Die Trigeminusneuralgie ist eine seltene, aber äußerst schmerzhafte Erkrankung, die durch blitzartig einschießende, einseitige Gesichtsschmerzen gekennzeichnet ist. Betroffene beschreiben die Schmerzen oft als elektrisierend, stechend oder messerscharf, vergleichbar mit einem Stromschlag im Gesicht. Diese Schmerzattacken können spontan auftreten oder durch alltägliche Reize wie Berührung, Kauen, Sprechen oder sogar durch kalte Luft ausgelöst werden. Die Erkrankung betrifft den Nervus trigeminus, einen Hirnnerven, der für die sensible Versorgung des Gesichts zuständig ist.
Was ist eine Trigeminusneuralgie?
Trigeminusneuralgie bezeichnet den Nervenschmerz (Neuralgie) des sogenannten Trigeminusnervs im Gesicht. Betroffene beschreiben den Schmerz als plötzliche, einschießende Attacken. Er zieht in den Unterkiefer, die Wange oder die Augenpartie einer Gesichtshälfte. Das dauert Bruchteile einer Sekunde.
Der Name „Trigeminusneuralgie“ leitet sich zum Einen aus dem betroffenen fünften Hirnnerven, dem Nervus trigeminus ab - der Begriff „Neuralgie“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet Nervenschmerz.
Formen der Trigeminusneuralgie
Je nach Ursache unterscheidet die Medizin drei Hauptformen der Trigeminusneuralgie:
- Klassische Trigeminusneuralgie: Hier liegt meist eine Reizung des Nervus trigeminus durch ein benachbartes Blutgefäß vor, das auf den Nerv drückt.
- Sekundäre Trigeminusneuralgie: Diese Form ist die Folge einer anderen Erkrankung, wie z.B. Multiple Sklerose, Hirntumore oder Gefäßfehlbildungen.
- Idiopathische Trigeminusneuralgie: In einigen Fällen bleibt die Ursache der Erkrankung unklar.
Symptome der Trigeminusneuralgie
Typisch für die Trigeminusneuralgie sind plötzlich einschießende, einseitige Gesichtsschmerzen von extremer Intensität. Die Schmerzattacken halten in der Regel nur kurz an, von Sekundenbruchteilen oder wenigen Sekunden bis zu zwei Minuten. Betroffene beschreiben sie oft als „elektrisierend“ oder „messerscharf“ oder geben an, dass sich der Schmerz „wie ein Stromschlag“ anfühle.
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Die Attacken können spontan auftreten oder durch alltägliche Reize ausgelöst werden: beim Kauen, Sprechen, Schlucken oder durch Berührungen - etwa beim Zähneputzen oder Waschen des Gesichts. Im Herbst und Winter kommen kalte Luft oder Husten hinzu.
Die Beschwerden treten entweder einzeln auf oder in Serien, manchmal bis zu 100-mal pro Tag. Mehrheitlich sind der zweite und der dritte Nervenast des Trigeminusnervs betroffen, die Wange, Oberkiefer und Unterkiefer unter anderem mit Berührungs-, Temperatur- und Schmerzempfinden versorgen.
Begleitend kann es zu reflektorischen Muskelspasmen im Gesicht kommen - einem unwillkürlichen Zusammenziehen der Mimik während der Attacke.
Unter einer geeigneten Therapie kommt es bei vielen Betroffenen zunächst zu Phasen mit deutlicher Besserung oder sogar vorübergehender Beschwerdefreiheit (Remission). Langfristig treten jedoch häufig Rückfälle (Rezidive) auf, oft nach Monaten oder Jahren. Auch die Häufigkeit und Intensität der Attacken kann im Laufe der Zeit schwanken. Der Krankheitsverlauf ist somit oft wellenförmig, mal ruhiger, mal belastender.
