, Stimmungsschwankungen, Selbstmordgedanken, Persönlichkeitsveränderungen, Teilnahmslosigkeit (Apathie), Gedächtnisstörungen, Verwirrtheit, Halluzinationen, aggressives Verhalten.
- Sehstörungen: Augenzittern, Doppeltsehen, Kurzsichtigkeit, Engwinkelglaukom.
- Weitere Nebenwirkungen: Nasenbluten, allergische Reaktionen, Hautreaktionen (Juckreiz, Haarausfall, Hautblutungen), Anfälle von Atemnot, Blasenschwäche, Bildung von Nierensteinen, Leberfunktionsstörungen, Veränderungen des Blutbildes (Anämie, Thrombozytopenie, Leukopenie), Menstruationsstörungen, Potenzschwäche, Libidoabnahme, Knochenschmerzen, allgemeine Schwäche, Verschiebung des Säure-Basen-Gleichgewichts im Blut zur sauren Seite (Azidose), vermehrter Speichelfluss, Kalkablagerungen in der Niere, Muskelschwäche, Husten, Nasen-Rachen-Entzündung, Herzrhythmusstörungen.
Es ist wichtig, dass Sie Ihren Arzt oder Apotheker informieren, wenn Sie Nebenwirkungen bemerken oder Veränderungen während der Behandlung auftreten.
Gegenanzeigen und wichtige Hinweise
Topiramat darf nicht eingenommen werden bei:
- Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff oder einen der sonstigen Bestandteile des Arzneimittels.
- Frauen im gebärfähigen Alter, die keine hochwirksame Verhütungsmethode anwenden (es sei denn, die Bedingungen des Schwangerschaftsverhütungsprogramms werden eingehalten).
- Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren (zur Migräneprophylaxe).
Besondere Vorsicht ist geboten bei:
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- Durchfällen
- Atemwegserkrankungen
- Status epilepticus
- Neigung zur Bildung von Nierensteinen
- Erhöhte Kalziumausscheidung im Urin
- Eingeschränkte Nierenfunktion
- Eingeschränkte Leberfunktion
- Verschiebung des Säure-Basen-Gleichgewichts im Blut zur sauren Seite (Azidose)
- Engwinkelglaukom
- Kurz zuvor stattgefundene größere Operation
Wichtige Hinweise
- Topiramat kann das Reaktionsvermögen beeinträchtigen. Achten Sie darauf, wenn Sie am Straßenverkehr teilnehmen oder Maschinen bedienen.
- Die Wirkung der Anti-Baby-Pille kann durch Topiramat beeinträchtigt werden. Verwenden Sie während der Einnahme von Topiramat zusätzliche Verhütungsmethoden.
- Bei Frauen im gebärfähigen Alter sind während und unter Umständen auch eine Zeitlang nach der Therapie wirksame Verhütungsmethoden erforderlich.
- Setzen Sie Topiramat nicht plötzlich ab, da dies zu Problemen oder Beschwerden führen kann. Die Behandlung sollte langsam, das heißt mit einem schrittweisen Ausschleichen der Dosis, beendet werden.
- Vor Beginn der Behandlung sollte ein Schwangerschaftstest durchgeführt werden.
- Vorsicht bei einer Unverträglichkeit gegenüber Lactose.
- Informieren Sie Ihren Arzt oder Apotheker über alle Arzneimittel, die Sie einnehmen, auch wenn es sich um selbst gekaufte oder gelegentlich angewendete Mittel handelt.
Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln
Topiramat kann Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln eingehen. Einige wichtige Wechselwirkungen sind:
- Carbamazepin und Phenytoin: Diese krampflösenden Mittel können den Blutspiegel von Topiramat und damit seine Wirkung verringern.
- Hydrochlorothiazid: Dieses harntreibende Mittel kann den Blutspiegel von Topiramat senken.
- Phenytoin und Metformin: Topiramat kann den Blutspiegel dieser Wirkstoffe erhöhen.
- Digoxin und Pioglitazon: Topiramat kann den Blutspiegel dieser Wirkstoffe senken.
- Ethinylestradiol (in Verhütungspillen) und Vitamin-K-Antagonisten: Die Wirkung dieser Medikamente kann durch Topiramat abgeschwächt werden.
- Andere Medikamente, die das Nierensteinrisiko erhöhen: Die gleichzeitige Anwendung mit Topiramat kann das Risiko für Nierensteine weiter erhöhen.
Topiramat in Schwangerschaft und Stillzeit
Topiramat darf während der Schwangerschaft nicht eingenommen werden, es sei denn, es gibt keine anderen Therapiemöglichkeiten, um die Krampfanfälle wirksam zu kontrollieren. Topiramat ist plazentagängig und kann zu angeborenen Fehlbildungen beim ungeborenen Kind führen, insbesondere im ersten Schwangerschaftsdrittel. Dazu gehören beispielsweise Lippen- und Gaumenspalten oder ein versetzter Ausgang der Harnröhre (Hypospadie). Das Risiko steigt, wenn die werdende Mutter gleichzeitig weitere Medikamente gegen Epilepsie einnimmt.
Auch in den letzten beiden Schwangerschaftsdritteln kann sich Topiramat auf das Kind auswirken. Der Säugling kommt möglicherweise mit einem zu niedrigen Geburtsgewicht oder einem geringerem Kopfumfang auf die Welt. Eventuell leidet das neugeborene Kind auch unter Anpassungsstörungen nach der Geburt: es schläft wenig, schreit viel und lässt sich nicht so leicht beruhigen.
Frauen, die schwanger werden könnten, dürfen Topiramat zur Migräneprophylaxe nur einnehmen, wenn sie eine sichere Verhütungsmethode anwenden.
In der Stillzeit können Mütter Topiramat anwenden, sollten aber auf mögliche Beschwerden des Neugeborenen achten. Gerade hohen Dosen Topiramat rufen womöglich Durchfälle hervor, machen schläfrig oder umgekehrt reizbar. Gegebenenfalls untersucht der Arzt das Blut des Kindes und entscheidet dann, ob die Mutter weiterhin stillen kann oder nicht.
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Verfügbarkeit von Topiramat
Topiramat ist in Deutschland, Österreich und der Schweiz verschreibungspflichtig und daher nur nach Vorlage eines ärztlichen Rezepts in der Apotheke erhältlich.
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