Einleitung
Epilepsie ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederholte Anfälle gekennzeichnet ist. Diese Anfälle entstehen durch abnorme elektrische Entladungen im Gehirn. Während medikamentöse Behandlungen Standard sind, rücken alternative Therapieansätze wie die ketogene Diät zunehmend in den Fokus. Diese Diät, die reich an Fetten und arm an Kohlenhydraten ist, nutzt den Traubenzuckerstoffwechsel im Körper, um die Anfallshäufigkeit zu reduzieren.
Historischer Hintergrund der ketogenen Diät bei Epilepsie
Bereits in den 1920er Jahren entwickelte der amerikanische Arzt Russel M. Wilder eine Therapie für epilepsiekranke Kinder. Diese Therapie setzte auf eine ausgeglichene Eiweisszufuhr und war gleichzeitig fettreich und kohlenhydratreduziert. Die sogenannte ketogene Kost zeigte positive Ergebnisse in der Behandlung, indem sie die Anfallshäufigkeit drastisch reduzierte. Trotz dieser Erfolge geriet die ketogene Diät in den Hintergrund, als innovative Medikamente gegen Epilepsie auf den Markt kamen.
Die Renaissance der ketogenen Diät
Seit etwa zehn Jahren erlebt die ketogene Kost eine Renaissance als Therapiemittel. Erfolge bei jungen Patienten, die durch die Diät von ihren Anfallsleiden befreit wurden, erhöhten die Attraktivität dieser alternativen Behandlungsform. Ein amerikanischer Filmproduzent, dessen Sohn von Epilepsie betroffen war, trug massgeblich zur Verbreitung der ketogenen Diät bei, indem er Filme produzierte, um anderen Menschen Mut zu machen.
Ketogene Diät: Grundlagen und Umsetzung
Die ketogene Ernährung reduziert kohlenhydrathaltige Lebensmittel auf ein Minimum, während der Konsum von ungesättigten Fettsäuren deutlich erhöht wird. Proteine machen einen weiteren wichtigen Bestandteil dieser Ernährungsform aus. Typischerweise setzt sich das Verhältnis der Lebensmittelgruppen wie folgt zusammen: 75 % Fette, 20 % Proteine, 5 % Kohlenhydrate. Es gibt jedoch auch Varianten mit 60-65 % Fetten, 25-30 % Proteinen und 10 % Kohlenhydraten.
Spezielle Speisepläne und Herausforderungen
Patienten, die sich für eine ketogene Diät entscheiden, müssen in enger Zusammenarbeit mit Ernährungsberatern spezielle Speisepläne entwerfen. Diese Pläne sollen es ermöglichen, auch Kindern den Zugang zu ketogener Kost schmackhaft zu machen. Eine konsequente Durchführung der Diät über einen Zeitraum von etwa zwei Jahren erfordert ein hohes Mass an Disziplin.
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Erfolge und Misserfolge
Das Kinderspital in Zürich zeigte beispielhafte Ergebnisse, bei denen bei etwa 50 Prozent der behandelten Kinder die Diät nicht das gewünschte Ergebnis brachte, aber bei den anderen gravierende Erfolge erzielt wurden. Bei einem Drittel der jungen Patienten konnte die Anfallshäufigkeit um 75 bis 90 Prozent reduziert werden. Erfolgreicher wird derzeit in den USA auf diesem Gebiet gearbeitet, insbesondere im Johns Hopkins Hospitals in Baltimore, wo nach nur einer einjährigen Diät bei knapp der Hälfte der behandelten Kindern die Häufigkeit der Anfälle um mehr als 90 Prozent reduziert wurde.
Wirkungsweise der ketogenen Diät
Die Suche nach den Gründen für die positive Wirkungsweise der ketogenen Diät konzentriert sich auf die Ketonkörper, die von der Leber während der Ketose als Energieträger gebildet werden. Tierversuche belegen, dass die Zugabe von Ketonkörpern zu Nervenzellen deren spontane Aktivität vermindert. Es wird vermutet, dass die Ketose auf diese Weise einen positiven Einfluss auf die Hyperaktivität von Gehirnzellen Epilepsiekranker nimmt.
Ketonkörper als Energieträger
Ketonkörper dienen nicht nur bei Epilepsie als Energieträger. Sie kommen auch bei der Behandlung von Krankheiten zum Einsatz, bei denen Glukose im Gehirn nicht vollständig verbrannt werden kann, wie beispielsweise beim "Glut 1-Defekt".
Neuroprotektive Wirkung
Durch die veränderten Anteile der Lebensmittelzusammensetzung und den infolge veränderten Energiestoffwechsel steigt die Anzahl an Ketonkörpern und an mehrfach ungesättigten Fettsäuren im Körper an. Das scheint eine neuroprotektive Wirkung zu haben, also zur Aufrechterhaltung von gesunden Zellen im Gehirn beizutragen. Denn das Verstoffwechseln der Ketonkörper läuft langsamer ab und produziert und speichert mehr Energie als der Glukose-Stoffwechsel. Über verschiedene Mechanismen führt das zum einen zu einer Hyperpolarisation der Zellmembranen und damit zu einer angehobenen Feuerschwelle, was epileptischen Anfällen entgegenwirkt. Zum anderen entstehen weniger freie Sauerstoffradikale als Beiprodukt, welche in einer Übermenge zu oxidativem Stress führen. Durch die verringerte Anzahl von freien Sauerstoffradikalen bei einer Keto-Diät werden Zellen vor Beschädigung geschützt.