Die anfallsartigen, unvorhersehbaren Schmerzen haben auch psychische Folgen. Bei länger bestehenden Trigeminusneuralgien kommt es in Folge der massiven Schmerzen häufig zu depressiven Verstimmungen, die bis zum Suizid führen können.
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Triggerreize und der Einfluss von Kälte
Während die symptomatische Trigeminusneuralgie meist durch eine Grunderkrankung ausgelöst wird, gibt es bei der klassischen Form sogenannte Triggerreize. Diese beziehen sich nicht auf die Ursache der Erkrankung selbst, sondern auf den Auslöser der jeweiligen Schmerzattacke. Die Trigger können bei der Trigeminusneuralgie sehr unterschiedlich sein. Oft rufen ganz alltägliche Dinge den Schmerz hervor. Dazu gehören:
- Berühren des Gesichtes
- Lächeln beziehungsweise Lachen
- Kauen beziehungsweise Essen kalter oder heißer Speisen
- Trinken
- Zähneputzen
- Waschen des Gesichtes
- Sprechen
- Auftragen von Make-up
- Rasieren
- Zugluft
Unabhängig von Triggerreizen können die stechenden Schmerzen auch spontan auftreten, das heißt ohne Anlass. Sie strahlen meist in eines, selten in mehrere der drei Territorien der Gesichtshälfte aus, die durch die Äste des Nervus trigeminus versorgt werden. Am häufigsten ist der Gesichtsbereich betroffen, der vom Unterkieferast versorgt wird, seltener der Bereich des Oberkieferastes und in sehr seltenen Fällen der Bereich des Augenastes.
Viele Betroffene berichten, dass kalte Luft oder Wind die Schmerzattacken auslösen oder verstärken können. Daher ist es besonders in den kälteren Monaten wichtig, das Gesicht vor Kälte zu schützen.
Diagnose der Trigeminusneuralgie
Die Diagnose einer Trigeminusneuralgie basiert in erster Linie auf der Beschreibung der typischen Schmerzsymptome durch den Patienten. Der Arzt wird im Rahmen eines ausführlichen Gesprächs (Anamnese) Fragen zum Schmerzverlauf, zur Art und Intensität des Schmerzes sowie zu möglichen Auslösern stellen. Ergänzend erfolgt eine körperliche und neurologische Untersuchung.
Um die Ursache der Erkrankung zu ermitteln und andere mögliche Ursachen für die Gesichtsschmerzen auszuschließen, kommen bildgebende Verfahren wie die Magnetresonanztomographie (MRT) zum Einsatz.
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Eine Trigeminusneuralgie wird am häufigsten fälschlicherweise als akute Migräne diagnostiziert. Wichtig zu beachten - Auch wenn der Schmerz in die Zähne zieht, sind oft die Zähne nicht schuld am Schmerz. Ein falscher Verdacht fällt oft auf die Zähne. Denn der Gesichtsnerv ist für ihr Schmerzempfinden zuständig. Unnötige Eingriffe gibt es auch in den Nasennebenhöhlen.
Behandlung der Trigeminusneuralgie
Die Behandlung einer Trigeminusneuralgie richtet sich nach der Form der Erkrankung, dem individuellen Verlauf und dem Ansprechen auf Medikamente. Grundsätzlich unterscheidet man zwischen medikamentösen, operativen/interventionellen und ergänzenden Behandlungsansätzen.
Medikamentöse Therapie
In der Regel beginnt die Behandlung mit Medikamenten. Zum Einsatz kommen vor allem sogenannte Antikonvulsiva, ursprünglich zur Epilepsiebehandlung entwickelt. Sie hemmen die Reizweiterleitung überaktiver Nerven. Wegen möglicher Nebenwirkungen wird die Dosierung langsam gesteigert und bei guter Wirkung später reduziert. Auch wenn viele der Medikamente den Betroffenen zunächst gut helfen, ist es oft nötig, wegen auftretender Nebenwirkungen oder nachlassender Wirkung die Therapie immer wieder zu optimieren und anzupassen.
Gut zu wissen: Klassische Schmerzmittel wie Ibuprofen, Aspirin und Paracetamol sind bei einer Trigeminusneuralgie wirkungslos.
Operative und interventionelle Eingriffe
Wenn Medikamente nicht (mehr) wirken oder nicht vertragen werden, kommen verschiedene operative oder nicht operative, minimalinvasive Verfahren infrage. Die Wahl der Methode hängt von der Form der Trigeminusneuralgie ab.
Zu den häufigsten operativen und nicht operativen Verfahren zählen:
- Mikrovaskuläre Dekompression: Diese Methode findet nur bei der klassischen Form der Trigeminusneuralgie Anwendung, wenn ein Blutgefäß auf den Nerv drückt. Fachleute lösen in einer Operation das Gefäß vom Nerv und legen ein Teflonplättchen als Kontaktschutz dazwischen.
- Ablative Methoden: Bei diesen Verfahren werden gezielt schmerzleitende Fasern im Bereich des Nervs zerstört, entweder durch Hitze (perkutane Radiofrequenzthermokoagulation) oder durch präzise Bestrahlung. Die Wirkung der Bestrahlung setzt verzögert ein, zeigt aber gerade bei Betroffenen mit Multipler Sklerose gute Anfangsergebnisse.
- Invasive Neuromodulation: Bei dieser Methode werden feine Elektroden unter die Haut im Gesichtsbereich eingesetzt, um gezielt elektrische Impulse auf den Nervus trigeminus abzugeben und die Schmerzweiterleitung zu dämpfen.
Ergänzende Behandlungsansätze
Neben alleiniger medikamentöser und interventioneller Therapie kann auch eine multimodale Schmerztherapie hilfreich sein. Diese Behandlungsmethode verbindet Methoden aus unterschiedlichen Therapiebereichen miteinander, etwa die medikamentöse Schmerztherapie, Physiotherapie, Psychotherapie und Akupunktur. Erste Studien zeigen gute Effekte, etwa eine Schmerzreduktion und Verbesserung der Lebensqualität.
Auch Betroffene können aktiv zur Linderung beitragen. Vor allem Stressbewältigung spielt eine wichtige Rolle, da Stress Schmerzattacken verstärken kann. Durch gezieltes Stressmanagement in Verbindung mit Techniken zur Schmerzbewältigung und einer guten Aufklärung etwa darüber, wie sich alltägliche Schmerzauslöser durch Kauen oder Sprechen vermeiden lassen, können Betroffene die Häufigkeit und Intensität der Attacken spürbar senken.
Behandlung der sekundären Trigeminusneuralgie
Bei der sekundären Trigeminusneuralgie ist es zusätzlich notwendig, auch die Grunderkrankung zu behandeln, etwa bei Multipler Sklerose mit einer Therapie, die das Immunsystem reguliert, mit einem operativen Eingriff bei Tumoren oder mit einer gezielten Maßnahme bei Gefäßfehlbildungen.
Tipps für den Alltag mit Trigeminusneuralgie
- Schutz vor Kälte: Vermeiden Sie Zugluft und schützen Sie Ihr Gesicht bei kaltem Wetter mit einem Schal oder einer geeigneten Hautschutzcreme.
- Stressmanagement: Erlernen Sie Entspannungstechniken wie progressive Muskelrelaxation oder autogenes Training, um Stress abzubauen.
- Schmerztagebuch: Führen Sie ein Schmerztagebuch, um Triggerfaktoren zu identifizieren und zu vermeiden.
- Regelmäßige Bewegung: Moderate körperliche Aktivität kann die Schmerzresistenz verbessern und das Wohlbefinden steigern.
- Psychologische Unterstützung: Bei Bedarf kann eine Psychotherapie helfen, mit den psychischen Belastungen der Erkrankung umzugehen.