Langfristige Effekte auf Neurone
Langfristig werden die Neurone widerstandsfähiger und bleibende Gewebeschäden im Gehirn werden durch das Verhindern des Zelltods, einem weiteren Effekt der Keto-Diät, reduziert. Auch die Produktion des im Gehirn wichtigen inhibierenden Neurotransmitters GABA wird durch den Ketose-Stoffwechsel angeregt. Das hilft zusätzlich, die neuronalen Membranen zu hyperpolarisieren, also ein Feuern der Neurone erst bei deutlich mehr Stimulation zu ermöglichen.
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Einfluss auf das Mikrobiom
Ein Zusammenhang zwischen Epilepsie und dem Mikrobiom im Darm wird ebenfalls angenommen. Patient:innen, bei denen Epilepsie-Medikamente wirksam waren, wiesen ein Mikrobiom auf, welches dem von gesunden Menschen ähnelte. Bei jenen, die eine DRE diagnostiziert bekommen hatten, war die Zusammensetzung der Bakterien verändert. Eine Möglichkeit, die Zusammensetzung des Mikrobioms im Darm wieder in eine gesündere Richtung zu verändern, bietet die ketogene Ernährung.
Mögliche Nebenwirkungen und Begleiterscheinungen
Trotz der positiven Effekte der ketogenen Diät dürfen mögliche Nebenwirkungen nicht ausser Acht gelassen werden. Viele Fachgesellschaften für Ernährung raten von einer fettreichen Kost ab, um einen Anstieg von Blutfettwerten zu verhindern. Epilepsiekranke Kinder, die auf ketogene Kost umgestellt wurden, wiesen nach sechs Monaten tatsächlich deutlich höhere Blutfettwerte auf, die sich jedoch im Verlauf der Diät wieder normalisierten. Weitere mögliche Nebenwirkungen sind Durchfall, Verstopfung und Nierensteine, die jedoch in der Regel medikamentös behandelt werden können. Gelegentliche Wachstumsverzögerungen bei Kleinkindern normalisierten sich nach dem Absetzen der Diät.
Varianten der ketogenen Diät
Es konnten sich bereits unterschiedliche Varianten der einstigen Wilder´schen Diätkost etablieren, die sogar Erwachsenen schmackhaft gemacht werden kann. Es gibt Patienten, die trotz des Rückfalles in das alte Ernährungsmuster keine weiteren Anfälle aufwiesen und beschwerdefrei blieben. Eine Studie belegt, dass rund 12 Prozent der Kinder die ketogene Diät nach zwei Jahren abbrachen, weil keine Anfälle mehr beobachtet werden konnten. Rund 80 Prozent dieser Patienten waren im Schnitt zweieinhalb Jahre später noch anfallsfrei.
Ketogene Ernährung bei anderen Krankheitsbildern
Die positiven Auswirkungen ketogener Ernährungsweisen auf die Behandlung von Epilepsiekranken haben die Frage aufgeworfen, ob eine Umstellung des Stoffwechsels auch bei der Therapie von anderen Krankheiten sinnvoll sein kann.
Krebs
Krebszellen vergären zur Energiegewinnung verstärkt Glukose im Zellplasma, im Gegensatz zu gesunden Körperzellen. In Tierversuchen konnte beobachtet werden, dass sich das Wachstum von Gehirntumoren bei Mäusen deutlich verlangsamen lässt, wenn die Tiere ketogenes Futter zu sich nahmen, das zudem kalorienreduziert wurde. Auch bei Menschen mit Hirntumoren wurden positive Wirkungen beobachtet, insbesondere auf den Tumorstoffwechsel.
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Alzheimer und Parkinson
Die Fachwelt diskutiert, ob nicht auch andere Krankheiten, die auf einem Defekt im Energiestoffwechsel beruhen, auf diese Weise beeinflusst oder sogar geheilt werden können. Dazu gehört unter anderem die Alzheimer-Krankheit, deren Ursache in einer verringerten Verwertung von Glukose im Gehirn liegt. Ähnliche Erfolge wurden bei Tierversuchen erzielt, die der Parkinson-Krankheit zu Leibe rücken sollen.
Traubenzucker bei Bewusstseinsstörungen
Eine Bewusstseinsstörung kann auch durch Unterzuckerung ausgelöst werden, nicht nur für Menschen mit Diabetes ein Problem. Bei leichteren Symptomen hilft Traubenzucker, bei stärkeren Problemen kommt das Peptidhormon Glucagon in Notfallmedikamenten zum Einsatz. Traubenzucker lässt den Blutzuckerspiegel schnell ansteigen, was die Ausschüttung von Insulin und damit wieder eine Blutzuckersenkung bewirkt. Zur Stabilisierung sollten die Patienten daher nach dem Traubenzucker noch eine kohlenhydrathaltige Mahlzeit essen.
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