- Zahnpflege: Achten Sie auf eine sorgfältige Zahnpflege, um Zahnprobleme als mögliche Schmerzauslöser auszuschließen.
- Ernährung: Essen Sie langsam und vermeiden Sie extreme Temperaturen bei Speisen und Getränken.
Differentialdiagnose: Abgrenzung zu anderen Gesichtsschmerzen
Es ist wichtig, die Trigeminusneuralgie von anderen Ursachen für Gesichtsschmerzen zu unterscheiden, um eine korrekte Diagnose und Behandlung zu gewährleisten. Einige Erkrankungen, die ähnliche Symptome verursachen können, sind:
- Zahnschmerzen: Entzündungen im Bereich einer Zahnwurzel können zu ähnlich elektrisierenden Schmerzen führen wie bei einer Trigeminusneuralgie. Deshalb sollte man sich zahnärztlich untersuchen und gegebenenfalls eine Röntgenaufnahme der Zähne anfertigen lassen, wenn die Trigeminusneuralgie im zweiten oder dritten Nervenast (im Ober- oder Unterkieferbereich) ausgeprägt ist.
- Atypischer Gesichtsschmerz: Ein Gesichtsschmerz, der nicht dem Nervenschmerz (Neuralgie) zugeordnet werden kann, wird als „atypisch“ bezeichnet. Die Internationale Kopfschmerzgesellschaft wählte dafür die Bezeichnung „idiopathischer anhaltender Gesichtsschmerz“, die sich jedoch noch nicht vollständig durchgesetzt hat. Das Wort „idiopathisch“ bedeutet, dass die Ursache nicht bekannt ist. Der atypische Gesichtsschmerz betrifft Frauen häufiger als Männer und überwiegend das mittlere und höhere Lebensalter. Die Schmerzen werden häufig im Gesicht im Bereich des Oberkiefers oder unterhalb des Auges empfunden. Typisch ist, dass sie sich oft nicht genau zuordnen lassen oder die Zuordnung wechselt. Es handelt sich meist um einen dumpfen, drückenden und in der Tiefe nicht genau einzugrenzenden Schmerz. In aller Regel ist das Berührungsempfinden im Gesicht ungestört. Gelegentlich besteht eine Überempfindlichkeit im betroffenen Schmerzbereich.
- Craniomandibuläre Dysfunktion (CMD): Bei der craniomandibulären Dysfunktion (auch als Myoarthropathie bezeichnet) sind das Kiefergelenk oder die Kaumuskulatur betroffen, insbesondere der Masseter-Muskel (gut tastbar beim Zubeißen und Entspannen am Kieferwinkel schräg unter dem Ohrläppchen) und der Schläfenmuskel. Das Kiefergelenk besteht aus Ober- und Unterkiefer sowie einem dazwischen liegenden Knorpelscheibchen, auf dem der Gelenkanteil des Unterkiefers bei Unterkieferbewegungen entlanggleitet. Veränderungen des Knorpelscheibchens können zu Knackgeräuschen des Unterkiefers führen, die jedoch häufig nicht schmerzhaft sind und nicht behandelt werden müssen. Anhaltende Schmerzen können einerseits durch Verschleiß oder entzündliche Veränderungen des Kiefergelenks verursacht werden, andererseits durch Verspannungen der Kaumuskulatur, z.B. durch Zähnepressen oder -knirschen, was häufig stressbedingt ist. Dabei kann es auch zu ausstrahlenden Schmerzen in andere Gesichtsbereiche und die Zähne kommen.
- Cluster-Kopfschmerzen: Diese extrem starken, periodisch auftretenden Kopfschmerzen treten oft hinter einem Auge auf, können sich aber auf das gesamte Gesicht ausbreiten.
- Sinusitis: Chronische Entzündungen der Nasennebenhöhlen können Gesichtsschmerzen verursachen, die oft mit einem Druckgefühl verbunden sind.
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